Mannsbilder, wohin man schaut! Das Stockacher Narrengericht? 22 Männer. Der Beklagte? Meist auch einer, dieses Jahr Thomas Strobl. Die Vorstandsbänke im Kölner Karneval? Männer in gesetztem Alter mit Schweifmützen. Die Zunftmeisterempfänge? Männer mit Damen im Schlepptau. Immerhin ist das Ballett, das die Waden für den Zunftball schwingt, weiblich. Oder die Bedienungen oder die Menschen, die Tausende von Kleidern eigens für die verrückten Tage schneidern. Alles Frauen. Diese Form der Arbeitsteilung hat sich ins 21. Jahrhundert gerettet. Die Fasnacht oder Fastnacht oder Fasnet ist männergetrieben, weil sie auch viel mit triebhaften Männern zu tun hat. Fasnacht, eine der letzten Bastionen des wilden Mannes.

Dafür gibt es gute und weniger gute Gründe. Beim berühmten Narrengericht in Stockach beispielsweise gilt die Satzung von 1587, die nur Männer zulässt. Die Mitgliedschaft im Gericht war an das Bürgerrecht gekoppelt, und das konnten Frauen damals nicht erhalten, erläutert Thomas Warndorf, der die Rolle des Anklägers innehat. Auf den Gedanken, das edle Gremium auch für Frauen zu öffnen, kam bisher kaum jemand. Es wäre auch keine gute Idee, wie die männlichen Mitglieder eifrig versichern. Fasnacht wäre der falsche Acker für derlei Reformen. Sie lebt davon, dass sie verkehrt und schräg ist. Dazu gehören auch die zeitweilige und gruppenweise Trennung von Männern und Frauen. Die Volkskunde stützt diese Erkenntnis. „Im Mittelalter waren nur Männer aus bestimmten Schichten in der Fasnacht aktiv“, sagt Experte Werner Mezger.

Männer stecken drunter, der Hansel aus Hüfingen hat aber ein Engelsgesicht. Die Glattlarve soll weder Frau noch Mann darstellen.
Männer stecken drunter, der Hansel aus Hüfingen hat aber ein Engelsgesicht. Die Glattlarve soll weder Frau noch Mann darstellen. | Bild: Patrick Seeger

Was sich wie Sexismus anhört, ist genau das Gegenteil. „Es muss ja nicht überall die Gender-Thematik herrschen,“ meint Rainer Vollmer mit Augenzwinkern. Er kennt sich aus. Als bekennender Stockacher Narr und charmanter Moderator der TV-Konzilfasnacht hat er sich einige Expertise erworben. Vollmer, von Haus aus Chef einer Werbeagentur, schwärmt für die zeitweise Trennung. „Bei manchen Gruppen wäre es eine Katastrophe, wenn Mädels dabei sind.“ Das ist eine klare Ansage, die man ergänzen kann: Beim Jungesellinnenabschied sind ja auch keine Männer dabei.

Die Trennung der Geschlechter gilt auch für viele närrische Typen. Der Hansel auf der Baar beispielsweise – er trägt ein bemaltes weißes Leinenkleid – wird nur von Männern verkörpert. Im Gretle dagegen steckt immer eine Frau. Hansel und Gretle gehen zusammen – ein Paar, Bild einer Harmonie. Diese Rollenbilder wurden nie infrage gestellt. Sie sind, wie sie sind. Sie werden als Tradition im Gesamtpaket genommen oder als Ganzes abgelehnt. Das Einbrechen der Grenzen würde die gesamte Idee zertrümmern.

Die Fasnacht könnte eine herrliche Spielwiese für Gleichstellungs-Beauftragte sein. Oder für Gender-Aktionen. Könnte. Eher kristallisiert sich schon seit vielen Jahren eine andere Entwicklung heraus: Cliquen gründen ihre eigene Gruppe, in denen sie eigene Regeln setzen können. Dort sind selbstverständlich alle gleichberechtigt, Frauen haben die Hosen an, Frauen dirigieren – und Männer arbeiten dieses Mal in der Küche, schneidern und kümmern sich um die Kinder. Zahlreiche junge und feste Gruppen funktionieren so. Mit Kinderwagen und vertauschten Rollen und großem Spaß. Sie gehen als grauslige Perchten, als Musikband oder mit Karibikschiff.

Ein weites Feld ist auch die Besetzung närrischer Ehrenämter. Sie sind angesehen und bereiten Mühe. Attraktive Zünfte arbeiten hinter den Kulissen, um etwas zu bieten. Auch hier findet man eher Vereinsmeier als Vereinsmeierin. Obwohl die meisten Posten offen vergeben werden, sitzen dort überwiegend Männer. Dirigent, Chef des Fanfarenzugs, Zunftmeister – meist männlich. Noch. In der großen Vereinigung Schwäbisch Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) hat sich im vergangenen Jahr etwas getan. Erst in Weingarten, wo mit Susanne Frankenhauser erstmals eine Frau das Sagen hat.

Oberkaujohlin Birgit Beck moderierte charmant den Narrensprung.
Oberkaujohlin Birgit Beck moderierte charmant den Narrensprung. | Bild: unbekannt

Hurra, eine Zunftmeisterin

Oder in Markdorf, wo Birgit Beck die Zunft führt. Die 42-Jährige sagt: „Früher war das eine Männersache. Heute sitzen Frauen in vielen Gremien.“ Für Beck sollten noch viel mehr Frauen im Verein Verantwortung übernehmen. „Das liegt doch in der Zeit“, meint die Zunftmeisterin im Gespräch mit dieser Zeitung. Ihre Kollegen hätten sie „sehr gut aufgenommen,“ schließlich bringt sie einen Sack an Erfahrung mit. Völlig unberührt von dieser Entwicklung bleiben die einzelnen Häser: Der Hänseler ist und bleibt Männern vorbehalten, in der Alt-Markdorferin stecken immer Frauen.

Spannend wird es, wenn der Tausch der Geschlechter von der Tradition gewollt wird. Hinter der Narrenmutter in Überlingen steckt ein Mann. In das Gewand der Hexen von Offenburg oder Elzach schlüpfen nur Männer, so will es das Brauchtum. Oder der rheinische Karneval: Bei den Kölner Jecken ist die „Jungfrau“ des Dreigestirns unter dem Rock eindeutig männlich.

Der Typus der Hexe hat wenigstens ein eindeutiges Geschlecht. Er verkörpert die böse Frau. Bei vielen Weißnarren ist die Zuordnung dagegen nicht so einfach. Sein klassischer Vertreter trägt ein ebenmäßiges Gesicht. Die Haut der Larve ist glatt, der Mund geschwungen. Der Schnitzer der Maske hat es so gewollt und einen Hermaphroditen geschaffen, der männliche wie auch weibliche Züge aufweist. Vorbild für diesen Typ sind die Engel des Barock, die geschlechtslos sind. Sie dürfen weder in die eine noch in die andere Richtung fallen. Ein Neutrum mit feinen Zügen, was durch die helle Lasur und Glätte noch unterstrichen wird.

Der sogenannte närrische Witz

Nicht ganz so neutral geht es auf der Straße zu. Belästigung ist ein Dauerproblem des fasnächtlichen Treibens. Kira Reiter geht gerne auf die Konstanzer Fasnacht und hat dort ihre Beobachtungen gemacht. „Fasnacht hat auch diese Schattenseiten. Alleine unterwegs sein als Frau – das geht nicht,“ sagt sie. Die 20 Jahre alt Studentin schreibt ihre Erfahrungen in Form von schonungslosen Texten nieder, die sie bei der „Hall of Fame“ 2017 vortrug. Unter anderem schildert Reiter auch, wie besoffene Männer den angetrunkenen Frauen auflauern... Für ihre Texte erhält sie stets großen Beifall.

Hall of Fame, Fasnachts-Spezial, von Jungem Theater Konstanz, Konstanzer Schülerparlament und Narrengesellschaft Niederburg:Kira Reiter mit ihren poetischen Text. (Aufnahme vom 20.02.2017)
Hall of Fame, Fasnachts-Spezial, von Jungem Theater Konstanz, Konstanzer Schülerparlament und Narrengesellschaft Niederburg:Kira Reiter mit ihren poetischen Text. (Aufnahme vom 20.02.2017) | Bild: Jörg-Peter Rau

Bleibt noch der närrische Witz. Jahrzehntelang war er sexistisch und tendenziell frauenfeindlich. Für zwei, drei Tage wollten auch biedere Bürger die Sau rauslassen – um dann wieder brav unter die Obhut von Frau und Familie zurückzukehren. Nun haben sich die Zeiten geändert. Der närrische Witz – bislang ein Reservat für unheimlich humorvolle Kurzzeit-Machos – verliert zusehends an Biss. Rainer Vollmer hat da einige Erfahrung gesammelt – als TV-Moderator überlegt er sich jedes Wort, das da scheinbar spontan verbraten wird. Man hört genau hin, welchen Gag er bringt und auf wessen Kosten ein Gag geht. Vollmer sagt diplomatisch: „Bestimmte Witze gehören nicht auf die Mattscheibe. Da nehme ich lieber mich selbst auf die Schippe.“

 

Schon gewusst?

Wer war zuerst da – der Narr oder die Närrin? Eine Holzschnitzerei im Rottweiler Münster gibt darauf eine vernünftige Antwort: An der Seite einer alten Kirchenbank ist eine Narrenmutter dargestellt, die ihr kleines Kind mit einem großen Löffel füttert. Beide sind gut als Fasnachter erkennbar, da sie eine große Narrenkappe tragen. Demnach stehen doch Frauen am Ursprung der Fasnet. – Im Münster der besonders narrenverrückten Stadt Rottweil sieht man noch andere Hinweise auf dieses Brauchtum – in Holz geschnitzt oder als Schlussstein im Gewölbe. Sie beweisen die überragende Bedeutung der Fasnet für die alte Reichstadt. (uli)

Detail im Rottweiler Münster: Narrenmutter füttert Narrenkind.
Detail im Rottweiler Münster: Narrenmutter füttert Narrenkind. | Bild: Uli Fricker