Der Wind weht eisig. Neben dem Olympiastadion ist ein Fluss eingefroren. Frostige Stimmung in Pyeongchang? Nur außerhalb der in vielen Farben angestrahlten Arena! Mit einer gigantischen Show werden gestern in Südkorea die Olympischen Winterspiele offiziell von Südkoreas Ministerpräsident Moon Jae In eröffnet. Um 22.08 Ortszeit brennt das olympische Feuer, entzündet von Südkoreas Eiskunstläuferin Kim Yuna. Es ist ein bedeutender Moment. Für Südkorea, aber auch für die Welt. Denn es geht um weit mehr als nur um Sport: Die zweistündige Feier setzt mit dem Motto „Frieden in Bewegung“ ein eindeutiges Zeichen.

Nur kurz wird die feierliche Stimmung unterbrochen. Als das gemeinsame koreanische Team schon zum Einlaufen bereit steht, wird es auf der Tribüne turbulent. Unten führen die nordkoreanische Eishockeyspielerin Hwang Chung Gum und der südkoreanische Bobfahrer Won Yun Jong die Sportler aus beiden Ländern an, während oben zwei bekannte Herren mit auffälligen Frisuren auftauchen. Aber sind das wirklich Donald Trump und Kim Jong Un, die sich da gemeinsam fotografieren lassen, als wären sie beste Freunde? Natürlich nicht. Es sind Doppelgänger des US-Präsidenten und des nordkoreanischen Diktators. Kurze Zeit später werden sie von Hilfskräften aus dem Olympiastadion begleitet. Ganz so weit sind die Friedensbemühungen im geteilten Korea dann doch noch nicht.

Doppelgänger von US-Präsident Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un haben für Wirbel gesorgt.
Doppelgänger von US-Präsident Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un haben für Wirbel gesorgt. | Bild: Mike Egerton, dpa

Einen weiteren Schritt aber haben die beiden Länder in ihren Annäherungsbemühungen am Freitag dennoch gemacht. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un schickt seine Schwester Kim Yo Jong zur Eröffnungsfeier. Es ist das erste Treffen auf höchster Ebene seit mehr als zwei Jahrzehnten. Südkoreas Präsident Moon Jae In trifft die 30-Jährige vor der Eröffnungsfeier. Der Händedruck von Moon mit Kim Yo Jong nährt die zarte Hoffnung auf eine vorsichtige Annäherung der beiden Staaten nach der Zuspitzung des Konflikts um das nordkoreanische Atomprogramm im vergangenen Jahr. US-Vizepräsident Mike Pence, der ebenfalls im Stadion sitzt, verweigert sich diesem Treffen. Er geht den nordkoreanischen Spitzenpolitikern aus dem Weg, es ist ein Zeichen für die anhaltenden Spannungen über Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trifft sich nicht zu Gesprächen mit den Nordkoreanern, obwohl er im gemeinsamen Schnellzug mit ihnen von Seoul nach Pyeongchang sitzt. Also längst noch nicht alles so entspannt, wie es viele erhoffen.

Zum ersten Mal reiste mit der 30-jährigen Schwester von Kim Jong Un ein Mitglied der seit drei Generationen in Nordkorea herrschenden Kim-Familie in den Süden der koreanischen Halbinsel. Kim Yo Jong gilt als einflussreiche Beraterin des nordkoreanischen Machthabers. Sie ist seine Stabschefin und Propaganda-Leiterin. Auch wurde Kim Yo Jong im vergangenen Oktober stellvertretendes Mitglied im Politbüro, dem höchsten Machtgremium. Auch sie hat mehrere Jahre in der Schweiz gelebt, wo sie in Bern zur Schule gegangen ist.
Zum ersten Mal reiste mit der 30-jährigen Schwester von Kim Jong Un ein Mitglied der seit drei Generationen in Nordkorea herrschenden Kim-Familie in den Süden der koreanischen Halbinsel. Kim Yo Jong gilt als einflussreiche Beraterin des nordkoreanischen Machthabers. Sie ist seine Stabschefin und Propaganda-Leiterin. Auch wurde Kim Yo Jong im vergangenen Oktober stellvertretendes Mitglied im Politbüro, dem höchsten Machtgremium. Auch sie hat mehrere Jahre in der Schweiz gelebt, wo sie in Bern zur Schule gegangen ist. | Bild: PATRICK SEMANSKY, AFP

Sport als Mittel zur Annäherung. Davon träumt Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Bei seiner Ansprache vor 35 000 Zuschauern im Stadion und Milliarden vor den Fernsehgeräten sagt er: „Der gemeinsame Einmarsch von Korea ist ein starkes Zeichen für die Einheit."

“ Und: „Wir unterstützen euch in diesem Engagement.“ Und an die Sportler gerichtet meint er: „Ihr könnt inspirierend sein für Frieden und Harmonie.“ Aber nur, diese Einschränkung muss sein, wenn sich jeder an die Regeln hält und sauber bleibt. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Die wenigen russischen Sportler zum Beispiel müssen als Strafmaßnahme für ihr Land unter dem Titel „Olympische Athleten aus Russland“ einmarschieren.

Bild: ARIS MESSINIS, AFP

Thomas Bach ist schon vor der Eröffnungsfeier aktiv am Fackellauf beteiligt. Um 9.10 Uhr Ortszeit übernimmt er am Freitagmorgen bei minus zehn Grad und leichtem Schneefall die Fackel. Er trägt einen weißen Trainingsanzug und dicke Fäustlinge. Am Abend steht er im dunklen Mantel im Olympiastadion. Er sieht eine fulminante Show mit vielen Feuer- und Knalleffekten. Heiß und laut scheint den Südkoreanern zu gefallen. Ein besonderer Moment ist es, als ein Arirang erklingt. Ein koreanisches Volkslied, das schon früher bei gemeinsamen Auftritten der koreanischen Teams beim Start von Olympischen Spielen die Nationalhymnen der beiden Länder ersetzt hatte. Ein weiterer Schritt der Annäherung also.

 

Alles soll sauber bleiben

  • Die Spiele
    An dem Spektakel auf Eis und Schnee in der an Nordkorea grenzenden Provinz Gangwon nehmen über 2900 Sportler aus 92 Ländern teil. In den kommenden 16 Tagen werden in 102 Wettbewerben Medaillen vergeben. Südkorea ist zum zweiten Mal Schauplatz Olympischer Spiele nach den Sommerspielen 1988 in der Hauptstadt Seoul.
  • Der Sport
    Die erste Entscheidung fällt am heutigen Samstag (08.15 MEZ) im Skiathlon der Skilangläuferinnen. Die deutschen Hoffnungen trägt am ersten Wettkampftag vor allem Biathletin Laura Dahlmeier im Sprint-rennen (12.15 MEZ) über 7,5 Kilometer. Aber auch die Skispringer Richard Freitag und Andreas Wellinger rechnen sich von der Normalschanze (13.35 Uhr MEZ) etwas aus. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat 19 Medaillen plus X als Ziel ausgegeben.
  • Das Wetter
    In Pyeongchang ist es kalt – aber es schneit kaum. Die drei Kilometer lange Abfahrtsstrecke ist fast komplett mit Kunstschnee bedeckt, auch im Ziel stehen die Journalisten nicht auf Naturschnee. Damit alles schön weiß und sauber bleibt – drüber schneien wird wohl nichts während der Olympischen Winterspiele – bitten die Veranstalter im Jeongseon Alpine Center auf einem Schild freundlich um Mithilfe: „Bitte putzen Sie ihre Schuhe, bevor sie den Schnee betreten.“
  • Putzteufel
    Biathlet Erik Lesser legte nach der Ankunft im olympischen Dorf in Pyeongchang erst mal eine Putzeinheit ein. Das Appartment der deutschen Skijäger war einfach zu schmutzig. „Manche sind noch nicht ganz fertig und sehen nicht so wohnlich aus“, sagte der Thüringer. Auch gebe es mit eingefrorenen Fenstern noch das eine oder andere Problem. Lesser ist in einer WG mit Simon Schempp, Arnd Peiffer, Benedikt Doll, Johannes Kühn und Roman Rees mit drei Doppelzimmern.

 

Bewiesen haben die koreanischen Zuschauer, dass sie begeisterungsfähig sind. Sie jubeln lautstark und erheben sich oft von ihren Sitzen. Zum Beispiel, als das Team der Bermudas seine wenigen Teilnehmer in kurzen Hosen ins bitterkalte Stadion schickt. Oder als Tongas Fahnenträger Pita Taufatofua wie schon vor zwei Jahren bei den Olympischen Sommerspielen auf ein Oberteil verzichtet und seinen muskulösen Oberkörper präsentiert. Winterlich ist dagegen Eric Frenzel gekleidet. Der Kombinierer führt die deutsche Mannschaft an. Er hat anfangs noch Probleme, die Fahne ordentlich zu schwenken, sie rollt sich immer zusammen. Irgendwann aber hat er den Dreh raus. „Es war ein tolles Erlebnis. Ich werde mich ein Leben lang daran erinnern!“ sagt Frenzel hinterher.

Die Organisatoren präsentierten ein farbenprächtiges Licht- und Musikspektakel. 35 000 Zuschauer beobachteten es im Stadion, ein Milliarden-Publikum an den Fernsehern.
Die Organisatoren präsentierten ein farbenprächtiges Licht- und Musikspektakel. 35 000 Zuschauer beobachteten es im Stadion, ein Milliarden-Publikum an den Fernsehern. | Bild: BRENDAN SMIALOWSKI, AFP

Im schmucken Olympiastadion von Südkorea kehrt nun erst einmal Ruhe ein. Erst in zwei Wochen wird es wieder zur Schlussfeier der Spiele gebraucht. Wettkämpfe gibt es hier nicht, nur wenige Meter entfernt ist allerdings die „Medal Plaza“, auf der am Abend nach den Wettkämpfen die Medaillen vergeben werden. Für das Olympiastadion soll das Schicksal schon feststehen: Nach den Paralympics wird es wohl wieder abgerissen. Es sei denn, es war mit seiner Eröffnungsfeier tatsächlich der Auftakt für einen dauerhaften Frieden. Dann hätte es einen Platz in den Geschichtsbüchern.

Wenig Vertrauen

Die Mehrheit der Deutschen ist davon überzeugt, dass auch die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang wieder vom Doping-Problem überschattet werden. In einer repräsentativen Umfrage von Emnid gingen 48 Prozent der Befragten davon aus, dass in geringem Maße bei den Spielen gedopt werde, weitere 34 Prozent erwarten hingegen eine große Zahl von Dopingfällen. Lediglich sieben Prozent der Befragten glauben, dass das Weltsport-Fest in Südkorea dopingfrei ist. Noch bis kurz vor Beginn der Winterspiele in Südkorea musste sich der Internationale Sportgerichtshof CAS mit den Folgen der von Russland organisierten Doping-Manipulationen vor vier Jahren in Sotschi beschäftigen. Wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier hatte der CAS eine Klage von 45 russischen Sportlern und zwei Betreuern zurückgewiesen. Sie hatten auf diesem Weg versucht, doch noch an den Wettkämpfen in Pyeongchang teilzunehmen. Damit bleibt es bei 168 Teilnehmern aus Russland, die für die 23. Winterspiele zugelassen worden sind. (dpa)