Bei der Cebit 2018 ist nichts mehr so wie in den Vorjahren: Kein Frieren bei grauem Märzhimmel, kein Gastland, keine Staatsgäste, und Bundeskanzlerin Merkel schaut in diesem Jahr auch nicht bei der Computermesse in Hannover vorbei. Zumindest Letzteres ist – neben der angenehmen Juni-Sonne – kein Nachteil des neuen Messeformats. Denn Merkel schickte ihre Allzweckwaffe Peter Altmaier in die niedersächsische Landeshauptstadt.

Und der lieferte allein bei seiner Eröffnungsrede mehr Humor ab als seine Chefin aus dem Kanzleramt während ihrer gesamten Amtszeit. Die selbstironischen Hinweise des runden Saarländers („Mein Gewicht ist ein Staatsgeheimnis“) auf seine Körpermasse gehören noch zum Standardrepertoire des 59-Jährigen. Aber wie Altmaier die digitale Zukunft ausmalte, war schon Humor für Fortgeschrittene. Seine Vision sei, so Altmaier, dass er in 30 Jahren an Hüft- und Kniearthrose leide und von einem Roboter gepflegt werde.

Ein Neuroroboter in Form einer Maus steht am Stand vom Human Brain Project (HBP) bei der Cebit. Um sich zu bewegen, greift die Maus auf gehirnähnliche Software zurück.
Ein Neuroroboter in Form einer Maus steht am Stand vom Human Brain Project (HBP) bei der Cebit. Um sich zu bewegen, greift die Maus auf gehirnähnliche Software zurück. | Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Dann, so der überzeugte Junggeselle, werde er zu seinem Roboter sagen: „Hol mir mal eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank!“ Und wenn dieser ihm den Service mit dem Hinweis auf seine schlechten Gesundheitswerte verweigere, würde Altmeier ihm entgegnen. „Ich habe mich vor 30 Jahren auf der Cebit für die Robotik eingesetzt. Also bist du mir das Bier schuldig!“ Doch nicht nur mit solchen launigen Geschichten traf Altmaier den Nerv der IT-Gemeinde. Auch für seine politischen Aussagen bekam er reichlich Beifall.

Der Anspruch, das etwas verstaubte deutsche Wirtschaftsmodell fürs digitale Zeitalter fit zu machen, zog sich wie ein roter Faden durch seine Rede. So versprach er, kleine Neugründungen aus dem digitalen Bereich, sogenannte Start-ups, stärker zu unterstützen. Die Bundesregierung wolle Deutschland zu einem weltweit führenden Standort bei künstlicher Intelligenz machen.

Zudem kündigte der CDU-Politiker an, gegen die Abwanderung von Fachkräften in die USA zu kämpfen. „Wir müssen unsere eigenen PS auf die Straße bringen“, sagte er. Gleichzeitig wolle er verstärkt Forscher aus IT-Hochburgen in den USA oder in Indien anwerben und nach Europa locken.

Der deutsche IT-Mittelstand schlägt allerdings angesichts der marktbeherrschenden Stellung nur weniger globaler Software-Giganten wie Google oder Microsoft Alarm. „Monopole oder Oligopole bedrohen die Vielfalt und den Mittelstand“, betonte der Vorsitzende des Bundesverbands IT-Mittelstand (Bitmi), Oliver Grün, auf der Cebit. Nötig seien Organisationsstrukturen, die – ähnlich dem genossenschaftlichen Prinzip – die Kräfte der mittelständischen Unternehmen bündelten.

11.06.2018, Niedersachsen, Hannover: Sarah Wieners und Christopher Wetzel, beide wissenschaftliche Mitarbeiter der Fraunhofer-Gesellschaft, stehen neben einem autonomen Unterwasserfahrzeug, mit dem der Meeresboden kartiert werden kann, am Stand der Fraunhofer-Gesellschaft auf der Digitalisierungsmesse Cebit. Die Cebit versucht vom 11. bis 15. Juni nach drei Jahrzehnten einen Neuanfang mit einem "Festival"-Format.
11.06.2018, Niedersachsen, Hannover: Sarah Wieners und Christopher Wetzel, beide wissenschaftliche Mitarbeiter der Fraunhofer-Gesellschaft, stehen neben einem autonomen Unterwasserfahrzeug, mit dem der Meeresboden kartiert werden kann, am Stand der Fraunhofer-Gesellschaft auf der Digitalisierungsmesse Cebit. Die Cebit versucht vom 11. bis 15. Juni nach drei Jahrzehnten einen Neuanfang mit einem "Festival"-Format. | Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Der Bitmi forderte ähnlich wie Altmaier einen Mentalitätswandel und eine neue Kultur des Scheiterns, um die Gründerszene zu fördern. „Junge Menschen sollten keine Angst vor dem Scheitern haben“, sagte der Bundeswirtschaftsminister. Es sei eher ein Makel, wenn man nie versucht habe, eine verrückte Idee umzusetzen. Das Ziel Europas müsste es sein, eine weltumspannende Plattform wie Amazon hervorzubringen.

Altmaier warnte auch vor einer zu konservativen Herangehensweise an die digitale Welt. „Wir reden in Deutschland jahrelang über Risiken, ohne einmal die Chancen erwähnt zu haben“, sagte er. So müsse man zum Beispiel vor der künstlichen Intelligenz keine Angst haben. „Die künstliche Intelligenz ist eine künstliche. Aber die menschliche Intelligenz ist die entscheidende“, sagte er.

Der Minister gab gleichwohl zu, dass es zu großen Veränderungen in der Arbeitswelt kommen werde. „Viele Menschen werden umlernen müssen“, sagt er. Neue Technologien hätten sich noch nie so schnell verbreitet wie heute.

Positiv beurteilte Altmaier das neue Konzept der Cebit. Die Messe sei das „Flaggschiff deutscher Exzellenz“. Die Messe, die sich in den Vorjahren vor allem an Geschäftsleute gewendet hatte, versucht in diesem Jahr verstärkt, junge Menschen aus der Start-up-Szene, Blogger und Privatleute anzusprechen. Ein Open-Air-Konzertprogramm rundet die Messe ab.

  • Ego Mobile AG: Das Start-up ist eine Ausgründung der Universität Aachen (RWTH) und wird vom RWTH-Professor Günther Schuh geleitet. Auf der Cebit stellt das 2015 gegründete Unternehmen zwei Fahrzeuge vor. Das Elektro-Stadtauto Ego Life – zusammen mit Bosch entwickelt – soll diesen Sommer in die Serienproduktion gehen. Die Reichweite liegt nach Herstellerangaben bei gut 100 Kilometern. Kosten soll es in der Basisversion 15¦900 Euro. „Das Auto beschleunigt auf den ersten Metern schneller als ein Porsche“, wirbt Schuh. Im zweiten Ego-Fahrzeug – dem Elektro-Kleinbus Ego Mover (im Bild) – steckt jede Menge ZF-Technik. Neben dem Antrieb entwickelt ZF auch die Sensorik für das autonome Fahren. Der Bus soll ab Mitte 2019 ausgeliefert werden und ist in der Lage, bis zu 15 Personen zu befördern. In der Basisversion gibt es noch einen Fahrersitz mit einem Lenkrad. Mittelfristig – die Serienproduktion ist für 2021 angepeilt – soll der Ego Mover auch autonom fahren. (td) 
    Cebit 2018
    11.06.2018, Niedersachsen, Hannover: Der elektrisch betriebene Kleinbus für den Personennahverkehr, der sogenannte e.GO Mover, steht am Stand von e.GO Mobile AG bei der Digitalisierungsmesse Cebit. Die Cebit versucht vom 11. bis 15. Juni nach drei Jahrzehnten einen Neuanfang mit einem "Festival"-Format. | Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa
  • ZF Friedrichshafen: Der Autozulieferer ist zum ersten Mal mit einem eigenen Stand bei der Cebit. „Wir wollen weg vom Image der Zahnradfabrik. Wir sind schon längst kein reiner Getriebebauer mehr, sondern haben uns nicht zuletzt durch die TRW-Übernahme eine große IT-Kompetenz rund ums Auto aufgebaut“, erklärt ein ZF-Mitarbeiter. Um dies zu veranschaulichen, stellt das Unternehmen in Hannover in einem Konzept-Cockpit eine Simulation zum autonomen Fahren vor (im Bild sitzen zwei ZF-Mitarbeiterinnen in dem Cockpit). „Wenn es gut läuft, kann ein qualifizierter Informatiker oder Ingenieur schon zwei Wochen nach der Messe einen unterschriftsreifen Arbeitsvertrag auf dem Tisch haben“, verrät eine Mitarbeiterin aus der Personalabteilung. Die Konkurrenz bei der Rekrutierung von jungen Talenten sei sehr groß. Wenn man nicht schnell genug sei, gingen Fachkräfte einfach zum nächsten Stand der Konkurrenz weiter, so die Personalexpertin. (td) 
    ZF Friedrichshafen
    ZF Friedrichshafen
  • Isgus: Das Unternehmen aus Villingen-Schwenningen hat 130 Firmenjahre auf dem Buckel und dürfte damit zu den traditionsreichsten Ausstellern der Cebit gehören. 1888 gründete Jakob-Schlenker-Grusen die Uhrenfabrik Schwenningen (der Firmenname ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben dieser Wortkombination, wenn man das J gegen ein I austauscht). Isgus ist heute ein Experte für Systemlösungen für Zeiterfassung, Zutrittskontrolle und Personaleinsatzplanung. Isgus zählt damit zu den wenigen Unternehmen der historischen Schwenninger Uhrenindustrie, die den Strukturwandel von mechanischen Uhren hin zu elektronischen Zeiterfassungssystemen überlebt haben. Auf der Cebit stellt Isgus seine nach dem griechischen Gott benannte Software Zeus vor. Das Familienunternehmen, das in Villingen-Schwenningen 130 Mitarbeiter beschäftigt, wird bereits in fünfter Generation von Stefan Beetz (rechts, neben ihm Vertriebschef Klaus Wössner) geführt. (td) 
    Isgus
    Isgus
  • Vodafone: Der britische Mobilfunkanbieter zeigt mit verschiedenen Prototypen auf, was alles im sogenannten „Internet der Dinge“ möglich ist. Internet der Dinge bedeutet, dass Dinge – seien es Kühlschränke, Autos oder Kleidung – mit dem Internet verknüpft werden. Gerade im Gesundheitsbereich ergeben sich so viele interessante Anwendungsmöglichkeiten. So stellt Vodafone mit Hilfe einer Schaufensterpuppe (im Bild) Unterwäsche mit Digitaltechnologie vor, die die Körperfunktionen des Trägers in Echtzeit überprüft. „Durch die Überprüfung lassen sich Haltungsschäden vorbeugen“, erklärt ein Vodafone-Mitarbeiter. Denn dank der Analyse der am Oberteil befestigten Sensoren, deren Daten auf eine App übertragen werden, könne man Fehlhaltungen frühzeitig korrigieren, anstatt eine teure Operation an der Wirbelsäule durchführen zu müssen. „Davon profitieren alle. Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Krankenkassen“, sagt er. Eingesetzt werden könnte die Kleidung auf dem Bau oder im Sport. (td)
    Cebit 2018
    Eine Schaufensterpuppe mit intelligenter Unterwäsche für Bauarbeiter und einem intelligenten Helm steht am Stand von Vodafone bei Digitalisierungsmesse Cebit. Die Unterwäsche und der Helm sind jeweils mit Sensoren ausgestattet, die Vitaldaten wie zum Beispiel Körpertemperatur messen können. Die Cebit versucht vom 11. bis 15. Juni nach drei Jahrzehnten einen Neuanfang mit einem «Festival»-Format. | Bild: Julian Stratenschulte/dpa
  • Karlsruher Institut für Technologie: Der humanoide Roboter Armar-6, entwickelt vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), gehört zu den Stars der diesjährigen Cebit. Mit 1,92 Metern ist er zwar nur gut fünf Zentimeter größer als SÜDKURIER-Redakteur Thomas Domjahn (links). Doch dank seiner langen und gelenkigen Arme hat er eine Spannweite von über drei Metern und eine Arbeitshöhe von bis zu 2,40 Metern. Der 160 Kilo schwere Roboter ist in der Lage, Bohrmaschinen oder Hammer zu verwenden. Dank künstlicher Intelligenz kann Armar-6 auch Aufgaben erlernen, die zum Zeitpunkt seiner Programmierung noch nicht vorhergesehen werden konnten. „Armar-6 ist stark, feinfühlig und intelligent zugleich“, wirbt das KIT. (td) 
  • Cobra: Die Computer’s Brainware GmbH aus Konstanz – kurz Cobra – zählt zu den Urgesteinen der IT-Branche. Schon seit über 30 Jahren beschäftigt sich das Unternehmen mit der Entwicklung von Software zur Verwaltung von Kundendaten. „Unsere Software kann branchenübergreifend eingesetzt werden, sowohl von großen als auch von kleinen Unternehmen“, erklärt Cobra-Marketingleiterin Petra Bond (im Bild). Auf der Cebit hofft das Unternehmen vom Bodensee neue Kunden gewinnen zu können. Zuletzt ist man stark gewachsen. Bestand Cobra vor einem Jahrzehnt noch aus 30 Mitarbeitern, so beschäftigt die Firma heute schon knapp 80 Menschen, der Großteil davon Informatiker. Aktuell ist Cobra in der Konzilstadt deshalb auf drei Standorte verteilt. Über Arbeitsmangel kann man sich derzeit nicht beschweren: Aufgrund der neuen Datenverordnung und entsprechend vielen Kundenanfragen gebe es viel zu tun, so Bond. (td) 

Digitalisierung – Segen und Gefahr

„Unglücklicherweise hat die dunkle Seite der Technologie sich durchgesetzt. Das ist traurig und erschreckend. Am Anfang freut man sich über den Arabischen Frühling, am Ende bekommt man den Islamischen Staat.“ - Jaron Lanier, Technik-Philosoph aus den USA, über Facebook und Twitter

„Bei der digitalen Transformation geht es nicht nur um Technologie, sondern vor allem um die Menschen.“ - Janina Kugel, Siemens-Personalchefin

„Wir dürfen eine digitale Spaltung unserer Gesellschaft nicht akzeptieren. Alle Menschen sollen Zugang zum Internet haben. Niemand soll zurückgelassen werden.“ - Auma Obama, kenianische Soziologin und Halbschwester des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama

„Wir sind in einer Epoche, in der das Machbare das Denkbare überholt.“ - Achim Berg, Präsident des IT- und Technologieverbandes Bitkom