„Ein armer Mensch ist, wer von der Hilfe der Ärzte abhängig ist.“ Unschwer ist aus dem Wort Martin Luthers eine Portion Skepsis gegenüber dem damaligen Stand der Medizin herauszulesen. Geringschätzig nannte Luther die Ärzte „Flicker“ oder „Menschenflicker“, was kein Wunder ist, denn der Reformator profitierte kaum von ihnen. Seine Verdauungsbeschwerden wurden nicht von den Doktores, sondern von seiner Frau Käthe gelöst, deren selbst gebrautes Bier eine abführende Wirkung tat. „Meine liebe Käthe, Euer Gnaden wollten Sorge tragen, dass wir einen guten Trunk Bier bei Euch finden“, schrieb Luther, der Genießer, an Gattin und Haushaltungsvorstand.

Auch der Villinger Arzt Jörg Trumberg vertrat vor 500 Jahren vermutlich die Schulmeinung, das Wohlbefinden des Menschen werde durch das Gleichgewicht der Körpersäfte gesteuert. Stünden Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle nicht in einem harmonischen Verhältnis zueinander, so die landläufige Auffassung der mittelalterlichen Säfte-Lehre, komme es zum Ausbruch von Krankheiten. „Über die Qualifikation Trumbergs ist leider nichts bekannt“, sagt Heinrich Maulhardt, der Stadtarchivar von Villingen-Schwenningen, während er auf dem Käferberg hinter den Resten der alten Stadtmauer steht. „Sicher ist aber, dass Trumberg hier gewohnt hat, nahe bei der städtischen Oberschicht Villingens, die vor 500 Jahren hier ihre Häuser hatte.“

Bild: Jessica Steller

Der Archivar deutet auf vier dürre Textzeilen, der Auszug einer städtischen Akte von 1522. Trumberg, „der artzat zuo Villingen“, heißt es dort, habe „uff dem Kaeferperg gesaessenn“. Doch scheint er dort weniger seiner medizinischen Praxis nachgegangen als ein versierter Schürzenjäger gewesen zu sein. Denn er habe „mit alle wyber, (die) zuo Villingen im Oberortt gesaessenn, allain aine ußgenommen“ Umgang gehabt. Wäre es darüber nicht zu Rechtshändeln mit einem – vermutlich gehörnten – Ratsherrn gekommen, wüssten wir heute nichts von diesem fidelen Medicus.

„Dass Trumberg bei den Frauen im Oberort ärztlich gewirkt und dabei seine Befugnisse überschritten hat, ist möglich, bleibt aber Spekulation“, gibt sich Maulhardt zurückhaltend. Frauenärzte im heutigen Sinne waren damals unbekannt. Bei der Geburt von Kindern waren Hebammen mit ihrer Erfahrung maßgeblich, nicht Ärzte, bei denen die Grenze zu Quacksalbern und Wunderheilern oft fließend gewesen ist. Unübersichtlich wird das Spektrum der damaligen Körperpfleger und Heilkundigen auch durch die Rolle der Bader und Balbiere (auch: Barbiere). So warb ein Balbier in Reimen für seine Dienstleistung zwischen Apothekerskunst und Unfallsanitäter: „Ich bin beruffen allenthalben / Kan machen viel heilsamer Salben / Frisch wunden zu heiln mit Gnaden / Dergleich Beinbrüch und alte Schaden / Frantzosen (gemeint ist die Syphilis) heyln, den Staren stechen / Den Brandt leschen und Zeen außbrechn / Dergleich Balbiern, Zwagen und Schern / Auch Aderlassen thu ich gern.“

Im früheren Heilig-Geist-Spital in der Rietstraße der Villinger Altstadt werden heute Bücher und Postkarten verkauft. SÜDKURIER-Redakteur Alexander Michel (links) im Gespräch mit Stadtarchivar Heinrich Maulhardt. <em>Bild: Jochen Hahne</em>
Im früheren Heilig-Geist-Spital in der Rietstraße der Villinger Altstadt werden heute Bücher und Postkarten verkauft. SÜDKURIER-Redakteur Alexander Michel (links) im Gespräch mit Stadtarchivar Heinrich Maulhardt. Bild: Jochen Hahne

Neben dem Aderlassen, das dem Gleichgewicht der Säfte dienen sollte (der Blutkreislauf war noch nicht entdeckt), war das angeblich innerlich reinigende Ansetzen eines Schröpfkopfs, einem kugelförmigen Glasgefäß, eine seit der Antike beliebte Standardtherapie. Sie wurde vorwiegend an Armen, Beinen und Rücken vorgenommen. Dagegen wurden große Klistierspritzen in den Anus eingeführt, was Kranke und ihren strapazierten Darm nicht selten noch kränker machte.

Bader und Balbiere waren auch hierin kundig und boten in den Badstuben ihre Dienste an. „In Villingen gab es damals mindestens zwei Badstuben“, erklärt Stadtarchivar Maulhardt. Die Badgasse im westlichen Teil der Altstadt weist noch heute darauf hin. Um die Ecke, in der Rietgasse, steht das Haus noch, das bereits im 15. Jahrhundert eine Badstube beherbergte. Heute behandelt darin ein Physiotherapeut seine Patienten und bleibt damit der Heil- und Körperpflegetradition des Anwesens treu.

In den Badhäusern wurde sich gewaschen, unter Dampf geschwitzt, aber auch geschröpft und zur Ader gelassen. Die Stoffbandagen zum Abbinden hatten die Kunden selbst mitzubringen, ebenso wie das Schermesser zum Rasieren. Luther war sich der Gefahr durchaus bewusst, wenn er warnte: „Gleich als ein guter vleissiger Balbirer mus seine gedancken, sinn und augen gar genaw auff das schermesser und auff die har richten und nicht vergessen, wo er sey im strich oder schnitt.“

Eine original erhaltene Badestube aus dem Mittelalter ist im Heimatmuseum in Wangen (Allgäu) zu besichtigen. Nur die Holzwannen sind neu. <em>Bild: Stadtarchiv Wangen</em>
Eine original erhaltene Badestube aus dem Mittelalter ist im Heimatmuseum in Wangen (Allgäu) zu besichtigen. Nur die Holzwannen sind neu. Bild: Stadtarchiv Wangen

Der spätmittelalterliche Mensch war der Körperhygiene also durchaus zugetan. Aber nicht jeder hatte die Mittel, wie sie im Hause Luther durch Käthes Umsicht erwirtschaftet wurden, was der Familie 1541 ein eigenes Bad einbrachte, den Boden mit Pirnaer Sandstein ausgelegt. Also boten die Badhäuser nicht nur praktischen Wannen-Service, sondern sie waren auch ein Ort der Geselligkeit, zumal Männer und Frauen nicht unbedingt streng getrennt badeten. Fröhliche Urständ gehörten zum Badealltag wie manche Prügelei. Erst Luthers puritanische Erben machten Schluss mit unsittlicher Nacktheit in der Öffentlichkeit.

In Villingen gab es einen weiteren Grund, ein Bad aufzusuchen: weil ein mineralisches Heilwasser kranke Glieder stärkte. Um 1500 wurde in der Stadt Georg Maler geboren, der sich während seines Freiburger Medizinstudiums in Georgius Pictorius (für Maler) latinisierte. Als Sanitätsbeamter und Gerichtsarzt ließ er 1560 sein „Badenfahrtbüchlein“ drucken, einen Reiseführer für die Bäderkur in der Region. Der schwefelhaltigen Villinger Quelle „Neuw bad“, vor dem Riettor auf dem Gelände der heutigen Landwirtschaftsschule gelegen, bescheinigte Pictorius eine fulminante Wirkung: Es „trockne die Feuchte der Nerven, nützt der Leber, der Milz und dem Magen, beseitigt alle Unreinheiten der Haut, vertreibt den Krampf“ und mache auch „recht durstig“.

Das ehemalige Badehaus in der Villinger Rietgasse 5 ist heute modernisiert. Sein Ursprung liegt im 14. Jahrhundert, als man dort eine Badstube eröffnete. <em>Bild: Hahne</em>
Das ehemalige Badehaus in der Villinger Rietgasse 5 ist heute modernisiert. Sein Ursprung liegt im 14. Jahrhundert, als man dort eine Badstube eröffnete. Bild: Hahne

Von der Badstube in der Rietgasse, wohin das Heilwasser durch Holzrohre geleitet wurde, war es nicht weit bis dahin, wo der Durst gelöscht wurde. „Das war im Gasthaus ‚Zur Mohrin’“, wie Heinrich Maulhardt erzählt. Er zeigt in der Fußgängerzone auf ein Haus mit Sportgeschäft. „Dort sind die Leute eingekehrt.“ Vis-à-vis steht das Haus, in dem vor 500 Jahren jene Aufnahme fanden, denen ein Heilwasser wenig half. „Im Heilig-Geist-Spital wurden damals Kranke versorgt, aber es war keine Klinik im heutigen Sinne“, sagt Maulhardt. „Vielmehr konnten sich Leute mit Geld dort einkaufen – wie heute in einer Seniorenresidenz.“ Diese Begüterten nannte man Pfründner. „Sie lebten in Zimmern in der sogenannten oberenStube, getrennt von den Armen“, erzählt der Archivar. „Die Armen lebten in der unteren Stube.“ Dort, wo heute Bücher, Schreibwaren und Postkarten verkauft werden. Genauso wenig wie die alte Badstube ist das alte Heilig-Geist-Spital im Original erhalten, und auch das Siechenhaus in der Niederen Straße, wo Sterbende gepflegt wurden, ist nur noch auf alten Stadtplänen verzeichnet.

Die Menschen um 1500 hatten Krankheit und Tod stets vor Augen. Nichts zeigt das besser als die Ur-Angst vor der Pest. „Bei der Pest bläst der Teufel ins Haus“, sagte Luther. „Was er ergreift, das nimmt er hinweg.“ Zwar war nicht alles Pest, was damals Pest hieß, sondern Typhus, Ruhr oder Pocken. Doch die Menschen ergriff Panik. Wer Geld hatte, floh in eine andere Stadt. Doch als 1516 der Teufel durch Wittenberg blies, blieb Luther dort. Er tunkte die Feder ins Tintenfass und notierte zur Seuche: „Ja, sie ist da, und schreitet fort, grimmig und schnell.“

Solche, aus heutiger sicht krude Instrumente standen den Heilern damals zur Verfügung.
Solche, aus heutiger sicht krude Instrumente standen den Heilern damals zur Verfügung. | Bild: Jessica Steller

 

Medizingeschichte zum Anfassen

Einige Museen in Süddeutschland und der Schweiz zeigen die Medizingeschichte auch des (späten) Mittelalters. Wir empfehlen den Besuch dieser Ausstellungen:

 

  • Antoniter-Museum in Memmingen: Der Krankenpflege-Orden der Antoniter unterhielt in der Stadt im Allgäu bis 1562 eine Niederlassung. Das Antoniterhaus steht noch heute. So ergibt sich der glückliche Umstand, dass medizinhistorisches Wirken an seinem authentischen Ort gezeigt werden kann. www.memmingen.de/antoniter-museum
  • Anatomisches Museum Basel: Der Schwerpunkt der Sammlung liegt auf Originalpräparaten von menschlichen Körperbereichen, Organen und Geweben. Sonderausstellungen erläutern in verständlicher Form besondere Gebiete der Anatomie.? Das Museum besitzt eine Vielzahl historisch wertvoller Präparate. Von besonderer Bedeutung ist ein von Andreas Vesalius 1543 in Basel präpariertes Skelett, das älteste anatomische Präparat der Welt. https://anatomie.unibas.ch/museum
  • Pharmazie-Historisches Museum Basel: Das „Apothekenmuseum“ umfasst Sammlungen von alten Medikamenten und Apotheken, von Laborutensilien, Keramik, Instrumenten, Büchern, Kunst und Kunsthandwerk. Es befindet sich im „Haus zum vorderen Sessel“ am Aufstieg von Marktplatz zur Peterskirche. In dem Haus gingen einst der berühmte Arzt Paracelsus und der Humanist Erasmus von Rotterdam ein und aus. www.pharmaziemuseum.ch
  • Historische Badstube in Wangen: Die ehemalige „Obere Badstube“ der Stadt im Allgäu ist eines der besterhaltenen Beispiele alter Badstubenarchitektur. Fast 300 Jahre lang wurde hier gebadet. Später diente das Haus der Wohltätigkeit. Daher sind umfangreiche Reste der originalen Badstubenausstattung erhalten geblieben. (mic)amv-wangen.org/museen
Der Arzt Paracelsus (1493-1541) hieß eigentlich Theophrastus Bombastus von Hohenheim und kam aus dem Schweizer Kanton Schwyz. <em>Bild: dpa</em>
Der Arzt Paracelsus (1493-1541) hieß eigentlich Theophrastus Bombastus von Hohenheim und kam aus dem Schweizer Kanton Schwyz. Bild: dpa

Woran die Menschen damals starben

  • Lebenserwartung: Es ist eine zähe Legende, dass die Menschen vor 500 Jahren nicht alt wurden. Tatsächlich wurden sie im statistischen Durchschnitt 28 Jahre alt. Zustande kommt dieser Wert durch die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit. 40 bis 50 Prozent der Menschen wurden keine 10 Jahre alt. Wer die Kindheit überlebte, wurde im Schnitt – je nach Region – 40 bis 50 Jahre alt. Über die Lebenserwartung entschied auch der Beruf. Geistliche und Beamte wurden im Schnitt 55, Bauern 50 und Soldaten 40 Jahre alt.
  • Todesursachen: Sie wurden in den Kirchenbüchern der Gemeinden nur laienhaft vermerkt. Doch die Angaben vermitteln zumindest Anhaltspunkte. Im hessischen Gießen wurden als die zehn häufigsten Todesursachen genannt: Auszehrung, Pocken, Fluss (vermutlich Kreislaufkollaps) oder Schlagfluss (Schlaganfall), Hitzige Krankheit (vermutlich Wechselfieber durch eine Infektionskrankheit), Wassersucht (Gewebeschwellung durch Flüssigkeit), Kindbettfieber (nach Entbindungen häufig) und Ertrinken.
  • Ärzte und Medizin: Die Lutherzeit brachte hier einen Entwicklungsschub. Es wurden die ersten Versuche unternommen, den ärztlichen Stand als Berufsvereinigung zu organisieren. Damit wollte man sich gegen andere, bereits in Zünften organisierte Heilberufe (Bader, Balbiere) oder traditionelle Heilende (Hebammen, Laien- und Wunderheiler) abgrenzen, die damals den Heilermarkt dominierten.
  • Forschung: Zur Professionalisierung der Medizin trugen entscheidend die Universitäten bei, erst in Italien, dann auch in Deutschland. So war an der 1457 gegründeten Universität Freiburg ein Medizinstudium möglich. Doch die Kenntnisse über Anatomie und innere Organe mehrten sich nur langsam. Wichtige Weichen stellte der Flame Andreas Vesalius (1514-1564), Begründer der neuzeitlichen Anatomie und Leibarzt von Kaiser Karl V. Öffentlich sezierte Vesalius Leichen Hingerichteter und präparierte Skelette.
  • Seuchen: Gegen sie waren die Ärzte machtlos. Es blieben nur Quarantäne oder Flucht. Zur Lutherzeit gab es immer wieder Seuchenwellen, die als Pest galten. Doch handelte es sich nicht um die Lungen- und Beulenpest des 14. Jahrhunderts, sondern um Fleckfieber oder Pocken. Auch Lepra und die Syphilis waren weit verbreitet.
  • Hygiene: Der Standard war bescheiden. Die Menschen besuchten öffentliche Badehäuser und hatten, wie in Villingen, Brauchwasser-Kanäle in den Straßen. Zur Entsorgung von Fäkalien dienten Latrinengruben, die mehrere Meter tief sein konnten und von Zeit zu Zeit ausgeschöpft wurden. (mic)
 
Ein Apotheker rührt für seine Kundschaft ein Arzneimittel an. <em>Bild: Wikipedia</em>
Ein Apotheker rührt für seine Kundschaft ein Arzneimittel an. Bild: Wikipedia

Gefürchtete eingeschleppte Krankheit

  • Syphilis: Diese Geschlechtskrankheit war extrem gefürchtet. Der Name nimmt Bezug auf Sipylus, in der griechischen Mythologie ein Sohn der Niobe, die eine Tochter des verfluchten Tantalos war. Der Gott Apoll schoss einen tödlichen Pfeil auf ihn. Später wird dessen Wirkung in eine auszehrende Krankheit umgedeutet. Die Syphilis wurde vermutlich von der Mannschaft des Kolumbus aus der Karibik eingeschleppt und 1494 in Neapel verbreitet. Von dort wurde die Krankheit von französischen Soldaten in den Norden weitergetragen. Daher sprach man auch von der "Neapolitanischen" oder der "Französischen Krankheit". Ärzte rieten zu einer (schmerzhaften) Quecksilberkur, zum Beten oder zu einem Sud aus Guaiacum.
  • Guaiacum: Der Name leitet sich vom Guajakbaum her, der in der Karibik wächst und sehr hartes Holz besitzt. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde es im Auftrag der Augsburger Handelsfamilie der Fugger nach Europa verschifft, da es als Heilmittel gegen die Syphilis galt. Rezept: Das Holz (steinhart) kleinraspeln, wässern, rühren und 24 Stunden bei mittlerer Hitze kochen. Wenn ein Drittel des Wassers verkocht ist, den Schaum abschöpfen und die eiternden Geschwüre bestreichen. Den restlichen Sud ziehen lassen, seihen und 30 Tage lang trinken. Fazit: Wirkung umstritten. Verdacht der Geschäftemacherei der Fugger.
  • Herkunft von "Arzt": Dem Wort gehen das althochdeutsche "arzât" (9. Jahrhundert) und das mittelalterliche "arzet" voraus. Die Begriffe kamen aus dem Wort "arciater", was wiederum aus dem griechischen "archiatros" (Oberarzt, Leibarzt) entlehnt wurde.