Ein Junge im Krankenwagen, das Gesicht voller Dreck und Blut, die Füße nackt, die Haare, die Haut, das T-Shirt, die Hose verstaubt. Er weint nicht. Der Blick des Jungen ist ins Leere gerichtet. Bei dem Jungen handelt es sich um den fünfjährigen Omran Daqneesh. Sein Foto ging vor einigen Wochen um die Welt. Es wurde in Aleppo aufgenommen. Dort herrscht seit fünf Jahren Bürgerkrieg. Die zweitgrößte Stadt Syriens gleicht einem Trümmerfeld. Dem irrationalen Konflikt sind bereits mehr als 400.000 Menschen zum Opfer gefallen. Omram hat überlebt.

In sozialen Netzwerken und in internationalen Medien wird viel über solche Kriegsbilder diskutiert – weil sie sich ins Gedächtnis brennen, weil sie anrühren, auch weil sie unsere Ohnmacht zeigen. Nicht nur in Syrien, in anderen Teilen des Nahen Ostens, etwa im Irak, aber auch in Südasien, in Afghanistan, herrscht seit Jahren Kriegs-, herrscht Ausnahmezustand. Und fast täglich landen aus diesen Gebieten Bilder der Gewalt – oft blutigere als das von Omran in Aleppo – auf den Zeitungsseiten, in Magazinen oder im Fernsehen. Und das Netz ist sowieso eine Bildermaschine endzeitlicher Dimension.

Warum wir das Grauen nicht zu sehen bekommen

Trotzdem sehen wir viele Bilder nicht. Wir bekommen sie nicht zu sehen. Die Gier nach immer neuen visuellen Eindrücken aus allen Teilen der Welt, zumal aus Krisen- und Kriegsgebieten, macht Halt vor dem, was eigentlich den Kern dieses Geschehens ausmacht: Das Grauen. Das Leiden und Sterben. Dass wir das nicht zu sehen bekommen, hat Gründe: "Wenn ich in Kriegs- und Krisensituationen fotografiere", sagt Christoph Bangert, der die Kriege in Afghanistan und im Irak miterlebt hat, "findet immer Zensur statt".

Zensur und Selbstzensur sind so alt wie der Krieg selbst. Bangert hat gelernt, damit umzugehen. Er lässt sich nicht von den Warlords oder Generalen vor den Karren spannen. Er weiß aber, dass er an ihrem Tropf hängt, wenn er in ihren Herrschaftsgebieten unterwegs ist. Nur ganz selten kann er sich zwischen den Fronten frei bewegen und seiner Arbeit nachgehen. Er ist nicht Teil einer kämpfenden Einheit, nicht Partei, sondern Journalist, der versucht, mit seiner Kamera so ehrlich wie möglich zu berichten.
 

Christoph Bangert: "Kabul, Afghanistan, 18. Juni 2011". Der Körper eines wohl nur zufällig anwesenden Zivilisten liegt nach einer Schießerei in der Innenstadt Kabuls auf der Straße. Bild:
Christoph Bangert: "Kabul, Afghanistan, 18. Juni 2011". Der Körper eines wohl nur zufällig anwesenden Zivilisten liegt nach einer Schießerei in der Innenstadt Kabuls auf der Straße. Bild: | Bild: Kunstmuseum Singen

Aber Bangert, der den Begriff Kriegsfotograf scheut, hat eine andere Erfahrung mit Zensur gemacht, mit der er nicht gerechnet hatte: Einige Medien daheim, in deren Auftrag er in die Kriegs- und Krisenzonen gereist war, verweigerten den Abdruck seiner Bilder – Bilder der Gewalt, von denen er selbst sagt, dass sie eine Zumutung sind. Bilder von enthaupteten Menschen etwa, die auf Müllhalden liegen. Grundsätzlich akzeptiert er Regeln von Publikationen, die keine Leichen oder Schwerverletzte publizieren – auch aus der Furcht heraus, dass die schonungslose Darstellung von Tod, Krieg und Katastrophen die Menschen abstumpft.

Aber er hat diese Bilder gemacht, sagt er, weil sie im Leben existieren; er hat sie gemacht, um sie zu veröffentlichen, das ist seine Profession.

Wie weit darf/muss ein Kriegsfotograf gehen?

Bangert hat aus dieser Erfahrung die Konsequenz gezogen und aus den unterdrückten Bildern, die auch in Indonesien, Libanon und Gaza entstanden sind, ein Buch mit dem so provokanten wie aussagekräftigen Titel "War Porn" gemacht. Damit hat er nicht nur eine Debatte über die Sichtbarkeit des Krieges entfacht, sondern vergangenes Jahr den Deutschen Fotobuchpreis erhalten. Aber das Thema bleibt heiß – für ihn, für uns. Wie weit darf/muss ein Kriegsfotograf gehen? Was darf/muss man dem Betrachter zumuten?
 

Christoph Bangert: "Zhari, Khandahar, Afghanistan, 17. Juli 2010". Amerikanische Notärzte der vorgeschobenen Operationsbasis Howze-Madad versorgen einen schwer verletzten afghanischen Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma.
Christoph Bangert: "Zhari, Khandahar, Afghanistan, 17. Juli 2010". Amerikanische Notärzte der vorgeschobenen Operationsbasis Howze-Madad versorgen einen schwer verletzten afghanischen Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma. | Bild: Kunstmuseum Singen

Diesen und anderen Fragen stellt sich aktuell das Kunstmuseum Singen mit seiner Ausstellung "Kriege. Bilder der Gewalt". Das Museum präsentiert drei Protagonisten, die sich dem Thema unterschiedlich genähert haben: Christoph Bangert mit den Fotos aus seinem Buch "War Porn"; Anja Niedringhaus, ebenfalls Fotografin, die bei allen großen Konflikten der letzten Jahrzehnte im Einsatz war und im April 2014 in Banda Kehl, während der Wahlbeobachtung in Afghanistan, erschossen wurde; sowie der Expressionist Otto Dix, dessen 1924 entstandenes Mappenwerk "Der Krieg" ausgestellt wird.
 

Das Museum weiß um die Brisanz des Themas. Im Flyer zur Ausstellung heißt es: "Der Besuch der Ausstellung ist für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren ohne Begleitung der Eltern/Erwachsener und ohne Vermittlung ungeeignet. Der Zutritt wird in diesem Falle verweigert". Christoph Bauer, Leiter des Museums, gibt keine Anweisungen aus, wie die Ausstellung zu sehen ist. Er stellt Fragen an die Besucher: Lässt sich das "Unbeschreibliche" darstellen? Darf man Bilder der Gewalt zeigen? Was machen diese Bilder mit uns?

Es gibt keinen Katalog zur Ausstellung, aber Wandtexte mit Zitaten von Dix, Niedringhaus und Bangert, auch von Schriftstellern und Philosophen wie Carolin Emke, Susan Sonntag oder Ingeborg Bachmann, die mit dem Satz "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar" zitiert wird. Die Texte sollen zum Nachdenken anregen. Auch Bangert möchte, dass die Betrachter seiner kleinen, fast schon intimen verstörenden Fotos, die sich allesamt nicht zur Ikonisierung eignen – im Gegensatz zum Foto von Oman -, nach dem ersten Schock eine Reflexion ermöglichen. Fertige Antworten liefert er nicht.

Auch nicht die Kriegsfotografie von Anja Niedringhaus – ihr Mörder, ein afghanischer Polizist, muss für seine Tat 20 Jahre im Gefängnis büßen. Ihre Fotos kannte man, ohne es zu wissen. Sie wurden weltweit auf den Titelseiten von Tageszeitungen und Zeitschriften veröffentlicht und prägten unser Bild von Terror und Kriegen. Niedringhaus' Fotos – durchwegs im "klassischen" Schwarzweiß – dokumentieren schonungslos das Leid und Elend in diesen Gebieten, aber sie zeigen nicht enthauptete, gefolterte oder massakrierte Menschen. Sie kreierte eine eigene, noch zumutbare Ästhetik der Gewalt.

Anja Niedringhaus: „Falludscha, Irak, November 2004“. Ein US-Infanterist trägt ein GI-Joe-Maskottchen.
Anja Niedringhaus: „Falludscha, Irak, November 2004“. Ein US-Infanterist trägt ein GI-Joe-Maskottchen. | Bild: Kunstmuseum Singen

Niedringhaus war nicht nur an der Front – "embedded", also innerhalb der Truppen -, sondern auch in der Etappe, also im Hinterland, wo die Gewalteskalationen bei den Menschen ebenso tiefe Spuren hinterlassen. Sie wusste, das hyperrealistische Bilder nicht automatisch ein Garant für die kritische Auseinandersetzung mit ihren Inhalten sind. Aber auch ihr Motto war, darin Bangert ähnlich: "Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt."

Dix' Radierungen bezeugen die grauenerregenden Geschehnisse

Fotografie im Ersten Weltkrieg wurde von den Kriegsherren als Propagandamittel verwendet. Der Pazifist Ernst Friedrich hielt 1924 mit der Dokumentation "Krieg dem Kriege" dagegen. Der Fotoband beleuchtet die Folgen der "Materialschlacht" und wollte das wahre Antlitz des Krieges – Verwundete, Verstümmelte, Hinrichtungen, Leiden, Elend und Sterben – zeigen. Auch Otto Dix kannte das Buch. Es ist sogar anzunehmen, dass er die eine oder andere Aufnahme als Vorlage für seinen Zyklus "Der Krieg" verwendete, der aus insgesamt 50 Radierungen besteht und in der Zwischenkriegszeit kontrovers diskutiert wurde – dass die Nazis ihn aus seinem Dresdner Professoren-Amt jagten und als "entarteten Künstler" diskreditieren, hatte auch mit dem Zyklus zu tun.

Dix hatte sich mit 23 Jahren freiwillig gemeldet, wie so viele Künstler und Schriftsteller seiner Generation. Mehr als drei Jahre verbrachte er an der West- und Ostfront und erlebte die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus nächster Nähe – Schützengraben. Als Stoßtruppführer drang er mit dem Maschinengewehr in die feindlichen Linien ein; für seine Tapferkeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Dass er überlebt hat, grenzt an ein Wunder.

Schon an der Front begann er seine Erlebnisse zu dokumentieren. Mehr als 500 Zeichnungen und Skizzen sind dabei in einem realistisch-expressiven Stil entstanden. Die Arbeiten verleiteten seinen Biografen Otto Conzelmann zu der Einschätzung, der Künstler habe den Krieg "wie ein Verliebter gemalt". Vielmehr handelte es sich um eine aus Nietzsches Schriften gewonnene dionysische Einstellung zum Wirklichen mit all seinen furchtbaren Seiten (dionysisch steht für einen unerbittlichen Schöpfungsdrang). Dix wollte alles "ganz genau erleben", wie er in Hemmenhofen sagte, wo er seit 1936 lebte. Allerdings sah dieser Krieger den Krieg zunächst unpolitisch als "Naturereignis", was sich später ändern sollte.

Dix' Radierungen bezeugen – wie Bangerts Fotografien – die grauenerregenden Geschehnisse, mit denen er konfrontiert wurde, die ihn jahrelang in seinen Träumen verfolgten. Aber es ging ihm nicht allein um radikalen Realismus. Er war bestrebt, den Krieg sachlich darzustellen, ohne Mitleid erregen zu wollen, ohne alles Propagandistische. Daher vermied er es, Kämpfe darzustellen und auch auf ekstatische Übertreibungen verzichtete er – das gilt auch für die Werke "Schützengraben" (1923), "Der Krieg" (1929/32) und für das Gemälde "Flandern" (1934/36), das derzeit in einer Ausstellung des Museums Unter den Linden in Colmar gezeigt wird. Dix wollte Kunst machen, ihm gelang Weltkunst. Sein "Kriegswerk" wird zu Recht in einem Atemzug mit Pablo Picassos universeller Anklage gegen Gewalt und Zerstörung "Guernica" (1937) genannt.

Dix hatte das 1863 publizierte grafische Werk "Desastres de la Guerra" von Francisco Goya studiert. Es war sein Vorbild. In den achtzig Radierungen der "Guerra"-Serie hat der spanische Künstler seinen Protest gegen die Fremdherrschaft der Franzosen und gegen die Gräuel dieses und jeden Kriegs formuliert – was neu war, denn die Künstler vor Goya und erst recht seine Nachfolger haben den Krieg zumeist als heroisches Unternehmen gefeiert. Und so wie Goya immer insistierte "Yo lo ví" (Ich selbst sah es), bestand auch der Wirklichkeitsmensch Dix auf die Tatsächlichkeit der irreal anmutenden Wahnsinnsszenarien, die der Künstler aus seinem Gedächtnis schöpfend, eiskalt mit der Nadel aufzeichnete.

Hinschauen oder nicht? "Die Kamera ist das Auge der Geschichte", sagte 1865 Mathew Brady, Chronist des amerikanischen Bürgerkriegs und einer der ersten fotografischen Kriegsberichterstatter. Das will sagen: Es gibt auch die Pflicht, hinzuschauen!

Otto Dix: Ausschnitt aus dem Gemälde "Flandern" (1934/36), das zurzeit im Museum Unter den Linden in Colmar (Elsass) ausgestellt wird.
Otto Dix: Ausschnitt aus dem Gemälde "Flandern" (1934/36), das zurzeit im Museum Unter den Linden in Colmar (Elsass) ausgestellt wird. | Bild: Museum unter den Linden

„Wie alle anderen Menschen auch kann ich den Horror nicht jeden Tag ertragen“

 

Der Leiter des Singener Kunstmuseums und Kurator der Ausstellung "Krieg. Bilder der Gewalt", Christoph Bauer, 56, im Gespräch.

Herr Bauer, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren dürfen die Ausstellung „Krieg“ ohne Begleitung der Eltern/Erwachsenen nicht sehen. Übertreiben Sie nicht ein wenig?

Die Altersbeschränkung ist – in Hinblick auf die Fotografien von Christoph Bangert – eine pragmatische Lösung. Ich denke schon, dass auch Kinder und Jugendliche sich mit dem Thema Bilder der Gewalt und selbstverständlich auch mit der Gewalt selbst auseinandersetzen können, die in uns Menschen angelegt ist, wenn zivilisatorische Dämme brechen. Uns kam es darauf an, dass die Begegnung nicht unkommentiert und nicht ohne Kontext stattfindet. Wir laden folglich Erwachsene, Eltern, Lehrer, Schüler, Jugendliche, Gruppen dazu ein, zu uns zu kommen und miteinander bzw. mit dem Kurator oder dem Museumspädagogen ins Gespräch zu kommen.

Sie erwarten Proteste?
Proteste nicht. Was wir uns, wie gesagt, wünschten, das sind Gespräche, Diskussionen… Mitunter zweifelt man ja auch als Museumsleiter daran, ob Ausstellungen, Museumsbesuche etwas erreichen können. Was zumeist daran liegt, dass wir die Wirkung einer Ausstellung, die Begegnung mit einem Bild, die ein Besucher individuell hat, nicht mitverfolgen, nicht messen können. Mit der Ausstellung „Krieg. Bilder der Gewalt“ wollen wir es aber mal wissen, fast etwas herauskitzeln.

Aber ist Gewalt – hier Krieg und Terror- inzwischen nicht eine „Normalität“, mit der auch Kinder und Jugendliche entweder übers Netz oder über Medien wie Zeitungen oder Fernsehen täglich konfrontiert werden?
Das ist so eine Sache. Ich bin gar nicht so überzeugt davon, dass „jeder“ Jugendliche sich aus dem Netz nun tatsächlich alle Horrorbilder holt und diese als Normalität ansieht. Sicher, es gibt ein anderes visuelles Training: Fiktive Bilder der Gewalt, zum Beispiel aus Filmen und Spielen, ziehen sich wohl nicht wenige rein. Wenn es aber richtig ist, dass unsere Vorstellungen von Krieg, Terror und Gewalt ein kompliziertes, diffuses Geflecht aus fiktionalen und „realistischen“ Bildern, aktuellen und historischen Ablagerungen in unseren Köpfen ist, dann setzt hier die Arbeit ein. Die Grafiken von Otto Dix sagen: Das habe ich erlebt! Die Fotografien von Anja Niedringhaus und Christoph Bangert sagen: Das habe ich gesehen! Es geht um den Nachvollzug realen Leids; es geht um Menschen, die den Krieg am eigenen Leib erfahren. Es geht um dieses Kippen.

Welche Exponate, glauben Sie, könnten ohne ergänzende Erklärung Besucher, zumal junge, verstören? Dix ist ein „Klassiker“ der Kriegsdarstellung, Niedringhaus zeigt keine Grausamkeiten, allein Bangerts Fotografie ist dicht am Sterben...
Verstören können uns alle gezeigten Bilder – wenn wir es zulassen. Sicher: Christoph Bangerts Fotografien getöteter, sterbender oder leidender Menschen sind besonders aufrüttelnd. Ich selbst kann mich aber auch gut an meine frühen Reaktionen auf Otto Dix´ sterbende und verwesende Soldaten erinnern. Ich schauderte. Und immer noch bin ich der Überzeugung, dass Dix „die wahrhafte Reportage des Krieges“, wie er selber sagt, geschaffen hat. Wir haben nun in der Ausstellung eine Art Parcours aufgebaut, der Verstörung, Irritation auslösen soll. Irgendwo, irgendwann muss es in unserem Leben „Zünder“ geben, die uns fragen lassen: Welche Haltung finde ich dazu? Warum nicht im Museum?

Wie kamen Sie auf dieses Trio – ein Künstler und zwei Kriegsfotografen?
Über die Anschauung, denn das Werkzeug des Museumsmanns ist das Auge. Otto Dix beeindruckt mich seit Jahrzehnten. Anja Niedringhaus´ Fotografien lernte ich in einem Museum kennen. Christoph Bangerts Buch „War Porn“, das mir erst vor einem Jahr in die Hände fiel, war eine Herausforderung. Dann gab es die Idee, zum 125. Geburtstag von Otto Dix eine Ausstellung im Kunstmuseum Singen zu zeigen; dann der Gedanke, Dix aus der Kunstgeschichte zu reißen und mit zeitgenössischer Kriegsfotografie zu kombinieren; dann folgte die Idee, nicht Bilder zeigen, sondern Haltungen verdeutlichen zu wollen usw. usw. usw.

Sie stellen Fragen, Sie geben keine Antwort – für eine Ausstellung eher ungewöhnlich...
Das ist richtig. Üblicherweise formuliert ein Kurator in einer Ausstellung eine These und sucht den Exponaten einen spezifischen Gehalt zu entlocken, der die These sinnlich, visuell den Betrachtern anschaulich macht. In diesem Falle aber war es mir wichtig, dass der Besucher in weit stärkerem Maße als üblich aufgefordert bleibt, Stellung zu beziehen; zu einer eigenen Haltung zu finden. Deswegen die unterschiedlichen Bilder, in denen sich aufseiten der Künstler höchst unterschiedliche Herangehensweisen äußern. Deswegen die widerstreitenden Wandtexte.

Sie lassen Ihre Besucher, zumal die jungen, nicht ohne Begleitung. Sie bieten ein umfangreiches Begleitprogramm an.
Vermittlung, das heißt in erster Linie Führungen, schaffen die Möglichkeit, Fragen in den Raum zu stellen, die Haltungen der Künstler aufzuzeigen, die Intention der Ausstellung zu vertiefen, das Gespräch mit den Besuchern zu suchen. Deswegen gibt es zahlreiche Führungen und Veranstaltungen. Man findet das ganze Programm auf unserer Homepage. Freuen würde es mich, wenn Schulklassen den Weg in die Ausstellung fänden und Lehrer Führungen nachfragten.

Was machen die Bildern mit Ihnen?
Christoph Bangert hat in einem Interview brutal argumentiert: „Du kannst nicht hinschauen? Dann streng dich an, du verweichlichte Erste-Welt-Heulsuse! Wach auf! Das sind echte Menschen!“ Und von Dix gibt es die verstörenden Äußerungen: „Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen.“ Und: „Ich war bestrebt, den Krieg sachlich darzustellen, ohne Mitleid erregen zu wollen.“ Ich kämpfe mit Bildern und Sätzen solcher Art. Wie alle anderen auch, kann ich den Horror nicht jeden Tag ertragen; bin auch ich nicht in der Lage, jeden Tag mitzufühlen. Die Bilder machen aber auch mir wieder deutlich: Öffne die Augen! Wir haben sie nicht, um sie zu schließen.


Fragen: Siegmund Kopitzki
 

Kunstmuseum Singen