In Deutschland läuft es wirtschaftlich rund. Nach einer Prognose der fünf Wirtschaftsweisen wird die Konjunktur in diesem Jahr um 2,2 Prozent wachsen. Doch am fernen Himmel sehen Ökonomen dunkle Wolken aufziehen. Die Konjunktur könnte bald heiß laufen, glauben sie. Außerdem gefährden der demografische Wandel mit seinen tiefgreifenden Konsequenzen für den Arbeitsmarkt und das Rentensystem sowie die Digitalisierung unseren Wohlstand, wenn wir nicht die passenden Antworten auf diese Zukunftsherausforderungen finden. Der SÜDKURIER hat mit den beiden Wirtschaftsweisen Christoph Schmidt (Universität Bochum) und Lars Feld (Universität Freiburg) sowie mit Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, gesprochen und ihre Antworten für Sie zusammengefasst.

 

Zu den Personen

  • Lars Feld
    <strong>Lars Feld</strong>, 51 Jahre, wurde in Saarbrücken geboren. Nach dem Abitur studierte er Wirtschaftswissenschaften in Saarbrücken und St. Gallen. Seit 2010 ist er Professor für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Universität Freiburg und gleichzeitig Leiter des Walter Eucken Instituts. 2011 wurde er vom damaligen Wirtschaftsminister in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen. Im Rat ist er für das Thema Staatsfinanzen zuständig. (td)
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    Lars Feld, 51 Jahre, wurde in Saarbrücken geboren. Nach dem Abitur studierte er Wirtschaftswissenschaften in Saarbrücken und St. Gallen. Seit 2010 ist er Professor für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Universität Freiburg und gleichzeitig Leiter des Walter Eucken Instituts. 2011 wurde er vom damaligen Wirtschaftsminister in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen. Im Rat ist er für das Thema Staatsfinanzen zuständig. (td)
  • Michael Hüther
    <strong>Michael </strong><strong>Hüther</strong>, 55 Jahre, studierte Wirtschaftswissenschaften sowie Geschichte an der Universität Gießen und in Norwich (England). Nach seiner Promotion arbeitete Hüther zunächst als Leiter des wissenschaftlichen Stabes des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – im Volksmund die "fünf Wirtschaftsweisen" genannt – in Wiesbaden. Seit 2004 ist Hüther Direktor und Mitglied des Präsidiums des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. (td)
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    Michael Hüther, 55 Jahre, studierte Wirtschaftswissenschaften sowie Geschichte an der Universität Gießen und in Norwich (England). Nach seiner Promotion arbeitete Hüther zunächst als Leiter des wissenschaftlichen Stabes des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – im Volksmund die "fünf Wirtschaftsweisen" genannt – in Wiesbaden. Seit 2004 ist Hüther Direktor und Mitglied des Präsidiums des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. (td)
  • Christoph Schmidt
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    Christoph Schmidt, 55 Jahre, studierte Volkswirtschaftlehre in Mannheim und Princeton (USA). Im Anschluss arbeitete er bei einem Forschungsinstitut in London. Danach wurde er Professor, zuerst in Heidelberg und dann an der Universität Bochum. 2009 wurde Schmidt in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen. Seit 2013 ist er Vorsitzender dieses wichtigsten Beratergremiums der Bundesregierung in Wirtschaftsfragen. (td)

 

 

  • Der Aufschwung: Michael Hüther sieht hinter dem andauernden Aufschwung in Deutschland drei Faktoren. Es gelinge uns erstens viel besser als dem Ausland, Wirtschaft und Wissenschaft in Clustern und Netzwerken zu verzahnen. „Wissenschaftliche Ergebnisse können hierzulande schneller als anderswo in die Wirtschaft transferiert werden, was zu Innovation führt. Das schafft Jobs“, erklärt Hüther. Zweitens haben wir laut Hüther mit der dualen Berufsausbildung ein Instrument, das im Arbeitsmarkt für ein hohes Maß an Qualifikation jenseits der Universitäten sorgt. „Drittens sorgt die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften für stabilere Verhältnisse und Kontinuität in der Produktion“, sagt Hüther.
  • Überhitzung der Wirtschaft: „Aktuell sehe ich keine Gefahr, dass die Konjunktur in Deutschland überhitzt“, sagt Hüther. Zwar ziehe die Inflation an, aber in einem vertretbaren Maß. Etwas anders sieht es Christoph Schmidt. „Die Produktionskapazitäten der deutschen Wirtschaft stoßen an ihre Grenzen. Das merkt man zum Beispiel an den langen Wartezeiten auf einen Handwerker“, sagt er. Im schlimmsten Fall drohe uns eine Überhitzung. Deshalb solle man die Staatsausgaben nicht weiter erhöhen, sondern lieber Schulden abbauen. Sein Kollege aus dem Sachsverständigenrat, Lars Feld, pflichtet ihm bei. „Wir sind so stark in der Überauslastung, dass es schwer wird für die Unternehmen, das Wachstum beizubehalten.“ Deshalb erwarte er mittelfristig einen kleinen Konjunkturdämpfer.
    <strong>1145 Mobiltelefonanschlüsse pro 1000 Einwohner:</strong><sup></sup>Viele Bundesbürger haben ein Zweithandy. In Funklöchern bringt das aber wenig.
    1145 Mobiltelefonanschlüsse pro 1000 Einwohner:Viele Bundesbürger haben ein Zweithandy. In Funklöchern bringt das aber wenig. | Bild: dpa
  • Fachkräftemangel: „Die Fachkräfteversorgung ist eines der drängendsten Probleme der Zukunft“, sagt Hüther. Im Moment seien nach einer aktuellen Umfrage des IW ein Drittel aller Unternehmen in einer Überauslastung, die durch den Fachkräftemangel bedingt ist. Generell könne hier nur durch eine längere Arbeitsmarktpartizipation, vermehrte Erwerbsbeteiligung von Frauen sowie eine aktiv gesteuerte Zuwanderung in den Arbeitsmarkt Abhilfe geschaffen werden. Das sieht auch Lars Feld so. „Wir sollten mehr Möglichkeiten zur Kinderbetreuung anbieten, um Frauen zu ermöglichen, in Vollzeit zu arbeiten. Wir haben zwar in Deutschland eine hohe Frauenerwerbsquote. Aber bisher arbeiten viele Frauen zu sehr in Teilzeit.“ Auch den Vorschlag eines Einwanderungsgesetzes befürwortet der Freiburger Professor.
  • Globalisierung: „Auf internationaler Ebene nehmen wir derzeit eine Art Erschöpfung der Globalisierung wahr“, sagt Hüther. Sie äußere sich in erster Linie in einer verlangsamten Expansion des Welthandels und gleichzeitig in einem Rückgang der Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Nationen. Dadurch steigen die Entwicklungsunterschiede in der Welt, was wiederum zu einer Zunahme der globalen Ungleichheiten führen kann. „Insbesondere in die Entwicklungs-, aber auch die Schwellenländer fließt im Grunde zu wenig Kapital. Der Grund ist, dass die Rechtssicherheit und eine verlässliche Ordnung fehlen“, so Hüther.
  • Soziale Gerechtigkeit: „Die Ungleichheit der Einkommen ist in unserer Gesellschaft nicht so spektakulär, wie sie im politischen Diskurs manchmal dargestellt wird. Leider scheint es in der Gerechtigkeitsdebatte aber oft mehr um Skandalisierung als um Fakten zu gehen“, sagt Schmidt. Ähnlich argumentiert Lars Feld. „Durch mehr Beschäftigung dank der Hartz-Reformen sind wir in Deutschland zu einer besseren sozialen Situation gekommen.“ Die Behauptung, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergehe, lasse sich statistisch nicht belegen. „Die Gerechtigkeitsdiskussion wird derzeit überbewertet“, sagt auch Hüther. Die Sorge der Menschen um ihre wirtschaftliche Lage sei seit der Wiedervereinigung noch nie so gering gewesen wie heute. Deutschland sei derzeit sehr zufrieden und mit sich im Reinen.
  • Bürgerversicherung: Sowohl Schmidt als auch Feld lehnen die von der SPD ins Spiel gebrachte Bürgerversicherung ab. „Ich bin nicht vom Konzept der Bürgerversicherung überzeugt. Sie würde im Ergebnis zu höheren Beitragssätzen führen“, sagt Lars Feld. Das sieht auch Schmidt so. „Die Bürgerversicherung ist nicht unser bevorzugtes Modell“, sagt er. „Wenn man die private und gesetzliche Krankenversicherung in einem System zusammenführen wollte, sollte man lieber einkommensunabhängige Prämien verlangen und dann für Menschen mit niedrigen Einkommen einen sozialen Ausgleich schaffen“, fordert Schmidt.
    <strong> 645 Tausend Kilometer befestigtes Straßennetz:</strong> Damit hat Deutschland eines der dichtesten Verkehrswegenetze der Welt.
    645 Tausend Kilometer befestigtes Straßennetz: Damit hat Deutschland eines der dichtesten Verkehrswegenetze der Welt. | Bild: dpa
  • Bedingungsloses Grundeinkommen: Die Idee, jedem Bürger monatlich einen Betrag ohne Gegenleistung oder Prüfung der Bedürftigkeit zu überweisen, stößt bei Michael Hüther auf wenig Gegenliebe. „Im Hintergrund des Gedankens steht die Annahme, dass unserer Gesellschaft die Arbeit ausgehen könnte, etwa durch Trends wie die Roboterisierung und Digitalisierung. Aber dem ist nicht so“, sagt er. Es gebe in Deutschland immer mehr zu tun. Der Arbeitsmarkt brumme. Dazu komme: Leistungsloses Einkommen müsse immer aus Leistungseinkommen erwirtschaftet werden. „Das heißt, um ein bedingungsloses Grundeinkommen zu ermöglichen, muss man andere Einkommen stärker besteuern. Das geht auf Dauer nicht gut“, so Hüther.
  • Lohnniveau: Lars Feld beobachtet durch den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel eine Machtverschiebung zugunsten der Arbeitnehmer. „Wir laufen auf einen Arbeitsmarkt zu, in dem das Arbeitsangebot deutlich dominanter ist als früher“, sagt er. Lohnsteigerungen seien durchaus vertretbar. Einen Lohnausgleich für eine Reduzierung der Arbeitszeit zu erhalten, wie es jüngst die IG Metall erfolglos gefordert hat, unterstützt Feld nicht. Das sieht auch Hüther so. „Die Überauslastungsthematik bei den Unternehmen wird sich nur lösen lassen, indem mehr gearbeitet wird“, sagt er. „Wir brauchen eine Ausweitung des Arbeitsvolumens, das allerdings für die Arbeitnehmer durch mehr Flexibilität abgefedert werden muss“, sagt er. Das sei eine Frage, die auch wettbewerbsrelevant sei. In der Schweiz werde im Durchschnitt übrigens 300 Stunden im Jahr mehr gearbeitet als in Deutschland.
  • Mindestlohn: Bisher habe der 2015 von der Großen Koalition eingeführte Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro – anders als von vielen Ökonomen prophezeit – keinen volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet, sagt Schmidt. „Erst wenn wir ein Konjunkturtal durchlaufen, wird sich zeigen, ob der Mindestlohn doch negative Effekte auf die Beschäftigung hat“, so Schmidt weiter. Im Moment ließen sich diese Effekte jedenfalls nicht beobachten.
  • Regulierung der Finanzmärkte: Wirtschaftsprofessor Michael Hüther sieht Europa nach der Finanzkrise auf einem guten Weg. „Die Abwehrkräfte der Finanzmärkte für Krisensituationen sind auch in Europa gestärkt worden, etwa durch stärkere Eigenkapitalvorschriften für Banken im Zuge des Basel-3-Abkommens“, sagt er. Faule Kredite seien in Bad Banks ausgelagert worden und werden nun getrennt abgewickelt. Die Banken seien heute weitaus stabiler als noch vor einem halben Jahrzehnt. „Es gibt im Moment keine Anlageklasse, von der systemische Risiken für Europas Finanzsystem ausgehen“, so Hüther.
  • Geldpolitik: Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) beurteilt Schmidt kritisch. „Ich würde mir wünschen, dass die EZB schneller aus ihrer expansiven Geldpolitik aussteigt und die Anleihekäufe bald beendet“, sagt er. Denn die ultraexpansive Geldpolitik berge viele Risiken, zum Beispiel Übertreibungen auf den Immobilienmärkten. Die EZB kauft im Rahmen ihres als Quantitative Lockerung bezeichnetem Programm noch bis mindestens September europäische Staats- und Unternehmensanleihen auf, um eine Deflation zu verhindern. Eine Normalisierung der Leitzinsen hat EZB-Präsident Mario Draghi bisher noch nicht in Aussicht gestellt.

  • Euro-Kurs: Der zuletzt gestiegene Kurs der europäischen Gemeinschaftswährung beunruhigt Feld nicht „Natürlich reduziert er die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exporte. Allerdings kann die Exportwirtschaft dies in aller Regel ganz gut durch den technischen Fortschritt und durch eine erfolgreiche Kostenkontrolle kontrollieren“, sagt Feld. Daher sehe er den aktuell starken Euro mit Gelassenheit. Auch Schmidt mache sich keine Sorgen. „Der steigende Euro wird der starken deutschen Exportwirtschaft wohl eher nicht substanziell schaden“, sagt er.

  • Rentensystem: „Bei der Rente mit 67 wird es nicht bleiben können“, sagt Hüther klipp und klar. Nach 2029 werde man weitergehen müssen. Vom erwarteten Zugewinn an Lebenszeit solle man ein Drittel auf die Arbeitszeit draufpacken. „Nur so lassen sich die Sozialsysteme dauerhaft stabil halten“, sagt Hüther. Unter Umständen werde man nach 2030 auch bei einem Renteneintrittsalter jenseits der 70 Jahre landen. In umlagefinanzierten Systemen gebe es zur Stabilisierung nur drei Stellschrauben: Den Beitragssatz, das Rentenniveau und die Versicherungszeit. „An irgendeiner dieser drei Stellen muss man Abstriche machen, wenn man stabile Verhältnisse haben will“, sagt Hüther. Das sieht auch Schmidt so. „Das Rentenalter sollte ab dem Jahr 2030 an die steigende Lebenserwartung im Alter angepasst werden. Sonst verstärkt sich die bereits zu Lasten der jungen Generation bestehende Schieflage in der Rentenpolitik“, sagt er. Unterstützung erhält er von Lars Feld. „In der längeren Frist wird man nicht um eine Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters herumkommen“, sagt er.
  • Digitalisierung: Lars Feld fordert eine Anpassung des Rechtsrahmens, vor allem des Arbeitsrechts, an die digitale Welt. „Regulierungen, die in der digitalen Welt nichts mehr taugen, müssen abgebaut werden“, sagt er. Eine übermäßige Regulierung verhindere die Entstehung und Aufnahme von digitalen Geschäftsmodellen. Dass durch die Digitalisierung Arbeitsplätze verloren gehen, wie einige Experten befürchten, glaubt Schmidt nicht. „Man kann auch bei einem starken Strukturwandel die niedrige Arbeitslosigkeit bewahren – aber nur wenn der Staat und die Beschäftigten selbst hinreichend in Bildung und Weiterbildung investieren“, sagt er. Die Digitalisierung erfordere, dass man bereit sei, sein Tätigkeitsprofil immer wieder zu verändern. Aufhalten oder verhindern könne man den Strukturwandel dagegen nicht.
    <strong>896 Internetnutzer pro 1000 Einwohner:</strong> Viele Internetnutzer müssen auf schnelle Anschlüsse immer noch warten – ein Standortnachteil.
    896 Internetnutzer pro 1000 Einwohner: Viele Internetnutzer müssen auf schnelle Anschlüsse immer noch warten – ein Standortnachteil. | Bild: dpa
  • Entlastungen: „Es ist an der Zeit, Steuern zu senken und Firmen und Bürger zu entlasten“, sagt Hüther. Das Potenzial betrage rund 42 Milliarden Euro, die den Bürgern und Unternehmen stufenweise zurückgegeben werden könnten, etwa durch eine Steuerreform, die eine Abschaffung des Solidaritätszuschlags und der kalten Progression sowie eine Forschungsförderung für Unternehmen beinhaltet.
  • Fazit: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland sind derzeit sehr gut: Sowohl an den Finanzmärkten als auch in der Realwirtschaft läuft es wie geschmiert. Doch Deutschland darf sich nicht auf seinen Erfolgen ausruhen, betonten Schmidt, Hüther und Feld gleichermaßen. Schenkt man den Ökonomen Glauben, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um mit Reformen des Sozial- und Rentensystems sowie Investitionen in Bildung und Digitalisierung die Weichen für die Zukunft zu stellen.