Ist Ihnen die viele Kunst auch schon aufgefallen? Ob in Athen oder Kassel, Basel oder Venedig: Überall gibt’s was zu schauen, riesenhafte Bronzefiguren und umgedrehte Lastwagen, aus Bücher gebaute Tempel – und, ja, sogar ganz einfache, klassische Gemälde. Es gibt einen Grund für diese Flut an Bildern, Installationen und Skulpturen. Er heißt: Superkunstjahr.

Super an diesem Kunstjahr ist, dass die Kunstmesse Art Basel, die Biennale in Venedig, die documenta in Kassel und die „Skulptur Projekte“ in Münster stattfinden: Nur einmal in zehn Jahren kommt es zu einer solchen Überschneidung all dieser Veranstaltungen. Ob auch die Kunst selbst so super ist, wie das Wort suggeriert, steht auf einem anderen Blatt.

"Kontellationen" heißt dieses Werk von Davor Ljubicic. Der Konstanzer Künstler sagt, in den großen Sammlungen seien nur noch profitable Namen vertreten. Bild: Galerie Bagnato
"Kontellationen" heißt dieses Werk von Davor Ljubicic. Der Konstanzer Künstler sagt, in den großen Sammlungen seien nur noch profitable Namen vertreten. Bild: Galerie Bagnato | Bild: Galerie Frehland

Schon im Vorfeld hatten Experten gemutmaßt, dass die Preise auf dem Kunstmarkt den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung machen könnten. In der Finanzkrise sind Werke von Damien Hirst, Gerhard Richter oder Jeff Koons zu einer Ersatzwährung geworden, weshalb für Leihgaben dieser Größenordnung vielen Kunstfestivals das Geld fehlt. Überdies: Wo viel Geld im Spiel ist, bleiben der kritische Einwurf, der provozierende Gedanke und das ästhetische Wagnis oft auf der Strecke.

Genau deshalb hat man sich zum Beispiel in Kassel den teuren Künstlern einfach verweigert. Besser gemacht hat das die Sache nicht. Denn statt Kommerz gibt es bei der documenta verkopfte Moralpredigten: Appelle gegen Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung, für offene Grenzen und soziale Gerechtigkeit. Als sei das alles so einfach.

Von der griechischen Küste stammen die Wracks von Flüchtlingsbooten, aus denen die Installation des Künstlers G. Galindo auf der documenta 14 in Kassel (Hessen) besteht.
Von der griechischen Küste stammen die Wracks von Flüchtlingsbooten, aus denen die Installation des Künstlers G. Galindo auf der documenta 14 in Kassel (Hessen) besteht. | Bild: Boris Roessler

Und so ist das Presseecho auf dieses Superjahr der Kunst desaströs. Von „banalsten Beispielen möchtegernpolitischer Konzeptkunst“ ist zu lesen (FAZ zur documenta). Von einer Gegenwart, in der sich die Kunst „zugrunde richtet“ (Süddeutsche zur Biennale). Und angesichts „niederschmetternder Erkenntnisse“ fragt die Tageszeitung „Die Welt“ sogar: „Ist die zeitgenössische Kunst vielleicht am Ende?“

Helena Vayhinger aus Singen ist eine der erfahrensten Galeristinnen unserer Region. Wir erreichen sie bei ihrem Rundgang auf der documenta. Nein, antwortet sie auf die Frage: Am Ende sei die Kunst zwar nicht. In einer Krise aber sehr wohl. Und mitverantwortlich daran seien die Kuratoren. Zu wichtig nähmen sie sich: „Um die Inhalte der Kunst selbst geht es immer weniger. Die Verantwortlichen sollten sich eher durch Zurückhaltung in den Vordergrund schieben.“

Helena Vayhinger
Helena Vayhinger

Kuratoren gibt es schon lange. Ihre Bezeichnung leitet sich vom lateinischen „curare“ ab, was so viel bedeutet wie „pflegen“ und „sich um etwas sorgen“. Früher sorgte sich so ein Kurator darum, dass Museumsstücke sicher verwahrt werden, dass Wissenschaftler sie erforschen können, dass ihre Auswahl und Anordnung in einer Ausstellung sinnvoll erscheint. Wann aber erscheint eine Auswahl und Anordnung sinnvoll? Diese einst banal anmutende Frage hat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte eine ungeahnte Bedeutung erlangt. Wie der Regisseur auf der Theaterbühne, so hat sich auch der Kurator im Kunstbetrieb zum Herrn über das Geschehen aufgeschwungen. Das einzelne Werk tritt in den Hintergrund: Die Auswahl, Anordnung und kommentierende Einordnung der gezeigten Exponate ist die eigentliche Kunst.

Bei der documenta zum Beispiel besteht diese Kunst im Angriff auf den Neoliberalismus. Und indem Chefkurator Adam Szymczyk dieses Thema setzt, erklärt er sich sogar zum Retter der Kunst: All die großen und teuren Namen sollten diesmal außen vor bleiben. Eingeladen waren vor allem junge, unverbrauchte Künstler.

„Aber wenn diese jungen Leute einfach nichts zu sagen haben, hilft auch kein theoretischer Überbau“, erklärt Galeristin Vayhinger. Das Publikum merke sehr wohl, wenn hinter all der schönen Inszenierung eines Kurators die künstlerische Substanz fehlt. Ja, mehr noch, oft wirkt die so betuliche politische Korrektheit ihrerseits unwürdig. „Wieso bekommen Flüchtlinge immer diese niederen Rudelarbeiten zu verrichten?“, fragt sich etwa der Konstanzer Künstler Davor Ljubicic nach seinem Besuch der Venedig-Biennale: „Stanzen, kleben, stapeln für etwas Futter und wenig Geld, wobei nur der Künstler profitiert?“

"Schauen Sie, der Prozess der Kunstentstehung bleibt auch für mich oft ein Rätsel. Und das ist auch gut so": Der Künstler Davor Ljubicic im Interview mit dem SÜDKURIER in den Räumen des Kunstvereins. Heute Abend wird dort seine neue Ausstellung eröffnet. BILD: STEFAN POSTIUS
"Schauen Sie, der Prozess der Kunstentstehung bleibt auch für mich oft ein Rätsel. Und das ist auch gut so": Der Künstler Davor Ljubicic im Interview mit dem SÜDKURIER in den Räumen des Kunstvereins. Heute Abend wird dort seine neue Ausstellung eröffnet. BILD: STEFAN POSTIUS | Bild: Stefan Postius

Mit Sozialaktivisten gegen den Kapitalismus protestieren, mit Flüchtlingen für offene Grenzen werben – vieles, was Kuratoren heute zeigen, erklärt der Konstanzer Künstler Markus Brenner, sei ein Job, den Journalisten genauso gut erledigen könnten: „Wir erleben zurzeit die Transformation des Journalistischen in die Kunst!“ Woran liegt das?

„Es werden einfach wahnsinnig viele Kuratoren ausgebildet“, sagt Brenner: „Das ist eine ganz komische Entwicklung.“ Die Folgen sind ihrer Meinung nach fatal. „Ganz viel von dem, was Kunst ausmacht, das Fantastische, Träumerische wird in konkrete Gesellschaftskritik umgewandelt. Mag sein, dass die Kunst lange Zeit zu unpolitisch war, aber jetzt geht ihr das Rätselhafte verloren. Die Imagination fällt weg.“ Allein die Mode, Archive anzulegen: „Wie mir die auf den Senkel geht!“

Markus Brenner
Markus Brenner

„Es gibt ein verbreitetes Unbehagen“, sagt auch Christoph Bauer, Leiter des Kunstmuseums Singen und als solcher selbst immer wieder als Kurator tätig. „Viele Künstler haben Angst, dass sie irgendwann nur noch dazu da sind, die Ideen eines Kurators zu bebildern. Und diese Angst ist nicht ganz unberechtigt.“ Denn der Wettbewerb unter den Kuratoren wirke sich längst auf die Ausstellungspraxis aus.

Einzelausstellungen, auf denen sich ein Künstler in seiner ganzen thematischen Breite präsentieren kann, gebe es immer weniger, sagt Bauer. Stattdessen löse eine Themenausstellung die andere ab. Grund: „Die meisten Kuratoren sind in großen Kunstvereinen befristet beschäftigt. Nach zwei Jahren brauchen sie einen neuen Vertrag, und dafür müssen sie sich flächendeckend vernetzen.“ Für eine Einzelausstellung komme ein Kurator lediglich mit dem Künstler und dessen Galeristen in Kontakt. Bei themengebundenen Ausstellungen mit weiterem Teilnehmerfeld dagegen könne er weitausmehr Kontakte knüpfen: „Die Wahrscheinlichkeit, dass darunter einer ist, der mir den nächsten Job verschafft, steigt.“ Auch das Medieninteresse, sagt Bauer, sei bei Themenausstellungen größer.

Christoph Bauer
Christoph Bauer | Bild: Stefan Schwarz | www.sms-photo.de

Hier der kommerzielle Kunstmarkt mit seinen millionenschweren Superstars – dort die kapitalismuskritischen Kuratoren, mit ihrem journalistischen Anspruch. Das eine erscheint wie das Gegenteil des anderen. Doch der Schein trügt. Denn auch im kommerziellen Markt mischen die Kuratoren eifrig mit. Das Beratergeschäft ist lukrativ – und hat Folgen für die Kunst. Folgten Sammler früher noch dem Bauchgefühl, so halten sie sich heute an kunsthistorisch ausgefeilte Konzepte. „Es geht ihnen immer weniger ums sinnliche Erleben“, klagt der Künstler Markus Brenner, „und immer mehr darum, eine wissenschaftlich stimmige Sammlung aufzubauen“. Kunstmessen wie die Art Basel bieten dafür die geeignete Plattform, jede Abweichung vom Kanon der Kuratoren gilt hier als Fehler im Konzept, statt als Ausdruck individuellen Kunsterlebens. In den großen zeitgenössischen Sammlungen seien deshalb oft nur noch große und profitable Namen vertreten, sagt Ljubicic: „Das macht sie langweilig, aber zu guten Kapitalanlagen.“ Manche dieser Kuratoren, bevorzugt die besten, werden sogar für private Sammlungen und Stiftungen von Museen abgeworben. Nicht genug also, dass die öffentlich finanzierten Häuser im Bieterwettstreit um Kunst gegenüber der finanzstarken Konkurrenz längst ins Hintertreffen geraten sind: Sogar ihre Angestellten müssen sie immer öfter ziehen lassen.

Die Kunstszene ist in Schieflage geraten, und ein Ausweg aus dem Dilemma ist nicht in Sicht. „Mit Kunst zu arbeiten“, sagt Galeristin Helena Vayhinger, „das ist im Moment ein schwieriges Terrain“. Und dennoch: „Es bleibt eine freie und befreiende Tätigkeit.“

Ein Werk von Kitschkönig Jeff Koons in der Ausstellung im Palais de Versaillesbei Paris (Archivfoto vom 09.09.2008). Der französisische Thronprätendent Charles-Emmanuel de Bourbon-Parme, Nachfahre des Sonnenkönigs Ludwig XIV., teilte der dpa im Dezember 2008 in Paris in einem Kommuniqé mit, dass «Ihre Königliche Hoheit» jetzt gegen die Verlängerung der Ausstellung des «Königs des Kitsch», Jeff Koons, im Prunkschloss von Versailles juristisch vorgehen werde. Für ihn seien die farbenprächtigen Skulpturen des Amerikaners eine «Profanierung» der Werke seiner Ahnen und eine rein kommerzielle «Werbung für einen Porno-Star» dazu. In einem offenen Brief an Präsident Nicolas Sarkozy hatte Charles-Emmanuel vergeblich gefordert, die «clownesken» Werke «voller sexueller Anspielungen» aus dem Schloss zu entfernen.
Ein Werk von Kitschkönig Jeff Koons in der Ausstellung im Palais de Versaillesbei Paris (Archivfoto vom 09.09.2008). Der französisische Thronprätendent Charles-Emmanuel de Bourbon-Parme, Nachfahre des Sonnenkönigs Ludwig XIV., teilte der dpa im Dezember 2008 in Paris in einem Kommuniqé mit, dass «Ihre Königliche Hoheit» jetzt gegen die Verlängerung der Ausstellung des «Königs des Kitsch», Jeff Koons, im Prunkschloss von Versailles juristisch vorgehen werde. Für ihn seien die farbenprächtigen Skulpturen des Amerikaners eine «Profanierung» der Werke seiner Ahnen und eine rein kommerzielle «Werbung für einen Porno-Star» dazu. In einem offenen Brief an Präsident Nicolas Sarkozy hatte Charles-Emmanuel vergeblich gefordert, die «clownesken» Werke «voller sexueller Anspielungen» aus dem Schloss zu entfernen. | Bild: A2800 epa/ Maxppp Gios
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Stephan Geiger (r.)
Stephan Geiger (r.)

Zur Person

Stephan Geiger, 48, hat Kunstgeschichte, Philosophie und Klassische Archäologie in Bonn studiert. Seine Doktorarbeit hat er über die Ausstellung „The Art of Assemblage“ im New Yorker Museum of Modern Art von 1961 verfasst. Seit 1999 führt er zusammen mit seinem Vater Roland Geiger die von diesem 1975 in Kornwestheim gegründete Galerie Geiger in Konstanz. Er ist Autor belletristischer Texte sowie zahlreicher Veröffentlichungen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. (sk)
 

Galerist Stephan Geiger: „Ein gutes Kunstwerk hat Ecken und Kanten“

Herr Geiger, warum sollte man Kunst kaufen?

Kunst ist eine Bereicherung. Sie öffnet den Blick und rückt neue Aspekte ins Bewusstsein. Deshalb sollte sich ein gutes Kunstwerk nicht nur als schönes Ding erweisen, sondern auch Ecken und Kanten haben. Es sollte etwas besitzen, was den Betrachter herausfordert.

Nun gibt es aber viele solcher Kunstwerke. Woran merke ich, dass ich bei einem bestimmten zuschlagen sollte?

Gerade in Zeiten der digitalen Bilderflut üben Galerien eine Filterfunktion aus. Wir Galeristen verfügen über die entsprechende Erfahrung, um unseren Kunden bei der Auswahl zu helfen. Unabhängig davon aber muss natürlich der Funke vom Kunstwerk auf den Betrachter überspringen.

Wer sagt mir, dass mich ein Galerist nicht über den Tisch zieht?

Eine gute Galerie möchte, dass Sie wiederkommen. Sie wird sich deshalb hüten, Sie falsch zu beraten. Es ist aber in der Tat ein Problem, dass Galerist kein geschützter Beruf ist. Wir haben nicht einmal eine Berufsausbildung. Daher ist die Halbwertszeit vieler Galerien gering. Wenn sich ein Galerist über lange Zeit am Markt halten kann, ist das ein Hinweis darauf, dass er einiges richtig gemacht haben muss.

Gibt es für jedes Portemonnaie gute Kunst?

Es gibt schon von jungen Künstlern Unikate, die Sie für wenige hundert Eure erwerben können. Wenn man unter guter Kunst allerdings dauerhaft werthaltige Objekte versteht, muss man schon im fünfstelligen Bereich einsteigen.

Gibt es Verhandlungsspielraum?

Das ist unterschiedlich. Bei ganz junger, noch nicht so etablierter Kunst können Sie oft noch verhandeln. Wenn ein Künstler aber schon etabliert ist, gibt es einen Sekundärmarkt und Auktionspreise, die einen festgefügten Preisrahmen bestimmen.

Angenommen, ich habe ein Bild erworben. Kann ich das jetzt einfach so übers Sofa hängen? Oder muss ich da nicht klimatische oder auch sicherheitstechnische Fragen berücksichtigen?

Sie sollten schon mit der Kunst leben, statt sie in einen Tresor zu sperren. Aber natürlich gilt es bei höherwertiger Kunst schon, darauf zu achten, ob die Hausratsversicherung einen möglichen Schaden abdeckt. Auch klimatische Aspekte sind wichtig: Ein zartes Aquarell gehört nicht 50 Zentimeter neben ein großes Fenster. Das gilt gerade für uns hier am Bodensee, wo die Lichteinwirkung sehr intensiv ist.

Habe ich an meinem Bild alle Rechte? Darf ich damit tun, was ich will?

Sie dürften es theoretisch zerstören, aber nicht verändern. Denn das Urheberrecht liegt noch beim Künstler. Deshalb dürfen Sie von ihrem Bild auch keine Plakate anfertigen und diese vermarkten.

Verändern geht nicht, aber zerstören ist völlig in Ordnung?

Auch hier gibt es eine Ausnahmeregelung, und zwar dann, wenn es sich um wertvolles Kulturgut handelt. Es gab mal den Fall, dass ein japanischer Sammler seinen Van Gogh mit ins Grab nehmen wollte. Da gab es seinerzeit international einen großen Aufschrei.

Ist es verwerflich, Kunst als Kapitalanlage zu verstehen?

Verwerflich nicht, es sollte aber nicht der Hauptaspekt sein. Kunst ist etwas, womit man leben sollte. Ihre Funktion als Kapitalanlage ist eine zusätzliche Komponente, die seit der Finanzkrise immer wichtiger geworden ist. Allerdings werden sich höchstens ein Promille der Werke von jetzt aktiven Künstlern langfristig als gutes Investment herausstellen. Wir haben das Glück, nach 42 Jahren Galeriearbeit einige Künstler im Programm zu haben, die diesen Test der Zeit bestanden haben.

Was würden Sie mir raten, wenn ich mein Geld in Kunst investieren möchte?

Zunächst sollten Sie sich viel anschauen, Galerien und Museen besuchen. Dann herausfinden, mit welcher Kunst Sie leben wollen. Und sich schließlich für einen Künstler entscheiden. Dabei aber nicht zwei, drei mittelmäßige Arbeiten kaufen, sondern lieber mehr Geld in die Hand nehmen und ein Spitzenwerk erwerben – natürlich nach Beratung durch einen Galeristen.

Man braucht also Mut?

Ja, den brauchen Sie.

Wer bekommt eigentlich welchen Anteil des erzielten Preises?

Das ist sehr unterschiedlich. Junge Künstler können nicht so viele Prozente einfordern, weltbekannte Künstler dagegen erhalten den Löwenanteil. Und dann wird natürlich noch ein großer Betrag an Steuern fällig. Seit 2014 umso mehr, weil für Galerien leider nicht mehr der ermäßigte Satz gilt.

Fragen: Johannes Bruggaier