Mit dem Wort „Reise“ verbindet man heute eine angenehme Erfahrung. Das ist nicht zuletzt der Technik zu verdanken. Autos, Busse, Züge und Flugzeuge bringen die Menschen schnell ans Ziel. Keiner muss mehr tagelang im Pferdesattel sitzen, in Ochsenkarren über schlammige Wege holpern oder – wie die meisten Menschen im Spätmittelalter – zu Fuß gehen. Langstrecken-Wanderer erregen heute Aufmerksamkeit. Als der junge Augustinermönch Martin Luther 1511 nach Rom aufbrach und natürlich zu Fuß ging (oder im besagten Ochsenkarren mal mitrumpeln durfte), war das ganz normal.

Landläufig herrscht heute die Vorstellung, zur Luther-Zeit seien die Menschen in ihren Dörfern und Städten gehockt. Nur Soldaten und Händler seien das Risiko eingegangen, die sicheren Mauern zu verlassen. Weit gefehlt! Das späte Mittelalter brachte eine mobile Wusel-Gesellschaft hervor. Viele zogen beruflich ihrer Wege wie Luther und die Kaufleute, andere hatten daheim etwas ausgefressen und mussten sich eine neue Heimat suchen. Die Vielfalt war groß: Neben Pilgern, Händlern, Fuhrleuten, Söldnern und Handwerksgesellen gehörten dazu Bettler, Dirnen, Gaukler und Gauner, aber auch Künstler, Baufachleute und Spezialisten wie Juristen, Ärzte, Gesandte und Boten. Es reisten Studenten, Kleriker, Mönche und nicht zuletzt der Adel mit Tross, Ross und Reitern.

Karten waren weitestgehend nutzlos – Orientierung mittels Flüssen

Luther also ritt nicht, denn ein Pferd besaß unter Geistlichen nur der höhere Klerus. Sein Weg nach Süden führte meist an Flussläufen entlang, denn hier gab es Wege und die Orientierung war einfacher. Karten, falls man eine besaß, waren zum Navigieren untauglich. Eine „Lantstrassenkarte“ für Rom-Pilger von 1501 macht das klar: Rom mit Italien liegt am oberen Rand, Ost- und Nordsee unten. Man wandert in Blickrichtung aufs große Ziel. Allerdings ist das Ganze eher eine geistige Inspiration denn auf praktischen Nutzen angelegt.
Bild: SK

Obwohl diese Karte gepunktete Wegelinien ausweist – befestigte Straßen im heutigen Sinne gab es nicht. Die alten Römerstraßen, die im Westen einst bestanden, waren längst Geschichte. So war die Römerstraße zwischen Augsburg und Salzburg zum Großteil bewaldet. Während die Menschen in den Städten Gassen und Plätze anlegten, blieben Aufbau und Instandhaltung eines Straßennetzes, das die gewachsenen und neu gegründeten Städte hätte verbinden können, eine Illusion. Zwar wurden in Urkunden Spurbreiten festgelegt und Verkehrsregeln fixiert (etwa wann ein Pferd einem Wagen ausweichen musste). Aber es fühlte sich kaum einer für die Umsetzung verantwortlich. Grund dafür auch: der bunte Flickenteppich an Territorien in den teutschen Landen – vom Kurfürstentum bis zur Grafschaft.

  • Handelswege zu Luthers Zeiten: Straßen
    Zunächst gab es zwischen den größeren Städten – etwa von Köln über Frankfurt nach Nürnberg – Straßen, die aber kaum befestigt waren. Entscheidend für die Fuhrleute waren daher die Verfügbarkeit und der Zustand von Brücken. Gab es keine, nutzte man eine Furt (Untiefe). Nur in großen Städten gab es Brücken aus Stein, ansonsten waren sie aus Holz und damit der Witterung ausgesetzt. Große Verkehrsknotenpunkte waren im Süden Augsburg und Nürnberg.
  • Handelswege zu Luthers Zeiten: Verkehrsmittel
    Die Händler nutzten Ochsenkarren, die zum Teil noch speichenlose Scheibenräder hatten. So wurden Waren vom Herstellungsort zu einer Messe befördert oder von Marktfleck zu Marktfleck. Eine Tagesleistung von 20 Kilometern war schon viel.
  • Handelswege zu Luthers Zeiten: Wasserwege
    Sie besaßen im Spätmittelalter wegen der schlechten Landwege eine viel größere Bedeutung als heute. Man transportierte vor allem sperrige und schwere Güter auf Lastkähnen. Flussabwärts genügten Strömung und Ruder, flussaufwärts wurden die Kähne von Pferden mit Seilen gezogen. Die Tiere liefen auf dem sogenannten Treidelpfad oder Leinpfad am Ufer. Die alten Pfade sind heute meist Rad- und Spazierwege. Die Treidelknechte hatten wegen Strömung und Abdrift eine mühsame Arbeit – und die Pferde auch.
  • Handelswege zu Luthers Zeiten: Hafen am Bodensee
    Die ausgebaggerten Tiefwasserhäfen gab es im 16. Jahrhundert nicht. Daher besaßen die Lädinen keinen Kiel, sondern sie waren flach und eher einer schwimmenden Waschschüssel ähnlich. Die Schiffe wurden entweder mit Beibooten entladen oder sie wurden über Holzbohlen ans Ufer gezogen. Das machten Tagelöhner. Die Lädinen hatten meist sechs bis acht Mann an Bord.
  • Handelswege zu Luthers Zeiten: Schiffsunternehmer
    Reeder im heutigen Sinne gab es im Spätmittelalter noch nicht. Die Lädinen gehörten zunächst finanzstarken Städten, den Grafen in Seenähe und den Klöstern (etwa St. Gallen). Das änderte sich später. Dann schlossen sich Investoren zu Eigentümergemeinschaften zusammen, denn der Lädinenbau war sehr teuer. Um 1500 verkehrten auf dem Bodensee etwa 150 Lastschiffe.
  • Handelswege zu Luthers Zeiten: Handelshürden
    Erschwerend für den Handel waren nicht nur die deutschen Währungen (Taler-Währung im Norden, Gulden-Währung im Süden), sondern auch die Vielfalt an Zähl-, Längen- und Gewichtsmaßen. Ein Bündel waren z. B. 10 Hasenfelle, ein Ballen 12 Stück Tuch. Ein Zoll war in Baden 3 Zentimeter, 12 Zoll waren meist ein Fuß, auch Schuh oder Werkschuh genannt. Eine Spanne war der Abstand zwischen Mittelfingerspitze und Handwurzel.

Der Augustiner aus Erfurt hatte viele Grenzen passiert, als er nach Wochen (er brauchte bis Rom etwa drei Monate), über Ulm und Ravensburg kommend, bei Lindau den Bodensee erreichte und nach Bregenz weiterging. Dort sah Luther, was er auch von den Flüssen her kannte: große Lastschiffe, vollbeladen mit Gütern aller Art, von einem Segel getrieben oder mit langen Stangen in Ufernähe von Schiffsknechten gestakt. Es waren die Lädinen, auf die der Blick des Mönches gefallen sein dürfte. Denn Lindau und Bregenz besaßen Häfen, wo diese Lädinen anlandeten und beladen oder entladen wurden. Bauholz aus dem Bregenzerwald, Weinfässer aus Meersburg, Eisenerz aus dem Schwarzwald, Salz aus dem Salzkammergut, Sandsteine aus Rorschach. „Es waren die Massengüter der damaligen Zeit, die von den Lädinen transportiert wurden“, sagt Fritz-Heinrich Bauer vom Lädinenverein Bodensee in Immenstaad.

Flößer binden Baumstämme zusammen. Schon im Mittelalter wurde gefälltes Holz die Flüsse hinabgetrieben. Das war damals der einfachste Transportweg.
Flößer binden Baumstämme zusammen. Schon im Mittelalter wurde gefälltes Holz die Flüsse hinabgetrieben. Das war damals der einfachste Transportweg. | Bild: dpa

„Die Lädinen haben seit dem Hochmittelalter wesentlich zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Bodenseeraums beigetragen“

Bauer und Christophe Schneider, Vorsitzender des Vereins, haben für den SÜDKURIER klar Schiff gemacht. An Bord der Lädine „Sankt Jodok“, des 17-Meter-Nachbaus eines historischen Lastschiffs, wird das Spätmittelalter auf dem Bodensee plötzlich lebendig. Bauer und Schneider tragen die Leinenhemden ihrer Vorfahren auf dem See und berichten, was so besonders war an der Zunft, der vom Verein mit dem Nachbau 1999 ein seetüchtiges Denkmal gesetzt wurde. „Die Lädinen haben seit dem Hochmittelalter wesentlich zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Bodenseeraums beigetragen“, sagt der geschichtskundige Hobbysegler Bauer. „So wäre die Versorgung des Konstanzer Konzils 1414-1418 mit Lebensmitteln ohne die Lädinen gar nicht möglich gewesen.“

An Bord der Lädine „St. Jodok“: SÜDKURIER-Redakteur Alexander Michel (links) im Gespräch mit Christophe Schneider (Mitte) und Fritz-Heinrich Bauer vom Lädinenverein Bodensee in Immenstaad.
An Bord der Lädine „St. Jodok“: SÜDKURIER-Redakteur Alexander Michel (links) im Gespräch mit Christophe Schneider (Mitte) und Fritz-Heinrich Bauer vom Lädinenverein Bodensee in Immenstaad. | Bild: Sabine Tesche

Denn die heutigen bequemen Straßen hart am Ufer gab es zu Luthers Zeiten nicht. Wo keine Siedlung war, ging das Wasser oft in Sumpf über, vor allem in den Niederungsgebieten von Zuflüssen wie der Schussen, Argen oder Aach. Wenn Luther von Lindau nach Bregenz wanderte, musste er über den Pfänder. Die sowieso schlechten Wege mieden den See. Wer von Überlingen nach Sipplingen wollte, musste wegen der Heidefelsen, die ganz ans Ufer reichten, einen großen Umweg machen. Straßentransporte bei diesen miesen Bedingungen?

Lieber nicht, wenn es mit der Lädine einfacher ging. Die konnte bis zu 60 Tonnen Güter tragen, ein Ochsenkarren dagegen höchstens eine Tonne. „Auf dem Land erwarteten die Kaufleute außerdem Raubüberfälle, Achsenbruch oder es verendete ein Zugtier“, erzählt Fritz-Heinrich Bauer. Vor diesen Unbilden bewahrte die Lädinenschifffahrt, die auch viel schneller vorankam als der Ochse über Land. „Von Konstanz nach Bregenz brauchte die Lädine bei gutem Westwind etwa acht Stunden“, sagt Christophe Schneider. Zurück dauerte es länger. „Denn die Lädine konnte mit dem einfachen Rahsegel nicht gegen den vorherrschenden Westwind kreuzen.“ Die Lädinenfreunde erklären den Mangel: „In den Häfen konnte man billige Tagelöhner als Schiffsknechte anheuern, die dann ruderten oder stakten“, sagt Experte Bauer. „Der Lohn für diese sogenannten Dammglonker war so niedrig, dass es für die Schiffseigner nicht lohnte, eine aufwendige Besegelung vorzunehmen.“

Alkoholismus an Bord verantwortlich für viele Untergänge

Muskelkraft war zu allen Zeiten im Angebot. Aber die Schiffseigner waren zu Zugeständnissen gezwungen. „Die Schiffsknechte hatten das Recht, aus den Weinfässern der Ladung zu trinken“, weiß Fritz-Heinrich Bauer. Für diesen „Freitrunk“ besaßen sie sogar ein Werkzeug – halb Holzbohrer, halb Trinkhalm – das „Stichnäpperle“. Was sich niedlich anhört, brachte den Knechten Freude, den Eignern und Kunden aber Verdruss. Auf der Strecke sank der Pegel in den Fässern und stieg in den Adern der Knechte. „Der Alkoholismus war neben Sturm und Überladen des Schiffs für die meisten Untergänge verantwortlich“, berichtet Bauer. Nicht wenige Knechte fielen im Suff über Bord und ertranken. Doch Trinkverbote wurden mit Arbeitsverweigerung bestraft.

Blick auf den Anlegesteg der Lädine „St. Jodok“ auf dem Bodensee vor Immenstaad. Der hölzerne Nachbau kann gesegelt, aber auch mit Stangen gestakt werden. Um die Fortbewegung auch bei einer Flaute zu sichern, ist ein Lkw-Motor als Antrieb im Heck eingebaut.
Blick auf den Anlegesteg der Lädine „St. Jodok“ auf dem Bodensee vor Immenstaad. Der hölzerne Nachbau kann gesegelt, aber auch mit Stangen gestakt werden. Um die Fortbewegung auch bei einer Flaute zu sichern, ist ein Lkw-Motor als Antrieb im Heck eingebaut. | Bild: Sabine Tesche

Auch die Schiffsbetreiber hatten Ärger: Denn auch auf dem See gab es Zollgrenzen. Bis zu zehn zwischen Bregenz und Ludwigshafen, das zu Luthers Zeiten noch Sernatingen hieß. Jeder Graf – etwa die Herren von Montfort am östlichen Ufer – und jede Stadt hatten Hunger auf Zolleinnahmen. Wer nicht zahlte und davonsegeln wollte, den holten die „Jagdschiffe“ (auch „Jagschiffe“) der Obrigkeit ein. Jene waren schnelle Ruderboote, denen keine Lädine entkam. „Sie wurde aufgebracht, dann abkassiert“, sagt Fachmann Bauer. Und dann war da noch der Pfarrer. Wollte ein Schiffsführer sonntags auslaufen, weil guter Wind aufkam, war der Klerus zur Stelle und stand Wache. Die Sonntagsruhe war damals heilig.


Reichtum und der Euro der Luther-Zeit

  • Fugger: Diese Augsburger Kaufmannsfamilie stand sinnbildlich für den Reichtum, den Unternehmer seit dem 14. Jahrhundert in Deutschland anhäufen konnten. Unter Jakob Fugger (1459-1525) gelangte das Haus europaweit zu Macht und bestimmte die Politik mit. So wurde die Wahl Karls V. zum römisch-deutschen König 1519 nur durch Geldsummen möglich, die Fugger als Unterstützer Karls an die sieben wählenden Kurfürsten überwiesen. Groß geworden waren die Fuggers durch den Bergbau (Silber und Kupfer) in Tirol und Ungarn. Ihr Stadtpalast in Augsburg steht noch. In der Fuggerei, einer 1521 gegründeten Stiftung für Arme, leben heute 150 Menschen.
  • Kupferbergbau: Die Zeit Luthers erlebte nicht nur den Aufstieg des Silbers, sondern auch den des Kupfers. So kam Luthers Vater Hans zu Vermögen, nachdem sich das Mansfelder Land (heute in Sachsen-Anhalt) nach Tirol zum zweiwichtigsten Kupferrevier in Europa entwickelt hatte. Um 1520 gab es 42 „Erbfeuer“ und 50 „Herrenfeuer“. Die Erbfeuer waren Abbaustätten mit erblichem Nutzungrecht. Die Inhaber mussten den Grafen von Mansfeld den zehnten Teil des Rohkupfer-Erlöses zahlen. Die Herrenfeuer betrieben die Grafen erst selbst und verpachteten sie dann gegen den Zehnten.
  • Gulden: In Süddeutschland war er die Leitwährung, so wie es später der Taler wurde und heute der Euro in Europa ist. Es gab Gold- und Silbergulden. In den Landen der Habsburger verbreitete sich der Gulden ab 1330. Zürich prägte die ersten Gulden um 1510. Die letzten süddeutschen Guldenmünzen wurden in den 1870er-Jahren außer Kurs gesetzt. 


Wo man Verkehrsgeschichte erleben kann

  • Archäologisches Landesmuseum Konstanz (ALM): 1981 wurde am Bodenseeufer vor Immenstaad das Wrack einer gesunkenen Lädine aus dem 14. Jahrhundert geborgen, das sehr gut erhalten war. Es wurde konserviert und ist im ALM in Konstanz in einer eigens erbauten Halle ausgestellt. Das Schiff hat eine eher eckige und kantige Form. Lädinen mit einem bauchigen, gewölbten Rumpf kamen erst 100 bis 150 Jahre später auf. www.konstanz.alm-bw.de
  • Segeln wie im Mittelalter: Einen praktischen Einblick in die Segeltechnik der Luther-Zeit bietet eine Fahrt auf der Lädine „St. Jodok“ auf dem Bodensee vor Immenstaad. Im Wort „Lädine“ steckt das alemannische „Lädi“ (Ladung, Last), in „Segmer“, wie kleinere Frachtsegler genannt wurden, das uralte griechisch-römische Fachwort für Tragtierlast („Sagma“), die nach Überqueren des Bernhardinopasses auf diese Schiffe im Ostteil des Bodesees umgeladen wurde. 1999 wurde das Schiff auf den Namen des Immenstaader Dorfpatrons „St. Jodok“ getauft und in Dienst gestellt. Inzwischen hat die Lädine über 100¦000 Gästen Rundfahrten und Charterfahrten ermöglicht. Es ist nicht gänzlich mittelalterlich, sondern hat auch einen Motor und eine Steuerung über ein modernes Steuerrad. Das alte Ruder kann aber auch benutzt werden. Information über die Rundfahrten bei gutem Wetter auf www.laedine.de
  • Versenkt: Im Historischen Museum in Basel widmet sich die Ausstellung „aufgetaucht“ Basler Gewässerfunden aus Vergangenheit und Gegenwart. Die Schau wird am 21. September eröffnet und dauert bis zum 4. März 2018. Aufgetaucht im Rhein oder aus den verschiedenen Stadtbächen gerettet, erzählen die Gewässerfunde aus Jahrhunderten spannende Geschichten über Liebe, Hass, Glaube, Konsum, Erinnern und Vergessen. www.hmb.ch/rheingeworfen