Börse – das ist für die meisten Deutschen vor allem ein Ort mit vielen Risiken. „Ich vertraue den Aktienmärkten nicht“, „Ich befürchte Aktien auszuwählen, die schlechter abschneiden als andere“, „Ich habe Angst, dass ich (...) einen Großteil meines eingesetzten Vermögens verliere“ – in einer in Frankfurt vorgestellten Studie nennen Menschen – egal ob jung oder alt – vor allem solche Gründe dafür, warum sie kein Geld in Aktien stecken.

Risiken überschätzt?

Die auf einer repräsentativen YouGov-Umfrage beruhenden Ausarbeitung von Forschern der Frankfurt School of Finance & Management und der Goethe-Universität Frankfurt ergab jedoch auch: Zwei Drittel der Nicht-Aktienbesitzer meinen, sie hätten weder genug Geld noch ausreichend Kenntnisse, um an der Börse zu investieren. Werden deshalb Risiken von Aktien überschätzt? Oder ist das Risiko tatsächlich so groß wie viele meinen?

Schwer erklärbar

„In der Tat sind Risiko und Rendite untrennbar miteinander verknüpft, und wer in Aktien investiert, muss bereit sein, Schwankungen im Vermögensaufbau auszuhalten“, schreiben die Autoren der von der Deutschen Börse in Auftrag gegebenen Studie. „Berechnet man das Risiko einer Aktienanlage basierend auf historischen Daten, ist es allerdings schwer erklärbar, warum viele Menschen in Deutschland dieses Risiko komplett scheuen.“

Langfristig ausgezahlt

Das Deutsche Aktieninstitut rechnet vor, dass sich langfristiges Sparen in Aktien in den vergangenen 50 Jahren in der Regel ausgezahlt hat. Selbst, wer im Jahr der Finanzkrise 2008 eingestiegen ist, und die Aktien bis Ende 2018 hielt, erzielte in den zehn Jahren im Schnitt 8,2 Prozent Rendite pro Jahr.

„Ein Entwicklungsland“

Ungeachtet solcher Statistiken ist Deutschland beim Thema Aktienkultur „ein Entwicklungsland“, wie Nicolas Nonnenmacher, Bereichsleiter bei der Deutschen Börse, beklagt. Zahlen des Aktieninstituts zufolge besaßen 2018 etwa 10,3 Millionen Bürger in Deutschland, die älter sind als 14 Jahre, Anteilsscheine von Unternehmen oder Aktienfonds. Das ist zwar der höchste Stand seit 2007. Dennoch bleibt Deutschland mit einer Aktionärsquote von gut 16 Prozent meilenweit entfernt von anderen Industrieländern. In den USA etwa liegt sie bei über 50 Prozent.

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Doch weil die Rente alles andere als sicher ist und die Menschen gefordert sind, privat fürs Alter vorzusorgen, sehen viele Experten die Zurückhaltung der Deutschen mit Sorge. Nach Ansicht von Michael Grote, Vizepräsident der Frankfurt School, werden Chancen zum Vermögensaufbau verschenkt. „Die Leute wissen nicht, wie wenig sie wissen müssen“, sagt Grote. „Man denkt, man muss ein großer Experte sein, um in den Aktienmarkt zu investieren. Es geht aber viel einfacher.“

Breite Streuung

Ähnliche Beobachtungen macht Christine Laudenbach von der Goethe-Universität als Co-Autorin der Studie: „Viele glauben auch, dass sie die Bilanzen der Unternehmen genau lesen und verstehen müssten.“ Dabei ist dies nach Ansicht der Wissenschaftler gar nicht nötig. Denn es gibt etliche relativ kostengünstige Möglichkeiten, breit gestreut und langfristig in Aktien zu investieren – zum Beispiel über Fondssparpläne oder sogenannte ETFs, die einen bestimmten Index wie etwa den deutschen Leitindex Dax abbilden. Ein Problem dabei: „Es gibt so viele Produkte, dass man als Anfänger da ein bisschen überfordert ist“, sagt Laudenbach.

Oft über Familie oder Freunde

Wie aber lassen sich Bundesbürger vom Aktienkauf überzeugen und wie sind sie dazu gekommen? Mitunter ist dies relativ simpel, wie die Studie zeigt. Fast 30 Prozent haben zu Aktien gefunden, weil Familienmitglieder oder Freunde Aktien besitzen und weil darüber gesprochen wurde. Oder weil sie ihnen ein Aktiendepot etwa durch eine Erbschaft übertragen wurde.

„Niemand sollte ein Risiko eingehen, das er oder sie nicht eingehen möchte, das ein ungutes Gefühl verursacht oder gar für schlaflose Nächte sorgt“, schreiben die von der Deutschen Börse mit der Spurensuche zum „Rätsel der Aktienmarktteilnahme in Deutschland“ beauftragten Wissenschaftler. „Doch vielleicht lohnt es sich darüber nachzudenken, ob das Risiko, das mit dem Aktienmarkt verbunden wird, ein überschätztes Risiko ist.“