Die Vorfahren von Roland Kessinger dürften Bauern gewesen sein. Auch die Vorfahren der Fotografin Sabine Tesche waren Bauern. Ebenso meine Vorfahren. Die meisten Menschen um 1500 waren mit Feld, Wald, Wiese und Stall beschäftigt. Wir drei Nachfahren stehen im Ortsmuseum von Hilzingen südlich von Singen, das im Garten des ehemaligen Schlosses sitzt. Frau Jäckle schließt uns auf und sagt: „Ich bin noch Bäuerin.“ Hilzingen ist ein guter Ort, um über die Bauern zu sprechen. Dort wurde der Aufstand der Bauern gegen ihre Herren besiegelt. Der Sommer 1525 war für sie ein miserabler Sommer mit blutiger Ernte. Das Dorf war Schauplatz des letzten Scharmützels der Bauern. Ihr Sargnagel.

Mit Dreschflegeln und gebogenen Sensen: Bauern im Krieg 1524/1525 in einer zeitgenössischen Darstellung.
Mit Dreschflegeln und gebogenen Sensen: Bauern im Krieg 1524/1525 in einer zeitgenössischen Darstellung. Bild: Archiv | Bild: wikipedia gemeinfrei

Merkwürdigerweise muss man heute lange nach Spuren des Bauernkrieges suchen. Eine Spur führt zum Museum in Hilzingen, eine andere nach Böblingen. Dann wird es dünn. „Geschichte wird immer von Siegern geschrieben. Die Bauern waren die Verlierer,“ berichtet Roland Kessinger. Der 47-jährige promovierte Chemiker stammt aus Hilzingen und hat auswärts einen guten Job in der Industrie. Doch lässt ihn die Heimatgeschichte nicht los. Leidenschaftlich hält er Vorträge über den Hohentwiel. Oder er führt durch die massige Hilzinger Remise, die das spärliche Wissen über die heißen Jahre um 1525 bündelt und bewahrt.

Das Hilzinger Heimatmuseum dokumentiert den Konflikt zwischen Luther und den Bauern. Hier ein Aufsatz, den der Reformator Luther damals geschrieben hat.
Das Hilzinger Heimatmuseum dokumentiert den Konflikt zwischen Luther und den Bauern. Hier ein Aufsatz, den der Reformator Luther damals geschrieben hat.

Was sie damals wollten? Weniger Steuern zahlen, weniger arbeiten für andere, ihr Leben ein Stück selbst bestimmen. Und den Pfarrer selber wählen dürfen. Ihre Forderungen packten sie mit Hilfe eines Schreibers in einen Katalog an Forderungen – die Zwölf Artikel. Gedruckt auf lange weiße Bahnen, kann man die Artikel der Reihe nach in Hilzingen nachlesen.

Sie geben ein bedrückendes Bild des Gemeinen Mannes, wie er damals hieß: Die kleinen Bauern arbeiteten zu zwei Dritteln für die Obrigkeit, die sich auf verschiedenen Ebenen über ihm entfaltet. Dem Kirchherren stand der naturale Zehnte zu, der lokale Adelige (zum Beispiel die Rittter im Hegau und Grafen) zog den den sogenannten Gülten ein. Der Territorialherr schließlich verlangte Frondienste. So arbeitete der Bauer vor allem für andere.

Das war im gesamten Mittelalter nicht anders gewesen. Nur spitzte sich die Lage ab dem 15. Jahrhundert nochmals zu. Die Bevölkerung wuchs und wollte ernährt sein. Im Hegau und Schwarzwald, aber auch in Oberschwaben gaben die immer schmaler geschnittenen Äcker nicht mehr die nötigen Lebensmittel her. Gleichzeitig wuchsen die Lasten, die man den Dörfern auflegte. In diese Zeit fällt auch der Aufstieg einzelner Geschlechter zu Landesherren; diese brauchten viel Geld für Repräsentation und Kriegführung.

Dabei gab es auch Unterschiede. „Die Bauern waren kein homogener Block“, weiß Kessinger. Die Mehrzahl lebte in der Leibeigenschaft und war Eigentum des Grundherrn. Seine Familie konnte verkauft oder, noch häufiger damals, verpfändet werden. Zum Beispiel wegen aufgelaufener Spielschulden, die sich die Ritter auf ihren Lustritten nach Schaffhausen einfingen. Daneben lebte eine kleine Schicht von Halbhörigen oder freien Bauern, die es auch im reichen Hilzingen, damals 400 Einwohner, gab. „Diese Bauern lebten durchaus gut“, sagt der Ortshistoriker Kessinger.

An dieser Differenzierung wird schon deutlich, was später zum Verhängnis werden sollte: Das Landvolk war sich nie ganz einig, ihre Bewegungen, wie der Bundschuh, litten an unterschiedlichen Interessen und mangelnder Strategie. Da war der Adel anders aufgestellt: Er war gut informiert und dank übergreifender Heiraten auch bestens vernetzt.

800 Bauern hatten sich zur Hilzinger Kirchweih am 2. Oktober 1524 versammelt. Sie kamen aus der Umgebung, dem Schwarzwald und dem Linzgau. In der Museumsscheuer kann man ihre Waffen bis heute bewundern. Sie waren den Adelsheeren und deren professionellen Söldnern unterlegen.

Häufiges Kriegsinstrument war der Dreschflegel. Doch besaßen sie heimlich Hakenbüchsen oder Stichwaffen. Diese Waffen waren ihnen zwar verboten, was sie aber auch nicht bekümmerte. Ob es auch ohne die Reformation zu den Bauernkriegen gekommen wäre? Kessinger bejaht. „Die soziale Frage war greifbar und die Unzufriedenheit unter den Leuten groß.“

Freilich verstärkte die Lehre von Martin Luther die gefühlte Ungerechtigkeit. Luther gab den Aufständischen erst Argumente gegen die Herrschaft an die Hand. Seine Schrift von der „Freiheit eines Christenmenschen“ nahmen sie wörtlich. Sie sagten: Von Frondienst und den vielen Zehnten war in der Bibel nichts zu lesen. Also wollten sie ihn abschaffen und beriefen sich ausdrücklich auf ihren Luther. Dieser hatte später große Not, sich davon zu distanzieren. Er ließ sie fallen. Damit hatten sie ihre moralische Autorität verloren. Luther wiederum verlor an Ansehen. Bis heute hängt ihm der Vorwurf der Fürstenhörigkeit an.

Vielleicht war der Abstand zwischen dem Wittenberger Professor und einem Knecht zu groß. Luther war ein Kind des Mittelstands. 1525, im Jahr der Bauernkriege, heiratete er und gründete eine Familie. Er sattelte von Klosterkeller auf reichliche Hausmannskost um, zubereitet von seiner Frau. Seine Tafel war abwechslungsreich. Häufig wurde Bier gereicht, das seine Frau Käthe braute.

Und die Bauern? Bei den meisten war der sprichwörtliche Schmalhans Küchenmeister. Das Essen war arm an Fleisch und gesegnet an regionalen Produkten, die je nach Jahreszeit eingebracht und verzehrt wurden. Importierte Lebensmittel waren unbekannt oder doch unerschwinglich. Vier Komponenten prägten die Küche: Kraut, Rüben, Bohnen, Brot. Dazu kommt Fleisch in Maßen. Heutige Lebensmittel wie Kaffee, Kartoffeln oder die allgegenwärtige Nudel waren noch unbekannt.

Die häufigste Zubereitung war der Brei. Er wurde in allen Variationen gereicht, allerdings erst nach getaner Arbeit im Stall. Dort standen Kühe, über die man heute staunen würde: Sie waren etwa halb so groß wie eine heutige ausgezüchtete Kuh. Das Vieh war wertvoll, wurde es doch für das Einspannen genutzt. Die Hilzinger zeigen zwei dieser zierliche Tiere im Modell. Selbst der Laie ahnt: Das Ackern war nicht nur für die Menschen mühsam.

Der Truchsess von Waldburg – auch genannt Bauernjörg – führte die fürstlichen Heere gegen die Bauern an. Er siegte in den Scharmützeln. <em>Bild: Archiv </em>
Der Truchsess von Waldburg – auch genannt Bauernjörg – führte die fürstlichen Heere gegen die Bauern an. Er siegte in den Scharmützeln. Bild: Archiv
Die Schlacht bei Hilzingen endete blutig. Am 4. Juli 1525 kommt es zum letzten Gefecht. Die Bauern unterliegen. Mehrere hundert Anführer werden hingerichtet. Die Hauptleute führte man über den See nach Bregenz, dort wurden sie an Eichen aufgehängt und vorgeführt. Bis heute erinnern die Hilzinger an dieses Ereignis bei der Kirchweih. Damit setzen sie den Verlierern ein Denkmal. Die eherne Regel, wonach nur die Sieger Geschichte schreiben, ist für dieses Mal widerlegt.

Die Bauern äußerten einen Gedanken, der erst 300 Jahre später wieder auf die Tagesordnung der Geschichte kommen würde: Jeder hat ein Recht auf Würde. Auf ein Leben außerhalb der Arbeit, auf einen Fingerbreit an Selbstbestimmung. Das macht den Aufstand der Ackerleute, Hirten und Knechte zu einem wichtigen Kapitel der süddeutschen Geschichte. Und es verkleinert die Rolle von Martin Luther.

 

Das System des Feudalismus

Der Südwesten war von kleinen Landwirtschaften geprägt. Das System der gegenseitigen Abhängigkeit nennt man Feudalismus.

  • Die Lage der Bauern: Etwa 80 Prozent der Menschen um 1500 waren Bauern. Trotz des rasanten Wachstums der Städte blieb der Südwesten von kleinen Bauern bewohnt. Sie waren abhängig von den meist niederen Adligen. Freie Bauern lebten vor allem in einigen Tälern des Schwarzwalds.
  • Fronherrschaft: „Fron“ ist ein altes Wort für „Herr“, Fronherrschaft meinte damals, dass man einem adligen Herrn oder einem Bischof zum Dienst verpflichtet ist. Das konnten Spanndienste sein, wenn der Bauer seinem Herrn mit Gespann und Fuhrwerk helfen musste. Zusätzlich musste er dem Herrn bei der Bestellung von dessen Feldern helfen. Und es waren Abgaben zu leisten, vor allem in Naturalien, da die Bauern kaum über Bares verfügten. Wichtigste Abgabe war der Zehnte: Zehn Prozent ihrer eigenen Ernte gingen an den Grundherrn.
  • Bauernkriege: In den Jahrzehnten vor der Reformation wuchs die Bevölkerung stark an. In allen Gebieten mit kleinen Höfen schuf das Not. Auch im Südwesten war es so. Im Breisgau, Schwarzwald, in der Landgrafschaft Stühlingen und in Oberschwaben taten sich die Bauern deshalb zusammen. Zum ersten Mal in der Geschichte wagten sie den Aufstand. Sie unterlagen wegen mangelhafter Organisation und Ausrüstung.
  • Reichsritter: Sie standen auf der niedersten Stufe des Adels, hatten es im Lauf des späten Mittelalters aber geschafft, dass sie nur dem Reich gehorchen müssen – und keinem regionalen Fürsten oder Grafen. Der Reichsritter hatte also nur den Kaiser über sich. Durch den Aufstieg der Städte war ihre Lage prekär geworden, viele waren verarmt. Deshalb schlossen sich viele den Bauern an – ohne Erfolg.
 

Wo man den Bauernkrieg besichtigen kann

 

Die Jahre um 1500 fallen mit einer Zeitenwende zusammen. Die Europäer entdecken Amerika (1492) und beginnen mit der Ausbeutung des Kontinents. Die Städte wachsen. Von den Bauernkriegen ist nicht viel geblieben. Doch selbst das wenige ist sehenswert.

  • Heimatmuseum Hilzingen: Die große Scheuer (Remise) sowie Teile des Museums widmen sich den Bauern und ihrem Aufstand. Beides ist sehenswert und durch Texte des Historikers Casimir Bumiller gut erschlossen. Öffnungszeiten im April bis Oktober jeden ersten Sonntag 14 bis 17 Uhr. Für Gruppen jederzeit nach Anmeldung (Tel. 07731/38090).
  • Freiluftmuseum Neuhausen ob Eck: Das großzügige Museumsdorf im Kreis Tuttlingen deckt die Zeit der Bauernaufstände nicht mehr ab; Gerät und historische Häuser sind deutlich jünger. Doch vermittelt das Anwesen einen guten Eindruck vom Leben damals und den Herausforderungen. Geöffnet von 1. April bis 29. Oktober jeweils Dienstag bis Sonntag, 9 bis 18 Uhr. An Feiertagen auch montags geöffnet.
  • Böblingen: Die Entscheidungsschlacht im Bauernkrieg wurde in Böblingen geschlagen. Das war am 12. Mai 1525. Die Erinnerung an die größte Massenerhebung der deutschen Geschichte will das Bauernkriegsmuseum in Böblingen wachhalten. Es ist in der alten Zehntscheuer in der Stadtmitte untergebracht. Es hat ganzjährig geöffnet an folgenden Tagen: Mittwoch und Freitag 15 bis 18 Uhr, Samstag 13 bis 18 Uhr, Sonn- und Feiertag 11 bis 17 Uhr.
  • Waldburg: Die Burg im Kreis Ravensburg war Heimat des Truchsessen Georg von Waldburg und seiner Familie. Er trug den Spitznamen Bauernjörg – dabei entwickelte er sich zu einem der größten Gegner der Rebellen damals. Die Anlage ist sehr gut erhalten und kann besichtigt werden; sie ist nach wie vor im Familienbesitz. Die Burg bietet viele Stücke aus der Zeit um 1500. Waffen und Schilde vermitteln einen Eindruck der damaligen militärischen Technik, der die Landleute nicht gewachsen waren.
  • Hohentwiel: Der größte der Hegau-Kegel ist stets eine Reise wert. Auch mit den Ereignissen um 1524/25 und dem Aufstand des Gemeinen Mannes ist die Burganlage eng verknüpft: Der Hohentwiel war damals noch Teil von Württemberg. Dessen Herzog Ulrich war aus seiner Herrschaft vertrieben worden und hatte sich auf dem Hohentwiel verschanzt. 1800/1801 wurde er auf Befehl von Napoleon geschleift. Seitdem ist er Ruine. – Die ehemalige Festung ist täglich von 9 bis 19.30 Uhr geöffnet. (uli)
 

Luther und die Obrigkeit

Der Reformator sah das Elend, in dem viele Bauern in deutschen Landen lebten. Er stellte sich dennoch nicht auf ihre Seite

 

  • Anfang: Luther verfasst die Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Die Bauern, die selbst nicht lesen können, deuten die Schrift in ihrem Sinne: als Ermunterung, sich von den Herren und den drückenden Abgaben zu trennen. Sie sehen Luther zunächst als Unterstützer.
  • Aufstand: Als es 1525 zum Schwur kommt und die Bauern vor allem in Mitteldeutschland am fürstlichen Regiment rütteln, entscheidet sich Martin Luther gegen die Aufständischen. In seiner Schrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ stellt er deren Gegnern einen Freischein aus. „Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen“, meint er über die Bauern.
  • Schwärmer: Andere Theologen wie Thomas Müntzer schlagen sich auf die Seite der Untertanen. Luther verurteilt diesen sozial-revolutionären Flügel innerhalb der Reformation. Er entzieht Müntzer und anderen Schwärmern, wie man sie seitdem nennt, die Unterstützung. Ihre Hinrichtung begrüßt er ausdrücklich.
  • Begründung: Seine Schrift „Von weltlicher Obrigkeit und wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ ist exemplarisch – der Theologe stellt sich auf Seite der Herrschenden. Luther vertrat die Ansicht, dass jede Obrigkeit gottgewollt ist. Rebellion und Umsturz verbieten sich daher von selbst. Seine Argumentation begründete den deutschen Gehorsamsstaat – eine verheerende Folge seines Obrigkeitsdenkens.