Ganz Europa redet über das Klima. Derzeit tüftelt fast jedes EU-Land an einem Maßnahmen-Bündel, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu begrenzen. Vor allem der Individualverkehr mit dem Auto ist vielen Umweltpolitikern ein Dorn im Auge. Stattdessen wollen sie den öffentlichen Nahverkehr, der eine deutlich bessere Umweltbilanz hat, attraktiver machen. Ein Baustein dieses Ansatzes ist das 365-Euro-Ticket, mit dem man ein ganzes Jahr Bus fahren kann. Wir stellen Ihnen dieses Konzept vor.

  1. Was spricht für die Einführung eines 365-Euro-Jahrestickets für den Bus? Klimapolitiker wollen Menschen motivieren, für alltägliche Fahrten vom Auto auf Bus und Bahn umzusteigen. Das soll zu mehr Klimaschutz beitragen, denn vor allem der Verkehrsbereich muss seine CO2-Emissionen massiv senken. Der Plan kann aufgehen, wenn Geld für die Pendler tatsächlich das entscheidende Argument ist. Viele entscheiden sich aber auch aus Bequemlichkeit fürs Auto, oder weil die nächste Haltestelle weit von der Wohnung weg ist und der Bus selten fährt. „Der öffentliche Nahverkehr muss aus Klimaschutzgründen attraktiver werden. Ein 365-Euro Ticket kann innerhalb eines Gesamtpakets einen Teil dazu beitragen“, sagt Philipp Kosok, Mobilitätsexperte vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Gleichzeitig müssen die Taktung und das Netz dichter werden, betont er.
  2. Für welche Verkehrsmittel soll das Ticket gelten? Nach den bisherigen Ideen für den Nahverkehr, also für Busse, Straßenbahnen, S-Bahnen und U-Bahn, aber auch Regionalzüge. Damit dürfte es in Großstädten deutlich attraktiver sein als auf dem Land, wo es keine U-Bahnen gibt und Busse manchmal nur alle paar Stunden fahren. „Vor allem Menschen mit geringem Einkommen wie Schüler, Studenten, Arbeitslose oder Rentner würden von einem 365-Euro Ticket profitieren“, sagt Kosok.
  3. Welche Vorbilder gibt es schon heute? In Deutschland probieren die Modellstädte Bonn, Essen, Herrenberg, Mannheim und Reutlingen mit Fördermitteln vom Bund das 365-Euro-Ticket aus. Abgeschaut haben sich die Experten das 365-Euro-Ticket in Wien. Hier gibt es das Jahresticket seit 2012. Seitdem zahlen Kunden statt 449 nur noch 365 Euro im Jahr für U-Bahn, Straßenbahn und Bus. „Der Preis von einem Euro pro Tag lässt sich gut vermarkten“, sagt Kosok. Zugleich wurden aber die Preise für Einzeltickets deutlich angehoben, Touristen etwa zahlen also mehr. Mit dem neuen Modell lohnt sich eine Jahreskarte bereits ab der 13. Fahrt im Monat.
  4. Wie sieht es bei uns in der Region aus? Radolfzell hat vor einem Jahr ein 365-Euro-Ticket eingeführt. Schüler zahlen 200 Euro pro Jahr. Einzeltickets kosten einen Euro. Die Stadt zieht dazu ein positives Fazit. Die Zahl der verkauften Tickets sei deutlich angewachsen. Seit der Änderung steigen laut Statistik über 12 000 mehr Menschen pro Monat in die Stadtbusse. „Wir haben nie damit gerechnet, dass das so angenommen wird. Das war nicht zu erwarten“, sagte Oberbürgermeister Martin Staab. Andere Gemeinden aus der Region wie Gottmadingen oder die Reichenau wollen sich am Vorbild Radolfzell orientieren. In Allensbach und Meersburg gibt es bereits das Ein-Euro-Einzelticket für den Bus.
  5. Was planen größere Städte wie Konstanz, Friedrichshafen oder Villingen-Schwenningen? Der Konstanzer Stadtwerke-Chef Norbert Reuter lehnt Rabatt-Experimente zum jetzigen Zeitpunkt ab. Er möchte erst die Erfahrungen in fünf Modellstädten abwarten. Reuter geht davon aus, dass weitere Rabatt-Aktionen weniger die Autofahrer zum Umstieg auf den Bus bewegen, sondern vor allem die, die mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind. Vor allem Schweizer Einkaufstouristen, die für besonders viel Verkehr in der Altstadt sorgen, würde ein Rabatt kaum motivieren, ihr Auto stehen zu lassen, so Reuter. Der Friedrichshafener Gemeinderat hat sich bereits mit einem 1-Euro-Tagesticket beschäftigt, doch aus Sicht der Stadtverwaltung wäre der finanzielle Aufwand zu groß. Auf einen Schlag würden Einnahmen wegbrechen und wegen der steigenden Nachfrage bräuchte man mehr Busse, heißt es aus dem Rathaus. Villingen-Schwenningen erwägt derzeit nicht die Einführung eines 365-Euro-Tickets, teilt die Stadtverwaltung mit.
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