Frau Buntenbach, der heutigen Rentnergeneration geht es so gut wie noch nie. Gleichzeitig hält sich das Thema Altersarmut hartnäckig im politischen Diskurs. Wie passt das zusammen?

Tatsächlich beziehen nur drei Prozent aller Rentner Leistungen der Grundsicherung. Aber in der Zukunft droht viel mehr Menschen eine Rente in Höhe des Existenzminimums oder sogar darunter. Deshalb muss die Politik am Arbeitsmarkt und bei der gesetzlichen Rente umsteuern. Wir haben immer noch einen viel zu großen Niedriglohnsektor, in dem viele Menschen nicht genug verdienen, um ausreichend hohe Rentenansprüche zu erwerben. Zudem darf das Rentenniveau nicht sinken. Aus diesem Grund war es richtig, das Rentenniveau bis 2025 zu stabilisieren. Jetzt muss es darum gehen, auf lange Sicht die Leistungsfähigkeit der Rente sicherzustellen.

Die Renten steigen im kommenden Jahr um über drei Prozent. Wie lässt sich das der arbeitenden Bevölkerung vermitteln, die von solchen Lohnsteigerungen in der Regel nur träumen kann?

Die Renten hängen grundsätzlich an der Lohnentwicklung. Die hinkt da deutlich hinterher, wo Betriebe nicht tarifgebunden sind und Beschäftigte nicht Gewerkschaftsmitglieder sind. Wir brauchen eine gute Lohnentwicklung für alle, das geht nur mit einer stärkeren Tarifbindung der Unternehmen. Aber das ist kein Argument gegen eine Anpassung der Renten. Auch Rentner sollen an der Steigerung des gesellschaftlichen Wohlstands teilhaben, dafür haben sie ihr ganzes Arbeitsleben selber ihren Teil beigetragen.

Aber ist die Generationengerechtigkeit gewahrt, wenn der Staat Milliarden für die Ausweitung der Mütterrente und der Erwerbsminderungsrente ausgibt und die jungen Menschen eines Tages die Zeche zahlen müssen?

Es bringt nichts, die Generationen gegeneinander auszuspielen. Diejenigen, die 2030, 2040 oder 2050 in Rente gehen, müssen sich ebenso auf eine gute Alterssicherung verlassen können wie die, die jetzt in Rente gehen. Dass Mütter nun eine Rentenerhöhung bekommen, ist richtig, aber ich halte es für einen Fehler, die Mütterrente aus Beitragsmitteln zu finanzieren. Kindererziehung zu honorieren ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die deshalb aus Steuermitteln bezahlt werden muss. Die Erwerbsminderungsrente sichert Menschen ab, die unverschuldet nicht mehr arbeiten können und massiv von Armut bedroht sind – auch das ist eine Frage der Solidarität. Die jetzigen Verbesserungen durch den Rentenpakt müssten eigentlich auch auf Menschen ausgeweitet werden, die bereits jetzt eine Erwerbsminderungsrente beziehen. Die sind bei der jetzigen Reform wieder leer ausgegangen, die hilft nur denen, die neu dazukommen.

Wäre es nicht sinnvoller, die Rentenlücke durch eine stärkere private Vorsorge zu schließen? Dann wäre jeder ein Stückchen mehr für sich selbst verantwortlich und nicht nur auf die Solidargemeinschaft angewiesen. Zudem könnten die Menschen mehr von der Dynamik des Aktienmarktes profitieren als heute.

Das Roulette am Kapitalmarkt ist nicht für eine solide Altersvorsorge geeignet. Das hat die Finanzkrise von 2008 gezeigt. Die gesetzliche Rente bietet wesentlich mehr Sicherheit, um die großen Lebensrisiken abzudecken. Außerdem zahlen bei der gesetzlichen Rente auch die Arbeitgeber mit, während die Arbeitnehmer bei der privaten Vorsorge komplett auf sich allein gestellt sind. Viele von ihnen verdienen mit ihrer Arbeit so wenig, dass sie den Lücken in der Rentenversicherung privat gar nicht hinterhersparen können. Die Rente muss aber zum Leben und für eine gute Teilhabe reichen.

In Süddeutschland herrscht Fachkräftemangel und die Rente mit 63 hat diesen nochmal verschärft. Haben wir aus arbeitspolitischer Sicht mit der Neuregelung ein Eigentor geschossen?

Das Argument halte ich für vorgeschoben. Die Unternehmen setzen in der Praxis eher auf olympiareife Mannschaften als auf Arbeitnehmer über 60. Wer 45 Jahre in die Versicherung eingezahlt und die Knochen für sein Unternehmen hingehalten hat, sollte auch mit 63 abschlagsfrei in Rente gehen können. Um Fachkräfte zu sichern, gibt es wesentlich bessere Konzepte: Frauen raus aus der Teilzeitfalle, lebensbegleitendes Lernen und eine zielgesteuerte Zuwanderung.

Müssten wir nicht vielmehr das Renteneintrittsalter anheben, so wie es zum Beispiel die Wirtschaftsweisen fordern?

Die Erhöhung des Renteneintrittsalters ist eine Rentenkürzung durch die Hintertür und wir können uns keine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters leisten. Wer wie Altenpfleger, Dachdecker, Busfahrer oder Schichtarbeiter im Beruf harter körperlicher Arbeit und Stress ausgesetzt ist, schafft es im Job kaum gesund bis zur 65 oder 67 und hat nach der Rente nur noch wenige lebenswerte gesunde Jahre, auch wenn die Lebenserwartung statistisch betrachtet steigt. Als Wissenschaftler oder Manager kann man vielleicht länger arbeiten, aber das gilt nicht für die Mehrheit der Bevölkerung.

Sie sitzen in Rentenkommission, die helfen soll, die Rente wetterfest zu machen. Von welchem Land kann aus Ihrer Sicht Deutschland am meisten lernen?

Ich finde, da ist Österreich sehr spannend. Das Rentenniveau ist dort höher als bei uns und auch die Selbstständigen zahlen in die Rentenversicherung ein. Zudem gibt es eine großzügige Mindestrente. Allerdings fallen in Österreich die Rentenbeiträge mit fast 23 Prozent auch höher als bei uns aus und der Staat stabilisiert das Rentensystem mit Steuergeldern.

Müsste man nicht ganz grundsätzlich unser Rentensystem hinterfragen und zum Beispiel über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachdenken?

Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Glücksversprechen, bei dem völlig unklar bleibt, wie es eingehalten werden kann. Ich bin sehr skeptisch, wenn Großindustrielle das bedingungslose Grundeinkommen fordern. Ich habe den Eindruck, sie wollen dadurch nur die hochproduktiven Arbeitnehmer bei sich behalten, für alle anderen soll der Staat sorgen. Das darf man nicht zulassen.

Ist es gut, dass die Rente wieder ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung gerückt ist oder birgt die Renten-Debatte eine zu große Gefahr für populistische Argumente?

Mir ist prinzipiell lieber, wir diskutieren über die Rente als über Hass und Hetze. Aber wir brauchen nicht nach jeder Wahl ein Rechtsrum-Linksrum in der Rente, sondern Stabilität und einen breiten politischen Konsens.

Freut es Sie als Vertreterin des linken Lagers, dass Friedrich Merz wieder zurück auf der politischen Bühne ist, weil Sie nun wieder einen klaren konservativen Gegner haben?

Friedrich Merz ist mit seinen zahlreichen Verflechtungen in verschiedene Unternehmen für mich ein Vertreter derjenigen, die sich bis jetzt um die großen Profite für einige Wenige statt um die nötigen Investitionen in das Wohlergehen der Vielen gekümmert hat.

Fragen: Thomas Domjahn