Der Begriff Industrie 4.0 ist derzeit in aller Munde. Was versteckt sich genau hinter diesem Schlagwort?

Höpken:

Bei der Industrie 4.0 geht es darum, dass alle industriellen Prozesse durch die Nutzung der vorhandenen Informationen noch intelligenter, effizienter, flexibler und kostensparender ablaufen sollen als zuvor.

Schubert:

Durch die Industrie 4.0 kann man die Abläufe in der Produktion optimieren. Unternehmen, welche diese Möglichkeiten ausnutzen, können so Kosten sparen und ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern.

Aber gab es dieses Streben nach Effizienz nicht schon immer?

Höpken:

Ja. Aber bisher waren die vielen Informationen noch nicht verfügbar. Heute können die verschiedenen Produktionsschritte viel besser miteinander verzahnt werden, weil die jeweiligen Produktionsanlagen miteinander kommunizieren und untereinander Daten austauschen können.

Welche Branchen sind besonders von der Digitalisierung betroffen?

Höpken:

Das gesamte produzierende Gewerbe, einschließlich der Logistik. Die Automobilindustrie ist derzeit aus meiner Sicht bei der Umsetzung von Konzepten zur Industrie 4.0 am weitesten, während viele traditionelle mittelständische Maschinenbauer sich noch schwertun.

Wo steht Deutschland beim Thema Industrie 4.0?

Höpken:

Wir sind gut aufgestellt, vor allem in den Bereichen Maschinenbau, Automatisierungstechnik und Mechatronik.

Bei der Auswertung von großen Datenmengen, im Fachjargon Big Data genannt, haben wir allerdings noch Nachholpotenzial. Das liegt vor allem an der restriktiven Gesetzgebung zum Datenschutz, welcher den Gebrauch von Big Data behindert.

Ist der Datenschutz in Deutschland zu restriktiv?

Höpken:

Wir müssten den Datenschutz offensiver angehen. Der Datenschutz erfordert in Deutschland oft den Verzicht aufs Datensammeln. Tatsächlich bräuchten wir aber genaue Regeln für den Umgang mit Datenmengen. Wenn ich Daten nicht sammeln darf, kann ich die Vorteile von der Auswertung von Big Data nicht ausnutzen. Der Datenschutz muss deshalb in die Systeme reingedacht werden, um die Datensicherheit herzustellen.

Wie gut ist die Bodensee-Region auf die Digitalisierung vorbereitet?

Schubert:

Das Thema steckt bei vielen mittelständischen Betrieben noch in den Kinderschuhen. Die größeren Unternehmen sind schon einen Schritt weiter und haben bereits Konzepte und Projekte entwickelt. Aber insgesamt sind wir auf einem guten Weg.

Wie wird sich der Arbeitsmarkt durch die Industrie 4.0 verändern?

Schubert:

Es werden immer mehr hochqualifizierte Arbeitskräfte benötigt.

Viele manuelle Tätigkeiten werden durch die Automatisierung überflüssig.Höpken: Ob unter dem Strich mehr Arbeitsplätze wegfallen, als neue geschaffen werden, muss sich zeigen. Bei den bisherigen drei industriellen Revolutionen gingen in der Rückschau netto keine Arbeitsplätze verloren, auch wenn viele das vermutet hatten. Vor allem in der Mechantronik, der Informatik und Datenauswertung werden durch Industrie 4.0 neue Arbeitsplätze entstehen.

Besteht nicht die Gefahr, dass die vielen Einwanderer aus Syrien und Nordafrika genau diese Arbeitsqualifikationen mitbringen, die im Zuge von Industrie 4.0 wegfallen?

Höpken:

Die Gefahr besteht. Die Zahl der hochqualifizierten Informatiker und Ingenieure unter diesen Einwanderern ist gering. Das Fachkräfteproblem im Bereich Industrie 4.0 wird durch die aktuelle Zuwanderungswelle nicht gelöst werden.

Handelt es sich bei der Industrie 4.0 um eine Revolution oder um eine schrittweise Veränderung?

Schubert:

Es ist eher ein permanenter Prozess als eine Revolution. In den nächsten Jahren müssen noch Erfahrungswerte gesammelt werden und aus dieser heraus wird man wiederum einige Dinge nachjustieren können.

Werden wir bald die menschenleere Fabrik erleben?

Höpken:

Mittelfristig eher nicht. Es werden Tätigkeiten bleiben, die sich nicht automatisieren lassen und manuell ausgeführt werden müssen. Aber die Zahl der Mitarbeiter in der Produktion wird weiter sinken.

Die weltweit dominierenden Unternehmen wie Apple, Microsoft, Google oder Facebook kommen alle aus der Informationstechnologie. Besteht die Gefahr, dass diese Internet-Riesen unsere Industrie überrollen?

Schubert:

Nein. Unsere Industrie ist so stark, dass wir keine Angst vor Apple, Facebook und Google haben müssen. Letztendlich braucht man immer noch Menschen, um Prozesse zu durchdenken und zu gestalten. Die Software ist nicht alles. Es wird immer noch Bereiche geben, wo es vor allem auf die Hardware ankommt.

Brauchen wir mehr Silicon-Valley-Mentalität in Deutschland?

Höpken:

Das Scheitern als Unternehmer ist bei uns mit einem großen Makel behaftet. Das ist in den USA anders. Da haben wir sicherlich mentalitätsmäßig Nachholbedarf. Wir brauchen mehr Menschen, die es wagen, sich mit einer guten Idee selbstständig zu machen.

Schubert:

Junge Unternehmen sind oft dynamischer und flexibler als der etablierte Mittelstand. Aber auch im Mittelstand wird es einen Generationenwechsel geben. Man kann sich heutzutage nicht mehr auf seinen Erfolgen ausruhen. Der Mittelstand muss sich der Digitalisierung stellen und seine konservative Unternehmenskultur hinterfragen.

Welches bahnbrechende Produkt werden wir in den nächsten 10 Jahren erleben?

Höpken:

Im Verbraucherbereich werden sogenannte Smart Products, also intelligente Produkte, einen Durchbruch erleben. Der Kühlschrank und die Waschmaschine werden mit dem Amazon-Konto vernetzt sein und selber Lebensmittel und Waschmittel nachbestellen, sobald sie Nachschub brauchen.

Besteht dann nicht die Gefahr, dass die Firmen alles über mich wissen und ich zum gläsernen Menschen werde?

Höpken:

Die Gefahr besteht. Das Problem des Datenschutzes muss gelöst werden. Aber nicht, indem man die Daten erst gar nicht sammelt, sondern indem man technologische Mechanismen gegen den Datenmissbrauch entwickelt.

Kann man sagen, dass Daten das Erdöl der Zukunft sind?

Höpken:

Ja. Die Top-Unternehmen heute sind gar nicht mehr unbedingt die Softwareunternehmen, sondern diejenigen Unternehmen, die über große Datenmengen verfügen, wie zum Beispiel Facebook. Die Facebook-Software allein repräsentiert sicherlich nicht den aktuellen Firmenwert.

Wie muss sich die Schulbildung ändern, damit unsere Kinder fit für die Industrie 4.0 werden?

Höpken:

Die meisten Jugendlichen haben einen intuitiven Zugang zur digitalen Welt. Aber es reicht nicht, nur mit seinem Smartphone oder PC zu spielen. Junge Menschen müssen auch lernen, zu programmieren und die informationstechnologischen Grundlagen zu verstehen. Diese Kenntnisse sollten schon im Schulalter vermittelt werden, um Begeisterung für ein Studium im technischen und mathematischen Bereich zu wecken.