Fünf Grad unter null zeigt das Thermometer an diesem Nachmittag im März in Markelfingen am Bodensee. Saskia Beck und Leonard Thielmann hätten sicher mehr Lust, bei einer heißen Schokolade dem Frühlingsanfang entgegenzumümmeln. Stattdessen haben sich die Mitgründer von „Froobie“ verabredet – um Eis zu produzieren. „Minus 40 Grad – noch kälter als draußen“, ruft Leonard Thielmann und nickt in Richtung der Metallvorrichtung, die er gerade aus dem Schockfroster hievt. Als er den Deckel abnimmt, kommen 26 glitzernde Eis am Stiel zum Vorschein. Saskia Beck versieht jedes mit einer durchsichtigen Verpackung. „Wir stellen im Moment sieben Sorten Eis her“, sagt die Architekturstudentin. Darunter so exotische Geschmacksrichtungen wie Zitrone-Gurke und Mango-Orange-Basilikum. Wenn das Unternehmen in wenigen Tagen in seine zweite Eissaison startet, will das „Froobie“-Team weitere Eigenkreationen anbieten.

Minus 40 Grad kalt: Leonard Thielmann zieht eine Fuhre Eis aus dem Kühlfach.
Minus 40 Grad kalt: Leonard Thielmann zieht eine Fuhre Eis aus dem Kühlfach. | Bild: Daniel Schottmüller

„Froobie“ ist eines von Dutzenden Start-ups, jungen Unternehmen, die ihre Zukunft im umkämpften Markt der Lebensmittel sehen. Aktiv ist sie, die Gründerszene. Sie sucht sich Nischen und entwickelt aus einer Subkultur unternehmerisches Denken. Zwar hinkt die ländlich geprägte Region zwischen Bodensee und Schwarzwald den Gründerzentren wie Berlin, Hamburg oder München hinterher. Das zeigen auch die Zahlen des „Deutschen Start-up-Monitor 2016“: 17 Prozent der in der Studie untersuchten 1224 Start-ups haben demnach ihren Sitz in Berlin – damit ist die Bundeshauptstadt nach wie vor Spitzenreiter. Aber die Konzentration nimmt ab. Gründer-Hotspots außerhalb Berlins werden zunehmend attraktiver, wie ein Blick ins Verbreitungsgebiet dieser Zeitung zeigt. Noch nie gab es in der Region so viele junge Unternehmen, die gesunde Lebensmittel anbieten. Die Produktpalette reicht von der Konstanzer Bio-Limonade über abbaubare Kaffeekapseln aus Ravensburg bis hin zur Lachsalternative aus Soja, wie sie in Lörrach produziert wird.

 

Modewort Start-up: Das steckt dahinter

  • Start-up
    Bei Start-ups handelt es sich um junge Unternehmen mit innovativen Geschäftsideen und dem Ziel, schnell zu wachsen. „Nicht jedes neue Unternehmen ist automatisch ein Start-up“, erklärt Start-up-Berater Jürgen Gomeringer. „Zum Beispiel greifen viele Handwerker und Freiberufler bei der Firmengründung auf bewährte Geschäftsmodelle zurück. Sie schaffen nichts wirklich Neues.“ Im Gegensatz dazu sind Internetunternehmen wie Google oder Amazon ursprünglich als Start-ups gegründet worden.
  • Thema Ernährung
    Vier Prozent der knapp 1900 Start-ups in Deutschland produzieren Lebensmittel. Eine Zahl, die sich in den kommenden Jahren noch erhöhen könnte: „Menschen geben immer mehr Geld für Essen aus“, berichtet Jürgen Gomeringer. „Regionale und fair gehandelte Produkte spiegeln einfach den Zeitgeist wider.“
  • Der Standortfaktor
    „Start-ups werden immer von ansässigen Unternehmen beeinflusst“, erklärt Gomeringer. Während der Fokus in Hamburg auf Medien-Start-ups liege, sei die Stuttgarter Gründerszene eng mit dem Thema Mobilität verknüpft. „So steht jede Region für ein Thema.“ Die Bodenseeregion ist für Wein, Äpfel und Gemüse bekannt. Auch die Lebensmittelindustrie hat hier Tradition. Junge Start-ups können deshalb auf bestehendes Fachwissen aufbauen. Ein weiterer Vorteil: In der Region hergestellte Lebensmittel wecken beim Kunden bereits positive Assoziationen. (das)

 

Leonard Thielmann, Lisa Karrer, Saskia Beck und Gero Lins jedenfalls haben sich mit „Froobie“ viel vorgenommen. „Wir wollen Produktionsabläufe verbessern, schneller werden und mehr gewerbliche Kunden generieren“, erklärt Thielmann. Und: Es soll nicht mehr so stressig werden. „Letztes Jahr standen wir an manchen Tagen 14 Stunden in der Manufaktur. So abgearbeitet wie am Ende des letzten Sommers möchten wir nicht mehr sein.“ Nachvollziehbar. Denn außer Lisa Karrer, die ihr Referendariat macht, studieren alle Froobies in Konstanz. Ihr 2017 gegründetes Start-up ist für sie aber mehr als nur ein Nebenjob: „Wie wahrscheinlich viele andere habe ich im Moment noch keine große Lust auf das Arbeitsleben“, erklärt Leonard Thielmann seine Sicht. „Jetzt habe ich noch mal Zeit, mich auszuprobieren.“ Er stellt es sich schwieriger vor, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, sobald man beruflich eingebunden ist.

Sieben Sorten hat das Start-up im Sortiment. Bald sollen neue dazukommen.
Sieben Sorten hat das Start-up im Sortiment. Bald sollen neue dazukommen. | Bild: Daniel Schottmüller

Schwierig, aber nicht unmöglich. Matthias Kramer aus Hüfingen hat vor drei Jahren bei der Deutschen Bank gekündigt, um sich mit seinem Mitgründer Marc Schlegel in Frankfurt selbstständig zu machen. Kramer und Schlegel führen „Lizza“, ein Unternehmen, das Pizzateig aus Leinsamen herstellt. Arm an Kohlenhydraten soll der sein – passt also perfekt in den Zeitgeist. Seit 2016 ist ihr Zweimannbetrieb auf 45 Mitarbeiter angewachsen. „Unsere Mitarbeiter kommen aus 18 verschiedenen Ländern, wir duzen uns, verbringen auch abseits der Arbeit viel Zeit miteinander“, beschreibt Matthias Kramer die Arbeitsatmosphäre. Was „Lizza“ zu einem typischen Start-up macht, ist aber nicht die obligatorische Tischtennisplatte im Büro, sondern die Einstellung ihrer Gründer. „Marc und ich haben gemerkt, dass wir in einem Konzern nicht richtig aufgehoben sind“, erklärt der Schwarzwälder. „Dort gab es eine hohe Jobsicherheit und gutes Gehalt, aber wir wollten eigene Ideen umsetzen.“

 

Fünf junge Unternehmen stürzen sich in das Abenteuer Lebensmittelproduktion

  • Greenus
    Eigentlich hat Mike Lorenz nicht viel für Energy-Drinks übrig. Zu süß, meint der 28-Jährige. Die aufputschende Wirkung findet er schon eher anregend. Deshalb hat der Villinger ein Alternativrezept mit weniger Zucker, aber ähnlicher Wirkung entwickelt. Die Hauptzutat ist Cranberry, Guarana fungiert als Energielieferant. Das Besondere: Wer Alkohol und „Greenus“ mischt, reduziert das Katerrisiko am nächsten Tag. Zumindest sagt das der Erfinder des Getränks.
    Greenus
    Greenus | Bild: Mike Lorenz
  • Büffel Bill
    Jedes Jahr werden in Italien Zehntausende männliche Büffel direkt nach der Geburt getötet. Der Grund: Sie sind für die Milch- und Mozzarella-Produktion nicht zu gebrauchen. Das bringt drei Studenten aus Singen auf eine Idee. Sie überzeugen Büffel-Farmen weltweit, männliche Kälber artgerecht aufwachsen zu lassen. Das Fleisch der erwachsenen Büffel wird anschließend vom Hegau aus weiterversendet – als Premium-Produkt für Fleischliebhaber.
    Büffel Bill
    Büffel Bill | Bild: Jeanne Lutz
  • Hopfengut No. 20
    Charlotte Müller und Lukas Locher führen das familien­eigene Hopfengut in Tettnang schon in vierter Generation. Neu ist, dass der auf 40 Hektar angebaute Hopfen von Braumeister Fritz Tauscher zu fruchtig schmeckendem Craft-Beer verarbeitet wird. 20 000 Liter braut das Start-up im Jahr. Selbst Damen jenseits der 60 sind zu Stammkundinnen geworden, die sich ihre wöchentlichen Rationen der angesagten Biersorte India Pale Ale abholen kommen.
    Hopfengut No. 20
    Hopfengut No. 20 | Bild: Isabelle Arndt
  • Knödelkult
    5000 Euro benötigt „Knödelkult“ als Startkapital. Die Idee, aus Restbrot Knödel herzustellen, findet aber so viel Anklang, dass mehrere Hundert Unterstützer dem Konstanzer Start-up insgesamt 13 000 Euro zukommen lassen. Zwei Jahre später produziert das derzeit dreiköpfige Team nicht mehr selbst, sondern kümmert sich nur noch um Marketing und Vertrieb. Mit Erfolg: Bald wird das Sortiment um eine Reihe ganz und gar un-knödeliger Produkte erweitert.
    Knödelkult
    Knödelkult | Bild: Sissi Kandziora
  • Reichenau Inselbier
    Charakterstark, so beschreibt die 2016 auf der Insel Reichenau gegründete Brauwerkstatt ihr Craft-Beer. Dadurch, dass dem Bier während der Lagerung größere Mengen Hopfen zugegeben werden, ist der Geschmack besonders intensiv. Der Hopfen kommt aus Tettnang, das Wasser ist reinstes Trinkwasser aus dem Bodensee. Für dieses Jahr hat „Reichenau Inselbier“ bereits neue Bier-Sonder­editionen geplant, zum Beispiel ein eigenes „Insel Pale Ale“. (das)
    Reichenau Inselbier
    Reichenau Inselbier | Bild: Thomas Zoch

 

Dafür bietet die Lebensmittelbranche beste Voraussetzungen. Denn längst sind nicht nur Ökofreaks an einer gesunden Ernährung interessiert. „Noch vor zehn Jahren wäre unser Unternehmen nicht so erfolgreich gewesen“, ist sich Kramer sicher. Mittlerweile wachse die Branche extrem schnell. Es ist für ihn gar nicht mehr so einfach, eine Zielgruppe für den glutenfreien veganen Pizzateig von „Lizza“ zu definieren. Fitnessfans, Hobbyköche, Diabetiker, Allergiker – sogar Promis zählen zum Kundenstamm. Namen darf Matthias Kramer zwar nicht verraten, aber zumindest so viel: „Ein bekannter deutscher Fußballspieler hat schon in unserem Online-Shop bestellt“, freut sich der Hüfinger. Er war nicht der Einzige. Seit Kramer und Schlegel ihr Produkt 2016 in der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ vorgestellt haben, ist der Online-Umsatz von „Lizza“ rasant angestiegen. Alleine die ersten vier Stunden nach der Ausstrahlung brachten der Firma einen Umsatz von 400 000 Euro ein. Insgesamt erzielte „Lizza“ 2016 1,4 Millionen Euro Umsatz – im Jahr 2017 waren es sogar schon knappe fünf Millionen.

Vorzeige-Start-up: Matthias Kramer (links) aus Hüfingen und Marc Schlegel haben ihren Zweimannbetrieb in 24 Monaten zu einem 45 Mitarbeiter starken Unternehmen gemacht.
Vorzeige-Start-up: Matthias Kramer (links) aus Hüfingen und Marc Schlegel haben ihren Zweimannbetrieb in 24 Monaten zu einem 45 Mitarbeiter starken Unternehmen gemacht. | Bild: Lizza

Kramer glaubt, dass bewusste Ernährung weiter an Bedeutung gewinnen wird: „Wir sind ein Land, das im Verhältnis zum Einkommen noch wenig für gute Nahrungsmittel ausgibt. Franzosen oder Italiener verdienen durchschnittlich weniger, investieren aber mehr.“ Woran das liegt? „Die Weltkriege haben den Deutschen das Sparen gelehrt“, glaubt er. „Man muss versuchen, mit wenig Geld viel Essen zu bekommen – aus dieser Einstellung heraus hat sich eine Discount-Mentalität entwickelt. Es wird Zeit, dass wir davon wegkommen.“