Stell dir vor, es ist Umsturz, und keiner geht hin. Frei nach Bertolt Brecht kann man mit diesem Satz die Lage in vielen ländlichen Gebieten 1968 beschreiben. Die studentische Revolte fand in den akademisch geprägten Großstädten statt und dort wiederum vor allem in den Universitäten. Diese wirkten als Laboratorien, in denen es heiß und hoch herging. Außerhalb der schützenden Mauern – vom Steuerzahler errichtet – verflogen die Parolen und Programme der Studenten schnell.

Nirgends lässt sich das leichter ablesen als auf dem flachen oder bergigen Land. Auch in Südbaden wurde über die Aktionen an den Hochschulen berichtet. Doch schon an der verkopften Sprache der Achtundsechziger scheiterte der revolutionäre Funkenflug von den Metropolen in die Provinz. Was ist ein Sit-in? Ein Teach-in? Eine Kommune? Was macht Ho Tschih-Minh? Kaum jemand wollte und musste das wissen – außer den besorgten Eltern der aktiven Studenten.

Der Besuch einer Universität war damals selten. Jeder Zehnte eines Jahrgangs legte das Abitur ab und nur ein Teil davon studierte. Erst seit den 70er-Jahren wird die akademische Bildung zum verbreiteten Werdegang. Davor war Studieren das Programm einer Minderheit, die sich in Berlin zur Vorhut der breiten Mehrheit erklärte.

In diesem Punkt ragte das wilde Jahr auch in die Region hinein: 1966 war in Konstanz eine neue Universität gegründet worden, die das Wort Reform ganz großschrieb. 1968 waren dort einige Hundert Studenten eingeschrieben. Auch sie demonstrierten, die meisten im Straßenanzug und Männer. Bundesweit war die Resonanz bescheiden. Die studentische Revolte blieb im Süden in der guten Absicht stecken. Der echte Reformschub kam später und von oben. „Nicht die Studentenbewegung leitete die Wende zur Reformpolitik ein, sondern die 1969 gebildete sozialliberale Regierung unter Brandt/Scheel,“ schreibt der Historiker Götz Aly, selbst ein ehemaliger 68er.

Im Dreieck zwischen Schwarzwald, Bodensee und Baar hatten die meisten Menschen derweil andere Sorgen. Es waren auch schöne Sorgen, die sich zum Beispiel um die Pflege der vielen Kinder drehten. 1968 steckte auch Baden-Württemberg im Babyboom (1955 bis etwa 1969). Die Rollenverteilung war noch klassisch: Die Frau blieb zu Hause, der Mann arbeitete. In vielen kleinen Orten waren noch keine Kindergärten gebaut, sodass der Nachwuchs bis zur Einschulung am Zipfel der Mutter hing. Ab der Volksschule, wie die heutige Grundschule damals hieß, war es deutlich einfacher: Auch überschaubare Ortschaften besaßen ihr eigenes Schulhaus; in der Zwergschule wurden oft vier Klassen in einem Raum und gleichzeitig unterrichtet.

 

Die Sechzigerjahre in der Region

Wie sah es in den späten 60er-Jahren in der Region aus? Arbeit und Verkehr spielten in Südbaden eine wichtige Rolle. Und die NPD kam in den Stuttgarter Landtag.

  • Wirtschaftswunder
    Die Firma Dual in St. Georgen erlebte nach dem 2. Weltkrieg einen ungeahnten Aufschwung. Das lag am Modell 1009, einem Plattenspieler, der Anfang der 60er-Jahre in St. Georgen entwickelt wurde. Damit hatte Dual den ersten HiFi-Plattenspieler aus deutscher Fertigung auf den Markt gebracht. Diese Jahre zählten zu den besten der Firma, zeitweise arbeiteten hier 3000 Mitarbeiter. Bis in die späten 70er-Jahre fand man Dual-Plattenspieler in Kompaktanlagen. Die Blüte währte kurz: 1982 musste das Unternehmen Konkurs anmelden.
    In den 60ern stand die Firma Dual in St. Georgen auf dem Höhepunkt. Sie stellte Plattenspieler her. <em>Bild: Archiv </em>
    In den 60ern stand die Firma Dual in St. Georgen auf dem Höhepunkt. Sie stellte Plattenspieler her. Bild: Archiv | Bild: Archiv
  • Aristokraten
    Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein – in Berlin rebellieren die Studenten und in Süddeutschland wird der Adel hofiert fast wie zu Kaisers Zeiten. Obwohl dessen Vorrechte 1919 offiziell und per Gesetz abgeschafft wurden, nehmen die ehemaligen Standesherren oder regierenden Häuser noch immer eine starke Stellung ein. Das Haus Fürstenberg in Donaueschingen tat damals auch vieles, um diese Stellung zu untermauern. Als Unterstützer von Vereinen, von kulturellen Veranstaltungen wie den Musiktagen und dem Reitturnier tritt das Adelshaus in Erscheinung.
    Eine Autorität, wenn auch nicht mehr von Gottes Gnaden: Joachim Fürst zu Fürstenberg († 2002), hier mit seiner Frau Paula.
    Eine Autorität, wenn auch nicht mehr von Gottes Gnaden: Joachim Fürst zu Fürstenberg († 2002), hier mit seiner Frau Paula. | Bild: Franz Krickl
  • Handarbeit
    In den 60er-Jahren war die Landwirtschaft noch eine intakte Größe. Das Hofsterben, das vor allem kleine Betriebe erfasste, griff erst später, als durch die zunehmende europäische Einheit viele Nahrungsmittel billig importiert wurden. Auch die Techniken der Bearbeitung waren noch einfach. In den Sechzigerjahren säten viele Bauern noch von Hand – wie der Donaueschinger Landwirt Ernst Rothweiler. Traktoren wurden noch nicht flächendeckend eingesetzt, dafür wurden noch Kühe vor den Pflug oder den Heuwagen gespannt. Das Dorfbild war von Bauern geprägt. Kein Dorf ohne Landwirte und den markanten Misthaufen vor dem Haus.
    Noch von Hand und ohne Traktor: Der Donaueschinger Landwirt Ernst Rothweiler sät ein. <em>Bilder(3) Franz Krickl</em>
    Noch von Hand und ohne Traktor: Der Donaueschinger Landwirt Ernst Rothweiler sät ein. Bilder(3) Franz Krickl | Bild: Archiv
  • Schlechte Zeiten
    Die Bewohner des Hotzenwaldes litten unter den Folgen des Weltkriegs bis in die 50er-Jahre hinein. Der Wiederaufbau nach 1945 ging auch wegen der schwierigen Verkehrslage am Gebiet nördlich des Hochrheins vorbei. Noch immer gab es mehr Ochsen- und Pferdefuhrwerke als Autos oder Lastwagen. Deshalb war das Gebiet von der Landesregierung zum „Notstandsgebiet“ erklärt worden – und massiv gefördert von Straßenbau bis Landwirtschaft. In den 50er-Jahren ging es bereits bergauf. 1957 beispielsweise wurde die „Straße des Vertrauens“ eingeweiht. Das 4,9 Kilometer lange Teilstück verband nun Görwihl mit Oberwihl. Damit war auch die Anbindung an die Rheinstädte Säckingen und Laufenburg erreicht worden. Ein Durchbruch!
    So wurde vor 50 Jahren auch im Hotzenwald gearbeitet: Ein Landwirt mit zwei Pferden vor seinem Gespann.
    So wurde vor 50 Jahren auch im Hotzenwald gearbeitet: Ein Landwirt mit zwei Pferden vor seinem Gespann. | Bild: Archiv
  • Tor zur Welt
    1968 waren das badische Villingen und das württembergische Schwenningen noch getrennt. „VS“ kam erst im Rahmen der Verwaltungsreform in den 70er-Jahren, als erstmals SPD-Minister in der Landesregierung saßen. Dafür begann in Villingen etwas anderes im Epochenjahr 1968: Der Toningenieur Hans Georg Brunner-Schwer († 2000) gründet das Plattenstudio mps (Musikproduktion Schwarzwald). Brunner-Schwer, der auch Saba-Chef ist, entwickelt sein Label zu einer Qualitätsmarke. Er entwickelte eine eigene Aufnahmetechnik, mit der besonders Bässe zur Geltung kommen. Stars aus Klassik und Jazz geben sich die Klinke in die Hand. Häufiger Gast für Aufnahmen ist der kanadische Jazzpianist Oscar Peterson.
    Produzent Hans Georg Brunner-Schwer (links) und der Pianist Oscar Peterson hören eine Aufnahme ab. <em>Bild: Archiv MPS-Studio</em>
    Produzent Hans Georg Brunner-Schwer (links) und der Pianist Oscar Peterson hören eine Aufnahme ab. Bild: Archiv MPS-Studio | Bild: Archiv MPS Studio
  • Mehr Studenten
    Der Bau neuer Hochschulen verknüpfte die südbadische Region mit den großen Zentren. 1966 war die Universität Konstanz gegründet worden, im selben Jahr nahm die Universität Ulm ihren Betrieb auf mit dem Schwerpunkt Medizin. Die Fachhochschule Konstanz erweiterte ihre Kapazitäten, ebenso die Hochschule in Furtwangen. Mit der studentischen Revolte 1968 hatte das allerdings nichts zu tun. Vielmehr hatten konservative Politiker wie Kurt Georg Kiesinger erkannt, dass zu wenig Abiturienten studierten, um den Bedarf an Fachkräften und Lehrern zu decken. Dabei waren die Anfänge bescheiden: In Konstanz fing man bei null an, die ersten Vorlesungen waren im Inselhotel, der Festsaal diente als Bibliothek und Arbeitsraum.
    1968 war die neue Universität Konstanz vorläufig im Inselhotel untergebracht. <sup></sup><em>Bild: Heinz Finke </em>
    1968 war die neue Universität Konstanz vorläufig im Inselhotel untergebracht. Bild: Heinz Finke
  • Rechtsruck
    Am 28. April wählten die Bürger einen neuen Landtag. Als stärkste Partei wurde die CDU bestätigt, die seit der Gründung des Landes diesen Platz innehatte. Sie hatte mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger und mit dem amtierenden Landesvater Hans Filbinger geworben. Daneben zogen SPD sowie FDP erneut in den Landtag ein. Die Überraschung war die rechtsextreme NPD, die leicht die Hürde von 5 Prozent nahm und ins Parlament kam. Sie hatte 9,8 Prozent und damit 12 Sitze geholt – das Ergebnis wurde allgemein als Schock aufgenommen. 1992 sollte sich Ähnliches wiederholen, als die Republikaner aus dem Stand 10,9 Prozent einfuhren. Bemerkenswert: Mit der Demokratischen Linken (DL) war auch eine kommunistische Bewegung angetreten; kam nicht in den Landtag.
    Bei den Landtagswahlen vom 28. April 1968 holte die NPD 9,8 Prozent der Stimmen und zog in den Landtag ein. <em>Bild: dpa </em>
    Bei den Landtagswahlen vom 28. April 1968 holte die NPD 9,8 Prozent der Stimmen und zog in den Landtag ein. Bild: dpa | Bild: Fritz Reiss
  • Es lebe das Auto
    Exakt 11 682 556 Kraftfahrzeuge waren 1968 bundesweit zugelassen. Heute sind es knapp vier Mal so viel. Auch deshalb wurden Autos in den 60er-Jahren nicht als Belästigung empfunden, sondern als Belebung. Und als Chance, unabhängig von Bus oder Zug von A nach B zu kommen. Keine Spur von Skepsis. Ein eigenes Auto galt vielen Familien als großes Ziel. In dieser Zeit wurde auch das Autobahnnetz ausgebaut. Die A 81 von Stuttgart bis in den Hegau wurde in ihrer heutigen Führung 1978 übergeben. Damit war der Bodensee für Schwaben viel schneller erreichbar.
    Die Konstanzer Marktstätte wurde damals wie selbstverständlich zum Parken und Wenden genutzt. <em>Bild: Hella Wolff-Seybold</em>
    Die Konstanzer Marktstätte wurde damals wie selbstverständlich zum Parken und Wenden genutzt. Bild: Hella Wolff-Seybold | Bild: Picasa

 

Die Welt dieses siebten Jahrzehnts war keine heile Welt. Sie war kleinteilig, bescheiden und noch vom Weltkrieg geprägt. Viele Familien lebten in einfachen Verhältnissen. Die ersten Fernseher liefen bereits heiß, wenn auch nicht in allen Wohnungen. Aber man konnte beim Nachbarn schauen gehen. So wurde der schwarz-weiße Bildschirm tatsächlich zum modernen Herdfeuer.

Die Dörfer von vor 50 Jahren würde man heute kaum mehr erkennen. Die Welle der großen Förderprogramme und Verschönerungen lief erst später an. 1968 waren die meisten Häuser auf dem Land noch nicht saniert. Die sanitären Einrichtungen dort waren häufig historisch. Misthaufen und Ökonomie prägten das Dorfbild, dazu einfache Traktoren. Vielerorts zogen noch Ochsen den Pflug. Die Häuser waren überwiegend grau; die Fassaden wurden erst später aufgeputzt, die Holzbalken herausgeholt. Dafür wimmelte mehr Leben in den ländlichen Siedlungen als heute. Sie dienten den meisten Zeitgenossen als Arbeitsplatz und war Mittelpunkt ihres Lebens. Unterstützend kamen zwei und mehr Gasthäuser dazu, die sechs Tage die Woche öffneten. Die Stilllegung der meist kleinen Landwirtschaften hatte gerade erst begonnen, bis ein Jahrzehnt später dann das Wort vom Hofsterben aufkam und der Stall nun zum Nebenerwerb wird. Aus Bauern werden Pendler, die jeden Morgen in ein Industriegebiet aufbrechen.

Das Verkehrsaufkommen wächst rasant in diesen Jahren. Bald sind die Städte verstopft. 1971 wird die Initiative „Rettet die Stadt“ ausgerufen. In Gemeinden wie Konstanz, Donaueschingen oder Tiengen zwängen sich Lastwagen und Autos durch die Altstädte. Fußgängerzonen sollen die Verstopfung auflösen helfen. Der Weg dorthin ist freilich mühsam. Viele Stunden ringen die Stadträte über die Verkehrsberuhigung. Sie haben die örtlichen Einzelhändler im Genick und am Ratstisch, die vor der Verödung der Zentren warnen und um ihre Kundschaft bangen. Stück um Stück wird verkehrsberuhigt und umgeleitet. Dieser Prozess beginnt in den Siebzigerjahren. 1968 stehen die Fahrzeuge noch kreuz und quer, das Umdenken setzt eben ein. Aus dem Stolz auf das neue Auto war das Leiden am Blech geworden.