Im Fußball wäre es eine spannende Begegnung: Es ist aber nicht allzu wahrscheinlich, dass es zum Spiel zwischen der deutschen und der russischen Nationalmannschaft kommt. Begegnungen zwischen Deutschland und Russland sind derzeit ohnehin schwierig: Der Fall Skripal, ein Giftmordanschlag auf einen ehemaligen sowjetischen Spion, für den Großbritannien die russische Regierung verantwortlich macht, belastet das Verhältnis. Es schwelt der ukrainisch-russische Konflikt, die europäischen Sanktionen drücken die russische Wirtschaft. Die Fußball-WM beginnt, aber die Welt scheint nicht feiern zu wollen.

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Auch in Deutschland wollen jene, die Russland besser kennen als jeder andere, über dieses Land nicht sprechen. Deutsche, die vor 20 Jahren aus Russland oder Kasachstan eingewandert sind, lehnen höflich ab. Eine junge Frau sagt, dass sie Zeit für ein Treffen habe. Kurz vor der vereinbarten Zeit entschuldigt sie sich telefonisch, es sei etwas dazwischen gekommen. Ein Mann sagt zu – und am nächsten Tag bedauernd ab. Ein Freund habe ihm abgeraten, mit der Presse zu sprechen. Mit einem Pressevertreter darüber sprechen, was es bedeutet, Deutscher aus Russland zu sein, Deutscher mit Geburtsort in einem fernen Land, einem Land, der Sowjetunion, das es längst nicht mehr gibt – nein, das möchte kaum jemand. Und so endet diese Geschichte erst einmal, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Krautsupp oder Riebelkuchen

Um das zu klären, braucht es Menschen, die bereit sind, zu erzählen. Schließlich gibt sich Aljona Nohl, als sie beim russischen Laden in Wollmatingen einkauft, aufgeschlossen. Die 42-Jährige lädt mit ihrer Familie zu sich nach Hause ein – und sagt nicht ab. Die Nohls sind erst vor fünf Monaten aus Russland ausgereist.

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In der Kindheit Sergej Nohls hießen die deutschen Gerichte Kreplki (Pfannkuchen), Krautsupp oder Riebelkuchen. Bei Beerdigungen, zu denen die Großmutter auch den Enkel mitnahm, wurde Deutsch gesungen, die Großmutter bewahrte eine alte deutsche Bibel auf. Viel mehr verbindet Sergej zunächst nicht mit Deutschland. Er wächst in Barnaul auf, einer russischen Stadt im Bezirk Altaj in der Nähe der kasachischen Grenze, seine Muttersprache ist Russisch.

Inzwischen kauft er bei Aldi oder Lidl ein, weiß, dass vor Feiertagen in Konstanz in der Regel Stau herrscht und hat einen deutschen Pass. Die Neugierde auf die neue Heimatstadt ist groß. Der Integrationskurs beim Sprachendienst soll dafür sorgen, dass bald auch die Sprachkenntnisse zum Pass passen.

„Wir wollten schon in den 90er-Jahren ausreisen“, erläutert Nohl den späten Zeitpunkt, zu dem seine Familie Russland verließ. Die meisten Russlanddeutschen kamen in den 90ern, heute nur noch wenige. Sergej und seine Frau Aljona wollten damals die Ausreise beantragen, doch der Großvater war strikt dagegen. Familienzusammenhalt geht vor Extrawünschen, das Paar blieb. Einen weiteren Versuch unternahmen die jungen Eltern zu Beginn des Jahrtausends, als ihre Kinder klein waren. Zu dem Zeitpunkt sträubte sich der Großvater, alt geworden, nicht mehr. Doch sie bekamen keine Ausreisegenehmigung und blieben erneut. Im dritten Anlauf hat es nun geklappt: Pavel, 19, und Marina, 16, sind zwar fast erwachsen, waren aber von der Idee begeistert: „Ich habe hier in Deutschland viel bessere Chancen als in Russland. Ich möchte Kosmetikerin werden. In Russland wäre die Ausbildung sehr teuer geworden“, erklärt Marina.

Eine Ausbildung sei noch längst keine Garantie, später auch in dem Job arbeiten zu können, sagt Marina. Das beste Beispiel ist ihre Mutter: Aljona Nohl ist studierte Russischlehrerin, fand aber nach der Ausbildung keine Stelle. Eine Weile arbeitete sie als Erzieherin zu schlechten Bedingungen, später bekam sie eine Stelle bei der Sparkasse. So oder ähnlich schlagen sich viele durch: Hauptsache, man kann die Familie ernähren.

Der Wolgadeutsche Alexander Muth wurde 1941 nach Sibirien deportiert.
Der Wolgadeutsche Alexander Muth wurde 1941 nach Sibirien deportiert. | Bild: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

Die Politik wäre für Sergej Nohl kein Grund gewesen, das Land, in dem er geboren wurde, zu verlassen. „Russland engagiert sich viel in der Außenpolitik, leistet militärische und humanitäre Hilfe, etwa in Syrien. Die Regierung sollte aber mehr für das eigene Volk tun.“ So sieht es auch seine Frau: Rentnerinnen, denen das Geld für Eier nicht ausreicht, sei sie täglich begegnet. Für Aljona Nohl ist das nicht menschenwürdig.

An der deutschen Politik kritisiert die Familie das Vorgehen der Regierung in der Flüchtlingsfrage. Sergej Nohl befürchtet eine Islamisierung des Landes, Aljona hat Bedenken, dass die deutsche Kultur verloren gehen könnte. Die ersten Monate nach ihrer Ankunft hat die Familie in der Flüchtlingsunterkunft in der Konstanzer Steinstraße verbracht – das Zusammenleben mit Flüchtlingen hinterließ keinen guten Eindruck.

Die Flüchtlingsfrage treibt auch andere Aussiedler um. Waldemar Herdt, der 1993 von Kasachstan nach Deutschland auswanderte, nahm die Silvesternacht in Köln zum Anlass, sich für die AfD zu engagieren. „Warum wurden die Frauen, die sexuell belästigt wurden, von ihren Männern nicht beschützt?“ Auf diese Frage erhielt er keine befriedigende Antwort. Heute sitzt Herdt für die AfD im Bundestag, er ist einer von nur zwei russlanddeutschen Abgeordneten im Parlament, beide repräsentieren die AfD. Gegen Flüchtlinge, die sich beruflich engagierten und bereit seien, sich anzupassen, habe er nichts. Doch das seien nur wenige. 80 Prozent kämen als Wirtschaftsflüchtlinge. Der 56-Jährige will sich für den Erhalt der deutschen Kultur einsetzen: „Wir mussten in der Sowjetunion für das Deutschsein kämpfen, das unterscheidet unsere Volksgruppe von den hiesigen Deutschen.“

Russlanddeutsche kämpfen für ihre Verwandten in der UdSSR für die Ausreise nach Deutschland. <em>Bild: Archiv Viktor Schäfer</em>
Russlanddeutsche kämpfen für ihre Verwandten in der UdSSR für die Ausreise nach Deutschland. Bild: Archiv Viktor Schäfer

So scharf Herdt die Bundesregierung kritisiert, so positiv bewertet er Russlands Präsidenten: „Putin hat dem russischen Volk seine Würde zurückgegeben“, sagt er, „das müssten wir hier auch tun.“ Außenpolitisch sei Putin sehr erfolgreich. Wenig Skrupel hatte Waldemar Herdt, mit anderen AfD-Mitgliedern eine Reise auf die annektierte Krim zu unternehmen, die von Deutschland nicht als russisches Territorium anerkannt wird. Er habe sich dort mit Russlanddeutschen getroffen, sagt er. Man müsse die Lage von innen kennen, wenn man helfen wolle, den Konflikt zu lösen, so seine Sicht.

Ist die Integration der Aussiedler eine Erfolgsgeschichte? Reicht es, dass unter ihnen die Arbeitslosigkeit gering ist, viele Familien einen hohen Lebensstandard erreicht haben. Wächst dennoch die Distanz zwischen einheimischen und zugewanderten Deutschen fast unbemerkt? Identifizieren sich Aussiedler lieber mit Wladimir Putin als mit Angela Merkel?

Jörn Happel, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz, warnt vor Pauschalurteilen. Die Russlanddeutschen seien viel zu heterogen, als dass man sie in eine Gruppe zusammenfassen könne. Die jüngere Generation sei schon lange fest in der deutschen Gesellschaft angekommen. Viele könnten kein Russisch mehr. Die ältere Generation aber lebe oft in prekären Verhältnissen. Ihre Qualifikationen wurden bei ihrer Ankunft oft nicht anerkannt, ihre Einkünfte seien mager. Das habe, so Happel, bei vielen ein ähnliches Wahlverhalten hervorgerufen wie in den neuen Bundesländern. Nur 58 Prozent der wahlberechtigten Russlanddeutschen hätten bei der Bundestagswahl gewählt, davon 15 Prozent die AfD, 21 Prozent Die Linke, 27 Prozent die CDU/CSU. Aus ihren Reihen neigten sich also nicht mehr Personen der AfD zu als aus der Gesamtbevölkerung. Man könne allerdings von Enttäuschung innerhalb der Gruppe der Aussiedler sprechen: Enttäuschung darüber, dass ihre Geschichte in Deutschland kaum interessiere. Enttäuschung auch darüber, nach so vielen Jahren noch als „Russen“ wahrgenommen zu werden. Von einem vorherrschendem Rechtsnationalismus könne aber nicht die Rede sein.

Nicht jeder russische Laden ist so bunt wie dieser in Ludwigsburg. In vielen Städten, in denen Aussiedler leben, gibt es ein Geschäft, das russische Lebensmittel verkauft.
Nicht jeder russische Laden ist so bunt wie dieser in Ludwigsburg. In vielen Städten, in denen Aussiedler leben, gibt es ein Geschäft, das russische Lebensmittel verkauft. | Bild: Christoph Schmidt

Das bestätigt auch Peter Kaiser, Osteuropa-Historiker an der Universität Freiburg: Viele Russlanddeutsche fühlten sich beiden Welten zugehörig, schreibt er. Man sei stolz darauf, Deutscher zu sein, gleichzeitig vergesse man nicht, woher man komme. Viele Familien sähen gerne russisches Fernsehen oder feierten „sowjetisch-russische“ Feste; man ist stolz auf die Herkunft und die besondere Geschichte der Volksgruppe. Viele Aussiedler kämpften mit der Erfahrung, dass sie von den alteingesessenen Deutschen nicht herzlich empfangen wurden.

Auch für den Trend unter Teilen der Aussiedler, mit der AfD zu sympathisieren, hat Kaiser eine Erklärung: Viele Russlanddeutsche mussten um die Möglichkeit, nach Deutschland einwandern zu dürfen, lange kämpfen. Dass die Bundesregierung 2015 angesichts des Flüchtlingsstroms muslimische Migranten im Schnellverfahren aufnahm, ohne diese zu überprüfen, sei für viele Russlanddeutsche angesichts der eigenen Erfahrungen völlig unverständlich gewesen. Viele Aussiedler hätten den Eindruck gewonnen, es werde mit zweierlei Maß gemessen: die deutschstämmigen Einwanderer würden von der Bundesregierung benachteiligt, während Flüchtlinge, die 2015 kamen, offen empfangen worden seien. Die konservativen Werte vieler Aussiedler machen sie außerdem empfänglich für das intensive Werben der AfD, die die Zielgruppe der Russlanddeutschen unter anderem in russischsprachigen Fernsehprogrammen geschickt umgarnt.

2016 demonstrierten Hunderte Russlanddeutsche in Villingen-Schwenningen für mehr Sicherheit. Auslöser war damals die angebliche Vergewaltigung des Mädchen Lisa.
2016 demonstrierten Hunderte Russlanddeutsche in Villingen-Schwenningen für mehr Sicherheit. Auslöser war damals die angebliche Vergewaltigung des Mädchen Lisa.

Mit den Details deutscher Innenpolitik haben sich die Nohls bisher nicht befasst, zu sehr hält sie die Alltagsbewältigung und das, was Alteingesessene Integration nennen, noch in Atem. Was die WM anbelangt, so fällt Sergej Nohls Haltung jedoch deutlich aus: „Wir sind und waren immer schon für die deutsche Nationalmannschaft bei Turnieren. Für Russland zu sein, lohnt sich im Fußball einfach nicht.“

 

Wie die Deutschen nach Russland kamen und warum viele Aussiedler heute in Deutschland leben wollen

 

  1. Warum siedelten Deutsche im 18. Jahrhundert nach Russland um? Zarin Katharina II. unterzeichnete am 22. Juli 1763 einen Erlass, der es möglich machte, ausländische Kolonisten ins Land zu holen. Er wurde in ganz Europa verbreitet. Die ausländischen Siedler sollten zahlreiche Rechte erhalten und die Zarin versprach ihnen Vergünstigungen: kostenlose Zuteilung von Land, freie Steuerjahre, innere Selbstverwaltung, Befreiung vom Militärdienst, Berufs- und Religionsfreiheit. Vor allem in den deutschen Kleinstaaten fanden sich viele Auswanderwillige. Eine zweite Welle folgte ab 1789, etwa 55 000 Deutsche wanderten zusätzlich ein, vor allem vermögende Landwirte und Handwerker aus Westpreußen und Württemberg.
  2. Welche Folgen hat die Sowjetherrschaft für die Kolonisten? Die meisten deutschen Einwanderer standen den Bolschewiki skeptisch gegenüber, sie profitieren aber von deren Nationalitätenpolitik. 1924 wird die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen gegründet. Die territoriale Autonomie ermöglicht etwa Zugang zu höherer Bildung und muttersprachlichem Unterricht, wie der Osteuropa-Historiker Viktor Krieger (Uni Heidelberg) schreibt. Nach dem Angriff von NS-Deutschland auf die UdSSR wurde die ASSSR der Wolgadeutschen liquidiert. 794 100 Deutsche wurden nach Kasachstan und Sibirien zwangsumgesiedelt, ihr Besitz konfisziert, viele Russlanddeutsche mussten von 1942 bis 1946 Zwangsarbeit leisten.
  3. Wie kamen die Russlanddeutschen wieder nach Deutschland? Erst 1956 wurden die Deutschen in der Sowjet-union den übrigen Sowjetbürgern gleichgestellt. Diskriminierung gab es aber weiterhin. Während der Perestroj-ka liberalisierte die sowjetische Regierung die Ausreisebestimmungen. 1991 unterzeichneten Bundeskanzler Kohl und der russische Präsident Boris Jelzin eine Erklärung, in der Jelzin die Wiederherstellung der Wolgarepublik ankündigte. Jelzin nahm die Absichtserklärung 1992 aber wieder zurück. In den 90er-Jahren sollen etwa 2,4 Millionen Aussiedler nach Deutschland gekommen sein. Wie viele heute hier leben, ist nicht bekannt. Das liegt daran, dass alle einen deutschen Pass haben und statistisch nicht gesondert erfasst werden.
  4. Warum kommen viele Russlanddeutsche nicht aus Russland, sondern aus Kasachstan oder Kirgisien? Das hängt mit den Deportationen unter Stalin zusammen. Gemäß des Stalin-Erlasses von 1941 wurden die Russlanddeutschen aus den europäischen Teilen der Sowjetunion nach Sibirien, Kasachstan und an den Ural deportiert. Nach der Rehabilitation 1956 gelang es vielen Familien, sich wieder eine solide Existenz an den neuen Standorten aufzubauen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die ehemaligen Sowjetrepubliken wie Kasachstan oder Kirgisien selbstständig. Schon während der Perestrojka kehrten einige Krimdeutsche aus Kasachstan und Sibirien auf die Krim zurück, wo heute etwa 3000 Deutschstämmige leben.
    Die Winzergenossenschaft Konkordia in Helenendorf, Transkaukasia, etwa 1913. Die Kaukaususdeutschen waren durch ihren Wein im Russischen Reich bekannt.
    Die Winzergenossenschaft Konkordia in Helenendorf, Transkaukasia, etwa 1913. Die Kaukaususdeutschen waren durch ihren Wein im Russischen Reich bekannt. | Bild: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte
  5. Warum sprechen so viele Aussiedler bei ihrer Ausreise aus Russland/Kasachstan deutlich besser Russisch als Deutsch? Nach den Deportationen und dem Verbot, Deutsch zu sprechen, verloren die Russlanddeutschen an kultureller Identität. Bei der Volkszählung 1989 ließen sich in der Sowjetunion rund zwei Millionen Einwohner als Deutsche eintragen. Von ihnen gaben nur noch 48,7 Prozent Deutsch als Muttersprache an. 1926 waren es noch 94,9 Prozent gewesen. In den Folgegenerationen, die ein russisches oder kasachisches Schulsystem durchliefen, passten sich die Russlanddeutschen weiter an, auch, weil das ihre Chancen beim Zugang zu Bildung und Jobs erhöhte. Im Alltag verlor sich dadurch die deutsche Sprachpraxis weitgehend.