„Am Anfang war es super. Da waren wir viel mehr Leute hier“, sagt Samaa und etwas Wehmut schwingt in ihrer Stimme. Es klingt nach guter alter Zeit. Damals als die Flüchtlingsunterkunft in Donaueschingen noch voll war. Zu besten Zeiten waren 2500 Leute hier auf dem Gelände der ehemaligen Franzosen-Kasernen untergebracht. „Wir hatten Albanien, wir hatten Afghanistan, Algerien, Syrien. Wir hatten alles hier,“ schwärmt Samaa. Als sie anfingen mit dem Radio vor einem halben Jahr, waren es immerhin noch etwa 1000 Geflüchtete. Jetzt hat es sich geleert. Das Gelände wirkt unheimlich und verlassen, wie eine Geisterstadt, durch die mehr Wachleute zu streifen scheinen als Flüchtlinge. Etwa 160 sollen es momentan noch sein.

Was manch einen draußen in der Stadt eher beruhigt, ist für Samaa ein Verlust. Die 26-Jährige ist Redakteurin bei „Radio Good Morning Deutschland von und für Geflüchtete mit drei lokalen Studios in Frankfurt, Stuttgart und Donaueschingen“. Eigentlich ist Samaa Sozialbetreuerin. Zuerst hat sie in der Donaueschinger Erstaufnahmestelle gearbeitet, derzeit bringt sie in einer Anschlussunterkunft in Löffingen den Leuten „a weng das Leben hier bei“. Einkaufen, Jobcenter, Zettel ausfüllen. Man kann sich vorstellen, dass Samaa das sogar Spaß macht. Und dass sie in den Geflüchteten keine Problemfälle sieht, sondern einfach Menschen.

Redakteurin Samaa Marof
Redakteurin Samaa Marof | Bild: Sabine Tesche

Samaa ist in Donaueschingen geboren und aufgewachsen, aber ihre Wurzeln sind palästinensisch. Sie spricht fließend Deutsch und Arabisch. Das Schulenglisch kommt noch hinzu. Das hat sie prädestiniert für den Radio­job in der Erstaufnahmestelle. Denn zum Konzept des Flüchtlingsradios gehört es, viersprachig zu senden – auf Deutsch, Arabisch, Farsi und Englisch. Wenn Samaa nun mittwochs zwischen 17 und 20 Uhr in dem Studio sitzt, live mit Flüchtlingen spricht, sie vorstellt, ihre Musik spielt oder sie ermuntert, selbst Musik zu machen, dann gibt sie immer auch eine Zusammenfassung auf Arabisch ins Mikro. „Anfangs hat mich der Gedanke, dass mir zig Leute zuhören, nervös gemacht. Aber mit der Zeit kriegt man einen Alltag rein“.

Samaa ist an diesem Mittwoch alleine im Studio. Häufig sind sie zu zweit oder zu dritt. Das Studio ist in einer ehemaligen Caféteria auf dem Gelände untergebracht. Eine große Fensterfront ermöglicht den Blick von außen nach innen ins Studio. Und das ist auch gewünscht. Damit die Leute einfach reinkommen und mitmachen. Zusätzlich übertragen Lautsprecher das Radio direkt nach draußen aufs Gelände. Als es noch voll war, da haben sie hier draußen getanzt, erzählt Samaa.

An diesem kühlen Nachmittag tanzt niemand draußen. Aber kaum schickt Samaa die ersten Takte arabischer Musik über den Äther, stellen sich ein paar Neugierige ein. Drei junge Männer. Samaa winkt sie herein wie alte Bekannte. Sie kommen aus Gambia, sind letzte Woche hier angekommen und stellen sich als Assan, Yahya und Osman vor. Samaa schaltet um auf Englisch, versucht mit ihnen ins Gespräch zu kommen, übersetzt dann auf Deutsch und Arabisch. Man muss flexibel sein in diesem Job. Schließlich hat Samaa Osman so weit, dass er etwas rappen möchte. Sie sucht einen Instrumentaltrack raus und spielt ihn ein, Osman zieht die Kopfhörer auf und beginnt etwas zu rappen. Es ist nicht ganz einfach zu verstehen, worüber. Aber „Nigger“ und „Modderfucker“ spielen eine prominente Rolle.

Bis der Komponist Hannes Seidl, der das Radioprojekt initiiert hat (siehe Interview), sie im März dieses Jahres ansprach, hatte Samaa keine Radioerfahrung. Sie hat trotzdem gleich Ja gesagt. Warum nicht, ist mal was Neues. „Dann sind wir nach Frankfurt gefahren und wurden in einem dreitägigen Crashkurs geschult. Und seitdem machen wir das.“ Die Redakteure kriegen für ihre Arbeit eine Aufwandsentschädigung. Klingt alles einfach. Aber bis das Projekt stand, mussten nicht nur konzeptuelle Fragen beantwortet und logistische Probleme gelöst werden, sondern bei der Geldsuche auch unerwartete Widerstände überwunden werden. „Viele Leute sagen zuerst einmal: tolle Idee. Aber dann kommen die Bedenken. Wer kontrolliert denn die Inhalte?“, erzählt Hannes Seidl. Wohl daher stellte sich auch das Sozialamt in Stuttgart zunächst einmal quer.

Redakteurin Samaa Marof mit Flüchtlingen aus Gambia
Redakteurin Samaa Marof mit Flüchtlingen aus Gambia | Bild: Sabine Tesche

„Sie wollten nicht, dass wir das übers Internet nach draußen senden.“ Lautsprecher in der Unterkunft, kein Problem. Aber bitte keine Öffentlichkeit. Erst eine Rechtsanwältin musste das Amt darauf aufmerksam machen, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung auch für Flüchtlinge gilt.

Es kamen auch Briefe von sogenannten besorgten Bürgern, die den Radiomachern vorwarfen, sie würden dem Terrorismus Tür und Tor öffnen, wenn im Radio Arabisch gesprochen wird. Hannes Seidl findet den Gedanken ziemlich absurd. „Stellen Sie sich vor, hier kommt jemand rein und ruft zum Heiligen Krieg auf. Dann müssten ja alle, die das hören, geschlossen schweigen. Niemand dürfte rufen, hey, was redest du für einen Unsinn! Ich glaube, das Radio ist die denkbar schlechteste Form, um Hass zu predigen.“

Redakteurin Samaa Marof
Redakteurin Samaa Marof | Bild: Sabine Tesche

Sicherlich sind die Studios in erster Linie soziale Orte für die Unterkünfte. Aber den Stream kann man weltweit empfangen. Samaa, die in Donaueschingen gut vernetzt ist, hat Bekannte dazu gebracht, das Radio auch in ihrer Bäckerei oder in der Shisha-Bar laufen zu lassen. So entstanden auch Kontakte mit den Leuten in der Stadt. Auch bei den Donaueschinger Musiktagen am Wochenende soll das Radio in Cafés in der Innenstadt übertragen werden. Es wird damit Teil des Festivals. Nach dem Wochenende geht es für das Studio in Donaueschingen allerdings nicht mehr weiter. Nur die Stationen in Frankfurt und Stuttgart werden fortgeführt. Aber die Zeit der gut gefüllten Unterkunft mit all dem Tanzen und Musizieren ist ja ohnehin vorbei.


So wird in den Radiostationen musiziert und gearbeitet:


Schwerpunkte der Musiktage

Das neue SWR Symphonieorchester, hier beim ersten Konzert in Stuttgart, spielt erstmals auch in Donaueschingen.
Das neue SWR Symphonieorchester, hier beim ersten Konzert in Stuttgart, spielt erstmals auch in Donaueschingen. | Bild: dpa

Von Freitag bis Sonntag wird Donaueschingen, wie jedes dritte Wochenende im Oktober, wieder zum Zentrum zeitgenössischer Musik. Erwartet werden 10 000 Besucher. 18 Uraufführungen stehen auf dem Programm und mehrere Klanginstallationen. Das Radio Good Morning Deutschland in der Flüchtlingsunterkunft (Friedhofstraße 15a) ist also nur ein Programmpunkt unter vielen während der Donaueschinger Musiktage. Aber hier zeigt sich vielleicht am deutlichsten die Handschrift des neuen Intendanten Björn Gottstein. Der 48-Jährige leitet als Nachfolger des verstorbenen Armin Köhler die Donaueschinger Musiktage im zweiten Jahr. Gottstein möchte mehr gesellschaftliche Debatten und mehr Input aus der jüngeren Komponistengeneration. Daneben sorgen aber auch gut eingeführte Komponistennamen wie Peter Eötvös, Rebecca Saunders, Martin Smolka oder Georg Friedrich Haas für Spannung.

Was allerdings auch Armin Köhler sicherlich gut gefallen hätte, sind die Schnittstellen zwischen Pop und Avantgarde, denen in diesem Jahr Raum gegeben wird. Der österreichische Komponist Peter Ablinger thematisiert in seinem neuen Werk „Die schönsten Schlager der 60er und 70er Jahre“ das verführerische Konzept der musikalischen Sorglosigkeit. Aber auch der Franzose Franck Bedrossian (in Donaueschingen kein Unbekannter) wird mit „Twist“ den Farben der Unterhaltungsinsdustrie nachspüren. Manche Retro-Nostalgie geht eben auch an der Neuen Musik nicht spurlos vorüber. So haben Bernhard Gander und Michael Wertmüller in ihren Werken eine Hammond-Orgel vorgesehen.

Ohne Elektronik geht in Donaueschingen schon seit etlichen Jahren nichts mehr. Rein akustische Werke muss man fast schon mit der Lupe suchen. Für Björn Gottstein entspricht das aber unserer Lebenswirklichkeit. Wobei der Einsatz der Elektronik sehr unterschiedlich sein kann. Von einer behutsam eingesetzten Live-Elektronik bis zur reinen Laptop-Musik ist da alles drin. Neben dem SWR Experimentalstudio wird in diesem Jahr wieder das Pariser IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique) prominent vertreten sein.

Das SWR Symphonieorchester wird seinen ersten Donaueschinger Auftritt haben. Der nach vielen Protesten aus den beiden SWR-Orchestern frisch fusionierte Klangkörper hatte erst kürzlich seine ersten Konzerte in Stuttgart und Freiburg gegeben. Bislang hatte das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg stets das Eröffnungs- und das Schlusskonzert in Donaueschingen bestritten. Dies soll nun das neue Fusionsorchester übernehmen.

Eine kurzfristige Programmänderung betrifft das Abschlusskonzert. Da das Werk von Marco Stroppa nicht fertig geworden ist, steht nun die „Symphony of three Orchestras“ des Amerikaners Elliott Carter von 1976 auf dem Programm. Das Werk eines verstorbenen Komponisten – das gibt es in Donaueschingen auch nicht so oft.


Donaueschinger Musiktage: 14. bis 16. Oktober. Eröffnungskonzert und Abschlusskonzert werden im Live-Video-Stream auf SWRclassic.de übertragen, weitere Konzerte auf  www.swr2.de.