Die Jamaikavögel mit ihren spitzen Schnäbeln sehen recht bedrohlich aus. Über den Menschen baumeln sie an dünnen Fäden von der Decke. Die Kunstvögel in den Landesfarben schwarz-grün-gelb im Flughafen von Kingston sollen an 55 Jahre Unabhängigkeit Jamaikas von den Briten erinnern. Am seidenen Faden scheint ja irgendwie auch die Koalitionssuche 8500 Kilometer entfernt in Berlin zu hängen.

In Deutschland wird der Name Jamaika dieser Tage gekapert von Politikern und Medien – wegen der Landesfarben. Wenn es keine Begrenzung auf 200 000 Flüchtlinge pro Jahr im Koalitionsvertrag gebe, „bleibt Jamaika eine Insel in der Karibik und wird keine Koalition in Berlin“, sagte etwa der CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. Nun, nicht nur aus der Distanz und mit einem Ozean zwischen den ungleichen Schauplätzen lässt sich sagen: Auch ohne Koalition von CDU/CSU (schwarz), FDP (gelb) und Grünen (grün) dürfte Jamaika eine Insel in der Karibik bleiben. Mit höchst eigenem Charakter.

Große schwarz-gelb-grüne Stoffbahnen schmücken den Flughafen von Kingston.
Große schwarz-gelb-grüne Stoffbahnen schmücken den Flughafen von Kingston. | Bild: Georg Ismar (dpa)

Jamaika, das steht für Klischees wie Reggae, Rastafari, Bob Marley. Für Temperaturen, die im Schnitt selten unter 25 Grad liegen. Auf einer Fläche etwas größer als die Mittelmeerinsel Zypern leben knapp drei Millionen Menschen – weniger als in Berlin. Über 90 Prozent stammen von verschleppten Sklaven aus Afrika ab. Es steht auch für Armut und Kriminalität. Doch was treibt die Menschen dort im Alltag um? Die Leute, die so gerne „Yah, man“ sagen? Was denken sie über die Nutzung ihres Staatsnamens in Berlin, welche Verbindungen zu Deutschland gibt es?

Infos zu Jamaika.
Infos zu Jamaika. | Bild: Weltbank, Auswärtiges Amt / Grafik (dpa, SK)

Claire McPherson sitzt von 8 bis 15 Uhr im trüben Neonlicht hinter ihrem Schreibtisch in der Hauptstadt Kingston. Zur Linken türmen sich vergilbte Aktenordner. Die 82-Jährige leitet das „Jamaican Institute for Political Education“. Früher war das Institut einer der wichtigsten Think Tanks des Landes, gefördert von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung aus Deutschland. „Am Tag kommen drei, vier Besucher“, erzählt Claire McPherson über die geschrumpfte Bedeutung. Der Ventilator kreist, die Zeit wirkt stehengeblieben.

Jamaikas Demokratie gilt heute zwar als stabil. Aber die Bindungskraft der Parteien gehe verloren – ein aus Deutschland bekanntes Phänomen. Doch hier nimmt es andere Formen an: „Die Kirchen und Sekten sind viel einflussreicher, auf die hören die Menschen“, klagt McPherson. Und berichtet von Aktivismus abseits der Parteien: „Und wer etwas durchsetzen will, blockiert einfach eine Straße.“

 

Jamaika

Jamaika ist ein Inselstaat in der Karibik. Die Nationalflagge trägt die Farben Schwarz, Gelb und Grün. Deshalb dient die Insel als symbolischer Namensgeber für die derzeit in Berlin angestrebte Koalition aus CDU/CSU (schwarz), FDP (gelb) und den Grünen. Jamaika hat knapp drei Millionen Einwohner. Die meisten von ihnen stammen von afrikanischen Sklaven ab, die im 17. und 18. Jahrhundert auf die Insel gebracht wurden. Jamaika, das 1962 von Großbritannien unabhängig wurde, leidet unter Wirtschaftsproblemen und sozialen Unruhen. Zu den Besonderheiten Jamaikas zählen die Rastafari-Bewegung, die den Haschisch-Konsum propagiert, die Reggae-Musik und die im Westen oft kopierte Dreadlock-Frisur.

 

Alte Computer, verstaubte Faxgeräte, in der Ecke steht neben dem Mülleimer ein Bild vom Mauerfall, das Glas gesprungen. Dazu der Spruch: „Open borders, open hearts – The Germans, one nation.“ („Offene Grenzen, offene Herzen – die Deutschen: eine Nation.“). Angesprochen auf die „Jamaica Coalition“, muss McPherson schmunzeln, „What? Hihi, funny.“ In Jamaika sind Koalitionsregierungen, die ungleiche Partner je nach Wählerwillen zusammenbringen, unbekannt. Es konzentriert sich, wie in den USA und Großbritannien, auf zwei große Parteien. Staatsoberhaupt ist formal die britische Queen Elizabeth II. 18 Jahre regierte die Volkspartei. Seit 2016 ist die Labour Party dran. An der Spitze steht Premierminister Andrew Holness. McPhersons Institut ist im Labour-Hauptquartier untergebracht.

Jamaika ist für Deutschland nicht gerade ein Hotspot, die wichtigsten Handelspartner der Insel sind die USA und Kanada. Rund 300 Deutsche leben in dem Inselstaat. Das Auswärtige Amt betont: „Die Beziehungen zwischen Deutschland und Jamaika sind seit Jamaikas Unabhängigkeit 1962 freundlich und problemfrei.“ Die Deutsche Botschaft in Kingston liegt übrigens, man sollte es nicht als Omen für eine mögliche Jamaika-Koalition in Berlin werten, in der Waterloo Street.

Seit 2010 gab es für den gesamten karibischen Raum deutsche Entwicklungsgelder in Höhe von 62 Millionen Euro, etwa für den Schutz der Küsten und die Anpassung an den Klimawandel. Für Unternehmen aus Deutschland könnte gerade der Bereich erneuerbare Energien – Stichwort viel Sonne und Wind – interessant sein. Der meiste Strom kommt hier bisher aus einem Ölkraftwerk. In der Realität bauen Kanadier Autobahnen und Chinesen Hochhäuser. In einer Radiosendung lobt ein Anrufer den Fleiß der chinesischen Arbeiter, während Einheimische zu teuer und faul seien – was ihm einen Wutanfall des Moderators beschert.

 

Berüchtigt für Homophobie

 

Übrigens spielt auch in Jamaika ein Zahlenziel eine wichtige Rolle. Während in Berlin die „schwarze Null“ – keine Neuverschuldung – zur Losung wurde, gilt in Kingston ein „5 in 4“-Plan: Fünf Prozent Wachstum in vier Jahren. So hat es Premier Holness versprochen.

Jamaika leidet unter einer hohen Verschuldung im Ausland. Zudem werfen Zerstörungen durch Hurrikans das Land immer wieder zurück. Wichtige Einnahmequellen sind Urlauber an den Karibikstränden, Überweisungen der Jamaikaner, die im Ausland leben, und die Förderung von Rohstoffen wie Tonerde und Bauxit. Die Armutsrate konnte zwar auf unter 20 Prozent der Menschen gesenkt werden, das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei rund 4000 Euro im Jahr. Aber die Jugend sieht für sich oft nur magere Perspektiven. Viele sind arbeitslos. Nicht wenige wandern deswegen nach Nordamerika aus. Jamaika ist kein Migrationsziel. Im Gegenteil. Es verliert Menschen.

Diplomaten betonen, dass das Land zwar beim Marihuanakonsum sehr liberal sei. Eine stärkere Freigabe ist ja auch ein Streitpunkt der Gespräche in Berlin. Beim Umgang mit Schwulen und Lesben dagegen sei Jamaika alles andere als tolerant. Angetrieben von evangelikalen Sekten – die Kirchendichte ist gemessen an der Bevölkerung eine der größten der Welt –, ist Jamaika berüchtigt für seine Homophobie. Und die Dancehall-Bewegung, entstanden aus einer eingängigen Mischung aus Reggae und Hip-Hop, ist bekannt für schwulenfeindliche Liedtexte. Als jüngst der protestantische Bischof Howard Gregory die Abschaffung des Sodomieparagrafen forderte, der auch gleichgeschlechtlichen Sex unter Strafe stellt, brach ein Sturm der Entrüstung los. Der Passus von 1864 droht bis zu zehn Jahre Haft an für „Verbrechen der Unzucht, begangen entweder zwischen Menschen oder mit Tieren“. Es gab sogar Reisewarnungen wegen des schwulenfeindlichen Klimas.

 

Im deutschen Dorf

 

Aber jenseits aller Farbassoziationen – es gibt in Kingston sogar eine Deutsch-Jamaikanische Gesellschaft, 1954 gegründet. Diese bietet Sprachkurse an und lädt zum Oktoberfest ein. Und es existiert ein ungewöhnlicher Ort, der sich auf alte deutsche Wurzeln beruft. Ihn zu erreichen, rund 160 Kilometer von Kingston entfernt, ist eine Herausforderung. Ohne Navigationsgerät keine Chance. Plötzlich wie aus dem Nichts steht da ein Stein: „Welcome to Seaford Town – The German Township, founded 1835“.

Ein Mann namens Lord Seaford wollte nach Abschaffung der Sklaverei Arbeitskräfte gewinnen. Mit allerlei Versprechen wurde im damaligen Königreich Hannover um Auswanderer geworben. Der König von Hannover war auch König von Großbritannien. So kam es, dass sich Hunderte aus der Weserregion aufmachten nach Jamaika. Versprochen worden waren Häuser – doch die standen nicht. Viele Ankömmlinge starben an Malaria und Cholera. Noch heute zeugen überwucherte Ruinen und alte Häuser in dem 350-Seelen-Ort von dieser Migrationsgeschichte. Es leben aber kaum noch Weiße in Seaford Town. Viele heirateten andere Jamaikaner. Zudem wanderten Hunderte Nachfahren in den 1950er-Jahren nach Kanada aus. Irgendwann starb die deutsche Sprache in Seaford aus, als eine der wenigen Traditionen blieb das Spanferkelessen am Samstag.

Mitglieder der Gemeinde Seaford Town während des Gottesdienstes.
Mitglieder der Gemeinde Seaford Town während des Gottesdienstes. | Bild: Georg Ismar (dpa)
Curtis Hacker, Nachfahre deutscher Einwanderer, in Seaford Town.
Curtis Hacker, Nachfahre deutscher Einwanderer, in Seaford Town. | Bild: Georg Ismar (dpa)

Einer der letzten direkten Nachfahren ist Curtis Hacker. Auf einer Mauer am Eingang zur Kirche wartet er an einem Sonntag auf den Beginn der Messe. Mit 56 Jahren ist der Handwerker wie sein Bruder Frührentner. Beide gehören zur vierten Generation. Was weiß er über die deutschen Vorfahren? „Nichts Richtiges, hat mich nie so interessiert.“ Curtis Hacker sagt: „Ich bin zu 100 Prozent Jamaikaner.“ Sein Bruder zeigt später das alte Haus des Urgroßvaters am Fluss. Es gab auch mal ein kleines Museum zur Einwanderungsgeschichte. Aber wegen Geldmangels machte es dicht. Einige hoffen auf eine „Jamaika-Regierung“ in Berlin oder die Deutsche Botschaft in Kingston, dass sie finanziell helfen, um die Geschichte aufzuarbeiten. Und um deutsche Traditionen wie Wurstmachen und Bierbrauen wiederzubeleben. Dann würden vielleicht sogar Touristen nach Seaford reisen.

Ein von deutschen Einwanderern gebautes Haus in der Gemeinde Seaford Town.
Ein von deutschen Einwanderern gebautes Haus in der Gemeinde Seaford Town. | Bild: Georg Ismar (dpa)

Die realen Jamaika-Urlauber zieht es eher an die weißen Strände in Montego Bay im Nordwesten. Und ins hippe Negril, wo Klippenspringer und Sonnenuntergänge den Cocktail versüßen. Ein Ehepaar aus Thüringen betreibt die wohl einzige deutsche Bar Jamaikas, die „German Bar“. Auch hier ist das, was da in Berlin passiert, kein Thema.

Um die Ecke residiert Kyng Sharlo. Er nennt sich König der Rastafari und führt auf der Speisekarte seines „Rastarants“ Hasch-Kekse und Marihuana-Tee. Der Kyng hat 1,50 Meter lange Dreadlocks, trägt schwarze Sonnenbrille. Aus den Boxen dröhnt Reggae. Jamaika-Koalition? Kyng Sharlo schaut ratlos. Er schüttelt den Kopf: „Nee, noch nie gehört.“ Man muss sich diesen tiefenentspannten Musiker in dem Moment als friedensstiftenden Konfliktlöser im Kanzleramt vorstellen: bei einem großen Koalitionskrach zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen.

Jamaika-Koalition? "Nee, noch nie gehört." Auch Reggaemusiker und Rastafari Kyng Sharlo weiß nichts über die aktuellen Entwicklungen im fernen kalten Berlin.
Jamaika-Koalition? "Nee, noch nie gehört." Auch Reggaemusiker und Rastafari Kyng Sharlo weiß nichts über die aktuellen Entwicklungen im fernen kalten Berlin. | Bild: Georg Ismar (dpa)

 

Fünf Fakten über Jamaika:

Jamaika, das Land der Nachfahren von Sklaven, gehört kulturell eigentlich nicht zu Lateinamerika. Es ist britisch und afroamerikanisch geprägt - und eben nicht von Spaniern oder Portugiesen. Ein paar Fakten zu dieser Karibik-Insel:

  • Schwarz-Grün-Gelb
    Die Farben der Nationalflagge. Das Land wurde nach der britischen Kolonialzeit im Jahr 1962 unabhängig. Die Farben stehen nach gängiger Interpretation für Naturreichtum/Landwirtschaft (grün), Sonne/Bodenschätze (gelb), und das Schwarz stand erst für Armut und Leiden durch die Sklaverei, heute steht es für Kraft und Kreativität des jamaikanischen Volkes.
  • Halleluja
    Jamaika gilt als eines der Länder mit der höchsten Kirchendichte der Welt. Zum Gottesdienst zieht man schicke Kleidung an. Die Katholiken sind mit drei Prozent Anteil eine Minderheit. Das Land wurde durch die Briten protestantisch geprägt, viele Sekten und Freikirchen sind besonders aggressiv.
  • Tracks 958
    Seit 2011 gibt es das vom achtfachen Olympiasieger Usain Bolt gegründete Restaurant „Tracks & Records“ in der Hauptstadt Kingston. Angeboten werden Landespezialitäten wie pikant gegrilltes Hühnchen (Jerk). Das Wifi-Passwort lautet dort „Tracks958“. Es beinhaltet die legendäre 100-Meter-Weltrekordzeit (9,58) des Sprinters, gelaufen bei der WM 2009 in Berlin.
  • Ricks Café
    Bis zu 2000 Besucher feiern hier in Negril. Von den Klippen springen Profis und Touristen in die Tiefe, im Pool werden Cocktails geschlürft. Es gehört einem Amerikaner und gilt als Goldgrube. Zwei Mal wurde die 1974 gegründete Bar durch Hurrikans zerstört.
    Idyllischer Blick aufs Meer bei Rick's Cafè in der Nähe des Küstenorts Negril.
    Idyllischer Blick aufs Meer bei Rick's Cafè in der Nähe des Küstenorts Negril. | Bild: Georg Ismar (dpa)
  • Matterhorn
    Jamaika heißt Hitze – und die daraus resultierende Sehnsucht nach mehr Kühle könnte die Zigarettenmarke Matterhorn, mit dem Bild des markanten Schweizer Berges auf der Schachtel, zu einer der beliebtesten Marken auf der Insel gemacht haben. Der Dancehall-Reggae-Star Tony Matterhorn benannte sich danach.