Die sogenannte Achtundsechziger-Bewegung lässt auch nach 50 Jahren niemanden kalt. In der AfD gibt es eine politische Partei, die es sich zum Ziel setzt, viele Errungenschaften von damals wieder rückgängig zu machen. Und auch Alexander Dobrindt, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, fordert: "Wir müssen 1968 hinter uns lassen!" Eine Gruppe von "Meinungsverkündern, selbst ernannten Volkserziehern und lautstarken Sprachrohren einer linken Minderheit" habe seither die Deutungshoheit über den politischen Diskurs erlangt. Ist das so?

Wir haben sieben Persönlichkeiten aus unserer Region gebeten, ihre Erfahrungen mit den Idealen der Studentenbewegung aufzuschreiben. Welche Spuren haben sie in ihrer Biografie hinterlassen? Wie bewerten sie den Einfluss auf unsere Gesellschaft wie auch auf ihr eigenes Leben? So unterschiedlich die Erfahrungen der Autoren auch sind, wenigstens einen Umstand haben sie alle gemeinsam: Sie sind ausnahmslos original Achtundsechziger – jedenfalls, was ihr Geburtsjahr betrifft.
 

Kritik an Achtundsechzig

So alt wie die Achtundsechziger-Bewegung ist die gegen sie gerichtete Kritik. Und auch die aktuellen Gegenentwürfe sind keine neue Erfindung: Was der CSU-Politiker Alexander Dobrindt heute eine „konservative Revolution“ nennt, hieß Anfang der Achtzigerjahre noch „geistig-moralische Wende“. Unter diesem Schlagwort stellte der damals frischgewählte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) eine Renaissance konservativer Werte in Aussicht. Wohl auch weil die Zielsetzung unklar blieb, verlief das Projekt im Sand. (brg)


Berufswahl ohne Zwänge

Robert Jasper ist noch 30 km von Clyde River entfernt. Schlechtes Wetter begleitet die Gruppe auf dem Weg vom Ayr Lake über die Sledge Pointers nach Clyde River, Nunavut, auf Baffin Island in Kanada. Bild: Klaus Fengler
Bild: Klaus Fengler

Für mich als Extrembergsteiger stehen die Achtundsechzigerjahre für Freiheitssuche und Abenteuer! Als Kind dieser Generation genoss ich daher viel Verständnis vonseiten meiner Eltern für meine große Leidenschaft Bergsteigen und meine ungewöhnliche Berufswahl. Sich nicht von Normen und Zwängen der Gesellschaft einengen zu lassen und persönliche Träume zu leben, ist für mich bis heute ein zentrales Lebensmotto!

Robert Jasper, Extrembergsteiger aus Waldshut-Tiengen.


Weder verteufeln noch bejubeln

 

In Aktion: Dirigent Steffen Schreyer.
Bild: Aurelia Scherrer

Schwer vorstellbar für mich ist, wie die Gesellschaft sich entwickelt hätte, wäre es nicht zur Bewegung der Achtundsechziger gekommen. Ich kann diese Zeit weder verteufeln noch bejubeln. Grundsätzlich bin ich gegen die Auflehnung gegenüber Autoritäten, allerdings finde ich ein Auflehnungsbegehren bei Ungerechtigkeit in Ordnung, wenn es mit dem nötigen Respekt erfolgt.

Durch den Generationenkonflikt kam es zur Auflockerung von Hierarchien in der Familie und darüber hinaus sogar zu einer Vergeschwisterlichung von (Groß)Eltern und Kindern. Aber mit dieser Freiheit wissen nicht alle Kinder umzugehen: sie sondern sich ab, anstatt zum Familienleben beizutragen.

In der Katholischen Kirche hat das Zweite Vatikanische Konzil den Geist der Kirche wiederbelebt. Dass die jeweilige Landessprache in der Liturgie zugelassen wurde, trug maßgeblich dazu bei. Dadurch wurde aber das Latein geopfert und die Mystik der Liturgie entzaubert.

In der Musik fand bei Dirigenten eine Veränderung von einem autoritären zu einem kooperativen Führungsstil statt: Der Dirigent ist nunmehr der autokratische Demokrat, der das Wohl aller im Blick behält.

Ich empfinde die Früchte der Achtundsechziger-Generation zum großen Teil als Fortschritt, wenn die Ziele nicht gewaltsam erreicht werden und maßvoll sind.

Steffen Schreyer, Direktor des Münsterchors in Konstanz.


Wörter zum Genießen

Bild: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa
Ich bin in Wolfurt aufgewachsen, in Vorarlberg, wo 1962 ein Twist-Verbot erlassen worden war, weil das Twisttanzen als Frontalangriff auf die herrschenden Wertmaßstäbe empfunden wurde. Auch Bravo und Quick waren in Vorarlberg zu dieser Zeit verpönt. Zwölf Jahre später – ich war sechs – hatte sich die Gesellschaft grundlegend verändert, was zeigt, wie sehr sie sich im Umbruch befand. Oder besser gesagt: im Aufbruch.

Meine Kindergärtnerinnen trugen teilweise ungeheuer imposante Schlaghosen aus Schnürlsamt und gingen auf Plateausandalen. Das imponierte mir so sehr, dass ich noch Jahre später beim Zeichnen Frauen mit Schlaghosen ausstattete. Und meine ältesten Cousins, etwa fünfzehn Jahre älter als ich, hatten Haare bis hinunter zum Hintern. Von ihnen hörte ich erstmals die Passwörter der neuen Zeit: Freiheit, Selbstverwirklichung, Flower Power, aussteigen. – Ich genoss es, solche Wörter zu gebrauchen.

Von noch größerer Bedeutung war, dass meine Mutter im Vergleich zu den meisten Frauen ihres Alters moderne Ansichten vertrat. Sie arbeitete als Lehrerin, trotz der vier Kinder, und ging über dörfliche Gepflogenheiten mit großer Sorglosigkeit hinweg. Und da mein Vater nicht das Bedürfnis hatte, sich als Haushaltsvorstand hervorzutun, war bei uns zu Hause die Gleichberechtigung realisiert. Ich erinnere mich an keine andere Familie aus der Nachbarschaft, in der – wie bei uns – die Mutter den Wagen lenkte. Mein Vater schaute verträumt zum Fenster hinaus.

Meinen zweiten Vornamen, Robert, habe ich übrigens vom wenige Wochen vor meiner Geburt ermordeten Robert Kennedy. Robert, von meiner Mutter favorisiert, setzte sich als erster Name nur deshalb nicht durch, weil mein Vater einen Bruder hatte, der Robert heißt. Argument: Aus Rücksicht auf den Briefträger, es wird dann später ständig die Post verwechselt...

Arno Geiger, Schriftsteller aus Vorarlberg.


Emanzipation und Umwelt

Kerstin Andreae (Die Grünen)
Kerstin Andreae (Die Grünen) | Bild: Die Grünen (Die Grünen)
Ich verbinde die AchtundsechzigerBewegung mit einer Jugend, die gegen ihre eigene Elterngeneration aufbegehrt und sich für gesellschaftliche Freiheit und Emanzipation eingesetzt hat. Daraus ist dann auch mittelbar meine Partei Bündnis 90/Die Grünen – damals noch nur „Die Grünen“ – entstanden.

Diese Bewegung hat zu einer Liberalisierung und Modernisierung der Gesellschaft in Deutschland geführt. Mitbestimmung, Bildungsreform und ein kritischer Umgang mit Autoritäten sind heute noch sichtbare Erfolge. Es war aber auch eine Protestbewegung, die Spuren hinterlassen hat. Viele Menschen waren mit dieser Entwicklung überfordert oder fühlten sich in ihrer „heilen“ Welt bedroht.

Meine eigene Kindheit verlief eher ruhig und unpolitisch. Ein Aufbegehren gegen meine eigenen Eltern war gar nicht angesagt, da ich eine sehr liberale und offene Erziehung genießen durfte. Meine Eltern hatten genug mit uns Kindern und der eigenen Firma zu tun. Da blieb kein Raum für große Debatten oder Auseinandersetzungen.

Mein politisches Interesse fing während meines Studiums in Freiburg an und nach meiner „Orientierungsphase“ landete ich dann bei den Grünen. Hauptsächlich, weil mir deren emanzipatorischer Ansatz und das klare Bekenntnis zum Umweltschutz gefallen hat. Zusammenfassend würde ich sagen, dass die Achtundsechziger-Bewegung unser Land vor allem positiv verändert hat.

Kerstin Andreae, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen und gebürtige Schrambergerin (Schwarzwald).


Erst Aufbruch, dann Angst

Bild: Peter Rosa

Das Jahr 1968 markiert einen sehr wichtigen Abschnitt in der deutschen Zeitgeschichte – den Aufbruch zu einer linksgerichteten gesellschaftlichen Werteveränderung, die geprägt war von der Forderung nach sexueller Freiheit, Demokratie, Umweltschutz und Entnazifizierung deutscher Behörden. Vieles war nachvollziehbar und richtig, manches sicher überzogen. Unstrittig ist: Unsere Gesellschaft wäre ohne die 68er-Bewegung eine andere.

Persönlich war ich natürlich zu jung, um diese Zeit bewusst zu erleben. Sie hat mich aber ganz sicher geprägt: über die Musik, die Literatur, das Theater, die Kunst und mein Interesse für Zeitgeschichte. Und über meine Lehrer an der Schule und Professoren an der Universität, die fast alle „Achtundsechziger“ waren. Nie vergessen werde ich die persönliche Begegnung mit einem der beiden Männer, die am 9. November 1967 bei der Rektoratsübergabe an der Universität Hamburg das Transparent „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ enthüllt haben. Und die Angst, die mir im Jahre 1977 – als Neunjährigem – die Fernsehberichte über die Anschläge der RAF gemacht haben. Ein unschöner „Nachschlag“ zur Achtundsechziger-Bewegung.

Philipp Frank, Oberbürgermeister von Waldshut-Tiengen.


Kirchliche Irritationen

Aufgewachsen in einem Dorf in der Ortenau (Mittelbaden) bin ich sicher kein Kind der Revolte. Die Störungen allgemeiner Ordnung fand an anderen Orten statt. Aber in einer Erziehung, die zu Bildung anregte, Freiheit erlebbar werden ließ und eine eigene Entscheidungsfähigkeit förderte, sehe ich heute einen konstruktiven Umgang mit den gesellschaftlichen Aufbrüchen, die mit meinem Geburtsjahr verbunden sind. Neben und mit der Familie war es die Kirchengemeinde, die den kritischen Geist schärfte. Im Theologiestudium und darüber hinaus blieb dann auch eine forschende Faszination für kirchliche Aufbrüche und eine Irritation über amtskirchliche und universitäre Verlautbarungen zu den Vorkommnissen rund um „1968“, insbesondere wenn sich kirchliche Gruppen politisch einmischten, gesellschaftlich aktiv wurden und auf autoritäre, zwanghafte und unterdrückende Strukturen, übrigens damals schon vor dem Hintergrund zunehmender Globalisierung, aufmerksam machten. Dass die Freiheit eines Christenmenschen auch zu gesellschaftlicher Verantwortung freisetzt, ist protestantischer Kirche seit der Reformation nicht fremd. „1968“ hat auch Kirche ermutigt, diese Freiheit im Glauben wieder erlebbar werden zu lassen.

Dass ich selbst davon geprägt bin, merke ich, wenn ich als Theologin, Pfarrerin und jetzt mitverantwortlich für die Ausbildung von Pfarrern immer wieder auch dazu motiviere, sich mit gesellschaftlichen Freiheitsbewegungen kritisch auseinanderzusetzen.

Dr. Doris Hiller, Pfarrerin und Seminar-direktorin des Predigerseminars der Evangelischen Landeskirche in Baden.


Wenig tolerante Pädagogen

Ich bin sicher nicht als Blumenkind groß geworden. Antiautoritäre Erziehung war meinen Eltern eher fremd, die Vermittlung von „Werten und Tugenden” stand im Vordergrund.

Wegen des Berufs meines Vaters als Bundesgrenzschutzoffizier war die RAF – eine Folge von „1968“ – für mich persönlich stark präsent: So kann ich mich noch immer recht gut an den Morgen des 18. Oktober 1977 (Erstürmung der „Landshut“, Todesnacht von Stammheim) erinnern – obwohl ich erst neun war.

Reformpädagogik? Die äußerte sich nach meiner Wahrnehmung in der hessischen Provinz, in der ich aufwuchs, vornehmlich dadurch, dass die „Pädagogen“ wenig Verständnis für Meinungen hatten, die vom eigenen Verständnis von „Reform“ abwichen. Profitiert habe ich sicher davon, dass an den Universitäten „Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren“ verflogen war. Dies habe ich vom ersten Tag an in meinem Studium genossen.

Andreas Marx, Professor für Chemie und Prorektor für Forschung an der Universität Konstanz.