Herr Avramopoulos, der Streit um die Migration droht die EU zu spalten. Was hat der Mini-Gipfel am vergangenen Sonntag gebracht?

Es waren Gespräche, Konsultationen, die uns weitergebracht haben. Denn diese Krise geht an die Substanz der Union. Einige Regierungen fordern jetzt genau das, woran wir in den letzten drei Jahren gearbeitet haben: eine Lösung für ganz Europa. Wenn wir diesen Weg weitergehen, können wir Migrationsbewegungen in Zukunft besser steuern. Schaffen wir das nicht, droht ein Rückfall.

Es sind jene Regierungen, die Deutschland für die Öffnung der Grenzen 2015 kritisieren. Hat die Bundeskanzlerin damals einen Fehler gemacht?

Das ist unfair. Wir erinnern uns alle daran, wie viele Flüchtlinge nach Europa auf dem Weg waren. Die Bundeskanzlerin hat in dieser Situation genau das gemacht, was wir brauchen: Sie hat Solidarität gezeigt, sie hat entsprechend unserer Vereinbarungen über Humanität und Menschenwürde reagiert – und viele Bundesbürger, die den Ankommenden geholfen haben, auch. Unter dem Eindruck von Euroskeptikern und Populisten drohen wir nun zurückzufallen – nicht nur in Fragen der Migration, sondern das ganze europäische Projekt ist in Gefahr. Das gilt es zu verhindern.

Ist seither genug getan worden, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Wir haben Vereinbarungen mit der Türkei getroffen, um Flüchtlinge in der Region zu betreuen. Das funktioniert. Wir haben einen gemeinsamen Küsten- und Grenzschutz aufgebaut. Und glauben Sie mir: Das waren keine leichten Gespräche mit den Mitgliedstaaten. Auch der funktioniert; es zeigt was wir erreichen können, wenn wir zusammenarbeiten. Nun wollen wir die Zusammenarbeit mit anderen Länder verstärken, ähnlich wie mit der Türkei – und wir bekommen vielversprechende Signale. Das Umverteilungsprogramm für Flüchtlinge in Griechenland und Italien hat funktioniert. Alle diese Maßnahmen zusammen zeigen, dass die EU nicht untätig war, auch wenn noch einiges mehr getan werden muss. Aber auch das werden wir schaffen.

Man hat als Beobachter oft den Eindruck, Europa wolle eine Festung werden, die für jeden Migranten unerreichbar ist.

Wir sollten niemals zulassen, dass Europa eine Festung wird. Denn das würde uns isolieren. Solidarität und Verantwortung sind nicht nur schöne Worte. Es sind die Prinzipien, auf denen die EU aufgebaut ist und die diese Gemeinschaft ausmachen. Ziel muss aber zugleich sein, irreguläre Migration zu verringern und das Schmugglerwesen einzudämmen.

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Sie wollen nun Transit- oder Willkommenszentren in Drittstaaten in Nordafrika oder auf dem Balkan errichten. Ist das eine humane Lösung?

Ich will das ganz deutlich sagen: Es geht hier nicht um Gefängnisse wie Guantanamo. Das verbieten unsere Geschichte und unsere Kultur. Was zur Zeit diskutiert wird, ist die Möglichkeit, auf See gerettete Flüchtlinge auch in Länder außerhalb der EU zu bringen. Schutzbedürftige könnten dann direkt nach Europa gebracht werden, jene, die keinen Schutz benötigen, wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Dafür brauchen wir Partner, die ein solches Projekt, wie es in der Türkei gut funktioniert, mit uns realisieren wollen – mit einem hohen Standard an Humanität und Menschenrechten, und in enger Zusammenarbeit mit dem Hochkommissar für Flüchtlinge der Vereinten Nationen.

Was erwarten Sie sich denn zu diesem Punkt vom EU-Gipfel in Brüssel?

Das wird sicherlich nicht einfach und ich kann nicht sagen, was am Ende stehen wird. Aber ich hoffe sehr, dass sich alle ihrer politischen Verantwortung bewusst sind, das europäische Projekt voranzutreiben. Ja, es ist eine existenzielle Krise für die Europäische Union. Aber jeder sollte wissen, dass er Verantwortung für die jüngere Generation in seinem Heimatland hat, der er sagen muss, ob man auf dem europäischen Weg weitergehen will – oder ob man einen Rückfall riskiert. Das würden die jungen Menschen nicht verstehen. Der Europäische Rat ist nicht nur eine Zusammenkunft von Regierungschefs, die ihre Länder vertreten. Er ist eine europäische Institution. Und wir alle gemeinsam – die Kommission, der Rat und das Europaparlament – haben die gemeinsame Verantwortung, Lösungen zu finden.

Zur Person

Dimitris Avramopoulos (65) gehört den griechischen Christdemokraten der Neo Dimokratia an. Nach dem Jura-Studium unter anderem in Brüssel war er zunächst als Diplomat und ab 2004 in diversen Ministerämtern (Tourismus, Außenamt, Verteidigung) tätig, ehe er 2015 nach Brüssel wechselte, wo er in der Juncker-Kommission die Ressorts Migration, Inneres und Bürgerschaft übernahm. Der verheiratete Vater von zwei Kindern lebt in Athen.