Die weißen Strände und das azurblaue Meer sind es, die Urlauber nach Fortaleza locken. Über 30 Kilometer erstreckt sich das Badeparadies der Zweimillionenstadt an Brasiliens Atlantikküste entlang. Am internationalen Flughafen Pinto Marins werben die lokalen Reiseveranstalter für ihre Touren. Sie führen zu weiteren Traumstränden im Nordosten Brasiliens.

Doch nicht jeder will hier unter der Äquatorsonne baden. 15 Technik-Spezialisten der Lufthansa sind zum Arbeiten nach Fortaleza gekommen. Ein Job unter erschwerten Bedingungen: Auf 30 Grad im Schatten klettert das Thermometer zurzeit. Einen Sonnenschutz, gar eine der hier so beliebten Klima-Anlagen mit ihrem Tiefkühl-Service gibt es am Arbeitsplatz nicht. Das Team erwartet eine ungewöhnliche Aufgabe: Es muss ein Flugzeug zerlegen und versandfertig machen. Nicht irgendein Flugzeug, sondern die „Landshut“, das Symbol der Terror-Wochen während des Deutschen Herbsts vor 40 Jahren. Auf dem Rückflug von Mallorca entführt und fünf Tag danach in Mogadischu durch die GSG 9 befreit. Viele Lufthanseaten, die hier mit Werkzeug und Material hantieren, waren damals noch gar nicht geboren.

Ein Bus der Flughafenbehörde Infraero bringt Pressefotografen zum „Friedhof“. Der Teil des Flughafens wird so genannt, weil dort vergammelte Passagierjets stehen, die nur noch Schrottwert haben. Auch die „Landshut“ ist darunter. „Da ist sie“, sagt der Busfahrer und zeigt auf das erste Flugzeug in der Reihe. Oder auf das, was von ihr übrig geblieben ist. Denn die „Landshut“ befindet sich in Auflösung.

Auf diesem Bild ist gut erkennbar, wie der Rumpf der Boeing 737 in einer Holzschale gelagert ist. Sie wurde von brasilianischen Handwerkern angefertigt. Die Tragfläche wird auf die Holzpaletten rechts gelegt. <em>Bild: AFP</em>
Auf diesem Bild ist gut erkennbar, wie der Rumpf der Boeing 737 in einer Holzschale gelagert ist. Sie wurde von brasilianischen Handwerkern angefertigt. Die Tragfläche wird auf die Holzpaletten rechts gelegt. Bild: AFP

Das begann vor knapp vier Wochen, am 21. August. Anfänglich schleppend. Die Lufthansa musste die mitgeführte Ausrüstung durch den brasilianischen Zoll bringen. Dann brauchte die Boeing 737 neue Bugräder, um sie auf das Vorfeld zu fahren, wo genug Platz ist, um die Demontage zu starten. In den ersten beiden Wochen haben Ingenieure und Techniker das Flugzeug von Spritresten gereinigt, altes Hydraulik-Öl entsorgt, den Rumpf aufgebockt, die Hauptfahrwerke unter den abgestützten Tragflächen abmontiert, Seiten und Höhenleitwerke vom Rumpf entfernt und die Landeklappen abgenommen. Gesichert und beschriftet, gruppieren sich die Bauteile um das Flugzeug. Schreiner vor Ort erledigen die Holzarbeiten.

Heute, am Mittwoch der Woche 4 der Zerlegung, steht eine besondere Aktion an. Dafür ist sogar der deutsche Botschafter Georg Witschel aus der Hauptstadt Brasília angereist: Die linke Tragfläche der „Landshut“ wird vom Rumpf gelöst. „Das Schwierigste an der ganzen Operation ist, die Tragflächen abzunehmen“, sagt Sven Richard der SÜDKURIER-Reporterin. Richard kennt den Bodensee gut, seine Großmutter lebte in Überlingen. In Fortaleza betreibt Richard ein Logistik-Unternehmen. Es leiht der Lufthansa Kräne und anderes Gerät aus, das sie nicht selbst mitgebracht hat.

Hebewerkzeug stützt die linke Tragfläche. An zwei Stellen wird sie von Gurtzeug gehalten, das an Kränen befestigt ist. Holzpaletten warten, um die Tragfläche auf ihnen abzulegen. Der Aufwand für die Demontage ist hoch. Denn bei Passagiermaschinen wie der „Landshut“ ist vom Hersteller nicht vorgesehen, die Tragflächen irgendwann einmal abzunehmen – auch nicht für eine intensive Grundüberholung. Daher ist es, als würde man einen Vogel seiner Flügel berauben. Selbst wenn man die „Landshut“ in Friedrichshafen so zusammenbauen würde, dass sie wieder fliegen könnte, bekäme man keine Starterlaubnis. Rumpf und Tragflächen bilden eine Einheit. Besteht sie nicht mehr, taugt ein Flugzeug wie die „Landshut“ nur noch fürs Museum.
Die Bestuhlung der Landshut auf einem Tieflader. Die Sitze haben jedoch nicht mehr ihre Originalbezüge von 1977. <em>Bild: dpa</em>
Die Bestuhlung der Landshut auf einem Tieflader. Die Sitze haben jedoch nicht mehr ihre Originalbezüge von 1977. Bild: dpa

Martin Brandes, Ausbildungsleiter von Lufthansa Technik, sagt denn auch: „Das ist das erste Mal für mich und auch für uns als Lufthansa Technik, dass wir eine Tragfläche abnehmen. Eine herausfordernde Aufgabe. Da ist volle Konzentration gefragt.“ Er übertreibt nicht. Bevor die Tragfläche vom Rumpf weggeschwenkt werden kann, muss das Team 1500 Nieten und Schrauben lösen. Bis auf die beiden Azubis des Teams haben die meisten der Lufthansa-Techniker viele Auslandseinsätze hinter sich. „Das ist eine ausgewählte Crew, das Beste, was Lufthansa Technik in Deutschland zu bieten hat“, sagt Lufthansa-Sprecher Jens Krüger.

Die Arbeitsbedingungen in Fortaleza erschweren die Aufgabe. Keine Flugzeughalle, wenig Infrastruktur. Toiletten, Wasserspender und Kühlschränke sind nur in Containern zugänglich. Wer sich nicht mit Sonnencreme und Kopfbedeckung schützt, verbrennt sich die Haut oder riskiert einen Sonnenstich. Und die „Landshut“ zeigt sich als harte Nuss: Weil Haltebolzen der Tragfläche teilweise nur von innen zu lösen waren, sind Techniker zuletzt sogar in den Treibstofftank gestiegen, um von dort aus zu schrauben. Im Innern wurden 56 Grad Celsius gemessen. Die Team-Leute wechselten sich ab.

Morgens um 8 Uhr beginnt die Arbeit. Um 16 Uhr ist Feierabend, denn in Äquatornähe wird es um 18 Uhr schlagartig dunkel. Freizeit? Viel Abwechslung gibt es nicht. Am 7. September, dem brasilianischen Unabhängigkeitstag, beobachtete die Crew die Militärparade vom Hotel aus, ansonsten ist man abends „einfach platt“, wie es Technik-Experte Brandes ausdrückt. Dass die Demontage trotz der schwierigen Umstände gut vorankommt, führt Brandes auf Einsatzwillen, Fachwissen und planvolles Vorgehen zurück.

Feinarbeit: Ein Lufthansa-Techniker kurz vor der Trennung der Tragfläche. <em>Bild: AFP</em>
Feinarbeit: Ein Lufthansa-Techniker kurz vor der Trennung der Tragfläche. Bild: AFP

Die Techniker haben an der Wurzel der Tragfläche Holzkeile angebracht, damit sie nicht zurückrutschen kann, wenn der Kran sie vorsichtig anhebt. Als sich die Tragfläche löst, verfliegt auch die Spannung. Die Crew ruft und freut sich, Kollegen klatschen sich ab. „Super!“, ruft Helfried Balizo, der immer wieder in das Flugzeug gelaufen und durch eine Kabinentür geklettert ist, um die Keile anzubringen. Einem der Männer kommen Freudentränen.

„Jetzt müssen wir uns auf die Arbeit konzentrieren, auf den Zerlegungsprozess“, sagt Martin Brandes. „Ich glaube, wenn wir in Friedrichshafen sind und die früheren Geiseln dabei sind, dann kommen auch die richtigen Emotionen“, fährt er fort. Durch Gefühle und Bekundungen von Zuneigung wie jener der Ex-Stewardess Gabriele von Lutzau, die bei ihrem Besuch in Fortaleza fast zärtlich über die „Landshut“ strich und „Na, altes Mädchen“ sagte, wird die Geschichte lebendig. Die Maschine nimmt menschliche Züge an.

Die Sympathie für den Plan, die „Landshut“ nach Deutschland zu bringen und im Friedrichshafener Dornier-Museum zu zeigen, wird greifbar: „Das ist gut organisiert, alles geplant, aber es ist auch warmherzig“, sagt Botschafter Georg Witschel. „Wir erfahren dafür hier viel Bewunderung”, sagt Hans-Jürgen Fiege, deutscher Honorarkonsul in Fortaleza.

Am Dienstag dieser Woche gefährdete ein Streik den Fortgang der Demontage. Am Montagabend wusste Fiege noch nicht, ob die Techniker den Flughafen betreten und ihre Arbeit würden fortsetzen können. Denn die Mitarbeiter des Staatsbetriebs Infraero fürchten um ihren Job, seit die Fraport AG – Eigentümer des Frankfurter Flughafens – an der Übernahme der Anlage in Fortaleza arbeitet. Streik lag in der Luft. Doch wie so oft in Brasilien fällt er bescheiden aus, und die Demontage der Tragfläche kann wie geplant stattfinden.

Zwei Turbinen der  Landshut.  Die Rückholung der Maschine gestaltete sich zum Teil schwieriger als erwartet.
Zwei Turbinen der Landshut. Die Rückholung der Maschine gestaltete sich zum Teil schwieriger als erwartet. | Bild: Paulo Wagner

Nach der Mittagspause im Schatten unter der Tragfläche eines benachbarten Friedhofs-Jets geht es an der rechten Tragfläche der „Landshut“ weiter. Zeit ist kostbar. „Die Kollegen und ich sind froh, wenn wir wieder in Deutschland sind“, sagt Martin Brandes. Lufthansa-Technik-Sprecher Krüger ergänzt mit Blick auf den Kalender: „Wir würden die Maschine gerne vor der Bundestagswahl am 24. September nach Hause bringen.“ Und auch die Techniker zieht es allmählich in die Heimat. Niemand wünscht sich, gerne hier bleiben zu können. Trotz der herrlichen Strände.

 

Landshut: Symbol einer freien Gesellschaft

Die von vier Terroristen gekaperte Lufthansa-Boeing Landshut steht im Oktober 1977 auf dem Rollfeld des Flugplatzes in Dubai. Die Maschine wurde am 18. Oktober 1977 von der Anti-Terror-Einheit GSG 9 in Mogadischu (Somalia) gestürmt. Die etwa 90 Insassen sind frei. Mindestens 23 Deutsche waren an Bord. <em>Bild: dpa</em>
Die von vier Terroristen gekaperte Lufthansa-Boeing Landshut steht im Oktober 1977 auf dem Rollfeld des Flugplatzes in Dubai. Die Maschine wurde am 18. Oktober 1977 von der Anti-Terror-Einheit GSG 9 in Mogadischu (Somalia) gestürmt. Die etwa 90 Insassen sind frei. Mindestens 23 Deutsche waren an Bord. Bild: dpa | Bild: Nordisk

Die Landshut kommt zurück nach Deutschland. Dort wird sie im Dornier-Museum in Friedrichshafen gezeigt. Ein Rückblick auf das Terrorjahr 1977:

  • Entführung: Auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt wird die „Landshut“ am 13. Oktober 1977 von palästinensischen Terroristen entführt. Es will elf Mitglieder der Roten- Armee-Fraktion (RAF) freipressen.
  • Kanzler Schmidt unter Druck: Die Flugzeugentführung soll die Bundesregierung in die Knie zwingen: Gut fünf Wochen zuvor verschleppte die RAF Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, um inhaftierte Linksterroristen freizupressen. Doch die Bundesregierung bleibt hart. Nun soll die Entführung der „Landshut“ mit etwa 90 Menschen an Bord die Bonner Regierung zum Einlenken bringen.
  • Ermordung: Am dritten Tag der Flugzeugentführung erschießt der Terrorist Captain Mahmud den Flugkapitän Jürgen Schumann. Nach einem Irrflug durch sieben Staaten landet Copilot Jürgen Vietor die „Landshut“ am 17. Oktober 1977 in Somalias Hauptstadt Mogadischu.
  • GSG 9: In der Nacht auf den 18. Oktober stürmen Männer der Antiterroreinheit GSG 9 die „Landshut“. Drei der vier Terroristen sterben. Die Passagiere kommen, abgesehen von wenigen Blessuren, unversehrt davon.
  • Ende: Der Ausgang der „Landshut“-Entführung leitet das Ende des Deutschen Herbsts ein. Nur Stunden nach der Erstürmung begehen die RAF-Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ennslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim Suizid, wenig später erschießen Terroristen den entführten Schleyer. (AFP)
 

Brasilien zeigt Respekt

Die Rückholung der Landshut wird von Medien in Brasilien beachtet und begleitet. Das Land kannte auch eine Terrorwelle.

„Die Landhut hat nun ein Ziel: Aus dem Friedhof der Flugzeuge im Hinterhof des Flughafens Pinto Martins in Fortaleza wird die Boeing nach Friedrichshafen gebracht. Eine touristische Stadt in Deutschland, am Ufer des Bodensees und an der Grenze zu Österreich und zur Schweiz.“ So hat die Tageszeitung „O Povo“ aus Fortaleza im August über die Reise der „Landshut“ an den „Lago Constança“, zu deutsch: Bodensee, berichtet.

Friedrichshafen (Portugiesisch: Porto de Frederico) wird durch die „Landshut“ in Brasilien bekannt. Das gilt für Fortaleza, die Hauptstadt des Bundesstaates Ceará mit ihren paradiesischen Stränden, aber auch für das restliche Land. „O Povo“ hat die Geschichte begleitet: Angefangen von der Absicht der Berliner Regierung, das Flugzeug heimzuholen, über die zwei Besuche der ehemaligen Geiseln bei der „Landshut“, bis hin zur Entscheidung über den Ausstellungsort. Das Stichwort lautete: „Conexão Alemanha-Ceará“ – die Verbindung Deutschland-Ceará. Aber auch die „Folha de São Paulo“, eine der angesehensten Zeitungen Brasiliens, griff das Thema auf. Zuletzt war ein Kamerateam des großen TV-Senders Globo zu einer Reportage vor Ort.

Mit einer Mischung aus Erstaunen und Bewunderung haben die Brasilianer den Aufwand um die „Landshut“ verfolgt. Ein Flugzeug, das schrottreif ist, zu kaufen, zu zerlegen und wegzubringen, das erschließt sich dem Publikum nicht sofort. Die Geschichte des Terrors ist in dem südamerikanischen Staat eine andere als in Deutschland. Es gab in der Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 zwar auch Linksterrorismus. Aber es wurden keine Passagiermaschinen entführt.

Damals griffen radikale Gruppen zu den Waffen. 1968 ermordeten sie einen amerikanischen Offizier, ein Jahr später entführten sie den US-Botschafter in Brasilien, Charles Elbrick. 1970 wurden der Schweizer Botschafter Giovanni Enrico Bucher und sein bundesdeutscher Amtskollege Ehrenfried von Holleben (damals 61) gekidnappt. Alle drei Diplomaten kamen im Austausch gegen inhaftierte Untergrundkämpfer frei. Diese Gewaltära ist bis heute in Brasilien nicht aufgearbeitet worden. Es gibt keine Erinnerungsarbeit wie in Deutschland. Brasilien, sagt man dort, sei ein Land ohne Gedächtnis. Eine teure und aufwendige Aktion wie die Rückholung der „Landshut“ ist hier schwer vermittelbar.

Die Entführung der Lufthansa-Maschine schildert „O Povo“ als „eine der tragischsten Geschichten des weltweiten Terrorismus“. Die lokale Verbindung zur „Landhut“, die jahrelang in Fortaleza als Altmetall herumstand, war unbekannt. „Wir wussten, dass die Maschine der Lufthansa gehört hatte, aber wir hatten keine Ahnung von der Entführung“, sagt Ariston Pessoa Filho. Er ist der Sohn von João Ariston Pessoa Filho, dem Gründer der TAF, des letzten Eigentümers der „Landshut“. Er starb 2011. „Ich habe erst vor drei Jahren davon erfahren, als uns zum ersten Mal jemand von der Deutschen Botschaft aufgesucht hat“, erzählt Pessoa Filho dem SÜDKURIER.

Inzwischen ist das Flugzeug in Brasilien bekannt. Viele Menschen wissen, was mit der Maschine ist und wo sie steht. Auch Thiago, Taxifahrer in Rio de Janeiro, kennt die „Landshut“. Er hat im Fernsehen eine Luftfahrt-Doku gesehen. Darin kam die Boeing vor. Thiago kennt zwar nicht die Details der Entführung und Befreiung sowie die Zusammenhänge mit dem Deutschen Herbst. Aber er weiß, dass das Flugzeug Geschichte geschrieben hat. Erst durch seine Entführung und jetzt durch seine Rückholung.