Für die einen ist es ein Städtchen auf der Baar, für die anderen ein Synonym für Neue Musik: Donaueschingen. Dort wird es jetzt wieder eng. Schon seit Monaten sind die Unterkünfte in und um Donaueschingen herum restlos ausgebucht. Denn am Wochenende ist Donaueschingen. So sagen es diejenigen, die dort einfallen – gerade so, als existiere der Ort für den Rest des Jahres gar nicht. Die Szene trifft sich, die Einwohner dürfen shoppen gehen. Verkaufsoffener Sonntag. Das hat Tradition, vielleicht eine nicht ganz so lange wie die Donaueschinger Musiktage selbst, die 1921 unter fürstlicher Protektion ins Fürstenbergische Schloss gekommen sind, jedenfalls versüßt sie den Donaueschingern das fremdbestimmte Wochenende.

Multimediale Aufführungen wie 2015 mit dem belgischen Ensemble Nadar stehen im Programm neben Orchester- und Ensemblekonzerten oder weiteren Performances.
Multimediale Aufführungen wie 2015 mit dem belgischen Ensemble Nadar stehen im Programm neben Orchester- und Ensemblekonzerten oder weiteren Performances. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Irgendwie sind die Donaueschinger trotzdem stolz auf die Musiktage. Sie wissen um deren internationale Bedeutung. Aber das Reitturnier interessiert sie im Zweifelsfall dann doch eher auch persönlich. Okay, die Klanginstallationen. Da kann man schon mal hingehen. Die stehen an öffentlichen Orten, oft sogar im Freien, kosten keinen Eintritt und sind das ganze Wochenende über zugänglich. Armin Köhler, der langjährige, inzwischen verstorbene Leiter der Donaueschinger Musiktage, hat diese häufig verspielte Kunstform zwischen Skulptur, Bildender Kunst und Klang besonders gefördert.

Das traditionelle Instrumentarium hat noch nicht ausgedient.
Das traditionelle Instrumentarium hat noch nicht ausgedient. | Bild: Ralf Brunner

Sein Nachfolger Björn Gottstein geht andere Wege. Einige Installationen gibt es schon noch, aber Gottstein sucht mehr nach neuen Konzertformaten und Möglichkeiten, Konzerten einen neuen Rahmen zu geben. Anstatt einzelne Uraufführungen aneinanderzureihen, sollen sie in einen größeren Kontext eingebunden werden. Für eines der Konzerte ist in diesem Jahr ein Regisseur eingeladen, zu einem anderen ein Kurator. Sie werden die Veranstaltungen inszenieren und kuratieren. Man darf gespannt sein, was dabei herauskommt.

 

Neue Konzertformate bei den Musiktagen


Applaus, Stillsitzen, konzentriertes Hören, Applaus – so laufen noch heute die meisten Konzerte ab. Um das aufzubrechen, werden bei den Musiktagen dieses Jahr mehrfach neue Konzertformate auf die Probe gestellt.
  • Regisseur Laurent Chétouane
    Regisseur Laurent Chétouane lässt nicht zu, dass sich das Publikum wohlig im Stuhl der Donauhallen zurücklehnt. Die Besucher des von ihm inszenierten Konzerts mit dem Solistenensemble Kaleidoskop müssen sich auch in unbequeme Situationen begeben, die eher an Wartehallen erinnern. Aber auch die Musiker des Ensemble Kaleidoskop werden aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen. Gemeinsam mit dem Publikum sind sie im Übergang, im Transit. Chétouane spielt damit auf die vielen Unorte im modernen Leben an, sei es im Pendelverkehr, als Tourist oder gar auf der Flucht. (21.10., 11 Uhr, 14 Uhr, 17 Uhr)
  • Auch bei Martin Schüttler
    Auch bei Martin Schüttler geht es ungewöhnlich zu. Der Kasseler Komponist isoliert die Musiker voneinander, die Bühne selbst ist leer. Stattdessen wird abseits des Konzertraums in einzelnen Containern gespielt, wo die Musiker allerdings auch ungewohnte Freiheiten genießen. Ein anderes Szenario: In Francesca Verunellis „Man Sitting at a Piano“ sitzt tatsächlich ein Mann am Klavier, aber dieser ist Flötist, das Klavier hingegen computergesteuert. So ironisiert Verunelli die Aufführungssituation auf originelle Weise. (21.10., 11 Uhr, 14 Uhr, 17 Uhr)
  • Eine Schule des Klatschens
    Eine Schule des Klatschens hat sich Bill Dietz für die Stadtbibliothek Donaueschingen ausgedacht. Das Publikum selbst wird zum Akteur in dieser „École de la claque“. Dietz wirft in seinem Konzert-Projekt einen Blick auf die Geschichte des Beifalls in Donaueschingen und fragt, warum heute aus Protest und Ablehnung keine Stühle mehr im Konzertsaal zerstört werden (mehrere Aufführungen während des Festivals). (sk)
Donaueschinger Musiktage, 20. bis 22. Oktober. Das Festival ist weitgehend ausverkauft. Alle uraufgeführten Kompositionen werden im Kulturprogramm SWR2 gesendet. Programm im Detail: swr.de/donaueschingen

 

 

Vermutlich allerdings wird selbst das niemanden ins Konzert locken, der sich bereits für den verkaufsoffenen Sonntag entschieden hat. Dass sich außerhalb der Szene kaum jemand für sie interessiert, das hat sich die Neue Musik mit ihrer hundertjährigen Geschichte zu einem Teil selbst zuzuschreiben. Zu lange hat sie sich bestimmten Dogmen verschrieben. Zu lange auch hat sie ihr Selbstverständnis aus Verboten gezogen, hat Tabus kultiviert. In der Nachkriegszeit, als die Künstler Tabula rasa machten und aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus heraus der verführerischen Kraft der Musik misstrauten, hatte es zwar seine Berechtigung, Schönklang zu tabuisieren und auf Ratio und Berechenbarkeit zu setzen. Doch viele Hörer wandten sich damals ab von dieser Musik, die ihnen unverständlich erschien.

 

Ohne Computer und digitale Hilfsmittel geht bei den Donaueschinger Musiktagen inzwischen nichts mehr.
Ohne Computer und digitale Hilfsmittel geht bei den Donaueschinger Musiktagen inzwischen nichts mehr. | Bild: Ralf Brunner

Das hat sich in den Jahrzehnten danach kaum noch geändert. Schade. Denn so bekommt außerhalb der Neue-Musik-Szene kaum noch jemand mit, wie stark sie sich innen verändert hat und noch immer verändert. Mit der Musik der Fünfziger- oder auch der Siebzigerjahre haben heutige Uraufführungen meist so wenig zu tun wie ein Smartphone mit einem Wählscheibentelefon. Mittel, Stoßrichtung und thematische Ausrichtung haben sich stark verändert. Die Grabenkämpfe der Siebzigerjahre um ästhetische Standpunkte sind vorbei, Dogmen sind gefallen wie Bastionen. In den Neunzigerjahren wurde das noch eine Weile als postmoderne Beliebigkeit bejammert, inzwischen aber schätzt man diese Diversität eher als Bereicherung. „Deswegen kommt bei einem Werk eine Soloharfe zum Einsatz, bei einem anderen eine Nebelmaschine“, bringt es Björn Gottstein auf den Punkt.

Die Christuskirche ist einer der Veranstaltungsorte in Donaueschingen.
Die Christuskirche ist einer der Veranstaltungsorte in Donaueschingen. | Bild: Ralf Brunner

Die digitale Revolution hat diese Vielfalt eher noch befördert. Donaueschingen ohne Laptops, Computer und digitale Klangerzeuger ist schlichtweg undenkbar. Die Elektronik spielte zwar von jeher eine zentrale Rolle in der Neuen Musik – meist aber als komplexe Kunst, die ein spezielles Studium erforderte. Jetzt halten auch Smartphone und YouTube-Ästhetik Einzug. Über den Gewinn für die Kunst lässt sich da natürlich genauso schön streiten wie über Vorzüge und Gefahren digitaler Mittel ganz allgemein. So gesehen unterscheidet sich die Neue Musik in dem, was sie bestimmt und womit sie sich beschäftigt, nicht vom Rest der Gesellschaft.