Jeder 13. Beschäftigte in Baden-Württemberg hat einen riskanten Alkoholkonsum. Nach einer repräsentativen Studie der Krankenkasse DAK sind das 431 000 Arbeitnehmer. Übermäßiges Trinken und Rauchen haben demnach gravierende wirtschaftliche Folgen. „Der Krankenstand bei den betroffenen Erwerbstätigen ist mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt“, erklärte Studienleiterin Susanne Hildebrandt in Stuttgart. DAK-Landesleiter Siegfried Euerle fügte hinzu: „Suchtprobleme im Job sind kein Nischenthema“. Er kündigt eine Präventionskampagne an.

Doppelt so hoher Krankenstand

Nach den Angaben waren 3,7 Prozent der DAK-Versicherten im vergangenen Jahr im Durchschnitt krank. Für Arbeitnehmer mit einem Suchtproblem errechnete Hildebrandts Team mit 6,8 Prozent einen mehr als doppelt so hohen Krankenstand. Dabei wurde berücksichtigt, dass die Betroffenen nicht nur wegen Abhängigkeit im Job fehlen, sondern Trunkenheit oder Nikotinkonsum zu anderen schweren Krankheiten führen. Beispielsweise könne ein Knochenbruch die Folge eines alkoholbedingten Sturzes sein.

Alkoholsucht bei 0,5 Prozent der Beschäftigten

Für die DAK-Studie wurden 293 000 Krankmeldungen ausgewertet und zusätzlich in einer repräsentativen Befragung 1084 Erwerbstätige aus dem Südwesten nach ihren Lebensgewohnheiten gefragt. Die Ergebnisse für andere Bundesländer will die Kasse in den nächsten Wochen veröffentlichen. Suchtmediziner sehen einen riskanten Alkoholkonsum für Männer bei mehr als zwei 0,3 Liter-Gläser Bier täglich, für Frauen schon bei der Hälfte. Jeder zehnte Arbeitnehmer gab an, dass er bei der Arbeit wegen Alkohol unkonzentriert war, bei Abhängigen räumten das sogar 47 Prozent ein. Von einer möglichen Sucht gehen die Experten bei 0,5 Prozent der Beschäftigten aus. Das sind 30 000 Erwerbstätige im Südwesten. Besonders hoch ist der Anteil mit einem schädlichen Konsumverhalten bei jüngeren Erwerbstätigen unter 30 Jahren.

Abhängigkeit auch bei E-Zigaretten

Nikotinabhängig sind im Südwesten 14,3 Prozent der Erwerbstätigen. Das sind hochgerechnet 823 000 Raucher. Ein Befund aus der Befragung: Je stärker die Abhängigkeit, umso eher wird auch während der Arbeitszeit – außerhalb der Pausen – geraucht. Ein hohes Abhängigkeitsrisiko sehen die Experten auch bei den Nutzern von E-Zigaretten, wenn dabei Nikotin oder Tabak verdampft werden.

Auch übermäßiges Rauchen führt zur häufigeren Krankschreibungen.
Auch übermäßiges Rauchen führt zur häufigeren Krankschreibungen. | Bild: Jens Kalaene/dpa

Erstmals gibt es mit der Studie nach Angaben Hildebrandts auch Zahlen zum noch jungen Phänomen Computerspielsucht. Danach spielen 56 Prozent der Arbeitnehmer am Computer, 7 Prozent gelten als Risikospieler. „Das heißt, dass 401 000 Beschäftigte ein auffälliges Nutzungsverhalten zeigen“, erklärt die Projektleiterin. In der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren sind es sogar 11,6 Prozent. Und immerhin 52 000 Erwerbstätige erfüllen die Kriterien für eine Spielsucht. Fast die Hälfte aus dieser Gruppe spielt auch während der Arbeitszeit. Gefragt wurde auch nach einer überbordenden Nutzung von sozialen Medien. Eine krankhafte Störung hat sich dabei nur für 0,2 Prozent der Arbeitnehmer ergeben.

Erstmals enthält der DAK-Report auch Angaben zur Computerspiel-Sucht.
Erstmals enthält der DAK-Report auch Angaben zur Computerspiel-Sucht. | Bild: Lino Mirgeler/dpa

Die DAK will mit ihrem erstmals erstellten Suchtreport aufrütteln. „Die hohe Zahl der Betroffenen ist alarmierend“, sagte Landeschef Euerle. Sucht sei eine Krankheit, die jeden treffen könne. Deshalb sei eine breite und offene Debatte notwendig. Die Krankenkasse biete ab sofort ein neues präventiv ansetzendes Hilfsangebot an.

Der Stuttgarter Suchtmediziner Martin Bürgy unterstützt solche Hilfsangebote. Man müsse zudem die Unternehmen beteiligen. Er weist darauf hin, dass gerade schwer Abhängige in dieser Studie nicht erfasst seien, weil sie bereits aus dem Erwerbsleben ausgeschieden seien.