Anna-Lena Forster kann es nicht mehr erwarten. „Es wird Zeit, dass es losgeht, ich will endlich auf die Piste“, sagt die 22-Jährige aus Radolfzell-Stahringen ungeduldig. In fünf Disziplinen wird die Monoskifahrerin bei den zwölften Winter-Paralympics, die am morgigen Freitag in Pyeongchang eröffnet werden, an den Start gehen. Dabei sein ist für sie aber nicht alles – Anna-Lena Forster ist heiße Medaillenkandidatin, will nach zweimal Silber und einmal Bronze vor vier Jahren nun den Traum von Gold wahr werden lassen.

Femurhypoplasie linkes Bein, Amalie rechtes Bein. Für die Nicht-Mediziner: links ein verkürzter Oberschenkel, rechts gar nichts. So kam Anna-Lena Forster 1995 im Singener Krankenhaus auf die Welt. Keine einfache Sache für die Eltern. Doch für Sybille Forster war von Beginn an klar, dass ihre Tochter trotz Behinderung normal aufwachsen sollte. Offenheit war dabei stets das Mittel ihrer Wahl. Wenn die Blicke der Mitmenschen mal etwas länger im Kinderwagen verweilten, die Augen immer größer wurden, ja manchmal auch Entsetzen oder Mitleid widerspiegelten, dann hat sie sie direkt angesprochen. „Ja, ja, schauen Sie ruhig genauer hin, da fehlt was. So was in der Richtung habe ich meist gesagt.“ Unverblümt, entwaffnend ehrlich. Meistens war dann kurz darauf das Eis gebrochen, der peinlichen Stille folgten oft herzliche Gespräche, dem Mitleid ehrliches Interesse. „Meine Mutter hat mir schon als Kind klargemacht, dass jeder Mensch irgendetwas hat, das ihn anders macht. Du hast halt diese Sache, andere haben eine krumme Nase, hat sie zu mir gesagt“, erzählt Anna-Lena. Mutters Mantra machte Mut. Auch wenn Kinder, die sie nicht näher kannten, mal gemein wurden, die Jungs auf einem Bein hüpften, um „Anna-Lena zu spielen“ oder die Mädchen verschwörerisch hinter ihrem Rücken tuschelten – Anna-Lena Forster hat es hingenommen, gut verkraftet und verarbeitet, ohne bitter und verbissen zu werden.

Sie hat ihren Traum von Gold wahrgemacht: Anna-Lena Forster (Mitte), mit ihren Eltern Jürgen und Sybille.
Sie hat ihren Traum von Gold wahrgemacht: Anna-Lena Forster (Mitte), mit ihren Eltern Jürgen und Sybille. | Bild: Peter Pisa

Die Familie Forster hat immer zusammengehalten, alles gemeinsam gemacht. Nur beim Wintersport stießen die Eltern, beide begeisterte Skifahrer, an ihre Grenzen. Anna-Lena wartete mit ihrer Oma in der Skihütte, schaute zu, wie Vater, Mutter und Bruder Felix die Ski schulterten und auf die Piste gingen. „Ich wollte dabei sein“, erinnert sich Anna-Lena, „aber das ging halt damals nicht.“ Ein Sporttag in Singen hat dann alles verändert für das junge Mädchen. Sportarten und -geräte für Behinderte wurden da vorgestellt, unter anderem von Gerda Pamler, einer Paralympics-Teilnehmerin aus Bayern, die den staunenden Eltern zeigte, wie ein Monoski funktioniert. Für Sybille Forster war klar: „So ein Ding muss her!“ Es hat ein bisschen gedauert, hat viel Geduld und auch eine Menge Geld erfordert. Doch irgendwann war Anna-Lena auf der Piste, bereit, den Berg hinunterzusausen, so schnell zu sein wie noch nie zuvor.


Fragen und Antworten zu den Paralympics

  • Was sind eigentlich die Paralympics?
    Die Paralympics sind die an Olympische Spiele angelehnten Wettkämpfe für Sportler mit Behinderung. Sie finden alle vier Jahre dort statt, wo kurz zuvor die Olympischen Spiele oder Winterspiele ausgetragen wurden. Als Vorläufer gelten die vom deutschstämmigen Neurologen Ludwig Guttmann initiierten Stoke Mandeville Games für Rollstuhlfahrer, die 1948 zeitgleich mit den Olympischen Spielen im südenglischen Aylesbury stattfanden. Seit 1960 kämpfen Athleten alle vier Jahre in Sommersportarten um paralympische Medaillen. 1976 feierten die Paralympischen Winterspiele ihre Premiere im schwedischen Örnsköldsvik. Das Wort Paralympics setzt sich zusammen aus den englischen Worten paraplegic (doppelseitig gelähmt) und Olympics (Olympische Spiele).
  • Wer ist bei den Paralympics in Pyeongchang dabei?
    Rund 570 Athletinnen und Athleten aus 49 Nationen wollen bei den Paralympics starten. Sie treten in 80 Wettbewerben und sechs Sportarten an. Unter den Teilnehmern sind auch etwa 30 russische Sportler. Sie starten wie bei den am 25. Februar zu Ende gegangenen Winterspielen unter neutraler Flagge. Offiziell werden sie als Neutrale Paralympische Athleten (NPA) geführt. Nordkorea, Georgien und Tadschikistan feiern 2018 Premieren: Zum ersten Mal nehmen diese Länder an Paralympischen Winterspielen teil.
  • Welche Sportarten gibt es?
    Bei den Paralympics werden Medaillen im Para Ski alpin, Para Langlauf, Para Biathlon, Rollstuhlcurling, Para Eishockey und Para Snowboard vergeben. In den einzelnen Wettbewerben gibt es zum Teil verschiedene Kategorien je nach Behinderung. So starten die Sportler beispielsweise in den alpinen und nordischen Disziplinen in drei Kategorien: stehend, sitzend und sehbehindert.
  • Wurden die Olympia-Wettkampfstätten für die Paralympics umgebaut?
    Ja, zum Teil. So wurden zum Beispiel die Banden im Eishockey-Zentrum in Gangneung vor den Mannschaftsbänken und der Strafbank durch durchsichtige Elemente ersetzt. Grund: Die Para-Eishockey-Spieler nutzen spezielle Schlitten, wodurch sie näher an der Oberfläche des Eises sind. Auch der Transport muss teilweise anders koordiniert werden. So kommen etwa zusätzliche Spezialbusse für die Rollstuhlfahrer zum Einsatz. Neben der Eishockey-Halle konzentrieren sich die Wettkämpfe auf das Alpensia Biathlon Centre, die alpinen Pisten in Jeongseon und das Curling Centre in Gangneung. Eröffnungs- und Schlussfeier finden wie bei den Olympischen Spielen im fünfeckigen Stadion von Pyeongchang statt.
  • Sind die Paralympics nur etwas für Frühaufsteher und Nachteulen?
    Tatsächlich finden wegen der achtstündigen Zeitverschiebung viele Wettkämpfe zur deutschen Nachtzeit statt. Besonders früh oder spät – je nachdem wie man es sieht – beginnen viele Alpin-Rennen, nämlich schon um 1.30 Uhr. Auch die Biathleten und Langläufer sind aus heimischer Sicht mitten in der Nacht dran.
  • Wo sind die Live-Bilder von Olympia zu sehen?
    ARD und ZDF teilen sich die Berichterstattung. Das ZDF beginnt am 9. März mit der Eröffnungsfeier. Die ARD übernimmt am 14. und überträgt bis zum 18. März. Mehr als 65 Stunden Live-Berichterstattung haben die beiden öffentlich-rechtlichen Sender insgesamt geplant.
  • Wie viele Sportler aus Deutschland sind dabei?
    15 Einzelsportler und ein Rollstuhlcurling-Team wollen für Deutschland bei den Paralympics starten. Das sind 20 Athleten – elf Frauen und neun Männer. Dazu kommen vier Begleitläufer. Im Para Ski alpin sind sieben deutsche Sportler dabei. Darunter die fünffache Goldmedaillengewinnerin von Sotschi, Anna Schaffelhuber. In den nordischen Disziplinen kämpfen acht Athleten aus Deutschland um paralympischen Ruhm.
  • Und wann starten die Athleten aus unserer Region?
    Anna-Lena Forster aus Radolfzell-Stahringen startet nach deutscher Zeit jeweils um 1.30 Uhr in der Abfahrt (10. März), im Super-G (11. März), in der Super-Kombination (13. März), im Slalom (15. März) und im Riesenslalom (18. März). Rollstuhlcurler Harry Pavel vom CC Schwenningen bestreitet mit dem deutschen Team zunächst elf Spiele zwischen dem 10. und 15 März, die genauen Uhrzeiten gibt es jeweils im Internet unter: deutsche-paralympische-mannschaft.de
  • Was rechnet sich die deutsche Mannschaft aus?
    Eine Medaillenvorgabe gebe es vom Deutschen Behindertensportverband nicht, sagt Präsident Friedhelm Julius Beucher. „Wir gehen aber mit der berechtigten Erwartung auf Erfolge an die Spiele heran. Wir waren bei Weltcups und Weltmeisterschaften – sowohl in den nordischen als auch in den alpinen Disziplinen – immer wieder auf dem Podest dabei.“ 2014 in Sotschi holte das deutsche Team 15 Medaillen – neun goldene, fünf silberne und eine bronzene.
  • Wie hoch sind die Prämien für die deutschen Sportler?
    Für Gold-, Silber- und Bronzemedaillen bekommen die Paralympics-Athleten die gleichen Prämien wie die nicht behinderten Sportler. Platz eins wird also mit 20 000 Euro belohnt, Platz zwei mit 15 000 und für den dritten Platz gibt es noch 10 000 Euro. (dpa)

Heute ist sie natürlich noch ein bisschen schneller als damals. Manchmal auch schneller als alle anderen auf der Welt, was ihr einen festen Platz im deutschen Paralympics-Team eingebracht hat. 2014 in Sotschi war sie schon dabei, hat zwei Silbermedaillen und einmal Bronze geholt. Diesmal darf’s auch gern ein bisschen mehr sein. „Ich könnte jetzt drumherum reden. Aber nein: Ich will endlich Gold holen“, sagt Anna-Lena selbstbewusst. Wohl wissend, dass sie selbst dafür einen guten Tag braucht und ihre größte Konkurrentin bei der Titelvergabe sicherlich ein Wörtchen mitreden will: Anna Schaffelhuber, Teamkollegin aus München, früher das große Vorbild für die Stahringerin, heute Erzrivalin und doch gute Freundin. „Ich weiß, dass ich sie bei den Paralympics schlagen kann. In Sotschi war es noch zu früh, aber vielleicht klappt es jetzt“, sagt Anna-Lena bestimmt, ohne verbissen zu wirken. Sie treibt nicht Sport, um der Welt etwas zu beweisen, um zu zeigen, dass sie so gut ist wie die „normalen“ Menschen oder sogar besser. „Wenn ich immer schauen würde, wo die anderen stehen, würde mich das verrückt machen“, erklärt die Psychologie-Studentin. „Ich muss auch nichts verarbeiten wegen meiner Behinderung. Ich wurde so geboren. Aber ich will mich verbessern, besser sein, als ich schon war – und das wäre halt Gold statt Silber.“ Im Slalom, ihrer Spezialdisziplin, hat sie die größten Chancen, vor Anna Schaffelhuber und natürlich dem Rest des Feldes ins Ziel zu fahren und ihren großen Traum wahr werden zu lassen. Und wenn es dann doch nicht klappen sollte? „Dann gratuliere ich der Gewinnerin und freu mich mit ihr.“

Anna-Lena Forster (links) und Anna Schaffelhuber 2014 bei der Prämienparty des Deutschen Olympischen Sportbunds und der Deutschen Sporthilfe. Auch in Pyeongchang sollen die beiden Rivalinnen auf der Strecke wieder Medaillen sammeln.
Anna-Lena Forster (links) und Anna Schaffelhuber 2014 bei der Prämienparty des Deutschen Olympischen Sportbunds und der Deutschen Sporthilfe. Auch in Pyeongchang sollen die beiden Rivalinnen auf der Strecke wieder Medaillen sammeln. | Bild: dpa

So klingt jemand, der mit sich und den anderen im Reinen, der vollauf zufrieden mit seinem Leben ist. Was aber, wenn morgen wie im Märchen die gute Fee käme und mit einem Fingerschnippen die Behinderung plötzlich weg sein könnte? Wenn aus Anna-Lena Forster, der deutschen Medaillenhoffnung und Leistungssportlerin, Lieschen Müller würde, mit beiden Beinen, aber vielleicht vollkommen unsportlich?


Die Sportarten der Winter-Paralympics


Am Freitag beginnen die Paralympics in Pyeongchang. In 80 Wettbewerben werden in sechs Sportarten Medaillen vergeben. Wir stellen die Sportarten bei den Winterspielen für Menschen mit Behinderung vor:
  • Para Ski alpin
    Die Athletinnen und Athleten werden der stehenden, sitzenden oder sehbehinderten Kategorie zugeordnet. Innerhalb der Kategorien gibt es – abhängig von der Behinderung – unterschiedliche Klassen. Stehende Sportler fahren entweder auf zwei oder einem Ski und haben einen Skistock, zwei oder keine Skistöcke. Sitzende sind auf einer gefederten Sitzschale unterwegs, die auf einem Ski steht und auch Skibob genannt wird. Die sehbehinderten Sportler fahren hinter einem Guide, der ihnen den Weg weist. Bei den Paralympics wird in der Abfahrt, im Super-G, in der Super-Kombination, im Riesenslalom sowie im Slalom gestartet.
  • Para Langlauf
    Es gibt Rennen über die Kurz- Mittel- und Langdistanz. Wie beim Para Ski alpin wird in drei Kategorien gestartet: sitzend, stehend und sehbehindert. Bei den sitzenden Sportlern starten stark gehbehinderte Athleten oder Rollstuhlfahrer in einem speziellen Skischlitten. Die Sehbehinderten laufen mit einem Begleitläufer, der verbale Kommandos gibt und die Sportler so zum Beispiel über die Steilheit von Kurven informiert. Viele deutsche Athleten wollen nicht nur beim Langlauf, sondern auch beim Biathlon mitmachen.
  • Para Biathlon
    Langlauf und Schießen – im Para-Biathlon sind Ausdauer und Präzision gefragt. Auch hier gibt es drei Kategorien. Die sehbehinderten Sportler schießen mit Lasergewehren. Über Kopfhörer wird ein Ton übertragen, der die Nähe zur Scheibenmitte angibt. Insgesamt stehen 18 Entscheidungen an. Das erste Rennen findet am 10. März, das letzte sechs Tage später statt. Zu den deutschen Medaillenhoffnungen zählen Andrea Eskau, Anja Wicker und Martin Fleig.
  • Rollstuhlcurling
    Wie beim Curling für Menschen ohne Behinderung besteht das Ziel darin, die Spielsteine der eigenen Mannschaft möglichst nah an einem speziell markierten Kreis zu platzieren. Die Sportler bewegen sich im Rollstuhl über die Eisfläche und spielen den Stein wegen ihrer erhöhten Sitzposition mit einem speziellen Stab – dem sogenannten Extender. Gewischt wird nicht. In jedem Team müssen mindestens ein Mann und eine Frau sein. Rollstuhlcurling ist seit 2006 eine paralympische Sportart. Zum zweiten Mal nach 2010 ist Deutschland dabei. In Vancouver schied das deutsche Team in der Vorrunde aus.
  • Para Eishockey
    Beim Para-Eishockey bewegen sich die Athleten auf einer Art Schlitten über das Eis und halten zwei Schläger in den Händen. Die kurzen Schläger sind am Ende mit Spikes ausgestattet, die bei der Fortbewegung helfen. Anders als zum Beispiel in den alpinen und nordischen Wettbewerben gibt es beim Para-Eishockey nur eine Startklasse. Die Sportler haben Behinderungen in der unteren Körperhälfte, die ihre Beweglichkeit einschränken. Ein Spiel-Drittel dauert 15 Minuten. Das Spielfeld ist genauso groß und die Regeln sind die gleichen wie beim Eishockey der Sportler ohne Behinderung.
  • Para Snowboard
    Erst seit den vergangenen Winterspielen in Sotschi ist Snowboard eine paralympische Disziplin. Damals wurden die Snowboarding-Wettbewerbe als Teil des alpinen Programms geführt – und nicht wie jetzt als eigene Sportart. Zudem gab es nur zwei Medaillenentscheidungen, diesmal sind es zehn. Die Sportler haben Beeinträchtigungen der oberen sowie der unteren Extremitäten. Gestartet wird im Snowboard Cross und Banked Slalom, bei dem die Athleten über einen mit Steilkurven präparierten Kurs fahren. Deutsche Sportler sind nicht dabei. (dpa)

Anna-Lena Forster muss kurz überlegen. „Es kommen immer mal die Momente, in denen ich mich frage, wie es wohl wäre, wie die anderen zu sein“, sagt sie dann, legt noch mal kurz die Stirn in Falten, bevor sie entschieden feststellt: „Nein, ich würde mein Leben nicht tauschen. Es ist gut so, wie es ist. Ich habe so viele tolle Dinge erlebt trotz meiner Behinderung – und einige sogar nur wegen ihr.“

<b>Das Sportgerät:</b> Es handelt sich hierbei um einen Carvingski mit gefedertem Rahmen, auf dem eine Sitzschale angebracht ist. Der Fahrer hält das Gleichgewicht durch zwei kurze Skistöcke. «Dafür benötigt man eine gute Oberkörperkoordination», sagt Gampersberger. Auch die Rumpfstabilität und Beweglichkeit der Arme und Hände sind wichtig. Der Monoski ist somit für Personen mit Mobilitätseinschränkungen und Querschnittslähmung bis etwa TH5, also einer Lähmung ab etwa der Brust abwärts, geeignet. Auch Menschen mit Amputationen und der Haltungsstörung Cerebralparese können so selbstständig auf die Piste.
Das Sportgerät: Es handelt sich hierbei um einen Carvingski mit gefedertem Rahmen, auf dem eine Sitzschale angebracht ist. Der Fahrer hält das Gleichgewicht durch zwei kurze Skistöcke. «Dafür benötigt man eine gute Oberkörperkoordination», sagt Gampersberger. Auch die Rumpfstabilität und Beweglichkeit der Arme und Hände sind wichtig. Der Monoski ist somit für Personen mit Mobilitätseinschränkungen und Querschnittslähmung bis etwa TH5, also einer Lähmung ab etwa der Brust abwärts, geeignet. Auch Menschen mit Amputationen und der Haltungsstörung Cerebralparese können so selbstständig auf die Piste. | Bild: Peter Pisa

Vielleicht erlebt sie ja in diesen Tagen in Südkorea wieder so einen goldenen Moment. Einen, den sie teilen kann mit den Eltern, die ihrer Anna-Lena natürlich nach Südkorea nachgeflogen sind, obwohl Fernreisen für Mutter und Vater ein einziges Gräuel sind. Und wenn’s nicht klappen sollte mit Gold, dann wird halt kurz die Enttäuschung geteilt und weitergemacht. Die Forsters haben schon Schlimmeres überstanden.



Video: Privat

 

Zur Person

Anna-Lena Forster wurde am 15. Juni 1995 in Singen ohne rechtes Bein und mit einem verkürzten linken Oberschenkel geboren. Die Stahringerin ist wie schon vor vier Jahren in Sotschi Mitglied des Deutschen Paralympics-Team in Pyeongchang. Die Monoskifahrerin geht in Südkorea in den fünf Disziplinen Abfahrt, Super G, Super Kombi, Riesenslalom und Slalom an den Start und zählt zu den aussichtsreichen Medaillenkandidaten. Forster studiert in Freiburg Psychologie. (mex)


"Wir sind für eine Überraschung gut"

Rollstuhlcurler Harry Pavel
Rollstuhlcurler Harry Pavel | Bild: DBS

Harry Pavel aus Jestetten sitzt seit einem Unfall 1987 im Rollstuhl. Er spielt für den CC Schwenningen im Rollstuhlcurling und startet mit der Nationalmannschaft in Südkorea.

Herr Pavel, Sie sind bereits am Montag mit dem deutschen paralympischen Team in Pyeongchang gelandet. Wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Ich bin überwältigt und habe eigentlich gar keine Worte dafür. Die Eindrücke überschlagen sich. Die Organisation und die Darbietungen gefallen mir sehr gut. Beispielsweise die Eröffnung des paralympischen Dorfs mit Tanzeinlagen war fantastisch.

Am vergangenen Dienstag sind Sie 67 Jahre alt geworden. Was bedeutet es Ihnen, jetzt zum ersten Mal an den Paralympics teilzunehmen?

Ich bin dankbar dafür und es bedeutet mir sehr viel. Ich kann es nur genießen.

Sie spielen im Team auf der dritten von vier Positionen. Welche Aufgabe haben sie damit im Spielverlauf?

Meine Aufgabe ist es, den Weg zu bereiten für den Skip (Kapitän, Anm. der Redaktion), damit er am Spielende möglichst einfache Steine spielen kann. Aber eigentlich gehört für diese Ausgangslage das ganze Team dazu.

Das Team spielt in der Vorrunde elf Partien, teilweise sogar zwei an einem Tag. Wie meistern Sie eine solche Belastung?

Es ist wichtig, die innere Ruhe zu finden. Wenn man vom Spielfeld geht, muss man schnell Kraft sammeln und entspannen. Wir haben sogar eine Situation, wo wir erst spät abends zurück ins paralympische Dorf kommen und nach vier Stunden Schlaf wieder raus fahren müssen zur nächsten Partie. Unser Mentalcoach hat uns gezeigt, wie wir in solchen Situationen mit Musik den Geist runterfahren. Das Mentale ist sehr wichtig.

Der Mentalcoach und Sportpsychologe ist mit vor Ort. Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Mannschaft ab?

Er motiviert das Team und schaut auf die Stärken und Schwächen. Dann arbeitet er mit den einzelnen Spielern daran, damit jeder seine beste Leistungen bringen kann, die auch erwartet werden.

Die Neutralen Athleten aus Russland werden am Samstag der erste Gegner der Nationalmannschaft sein. Russland gewann bei den vergangenen Paralympics Silber. Was erwarten Sie für ein Spiel?

Ich erwarte eine Partie auf Augenhöhe, da viele gute Spieler nicht dabei sind. Das Team aus Russland ist ganz anders aufgestellt. Wir werden sie nicht unterschätzen. Trotzdem versuchen wir mitzuhalten und geben natürlich alles. Dann schauen wir, was dabei rauskommt.

Für die Nationalmannschaft war bereits die Qualifikation für díe Paralympics ein großer Erfolg. Was sind jetzt Ihre Ziele und Hoffnungen für das Turnier?

Wir rechnen mit einem Platz unter den ersten sechs. An einem guten Tag können wir aber jeden schlagen. Wenn wir alles abrufen können, wie wir uns das vorstellen, sind wir für eine Überraschung gut.

Fragen: Lena Mehren