Im Jahr 1617 wurde Luther gar nicht gefeiert und im Jahre 1717 kaum. Die Vertreter von Thron und Altar waren mit anderem beschäftigt. Erst 1817 entdeckten preußische Prediger das Potenzial, das in dem Reformator steckt: Er war eine Werbebotschaft auf zwei Beinen. 300 Jahre nach der Veröffentlichung der 95 Thesen nahm die Luther-Verehrung an Fahrt auf. Das Bild des Mannes wurde um so größer, je weiter der Thesenanschlag zurücklag. Aus dem Kirchenmann war ein volkstümlicher Riese von der Sorte geworden, von der die deutsche Geschichte nur wenige aufbieten kann. Ein Herold des Nationalen. Ähnlich 1917, als das Deutsche Reich im Krieg stand und Martin Luther plötzlich für die Propaganda gegen Frankreich herhalten sollte. Und 2017? Wie gehen wir mit diesem Leben und Lebenswerk um?

Diese Frage hat sich die Redaktion dieser Zeitung gestellt. In zehn Folgen sowie einer Schwerpunkt-Ausgabe des Wochenend-Kurier leuchten wir die Zeit von Martin Luther aus. Dabei wird bewusst eine Grenze gesetzt: Interessieren sollen weniger die großen Linien der europäischen Politik, die damals noch Weltpolitik bedeutete. Im Mittelpunkt stehen auch nicht das spannende Leben des Reformators oder dessen Gefechte mit dem Papst. Vielmehr nehmen die Autoren die regionale Fährte auf: Was hat die Reformation mit dem deutschen Südwesten zu tun? Und wie konnte ein so fernes Ereignis auf die kleinen Städte und Fürstentümer im alemannischen Raum durchschlagen?

Alle zehn Folgen verhalten sich wie die Seiten einer Chronik. Jede Folge bildet ein Kapitel eines Ganzen. Deshalb erscheinen die Folgen in einer einheitlichen Optik. Unsere Kollegin Jessica Steller hat es als Mediengestalterin geschafft, für Texte und Fotos ein einheitliches Gewand zu zeichnen. Es ist ein maßgeschneidertes Kleid, kein Talar, keine Einheitskutte.

 

Das erwartet Sie in der Serie "Leben wie zu Luthers Zeiten"


Neun große Beiträge werden dem heutigen Auftakt der Sommerserie des SÜDKURIER folgen. Darin sollen möglichst viele Facetten des frühen 16. Jahrhunderts beleuchtet werden. Es geht um Kinder, Küche, Kirche und Katechismus.
  • Teil 1 — Haus und Hof
    Wie hat eine Familie damals gelebt? Dieser Frage geht Alexander Michel in Waldshut nach. Er beschäftigt sich mit Kindern und deren Aufgaben sowie der Stellung der Frau damals. Mittwoch, 19. Juli
  • Teil 2 — Unterm Kreuz
    Die Gesellschaft zu Beginn der Reformation war sehr gläubig. In einer Kapelle auf dem Ramsberg im Linzgau kann man die Frömmigkeit der Menschen bis heute intensiv nachvollziehen. Und ihre schier grenzenlose Angst vor den Qualen des Fegefeuers. Samstag, 22. Juli
  • Teil 3 — Papier und Feder
    Wer konnte zu dieser Zeit eigentlich lesen und schreiben? Unser Autor reist in die Klosterbibliothek von St. Peter und sichtet dort die exklusive Bildung einer vormodernen Zeit. Mittwoch, 26. Juli
  • Teil 4 — Stall und Krieg
    In Luthers Zeit fallen die Bauernkriege im Süden Deutschlands. Hilzingen im Hegau war ein Schauplatz des blutigen Gemetzels. Im Museum dort kann man einiges lernen. Samstag, 29. Juli
  • Teil 5 — Waschtag
    Mit der Hygiene war es damals so eine Sache. Unser Reporter sah sich in der Villinger Altstadt um und ließ sich an den Ort führen, an dem die mittelalterliche Badstube betrieben wurde. Mittwoch, 2. August.
  • Teil 6 — Herr und Diener
    Herrschaft war im Späten Mittelalter genau geregelt. Sie durfte nicht willkürlich ausgeübt werden. Blick in ein Adelsarchiv, das diese Hierarchien bis heute säuberlich dokumentiert. Samstag, 5. August
  • Teil 7 — Spaß muss sein
    Auch zu Luthers Zeit feierten die Menschen gerne. In der Reichsstadt Überlingen spürt Johannes Bruggaier der Kultur und Unterhaltung nach. Mittwoch, 9. August
  • Teil 8 — Handel und Wandel
    Das späte Mittelalter war gut unterwegs. Unser Reporter steigt in eine Lädine und fragt: Wie kamen damals wertvolle Güter von A nach B? Samstag, 12. August
  • Schluss — Zweierlei Gesangbuch
    Die Reformation verbesserte und zertrümmerte Bestehendes – auch die religiöse Landkarte im Südwesten. Die letzte Folge zeigt, wie Luthers Wirken bis heute erkennbar ist. Samstag 19. August
  • Zum guten Ende
    Der Wochenend-Kurier wird auf vier Seiten die Erkenntnisse bündeln. In einem Interview berichtet ein konfessionsverschiedenes Paar von seinen Erfahrungen. Eine Grafik erklärt Schauplätze der Zeit. Samstag, 26. August
 

Die Einheitlichkeit erleichtert ein Wiedererkennen und Zurechtfinden. Wenn diese Epoche schon verwinkelt ist, dann sollen es die Artikel gerade nicht sein. Die Sommerserie wendet sich ausdrücklich an ein breites Publikum. Sie ist nicht von Fachleuten für Fachleute geschrieben, die sich gegenseitig bis in die Fußnoten hinein beweisen, dass sie vom Fach sind. Die Serie gilt allen, die sich neugierig auf eine Zeitreise 500 Jahre zurück machen.

Wie schafft man die Brücke nach hinten? Von 2017 nach 1517? Man benötigt einen Mittelsmann, am besten gleich einen Martin Luther selbst. Als lebensgroße Pappfigur im Gelehrtenrock begleitete er die drei Journalisten zu den Schauplätzen. An Ort und Stelle aufgebaut, erregte er erst einmal Aufsehen. Der Reformator in der Badstube, im fürstlichen Archiv, auf einem Schiff? Geht schon. Wo immer Johannes Bruggaier, Uli Fricker oder Alexander Michel auftauchten, hatten sie Kamerad Luther dabei. Und Kollege Guy Simon filmte für den Online-Auftritt.

Freilich, gewagt war die Aktion mit Pappkamerad Luther schon. Die Historiker sind sich einig, dass der Kirchenmann nie im heutigen Baden-Württemberg war. Er verbrachte die meisten Lebensjahre im ostmitteldeutschen Raum. Das entspricht den heutigen Bundesländern Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Das Wort Urlaub kannte er, aber er hatte nie einen.

Eine einzige Fernreise unternahm er – damals noch Augustiner-Mönch – im Auftrag seines Ordens nach Rom. Anders als Goethe, der auf seiner Italienreise noch Orte wie Rottweil oder Schaffhausen durchfuhr, wanderte Luther weiter östlich. Er kam durch Ulm und Augsburg und streifte den östlichen Zipfel des Bodensees, als er Bregenz passierte. Mit etwas Glück sah er das damals noch unfertige Münster von Konstanz. Mehr aber nicht.

Wie ein trockener Schwamm

Seine Präsenz ist dennoch gewaltig, spürbar bis heute. Dieser Theologe gehört zu den ersten historischen Gestalten, die an einem fernen Ort wirkten und wirbelten, ohne dass sie präsent waren. Er musste seinem Anliegen nicht einmal Nachdruck verleihen oder Machtmittel anwenden. Vielmehr war es so, dass seine Zeitgenossen seine Worte aufsogen wie ein trockener Schwamm den frischen Landregen.

Der Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517 zeigt es eindrücklich. Luther, Doktor der Theologie in Wittenberg, wollte etwas loswerden. Also verfasste er 95 Sätze (Thesen), über die er mit seinen Studenten sprechen wollte. Luther zielte auf eine interne Diskussion. Seine Thesen waren für den akademischen Hausgebrauch gedacht. Dass ein anonymer Drucker das Papier schnappt, vervielfältigt und verbreitet, lag nicht in der Absicht des Verfassers. Und dass die Exemplare in deutschen Landen herumgereicht und gierig abgeschrieben werden, auch nicht. Die angestrebte Erneuerung geht ihre ersten Schritte ohne den Reformator.

Ohne moderne Druckmaschinen hätte es die Reformation nicht gegeben. Später nutzt Luther das Medium virtuos und häufig. Auf politische Ereignisse und Finessen reagiert er mit Kampfschriften, um am Ball zu bleiben. Bis zuletzt schreibt er Briefe und ermahnt die Seinen. Er überarbeitet kurz vor dem Tod letztmals seine Übersetzung des Neuen Testaments. Diese seine Bibel wird auch in den Städten in Oberschwaben und den inzwischen lutheranischen Pfarrhäusern studiert. Luthers Reformation ist eine Buch-Revolution. Er ist auch da, wo er nicht da ist. Das erste Medientalent der deutschen Geschichte.

Auch im Süden, wo die beginnende SÜDKURIER-Sommerserie spielt, wirkte er unsichtbar. Der Konstanzer Ambrosius Blarer war sein Schüler, Ulrich Zwingli aus dem nahen Toggenburg sein Kontrahent, die Prediger der Reichsstädte seine Bewunderer. Eine Fernbeziehung. Seine Anhänger bekamen manches in den falschen Hals. Sie zerstörten Steinfiguren und zerhackten wertvolle Altäre. Das hatte Luther nie gewollt. Im Alemannischen kam vieles anders an, wie es in Sachsen gemeint war. Wie Menschen am Anfang der Neuzeit hierzulande lebten, soll diese Serie klären. Viel Freude beim Lesen!

 

Bücher zum Thema

Heinz Schilling: "Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs." C. H. Beck Verlag, 728 Seiten, 29.95 Euro (Standardwerk – auf dem letzten Stand der Forschung).

Walter Kasper: "Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive." 96 Seiten, 8 Euro (der bekannte Kardinal würdigt den Reformator).

Walter Rügert: "John Wyclif, Jan Hus, Martin Luther: Wegbereiter der Reformation." Südverlag Konstanz, 112 Seiten, 16 Euro (guter Überblick über Luther und seine Vorgänger).

Armin Kohnle: "Martin Luther. Reformator, Ketzer, Ehemann." Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 223 Seiten, 29.95 Euro (eleganter Bildband).

Richard Friedenthal: "Martin Luther. Sein Leben und seine Zeit." Piper Verlag, 320 Seiten (das Werk von 1967 gehört zu den besten popuären Sachbüchern über Martin Luther).