Herr Neumann, wie werden wir im Jahr 2030 arbeiten?

Es wird sicher noch Menschen geben, die wie die Mehrzahl der Arbeitnehmer heute um acht Uhr ins Büro gehen und um fünf Uhr wieder ihre Sachen packen. Ins Arbeitsleben wird aber zusehends Flexibilität einziehen. Von zu Hause oder mobil von unterwegs zu arbeiten, wird Normalität werden. Wenn wir das gut organisieren, gewinnt sowohl der Arbeitnehmer, der Autonomie hinzugewinnt, aber auch der Arbeitgeber, der flexibler planen kann.

In ihrem Institut in Öhningen am Bodensee untersuchen Sie die Entwicklung der Arbeit über sehr lange Zeiträume hinweg. Welche Erkenntnisse gewinnen Sie aus der Vergangenheit, die uns vielleicht in der Zukunft weiterhelfen?

Der Charakter der Arbeit hat sich dramatisch verändert. Im vorindustriellen Zeitalter war das Arbeiten stark an der Landwirtschaft ausgerichtet. Die Arbeitstage waren lang, Freizeit gab es wenig und auch Kinder und Alte arbeiteten. Die Industrialisierung warf diese Ordnung radikal um. Die Arbeit verlagerte sich weg vom Wohnort hinein in Fabriken, die Arbeitszeiten verlängerten sich weiter. Im England des frühen 18. Jahrhunderts waren 60 bis 70 Wochenstunden üblich, also weit über 3000 Stunden im Jahr. Der Achtstundentag wurde erst nach dem ersten Weltkrieg eingeführt und über den freien Samstag können wir uns erst seit den 1960er Jahren freuen.

 

Darum verändert sich unsere Arbeit


Was unterscheidet arbeiten heute von der Arbeit der Zukunft. Anbei eine Übersicht,was sich alles ändern könnte:
  • Wie werden wir in Zukunft arbeiten?
    Klar ist, dass der Acht-Stunden-Tag auf dem Rückzug ist. Zukünftige Arbeitsformen werden sich ausdifferenzieren und sich stark nach den Anforderungen des Betriebs oder auch des Arbeitnehmers richten. Ausdruck davon ist schon heute die Existenz Dutzender verschiedener Arbeitszeitmodelle in Großfirmen. Auch der Arbeitsplatz wird sich wandeln. Ein eigener Schreibtisch für jeden Mitarbeiter ist schon heute mancherorts nicht mehr Standard, dafür werden mitunter die Büros aufgehübscht und offener gestaltet. Das Büro wird als Ort der Arbeit allerdings immer unwichtiger. Wahrscheinlich werden die Deutschen in Zukunft verstärkt mobil oder von zu Hause aus arbeiten – und damit die Geschichte ein Stück weit zurückdrehen, denn erst seit der Industrialisierung sind Wohnung und Arbeitsplatz getrennt.
  • Welche Rolle spielt die Digitalisierung?
    IT-Technologien sind ein zentraler Treiber fast aller gesellschaftlicher Entwicklungen – auch der Arbeit. Ein Beispiel: „Während sich der Warenhandel und die grenzüberschreitenden Direkt-investitionen zwischen 2005 und 2014 in etwa verdoppelt haben, hat sich der Umfang der grenzüberschreitenden Internetverbindungen im gleichen Zeitraum verachtzehnfacht und die genutzte Bandbreite um den Faktor 44 zugelegt“, heißt es im Weißbuch der Bundesregierung zur Zukunft der Arbeit. Das heißt, dass insbesondere Dienstleistungen künftig global erbracht werden können. Asiaten programmieren Software für deutsche Mittelständler, Freiberufler aus Australien entwerfen Werbekampagnen für hiesige Konzerne. Nicht nur Menschen, auch Maschinen vernetzen sich immer stärker. Während 2015 nur sechs Milliarden Gegenstände mit dem Internet verbunden waren, werden es 2020 rund 50 Milliarden sein, schätzt Bosch-Chef Volkmar Denner. Der Produktivität wird dies einen großen Schub verleihen.
  • Wie wirkt sich der Fachkräftemangel aus?
    Seit 1990 sind jedes Jahr durchschnittlich 280 000 mehr Menschen nach Deutschland zu- als fortgezogen. Weder dieser Zuzug noch mehr Frauen im Arbeitsleben, werden aber ausreichen, die Fachkräftelücke zu füllen. Bis 2030 werden in Deutschland bis zu 6,5 Millionen Fachkräfte fehlen. Berufsgruppen, deren Tätigkeit schwer durch Maschinen erledigt werden kann, werden davon profitieren. Die Beschäftigung von IT-Fachkräften, Natur- aber auch Kultur- und Geisteswissenschaftlern wird zwischen 2014 und 2030 um rund zehn Prozent zulegen. Jene in der Landwirtschaft, der Hotellerie oder im Militär wird dagegen fallen. Auch werden sich die Arbeitgeber an die Bedürfnisse der Arbeitnehmer anpassen – zumindest in Mangelberufen. Mehr Zeitsouveränität und Sinngebung lautet insbesondere das Motto jüngerer Arbeitnehmer. Gemäß einer Befragung des Bundesarbeitsministeriums gibt knapp ein Drittel der Beschäftigten heute als Hauptwunsch im Arbeitsleben an, „sorgenfrei von der Arbeit leben“ zu können. „Engagiert Höchstleistungen zu erbringen“ steht dagegen nur für 11 Prozent im Mittelpunkt.
  • Werden Firmen noch eigene Beschäftigte haben?
    Vermittlungsplattformen im Internet werden künftig an Bedeutung gewinnen und den klassischen Arbeitgeber ersetzen. Beispiel Uber: Der Taxidienstleister beschäftigt keine eigenen Fahrer, sondern vermittelt Solo-selbstständige an Kunden weiter. Zudem werden Firmen künftig vermehrt Arbeitskräfte rein auftragsgebunden anmieten – etwa für Übersetzungs- oder Ingenieursaufgaben. Auf sogenannten Clickworking-Plattformen werden Firmen Aufträge einstellen, für die Arbeitnehmer in einer Art Rückwärts-Auktion bieten können. Kritiker sehen darin prekäre Beschäftigungsformen, weil mit der Auslagerung der Aufgaben auch die Verantwortung für die Mitarbeiter von den Firmen abgewälzt wird. (wro)

 

Worin liegt die Dramatik begründet?

Heute arbeiten wir in Deutschland im Durchschnitt gerade einmal noch gut 1500 Stunden im Jahr. Damit hat sich die durchschnittliche Arbeitszeit in 150 Jahren glatt halbiert. Und die Arbeitszeiten werden in Zukunft weiter sinken.

Wo werden wir landen?

In den kommenden zwanzig Jahren wären generelle Arbeitszeitverkürzungen in Deutschland nicht hilfreich, weil wir den steigenden Fachkräftebedarf ausgleichen müssen. Aber längerfristig werden die durchschnittlichen Arbeitszeiten weiter sinken. Gegen Ende des Jahrhunderts werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit nur noch um die 1000 Stunden pro Jahr arbeiten. Also rund 20 Stunden pro Woche.

Wie soll das funktionieren. Von 30 Stunden oder weniger Arbeit pro Woche kann heute niemand mehr eine Familie ernähren…

Wenn die Produktivität steigt, also mehr Güter in der gleichen Zeit hergestellt werden, ist das möglich. In den letzten 150 Jahren sind wir Zeuge so eines Prozesses geworden. Dank Mechanisierung und Computerisierung produziert ein Arbeitnehmer heute etwa zehn Mal so viel wie vor 150 Jahren. Es wird also nur die Frage sein, ob wir den Mehrwert, der durch Produktivitätsfortschritt entsteht, gerecht verteilen. 

Die These, dass die Produktivität der Arbeitnehmer immer weiter ansteigt, ist aber umstritten. Schon heute ist die Arbeit ja extrem verdichtet…

Es stimmt, dass der Produktivitätsfortschritt sich im letzten Jahrzehnt in den Industrienationen verlangsamt hat. Wir halten das aber nur für eine Art Halbzeitpause – für eine Übergangsphase zwischen der alten Industrialisierung und dem einsetzenden Zeitalter der Digitalisierung, in dem die Wirtschaft von digitalen Technologien komplett durchdrungen sein wird. Die Folge sind Effizienzsprünge, etwa in den Bereichen Handel, Logistik und Produktion. Und das eröffnet Spielräume für Arbeitszeitverkürzungen.

 

Wissenswertes zur SÜDKURIER-Serie

  • Die Serie
    In einer neuen Serie zur Zukunft der Arbeit wagt der SÜDKURIER den Blick in die Glaskugel. In den kommenden vier Wochen stellen Redakteure unserer Zeitung jeweils zwei Mal pro Woche dar, welche Herausforderungen, sich für Arbeitnehmer, Arbeitgeber, den Staat und die Gesellschaft als Ganzes aus dem sich ankündigenden Wandel der Arbeitswelt ergeben.
  • Immer dienstags
    Wie werden wir arbeiten? Wo und in welchem Tempo? Und wird es bessere Arbeit sein als früher? All das sind Fragen, denen wir nachspüren. Im Wirtschaftsteil unserer Zeitung befassen sich die Redakteure jeden Dienstag mit den generellen Herausforderungen und Fragestellungen. Im Fokus steht dabei zum Beispiel, wie sich die Anforderungen an Können und Wissen der Arbeitnehmer in Zukunft verändern werden. Gibt es Fähigkeiten die besonders gefragt sind und solche die in Zukunft überflüssig werden, lautet dabei eine Fragestellung. Breiteren Raum nimmt zudem ein, wie sich die Arbeitsorganisation und die Hierarchien im Unternehmen verändern könnten. Und nicht zuletzt richten wir den Blick auf einzelne Schlüsselbranchen und -märkte, um herauszufinden, wie Roboterisierung, Digitalisierung und Fachkräftemangel hier durchschlagen.
  • Immer donnerstags
    Jeweils donnerstags lesen Sie in Ihrem Lokalteil, wie sich die Akteure in Ihrer Stadt und in der Region auf den Wandel einstellen – wie sie die Mitarbeiter der Zukunft ausbilden, welchen technologischen Herausforderungen sie sich ausgesetzt sehen und woher sie Zuversicht für den Wirtschaftsstandort im Südwesten schöpfen. Oder auch, wo die gravierenden Mängel in der jeweiligen Region liegen, die Politik und die Unternehmen schnell angehen müssen, um die Zukunftsfähigkeit zu erhalten. (wro)

 

Viele behaupten, die Digitalisierung gefährde vor allem Jobs. Wie sehen Sie das?

 

Die digitale Arbeitswelt eröffnet erhebliche Chancen für die Arbeitnehmer, nicht nur weil weniger gearbeitet werden muss. Schwere und monotone Arbeit in den Fabriken kann zum Beispiel an Maschinen übergeben werden. Vor allem ist es aber so, dass die Digitalisierung alternativlos für uns ist.

 

Die Serienteile auf einen Blick

 

Weil wir sonst vom Ausland abgehängt werden?

In den kommenden 20 bis 30 Jahren laufen wir in Deutschland in einen rasanten Arbeitskräftemangel hinein. Die Generation der Babyboomer geht in Rente und gleichzeitig rücken geburtenschwache Jahrgänge in den Arbeitsmarkt nach. Beide Entwicklungen führen zu einer Fachkräftelücke von zehn Millionen Erwerbstätigen bis zum Jahr 2040. Sollten andere Faktoren wie eine Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte das nicht ausgleichen, wovon nicht auszugehen ist, fehlt Deutschland bis dahin ein Viertel seines heutigen Bestands an Arbeitnehmern. Um das auszugleichen, sind wir de facto dazu verdammt, die Automatisierung und Digitalisierung zu forcieren.

Studien gehen davon aus, dass Computerisierung und Roboterisierung bis zu 50 Prozent aller Jobs in Industrienationen bedrohen. Ist das Panikmache?

Zumindest für die kommenden zwanzig Jahre halte ich diese Ängste für überzogen. Das heißt aber nicht, dass es in einzelnen Branchen nicht Arbeitnehmer gibt, deren Jobs durch diese Entwicklung gefährdet wären.

Der Ex-Volkswagen-Personalvorstand und heutige Forschungsförderer Horst Neumann (links) im Gespräch mit Wirtschaftsressortleiter Walther Rosenberger im Öhninger Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit (IGZA). Bild: IGZA
Der Ex-Volkswagen-Personalvorstand und heutige Forschungsförderer Horst Neumann (links) im Gespräch mit Wirtschaftsressortleiter Walther Rosenberger im Öhninger Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit (IGZA). Bild: IGZA | Bild: SK

Welche Branchen sind bedroht?

Einfache Tätigkeiten in Fabriken stehen sicher in vorderster Front. Vorstellbar ist aber auch, dass beispielsweise Berufe wie Taxi- oder Lkw-Fahrer durch eine zunehmende Automatisierung des Verkehrs teilweise überflüssig werden. Grundsätzlich betroffen sind aber nicht nur manuelle Tätigkeiten, sondern auch Kopf- und Büroarbeit. Als klassisches Beispiel gilt Buchhaltung und Belegverarbeitung. In den USA wird die Arbeit von Steuerberatern zunehmend von Apps übernommen.

Statt mehr zu roboterisieren könnte sich die Politik doch auch bemühen, mehr Frauen, Alleinerziehende oder Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren und so die Fachkräftelücke zu schließen. Passiert da zu wenig?

Klar ist, dass wir um eine zielgerichtete Einwanderungspolitik, die sich an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts orientiert, nicht herumkommen. Die bestehenden Modelle von eltern- oder Familienarbeitszeiten müssen weiterentwickelt und der Renteneintritt weiter flexibilisiert werden. Wir sollten an allen Stellschrauben drehen. Das gilt auch für die Arbeitgeber. Wenn Sie langfristig bestehen wollen, müssen sie auf die Arbeitnehmer zugehen. Das heißt flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten, die Arbeitsplätze besser gestalten und allgemein die Vereinbarkeit der Arbeit mit dem Privatleben verbessern. Insbesondere Mittelständler und Kleinunternehmen, die den Arbeitskräftemangel immer als erste zu spüren bekommen, müssen kreativ sein. Sonst wird Personalknappheit für sie zur Wachstumsbremse.

 

 

 

Was knapp ist, ist teuer. Arbeitskräfte sind knapp. Stehen die Arbeitnehmer nicht auch vor goldenen Jahren, was die Gehaltsentwicklung angeht?

Der Arbeitsmarkt in Deutschland wird für Qualifizierte sehr interessant sein. Wer über die richtigen Fähigkeiten verfügt, wird als Arbeitnehmer noch mehr Wahlmöglichkeiten haben als heute – in diesem Sinne vielleicht goldene Jahre. Allerdings veralten erlernte Fähigkeiten aufgrund des schnellen technologischen Fortschritts auch immer schneller. Weiterbildung und lebenslanges Lernen sind daher von zentraler Bedeutung für beruflichen Erfolg. Entsprechende Angebote werden nicht nur in Schulen oder Universitäten, sondern in Unternehmen stattfinden müssen. Das Unternehmen wird so auch nach der Berufsausbildung zu einem Lernort.

In den USA hat die boomende IT-Wirtschaft bereits heute zu einer Spaltung des Arbeitsmarkts geführt – in Top-Verdiener in High-Tech-Branchen und Billigjobber überall sonst. Sehen sie diese Gefahr auch für Europa?

Die Gefahr ist da. Um Zustände wie in den USA zu verhindern, müssen insbesondere Arbeitnehmer in Bereichen mit geringeren Produktivitätssteigerungen besser entlohnt werden. Pflege- und Lehrberufe müssen aufgewertet werden. Die Gesellschaft darf die, die nicht im Stande sind, das hohe Tempo der Entwicklung mitzugehen, nicht zurücklassen.

Fragen: Walther Rosenberger

 

Zur Person

Bild: IGZA
Horst Neumann (68) bestimmte ein Jahrzehnt lang die Geschicke des größten Autobauers der Welt – Volkswagen – mit. 2005 holte ihn Ferdinand Piech als Personalvorstand zu VW. Kurz nach Beginn der Diesel-Krise schied Neumann im November 2015 altershalber aus. Der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler begann seine Karriere 1973 als Referent beim Berliner Wirtschaftssenator und machte danach Karriere in der Wirtschaftsabteilung der IG Metall. Während seiner Laufbahn bekleidete er zahlreiche Aufsichtsratsmandate, unter anderem bei Audi. Nach seinem Ausscheiden bei VW brachte er einen Großteil seiner Pensionszahlungen in das von ihm 2015 gegründete Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit (IGZA) in Öhningen am Bodensee und Berlin ein. (wro)

 

Wo die Bundesregierung die zentralen Herausforderungen sieht, lesen Sie hier:

Dateiname : Weißbuch Arbeiten 4.0
Dateigröße : 6.95 MBytes.
Datum : 08.10.2017 17:27
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