Für Werner E. (Name geändert) und seine Familie wird diese Novembernacht zum Albtraum. Der 37-jährige Familienvater kann nach einer Schulter-Operation nicht schlafen. Er befindet sich zusammen mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern im Obergeschoss ihres Hauses in Gottmadingen (Kreis Konstanz). „Um 1 Uhr hörte ich laute Geräusche eines Diesel-Fahrzeugs“, erinnert er sich im Gespräch mit dieser Zeitung. Das Auto fuhr hörbar langsam, das machte ihn stutzig. Erst wenige Wochen zuvor war in einem anderen Wohngebiet der Gemeinde eingebrochen worden. Das Thema beschäftigt seitdem die Nachbarschaft.

Mehr als zwei Stunden später: „Unser kleiner Hund begann gegen 3.20 Uhr zu winseln. Das macht er immer in Vorfreude, wenn Besuch zu uns kommt“, erinnert sich Werner E. „Nachdem mich ein metallenes Knacken erneut aufschreckte, bin ich vorsichtig zur Haustür gegangen. Als ich diese öffnen wollte, fiel sie mir schon entgegen. Gleichzeitig schrillte die Alarmanlage, die ich erst vor wenigen Tagen gekauft und installiert habe“, beschreibt der 37-Jährige den Schock. Ihm wurde klar, dass sich Einbrecher an der Tür zu schaffen machten. Noch im Eingangsbereich stieß der Gottmadinger auf einen maskierten Mann, der Hals über Kopf davonstürmte. Der Einbrecher stürzte, Werner E. stellte ihm noch nach, obwohl die Polizei dringend vor solchen riskanten Aktionen warnt. Schließlich tauchte noch ein zweiter auf, und es gelang beiden, zu fliehen.

Allein 15-mal schlugen die Kriminellen binnen weniger Wochen im Hegau zu. Möglicherweise lockt sie die Nähe zur Autobahn, zur A 81, an, nachweisen lässt sich das aber nicht. Die Polizei, die schon wenige Minuten später zur Stelle war, hat von den Tätern bislang keine Spur. Vieles spreche für Serientäter und für mehrere Personen, sagt Pressesprecher Bernd Schmidt. So seien die Einbrüche in Gottmadingen und Engen nahezu gleichzeitig verübt worden. Laut Schmidt häufen sich die Fälle, in denen die Täter Fenster- und Türrahmen nachts anbohren und so in die Gebäude eindringen, während ihre Opfer schlafen. „Die Skrupellosigkeit, mit der die Täter vorgehen, macht uns Angst. Jetzt kommen sie schon vermummt“, umreißt der Gottmadinger Werner E. das mulmige Gefühl, das viele erfasst hat. Und er ergänzt: „Obwohl die Polizei immer wieder Streife fährt, kommen wir uns ziemlich schutzlos vor.“ Inzwischen rüsten Einzelne auf – mit Pfefferspray und Schreckschusspistolen.

Spuren der nächtlichen Einbrecher.
Spuren der nächtlichen Einbrecher. | Bild: Sabine Tesche

Für die wachsenden Sorgen hat Engens Bürgermeister Johannes Moser volles Verständnis. „Wie fühlt man sich schon, wenn man morgens aufsteht und feststellen muss, dass nachts Einbrecher im Haus waren?“, sagt der Rathauschef und verweist auf zahlreiche Gespräche besorgter Bürger, die auf eine tiefe Verunsicherung in der 11 000-Einwohner-Stadt schließen ließen. Ein Bürger habe ihm erzählt, dass in drei Häusern nebenan eingebrochen wurde. Jetzt warte er mit einem mulmigen Gefühl darauf, dass es auch bei ihm passiert, so Moser. Er ist verärgert darüber, dass Informationen über Einbrüche nach und nach durchsickern, und er will sich nicht damit abfinden, dass die Gegend gleich von einer ganzen Einbruchswelle heimgesucht wird.

Geringe Aufklärungsquote

Die Ordnungskräfte stehen, so das Gefühl vieler Bürger, den Ganoven hilflos gegenüber. Diesen Eindruck stützt auch die Kriminalstatistik. Seit 2013 verzeichnete die Polizei einen massiven Anstieg bei Wohnungseinbrüchen auf mehr als 167 000 bundesweit. Die Aufklärungsquote ist aber bescheiden, sie liegt durchschnittlich bei 17 Prozent. Für den Landkreis Konstanz zählte das Polizeipräsidium zum Höhepunkt des Einbruchsjahres 2014 zusammen 455 Fälle, mehr als doppelt so viele wie noch zwei Jahre zuvor (179 Fälle). Nach 2014 gab es einen deutlichen Rückgang auf 290 Wohnungseinbrüche, den die Polizei als Erfolg ihrer Arbeit wertet. So habe man durch Einrichtung einer zehn- bis zwölfköpfigen „Ermittlungsgruppe Einbruch“ eine überdurchschnittliche Aufklärungsquote von 51 Prozent erreicht, erläutert Präsidiumssprecher Bernd Schmidt. Außerdem verweist er auf ein intensives Präventionsprogramm.

Doch die Bemühungen der Polizei reichen offenkundig nicht aus, um Ganoven abzuhalten, wie unlängst die Serie in Gottmadingen zeigte. Dort war es trotz vermehrter Streifen zu neuen Taten gekommen. „Es ist sehr schwierig, ein Wohngebiet komplett zu überwachen,“ räumt auch Schmidt ein. Hinzu komme: Bei einer so flexiblen Truppe können die Täter heute in Gemeinde A, morgen in Gemeinde B und übermorgen in Gemeinde C zuschlagen.

Und so wird vielerorts der Ruf nach mehr Polizei laut. Die Polizeiposten in Engen und Gottmadingen wurden ebenso wie jene der anderen Reviere im Land schon viele Jahre vor der großen Polizeireform nachts geschlossen. Damit übernimmt das zuständige Polizeirevier, in diesem Fall Singen, die Zuständigkeit der Posten nach Dienstschluss. Zur Anzahl der nachts aktiven Beamten im Landkreis schweigt die Polizei – aus taktischen Gründen, wie es heißt, um es den Einbrechern nicht leichter zu machen. Informationen dieser Zeitung, dass jedes Revier nachts über vier Einsatzfahrzeuge verfügt, werden nicht bestätigt. „Im gesamten Kreis Konstanz mit seinen vier Revieren sind derzeit nachts zusätzliche Kräfte unterwegs,“ versichert Pressesprecher Schmidt. Dabei handelt es sich um Uniformierte und Beamte in Zivil.


Wie man sich vor Einbrüchen schützen kann – das rät der Fachmann

Thomas Engelmann
Thomas Engelmann | Bild: M.Buschmann
Thomas Engelmann, 53, befasst sich seit Jahren mit Einbrüchen. Er ist Chef von Straub Sicherheitssysteme Konstanz.
  • Herr Engelmann, wie erkennt man, dass man selbst gefährdet wohnt?
    Einbrecher haben sich noch vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren besonders für alleinstehende Villen interessiert. Heute ist jeder Otto Normalverbraucher gefährdet, das muss man leider sagen. Bewohner von Villen sind es sogar seltener, weil Einbrecher meist davon ausgehen müssen, dass diese Gebäude gut gesichert sind.
  • Wo ist die Achillesferse bei Häusern und Wohnungen?
    Grundsätzlich rate ich immer zu einer Begehung des Objekts durch einen Fachmann. Erfahrungsgemäß gehören aber die oft stabilen Haustüren weniger zu den Problemzonen; dafür aber Terrassentüren, Fenster, Kellerfenster. Einbrecher in Mehrfamilienhäusern suchen gerne die unteren, leicht erreichbaren, und die obersten Wohnungen heim. Dort fühlen sie sich eher ungestört.
  • Werden Objekte vorher ausgespäht?
    Es gibt spontane Einbrecher und geplante Einbrüche. Dabei kann es auch oft zum Ausspionieren kommen. Das kann ein Vorwand sein, etwa Gartenarbeit oder eine andere Unterstützung anzubieten. Letztlich ist das nur ein Vorwand, um zu sehen, ob das Haus bewohnt ist. Natürlich schließen Einbrecher auch anhand überquellender Briefkästen und tagelang geschlossener Rollläden darauf, dass ein Haus unbewohnt ist. Ein schlichter Plastik-Rollladen ist dabei eher ein Sicht- als ein Einbruchschutz.
  • Wie gelangen Einbrecher in Häuser und Wohnungen?
    Oft ist ein mittelgroßer Schraubenzieher der Fensteröffner. Das kann dann blitzschnell oder auch langsamer gehen, je nach mechanischer Sicherung eines Fensters. Zwischen acht Sekunden und mehreren Minuten dauert es dann, bis ein Fenster offen ist. Dabei gilt die Faustregel: Je länger ich brauche, um so mehr mache ich mich verdächtig. Schon eine Pilzkopfverriegelung kann vieles abfangen. Abschließbare Fenstergriffe können es verhindern, dass der Einbrecher das Fenster beispielsweise mithilfe eines Drahts über ein gebohrtes Loch öffnet.
  • Man sagt, Einbrecher kommen gerne wieder. Stimmt das?
    Es gibt solche Mehrfacheinbrüche. Man sagt, dass eine Zeitspanne zwischen sechs und acht Wochen nach einem Einbruch sensibel sein kann. Diese Zeit braucht es oft, um Schäden beispielsweise an Fenstern und Türen zu beheben und diese gegebenenfalls nachzurüsten.
  • Auf welche Art von Einbrechern muss man sich vorbereiten?
    Achtzig Prozent gehören der sogenannten Beschaffungskriminalität an. Sie nehmen gerne Wertsachen, Uhren, Schmuck und natürlich Geld mit. Andere lassen auch Laptops und Fernseher mitgehen, was aber die Flucht schwieriger macht. Dabei kommt Einbrechern eins zupass: Wir Deutschen ticken alle gleich. Im Eingangsbereich steht meist eine Kommode. Entweder liegt darauf ein Schlüssel oder der Geldbeutel oder in einer Schublade.
  • Was empfehlen Sie Ihren Kunden zur Prävention?
    Es gibt eine ganze Palette von effektiven Möglichkeiten: von mechanischen Zusatzsicherungen bis zur kombinierten Alarm- und Videoanlage. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte man darauf achten, dass die Produkte zertifiziert sind, also Sicherheitsstandards erfüllen. Meine Empfehlung ist, sich von einer seriösen Fachfirma, die auch Erfahrung und entsprechend geschulte Mitarbeiter hat, beraten und auch Produkte montieren zu lassen. Denn nur eine vernünftige und den Vorgaben entsprechende Verschraubung bringt die notwendige Stabilität und Widerstandskraft. Speziell bei Alarm und Video ist darauf zu achten das der Errichter auch eine gegebenenfalls kurzfristige Hilfe sicherstellen kann.
Fragen: Nils Köhler

Ein Ländervergleich zwischen Baden-Württemberg und Bayern zeigt, dass die Anzahl der Einbrüche unterschiedlich hoch ist. Im vergangenen Jahr gab es im Musterland Bayern 7500 Wohnungseinbrüche, in dem flächenmäßig halb so großen Baden-Württemberg waren es 11 100. Dafür lag die Aufklärungsquote mit 20 Prozent in Baden-Württemberg leicht höher als in Bayern (18,9). Erhebliche Unterschiede gibt es bei der Polizeidichte, die der „Bund Deutscher Kriminalbeamten“ ermittelt hat: Baden-Württemberg liegt auf dem vorletzten Platz des Länder-Rankings. Auf 100 000 Einwohner kamen 2016 genau 225 Polizisten und Verwaltungsmitarbeiter der Polizei; in Bayern waren es 326 Polizisten.


Aus Sicht der Gewerkschaft der Polizei (GdP) sollte das Beispiel Bayern hier Vorbild sein. Eine Aufstockung des Personals könnte nach Ansicht des Landesvorsitzenden Hans-Jürgen Kirstein auch hierzulande mehr Sicherheit gegen Einbrüche bringen. „Es fehlen immer noch 1200 Neueinstellungen. Das reicht nicht einmal, um die Abgänge abzufedern,“ kritisiert der Gewerkschafter. Wenn in drei Jahren die ersten geburtenstarken Jahrgänge in Pension gehen, dürfte sich die Lage weiter zuspitzen. Einen Seitenhieb gegen die Landesregierung kann sich Kirstein nicht verkneifen. So trage die jüngste Besoldungserhöhung für den Nachtdienst in Höhe von 0,328 Prozent nicht unbedingt zur Motivation bei.


 
 

Das Innenministerium streitet einen Zusammenhang zwischen der Polizeidichte und der Zahl der Einbrüche hingegen ab. Zwar räumt Pressesprecher Renato Gigliotti auf Nachfrage ein: „Baden-Württemberg weist bei der Polizeidichte im Ländervergleich einen der niedrigsten Werte auf.“ Dennoch sei es „eines der sichersten Bundesländer“. Das gelte auch für Wohnungseinbrüche, deren Zahl laut Statistik der Polizei um zehn Prozent gesenkt wurde. Baden-Württemberg nimmt mit 102 Wohnungseinbrüchen je 100 000 Einwohner Platz 4 ein – zwar deutlich vor Schlusslicht Bremen (459), aber doch erkennbar hinter Bayern (58).


Im Hegau schlugen die Täter erneut zu. Sie versuchten, in ein Einfamilienhaus in Gottmadingen durch Aufhebeln der Eingangstür und eines Fensters einzudringen. Doch die Hausbewohner hatten Glück, wurden durch den Lärm aufmerksam und schlugen die Ganoven in die Flucht. Auch aus anderen Teilen der Region – am Hochrhein und im Schwarzwald – werden nach wie vor Einbrüche gemeldet. Besserung scheint nicht in Sicht. Einbruchsopfer wie Werner E. fühlen sich indes noch in anderer Hinsicht in ihren Sorgen bestätigt. Laut einer Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen werden nur 2,6 Prozent aller bekannten Fälle abgeurteilt. Von den 20 Prozent ermittelter Tätern sortiert die Staatsanwaltschaft zwei Drittel aus, meist wegen unzureichender Beweislage. Von dem verbleibenden Drittel werden vor Gericht weitere eingestellt, zum Beispiel wegen Geringfügigkeit. Die Autoren kommen zu dem deprimierenden Ergebnis, „dass in Deutschland das Risiko, wegen eines Wohnungseinbruchs verurteilt zu werden, ausgesprochen niedrig ist.“