Es waren einige dürre Zeilen, mit denen die Schweizer Notenbank (SNB) am 15. Januar 2015 die Bombe platzen ließ. „Die Schweizerische Nationalbank hebt den Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro auf“, teilte das Institut um 10.29 Uhr per Pressemitteilung mit. Aufgrund unterschiedlicher geldpolitischer Entwicklungen in wichtigen Währungsräumen sei die „Aufrechterhaltung des Euro-Franken-Mindestkurses
nicht mehr gerechtfertigt“.

Das finanztechnische Kauderwelsch der eidgenössischen Währungshüter stellte in Wirklichkeit einen der größten Eingriffe in die Landeswährung dar, den die Schweizer in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen hatten. Er zeigte sofortige Wirkung. Wie von der Tarantel gestochen, sauste der Frankenkurs nach oben. Gleichzeitig gab der Euro massiv nach. Innerhalb von Stunden war die europäische Gemeinschaftswährung nur noch rund 0,78 Franken wert. Nach Jahren, in denen Euro und Franken im Gleichklang marschiert waren, fuhren die Kurse jetzt Achterbahn. Und an der Börse in Zürich gingen Aktienwerte von 140 Milliarden Franken zwischenzeitlich in Rauch auf.

Auch auf das tägliche Leben hatte der geldpolitische Schritt massiven Einfluss. Schweizer Einkaufstouristen wurden schon in den Wochen danach zu Dauerbegleitern der Bewohner der Grenzregion, weil ihre Franken in Deutschland plötzlich viel mehr wert waren als früher. Deutsche Arbeitskräfte wiederum strömten verstärkt in die Schweiz, um von den dort hohen Löhnen und den niedrigeren deutschen Lebenshaltungskosten zu profitieren. Unter dem Strich stand aber, dass die Schweiz innerhalb weniger Stunden von einem teuren zu einem extrem teuren Land für Ausländer geworden war.

Ordentlicher Professor am Departement Management, Technologie und Ökonomie
Ordentlicher Professor am Departement Management, Technologie und Ökonomie | Bild: ETH Zürich / Giulia Marthaler

Was aber war an jenem 15. Januar genau geschehen? „Der Druck auf die Nationalbank, von ihrem bisherigen Kurs abzuweichen, wurde immer größer“, sagt Jan-Egbert Sturm, Leiter der Konjunkturforschungsstelle an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Damals streckte sie die Waffen. Seit Sommer 2011 hatte die Notenbank den Schweizer Frankenkurs frisiert – oder anders augedrückt: künstlich niedrig gehalten. Dazu kauften die Währungshüter in großem Stil Euro auf. Von Mitte 2011 bis Ende 2014 verdreifachten sich so die Fremdwährungsbestände der Notenbank nahezu auf den gigantischen Betrag von 510 Milliarden Schweizer Franken. Finanziert wurden die massiven Stützungskäufe der Schweiz durch die Notenpresse. Zum Jahreswechsel 2014/15 drohte das System heiß zu laufen.

Auslöser war die Eurokrise

Das Problem hatte Europa den Schweizern eingebrockt. Als Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise, die 2011 noch in vollem Gange war, flüchteten Anleger weltweit aus dem Euro und suchten im Franken einen sicheren Hafen. Um der darbenden Wirtschaft insbesondere in den Krisenländern der EU wieder auf die Beine zu helfen, forcierte die Europäische Zentralbank zeitgleich ihre Politik des billigen Geldes. Die Folge beider Phänomene war ein permanenter Aufwertungsdruck auf die Schweizer Landeswährung, der insbesondere der exportorientierten Wirtschaft massiv zu schaffen machte und die Konjunktur in der Alpenrepublik abzuwürgen drohte. Mit der Notenpresse hielt die SNB daher dagegen. An jenem Schicksalstag im Januar 2015 musste sie aber eingestehen, dass sie der geldpolitischen Feuerkraft der extrem mächtig gewordenen EZB, die immer mehr Euros in die Märkte drückte, nicht mehr standhalten konnte. Der Wechselkurs zum Euro wurde freigegeben.

Für die Schweiz hatte das herbe Folgen. Nahezu zwei Jahre brauchten die Eidgenossen, um den Frankenschock zu verdauen – teils unter erheblichen Opfern. Um angesichts einer Franken-Aufwertung von rund 20 Prozent wettbewerbsfähig zu bleiben, ließen einige Firmen ihre Mitarbeiter statt 42 nunmehr 44 oder 45 Stunden pro Woche arbeiten – ohne Lohnausgleich. Es kam auch zu Entlassungen.

Die Schweiz litt massiv

Insbesondere die Industrie, der Tourismus und der Einzelhandel litten. Verglichen mit dem Dauerrivalen Österreich fiel die Schweizer Wirtschaft massiv zurück. Gleichzeitig investierten die Firmen aber viel Geld in fortschrittliche Technologien und zogen sich so – gestützt von einer robusten Binnennachfrage – selbst aus dem Schlamassel. Die Schweiz habe sich als reformfähig erwiesen, resumiert Ökonom Sturm von der ETH. Spätestens seit dem Jahr 2017 habe man die Krise hinter sich gelassen.

In einer Anfang der Woche veröffentlichten Standort-Studie der Münchener Stiftung Familienunternehmen findet sich die Eidgenossenschaft denn auch wieder an altgewohnter Stelle: auf dem ersten Platz.

 

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