Für Martin Luther schließt Hans-Otto Mühleisen seine Schatzkammer auf. Es ist eine schwere Eisentür, der große Schlüssel erinnert an den Schlüssel zum Himmelreich, den bekanntlich Petrus besitzt. Weit von hier kann der auch nicht sein. Immerhin befinden wir uns im Kloster Sankt Peter, gelegen im Schwarzwald nahe Freiburg. Es ist einer der wenigen Orte, an denen zu Luthers Zeiten gelehrt und geforscht wurde.

Der Reformator kehrt also zurück ins Kloster, sogar an dessen geheimsten Ort – wenn auch nur als Pappfigur. „Stellen Sie ihn doch dort in die Ecke“, sagt Mühleisen. Dann begibt er sich vors Regal, nimmt mit beiden Händen vorsichtig eines der vielen großen alten Bücher heraus und wuchtet es auf den Tisch. „Das ist die Londoner Polyglotte“, sagt er. Seine Stimme klingt nach viel Ehrfurcht und ein bisschen Stolz.

Dieser Stammbaum in einem Buch der Bibliothek von St. Peter zeichnet den Stammbaum der Äbte nach.
Dieser Stammbaum in einem Buch der Bibliothek von St. Peter zeichnet den Stammbaum der Äbte nach.

Wie einfache Handwerker ans Kloster kamen

Die Londoner Polyglotte ist ihrerseits so etwas wie ein Schlüssel: nämlich zu der Frage, warum es Anfang des 16. Jahrhunderts einen Michael Sattler geben konnte. Ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der keine Mühe hatte, sich vor Gericht auf Latein, Griechisch und Hebräisch zu verteidigen. In einer Zeit, als kaum jemand überhaupt des Lesens und Schreibens kundig war.

Schulen, sagt Mühleisen, habe es – abgesehen von wenigen Lateinschulen in größeren Städten – nur in Klöstern gegeben. Lesen, schreiben, rechnen: Im Arbeitsalltag von Bauern, Müllern oder Hufschmieden war für solche Tätigkeiten kein Platz. Warum aber schafften es trotzdem immer wieder Söhne einfacher Handwerker in die Schule von Sankt Peter?

„Stellen Sie sich eine Familie mit fünf Söhnen vor“, sagt der Historiker: „Für die Arbeit auf dem Hof können Sie mehr als vier einfach nicht gebrauchen. Da sind Sie froh, wenn der Fünfte in ein Kloster kommt.“ Einer wie Michael Sattler aus Staufen im Breisgau, der wahrscheinlich schon als Neun- oder Zehnjähriger vom Abt Peter Gremmelsbach in die Klosterschule aufgenommen wurde.

Bildung meist ein Privileg der Reichen oder Talentierten

Dass ein Junge aus Staufen in ein Schwarzwald-Kloster gerät, könnte einem auf den ersten Blick sehr gewöhnlichen Anlass geschuldet sein: Ferien. „Natürlich haben die Leute zu dieser Zeit keinen Urlaub gemacht“, stellt Mühleisen klar. „Sie nahmen aber regelmäßig an Wallfahrten teil.“ Und weil um 1500 eine dieser Wallfahrten auf dem benachbarten Lindenberg stattgefunden hat, liegt es nahe, den jungen Michael Sattler in der Gästeschar zu vermuten. Eine zufällige Begegnung mit einem Mönch, eine flüchtige Unterhaltung über seine Zukunftspläne: So könnte der erste Kontakt ausgesehen haben.

In jedem Fall nahm so ein Kloster nicht jeden. Wohlhabende Familien zahlten für ihre Kinder Schulgeld. Wer als Junge aus gewöhnlichen Verhältnissen gratis etwas lernen wollte, musste auf ein Stipendium hoffen. Das aber gab es nur für kluge Köpfe. In dem Jungen aus Staufen etwa muss Abt Gremmelsbach ein Talent erkannt haben.

Unter dem Glas einer Vitrine in der Bibliothek liegt eine aufgeschlagene Kopie der Londoner Polyglotte: Besucher können hier einen Eindruck von der Sprachbildung der Klosterschüler im ausgehenden Mittelalter erhalten.
Unter dem Glas einer Vitrine in der Bibliothek liegt eine aufgeschlagene Kopie der Londoner Polyglotte: Besucher können hier einen Eindruck von der Sprachbildung der Klosterschüler im ausgehenden Mittelalter erhalten. | Bild: Sabine Tesche

Auf welche Weise Sattler die Vokabeln lernte, lässt sich nicht rekonstruieren. In späteren Jahren aber war dafür die Londoner Polyglotte in Gebrauch. Zu lesen sind in diesem Buch das Alte und das Neue Testament, auf Latein ebenso wie auf Altsyrisch, Hebräisch, Griechisch, Arabisch, Aramäisch, Persisch, Samaritanisch. Alles auf einer Seite, jeder Abschnitt in sieben Übersetzungen. Bibelstunde bedeutete deshalb auch Sprachunterricht. Und wer so eine Schullaufbahn vom 10. bis zum 16. Lebensjahr mithilfe der Londoner Polyglotte hinter sich brachte, war anschließend selbst polyglott. Es ist anzunehmen, dass Schulen zu Beginn des 16. Jahrhunderts ähnliche Techniken genutzt haben.

„Was wollt ihr denn mit Naturwissenschaften?“

Damit ein Kind auf solche Weise Sprachen lernte, durfte es möglichst selten fehlen. Es kam vor, dass manche im Sommer den Eltern bei der Feldarbeit helfen mussten. Wartete der Abt dann einige Tage vergeblich auf die Rückkehr, wurde er schon mal ungemütlich. Ein Abt war zugleich auch die obere Gerichtsbarkeit: Eltern konnten im Arrest landen, wenn sie ihren Sohn nicht wieder herausrückten.

Nicht auf jedem Kloster gab es so modernes Lehrmaterial wie die Londoner Polyglotte. Wie weltoffen geforscht und gelehrt werden konnte, hing ab vom Führungsstil des jeweiligen Abts. Damals wie heute gab es moderne und konservative Klöster: Als einmal zwei Schüler aus Sankt Peter zum Studium der Naturwissenschaften nach Salzburg aufbrachen, wurden sie bereits im sieben Kilometer entfernten Kloster Sankt Märgen aufgehalten. „Was wollt ihr denn mit Naturwissenschaften?“, rügte sie der dortige Abt: Ein Mönch solle doch vor allem Theologie studieren! Die beiden Mönche sind trotzdem weitergezogen.

Wie weit man in Sankt Peter von solchem Denken entfernt war, lässt sich in der Bibliothek erfahren. Mühleisen zeigt auf zwei mächtige Globen zwischen all den Büchern mitten im Raum. Angefertigt hat sie ein Mönch im 18. Jahrhundert. Nun ist die Kugelform der Erde in Kirchenkreisen zu keiner Zeit so umstritten gewesen, wie es der Mythos behauptet. Arbeiten von solcher Detailtreue zeugen dennoch von enormen Kenntnissen der Astronomie und Geologie.

Bild: Jessica Steller

Von Bursen, Trinkgelagen und dem Peterhof

Und über diese verfügte man auf Sankt Peter bereits zu Luthers Zeiten. Zum Beweis schlägt der Historiker ein um 1500 gedrucktes Buch mit dem Titel „Margarita Philosophica“ auf. „Das ganze Wissen dieser Zeit“ sei darin versammelt, sagt er. Zu diesem Wissen gehörten frappierend schlüssige Erklärungsansätze für die Ursachen von Erdbeben. Die ebenfalls erwähnte Möglichkeit einer Strafe Gottes diente nur zur theologischen Absicherung.

Und das alles soll hier oben auf Sankt Peter erdacht worden sein? Nicht ganz. Mühleisen zeigt aus dem Bibliotheksfenster Richtung Westen. „Gute Schüler gingen zum Studieren nach Freiburg“, sagt er. An der Universität wohnten sie entweder bei ihrem Professor oder aber in einer Burse. Das war nicht nur ein mittelalterliches Studentenwohnheim: Es ging darin auch so zu.

Klöster waren deshalb darauf bedacht, in Freiburg eigene Außenstellen zu unterhalten. Statt in eine Burse kamen Studenten aus Sankt Peter in den heute noch zum Universitätsgelände gehörenden Peterhof. Hier achteten Mönche darauf, dass sie es mit Trinkgelagen nicht zu weit trieben.

„Die Klöster haben die jungen Menschen ja vor allem deshalb ausgebildet, weil sie fähige Leute brauchten“

Auch Michael Sattler, das Sprachgenie aus einfachen Verhältnissen, hatte dort gewohnt und studiert, bevor er – nun als Mönch – nach Sankt Peter zurückkehrte. „Die Klöster haben die jungen Menschen ja vor allem deshalb ausgebildet, weil sie fähige Leute brauchten“, sagt Mühleisen: „Wenn jemand Kunstmaler wurde, hat er sich beim Kloster später mit entsprechenden Malereien revanchiert. Andere vertraten den Abt in Außenstellen.“ Sattler vertrat ihn sogar direkt vor Ort, wurde Prior und damit zweitwichtigster Mann auf Sankt Peter.

Szene aus dem Schulalltag auf St. Peter: Dieses Gemälde ist in der Bibliothek des Klosters zu sehen.
Szene aus dem Schulalltag auf St. Peter: Dieses Gemälde ist in der Bibliothek des Klosters zu sehen. | Bild: Sabine Tesche

Glücklich also, wer studieren konnte? Nun, sagt Hans-Otto Mühleisen zögernd beim Gang zurück zur Klosterpforte: So pauschal lasse sich das nicht bestätigen. Tatsächlich sollte vor allem Michael Sattler der Kontakt zum kritischen Denken teuer zu stehen kommen.

Denn nach seiner Ernennung zum Prior begann er, sich für die Reformatoren Martin Luther und Huldrych Zwingli zu interessieren. Schon bald zweifelte er am Sinn des Mönchsdaseins, trat aus dem Kloster aus und schloss sich der Zürcher Täufergemeinde an. 1527 wurde er – unter anderem wegen Leugnung der „realen Gegenwart Christi im Sakrament“ – zum Tode verurteilt und hingerichtet. Bildung war zweifellos ein Privileg. Doch dieses Privileg konnte tödlich sein.

 

Das Kloster St. Peter

  • Ein Besuch des Benediktiner-Klosters St. Peter bei Freiburg lohnt sich nicht nur für historisch Interessierte. Seine wunderschöne Lage erlaubt es, den Besuch auch mit einer Wanderung zu verbinden.
  • Seine Geschichte: Das Benediktiner-Kloster St. Peter wurde 1093 von den Zähringern gegründet, einem schwäbischen Fürstengeschlecht. St. Peter als selbstständige Benediktinerabtei war Ausdruck ihres im 11. und 12. Jahrhundert gewachsenen Einflusses im heutigen Südwestdeutschland. 1806 wurde das Kloster im Rahmen der Säkularisation aufgelöst, rund 20 000 Bände der Bibliothek gingen an das Großherzogtum Baden. Zwischen 1842 und 2006 war St. Peter Priesterseminar des Erzbistums Freiburg. Seither ist in der Abtei das Geistliche Zentrum dieser Erzdiözese beheimatet.
  • Die Anfahrt: Wer an St. Peter besichtigen möchte, sollte am besten mit dem Auto über die B31 anreisen. Hinter Titisee-Neustadt geht es durch die wilden Täler des Schwarzwalds in vielen Serpentinen nach St. Märgen und im weiteren Verlauf nach St. Peter.
  • Die Führungen: Weil die Besichtigung der Bibliothek wie auch des Festsaals ausschließlich geführten Gruppen vorbehalten ist, empfiehlt es sich, die Anreise frühzeitig zu planen. Regelmäßige Führungen dauern zwischen einer und eineinhalb Stunden. Sie finden sonn- und feiertags um 11.30 Uhr statt sowie unter der Woche am Dienstag um 11 Uhr und am Donnerstag um 15 Uhr. Erwachsene zahlen 6 Euro, Kinder und Jugendliche 2 Euro. Auf Anfrage sind aber auch Sonderführungen für Gruppen möglich. Hierzu wird um eine Anmeldung gebeten (Tel. 07660/9101-0, Mail: zentrale@geistliches-zentrum.org). Auf eigene Faust lässt sich ein Dorfrundgang bewältigen. Eine Broschüre mit Wegbeschreibung gibt es in der Tourist-Info (Tel. 07652/1206-8370). (brg)