„Also wegen Kunst“, schreit Christoph Bauer, während ein Lastwagen um Haaresbreite an ihm vorbeirauscht, „kommt kein Schwein hierher!“ Es regnet in Strömen, der 58-jährige Leiter des Singener Kunstmuseums klopft leicht angewidert den aufgespritzten Dreck von seiner Hose. Er steht vor dem Burger King am Kreisel der Georg-Fischer-Straße. Gegenüber leuchtet die Reklame von McDonald’s, links grüßt eine Aral-Tankstelle. Rechts davon Möbel Roller, Obi, Kentucky Fried Chicken. Eine Konsumhölle im Industriegebiet, ein Nicht-Ort in Singens unwirtlichstem Viertel. Und doch Heimat eines Kunstwerks. Es nennt sich „Begegnung“, steht mitten auf dem Kreisel und zeigt zwei grobschlächtige Gestalten, ängstlich, eingeschüchtert aneinandergeklammert.

Kunst auf Kreiseln ist in die Schlagzeilen geraten. Wegen einer EU-Richtlinie wollen deutsche Behörden viele Skulpturen entfernen: Angeblich lenken sie Autofahrer vom Verkehr ab. Doch als kürzlich das Landratsamt in Binzen bei Lörrach die Entfernung einer Skulptur („Dreispitz“) ankündigte, setzten sich die Bürger zur Wehr. Unter dem Namen „Rettet den Dreispitz“ kämpft seither eine „Initiative gegen Behördenwillkür“ vor Gericht für die Kunst. Allein: Was ist von dieser Kunst überhaupt zu halten? Um das zu klären, sind wir mit Christoph Bauer unterwegs. Der Mann für Ästhetik soll die Kreisel unserer Region beurteilen: nach künstlerischen Kriterien, nicht nach sicherheitstechnischen.

 

Eine EU-Verordnung mit Folgen

„Sicherheitsmanagement für die Straßenverkehrsinfrastruktur“: Dieser wuchtige Titel steht für jene neue EU-Verordnung, die Liebhabern von Kreiselkunst zurzeit das Leben schwer macht. Die Fakten im Einzelnen:

  • Zielsetzung
    Die Zielsetzung der bereits 2008 verabschiedeten Richtlinie lautet „Vision Zero“: Bis zum Jahr 2050 soll die Zahl der Verkehrstoten auf Europas Straßen auf nahezu null absinken. Dass dafür der Abbau von Kreiselkunst ein besonders geeignetes Mittel wäre, geht aus der Verordnung selbst zwar so nicht hervor. Allerdings ist davon die Rede, dass „neben der Straße befindliche feststehende Hindernisse“ beseitigt werden sollen. Und „neben der Straße“, das gilt eben auch für Kunstwerke, die auf Kreiseln stehen.
  • Entscheidungen
    Welche Kunstwerke es tatsächlich zu entfernen gilt, regelt die Verordnung nicht. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) erklärt, die Entscheidungen sollten nach dem „Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“ getroffen werden. Zuständig für diese Entscheidung seien „Experten vor Ort“, beispielsweise durch Vertreter der örtlichen Straßenverkehrsbehörde, des sogenannten Straßenbaulastträgers (je nach Lage des Kreisels die Kommune, das Land oder der Bund) und der Polizei.
  • Regelungen
    Grundsätzlich dürfen auf Kreiseln, die außerhalb geschlossener Ortschaften an Bundes- und Landesstraßen neu gebaut werden, keine starren Hindernisse mehr stehen. Im Übergangsbereich von der freien Strecke zur Ortsdurchfahrt ist „im Einzelfall zu prüfen, ob die künstlerische oder bauliche Gestaltung mit Hindernissen unter Verkehrssicherheitsaspekten möglich ist“. Nur innerhalb der Ortsdurchfahrten ist Kreiselkunst weiterhin ohne Einschränkungen erlaubt.
  • Alternativen
    Es gibt auch Alternativen: Ausdrücklich erwähnt das Verkehrsministerium die Möglichkeit, von der Entfernung bedrohte Kunstwerke so abzusichern, dass sie doch stehen bleiben können. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen Anböschungen, Anpralldämpfer, Geschwindigkeitsüberwachungen oder auch Sollbruchstellen in der Skulptur. (brg)

So zeigt er durch den Regen auf die am rechten Kreiselrand stehenden Riesen. „An einem solchen Ort funktioniert Kunst nur, wenn sie nicht versucht, hübsch zu sein“, erklärt er. Allein Klaus Priors mit einer Kettensäge aus zwei Baumstämmen herausgeschälte grobe Figuren vermögen es, sich in dieser brutal anmutenden Umgebung zu behaupten: ein Porträt des von Reizüberflutung gebeutelten Stadtmenschen. „Manche erwarten ja klassische Schönheit“, sagt Bauer, als er schon wieder im Auto sitzt, auf der Suche nach neuen Zielen: „Aber die funktioniert da nicht. Die Alternative wäre, den Kreisel leer zu lassen.“

So abwegig ist dieser Gedanke nicht. Noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit durften Künstler allenfalls Rat-hauswände verschönern: als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu einer Zeit, in der Privatpersonen kein Geld für Kunstkäufe übrig hatten. Erst in den Sechzigern kam die Politisierung der Gesellschaft und mit ihr auch der Bedeutungswandel von Kunst im öffentlichen Raum. Plötzlich sollten Künstler im Stadtbild den Kapitalismus kritisieren oder zu Frieden und Gerechtigkeit mahnen. Vor allem aber sollten sie Kunst auch zu denen bringen, die nicht von selbst ins Museum gehen. An Orten wie dem Kreisel an der Georg-Fischer-Straße.

Kunst für einen tristen Ort: Klaus Priors grobschlächtige Gestalten auf dem Kreisel der Georg-Fischer-Straße in Singen.
Kunst für einen tristen Ort: Klaus Priors grobschlächtige Gestalten auf dem Kreisel der Georg-Fischer-Straße in Singen. | Bild: Sabine Tesche

„Viele Menschen verstehen nicht, dass Kunst im öffentlichen Raum immer von ihrem Umfeld abhängig ist“, sagt der Museumschef, während wir durch Singen fahren. Plötzlich ruft er: „Da vorne zum Beispiel! Lassen Sie uns doch mal rechts ranfahren!“ Zu sehen ist ein grellroter Schriftzug, gemalt auf eine dunkle Wand: „Singen“. Die Buchstaben sind von ungeheurer Plastizität, als schwebten sie geradezu in der Luft. Bauer steigt aus und läuft auf sie zu. „Sehen Sie? Harald F. Müller hat das gar nicht aufgemalt, sondern vor die Wand montiert! Irritiert fühlen Sie sich aber nur, wenn Sie mit dem Auto daran vorbeifahren. Deshalb würde es in einer Fußgängerzone gar nicht funktionieren!“

In Singen kennt Bauer jeden Winkel. Vieles, was hier zu sehen ist, geht auf sein eigenes Engagement zurück. Interessant wäre, was er von der Kreiselkunst anderer Orte hält.

Wir fahren Richtung Stockach. Die Stadt liebt nicht nur den Kreisverkehr. Sie kennt dazu auch originelle Geschichten. Zum Beispiel die vom U-Boot aus dem Atelier des Bildhauers Peter Lenk. Es sollte 2002 auf dem Kreisel am Ortseingang errichtet werden. Doch dem Wunsch des Bürgermeisters widersprach der Gemeinderat. So entstand die kunstfreie Version mit Pflanzen und Mauerteilen. Kurze Zeit nach der Einweihung ragte plötzlich ein Periskop mitsamt Deutschlandfähnchen aus dem Boden: eines jener Guckrohre, wie man sie von U-Booten kennt. Der Stadtbaumeister hatte sich einen Scherz erlaubt. Jetzt sieht es so aus, als liege das vom Bürgermeister so sehnlichst erhoffte U-Boot unter der Oberfläche vor Anker.

Das U-Boot Guckrohr mit Fähnchen ist nur ein kleiner Scherz des Stockacher Stadtbaumeisters. Es erinnert an Peter Lenks U-Boot, das hier beinahe gestrandet wäre.
Das U-Boot Guckrohr mit Fähnchen ist nur ein kleiner Scherz des Stockacher Stadtbaumeisters. Es erinnert an Peter Lenks U-Boot, das hier beinahe gestrandet wäre. | Bild: Sabine Tesche
Und hier taucht das U-Boot des Bildhauers aus Bodman-Ludwigshafen tatsächlich auf: Es steht auf dem Gelände der Sparkasse in Stockach.
Und hier taucht das U-Boot des Bildhauers aus Bodman-Ludwigshafen tatsächlich auf: Es steht auf dem Gelände der Sparkasse in Stockach. | Bild: Tesche

Dem Auto entstiegen, betrachtet der Kunstexperte aus Singen ratlos Rohr und Fähnchen. Dann lauscht er, dem Verkehrslärm trotzend, der Geschichte und bricht schließlich in ehrliches, spontanes Lachen aus. „Der Witz ist gut!“, ruft er und ringt nach Luft. „Aber mal ehrlich: Künstlerisch ist das natürlich nix.“ Warum nicht? Wo er doch sogar gelacht hat?

„Na ja“, wiegelt Bauer ab: Kunst im öffentlichen Raum müsse sich dem Betrachter ohne Hintergrundwissen mitteilen. „Fragen Sie mal den Fahrer dieses Lastwagens, der jetzt auf den Kreisel fährt, wie lustig er dieses Rohr findet. Der hat vom Sinn der Sache doch gar keine Ahnung!“ Aber das sei gar nicht weiter schlimm. Nicht jeder Kreisel eigne sich für Kunst, manchmal sind Pflanzen und Mauerteile die bessere Lösung. „Die Gestaltung ist doch auch so gut gelungen“, urteilt der Museumschef: „Sie verbindet die Stadt mit der Landschaft, die Mauern erzeugen sogar eine gewisse Dynamik.“

Für Lenks U-Boot, das heute in der Innenstadt steht, hat er weniger übrig. Konzentriert liest Bauer den auf einer Stele angebrachten Begleittext. Er gehe davon aus, dass der Künstler ihn selbst formuliert habe, sagt er. „Und da muss ich sagen: Er stachelt damit die Fantasie des Betrachters an. Klasse!“ Doch man merkt, dass er mit diesem Lob nur von der Skulptur selbst ablenken will. Raus mit der Sprache, Herr Bauer: Was gefällt Ihnen nicht daran?

„Das Werk bezieht sich ja auf die Swimmingpool-Affäre des damaligen Bundesverteidigungsministers Rudolf Scharping“, hebt er an. „Jetzt frage ich Sie: Wer kennt heute noch Rudolf Scharping? Und wer seine Affäre?“ Dann das Handwerkliche. Die Figuren, so lautet seine Kritik, stünden auf diesem Boot ohne jede organische Verbindung: „Es wird zum bloßen Sockel degradiert.“

Weiter geht die Reise durch Wind und Regen. Eigentlich, sagt Bauer im Auto, sei das ein tolles Wetter zum Studium von Kreiselkunst. Im Sonnenschein sehe alles gut aus. Nur was Qualität hat, trotzt dem Regen.

Am Ortsausgang steht das „Tor zum Bodensee“, eine wuchtige Skulptur von Ursula Haupenthal. Der Experte geht ganz nah ran, betastet die Platten aus Acrylglas. Sie bilden einen Bodenseeumriss von eigenartiger Tiefenwirkung. Dass sich seine Ostseite unten befindet, signalisiert dem Autofahrer seinen eigenen Standort. Die von Bauer geforderte Reaktion von Kunst auf ihr Umfeld: Hier müsste es sich doch in vorbildlicher Weise zeigen!

Christoph Bauer betastet das Acrylglas der Skulptur „Das Tor zum Bodensee“.
Christoph Bauer betastet das Acrylglas der Skulptur „Das Tor zum Bodensee“. | Bild: Sabine Tesche

Doch der Fachmann wiegt zögerlich das Haupt. „Dass der Bodensee auf dem Kopf steht, macht die Skulptur groß und damit zum Monument“, sagt er nach einer Weile. „Schlecht ist es nicht“, bringt der Kunstexperte schließlich hervor: „Wirklich überzeugend aber auch nicht.“ Zu zeichenhaft, zu wenig kritische Substanz. So sei das oft mit Monumenten.

Zum Schluss: Bodman. Hier findet sich ein Kreisel, der weder auf Kunst setzt noch auf Natur, sondern auf Design. Zehn Meter hohe Stangen, auf denen tellerartige Gebilde schweben. Solarzellen bringen sie nachts zum Glimmen. Eine utopische Erscheinung am Eingang des Industriegebiets. Der Museumsmann läuft ein wenig im Kreis herum, Verkehr gibt es hier kaum, es ist plötzlich ganz still. „Gar nicht schlecht“, sagt er schließlich. „Die moderne Ästhetik passt zur Industrie. Die im Wind wiegenden Stangen geben ihr eine spielerische Note. Und das Schilf am Boden erinnert an das Ufer da vorne. Keine große Kunst. Aber da hat sich einer was gedacht!“

"Keine große Kunst, aber da hat sich einer was gedacht", sagt Kunstexperte Christoph Bauer zur Gestaltung dieses Kreisels in Bodman.
"Keine große Kunst, aber da hat sich einer was gedacht", sagt Kunstexperte Christoph Bauer zur Gestaltung dieses Kreisels in Bodman.

Der Regen hat aufgehört, die Reise ist zu Ende. Nach so vielen Kreiseln kreisen auch die Gedanken. Nicht alles, was an Straßen steht, gefällt. Doch selbst fragwürdige Kunst ist meist besser als keine Kunst. Das liegt daran, dass sie die rationale Ordnung unseres Lebens durchkreuzt. „Wir vernutzen alles!“, ruft Christoph Bauer auf der Rückfahrt erregt und zeigt aus dem Fenster. Und tatsächlich: Der öffentliche Raum erweist sich als eine Welt voller zweckmäßiger Dinge, von den Tankstellen bis zu den Baumärkten, von den Ampelanlagen bis zu den Imbissbuden. In dieser Diktatur des Nützlichen mutet Kunst an wie eine Oase für die Sinne. Wenn sie gut ist, auch bei Regenwetter.

Unterwegs auf der Suche nach Kreiselkunst: Christoph Bauer (links) und SÜDKURIER-Redakteur Johannes Bruggaier studieren bei Stockach eine Informationstafel.
Unterwegs auf der Suche nach Kreiselkunst: Christoph Bauer (links) und SÜDKURIER-Redakteur Johannes Bruggaier studieren bei Stockach eine Informationstafel. | Bild: Sabine Tesche