Es sind schwarze Tage in jenem langen Herbst 1977. Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer (62) ist seit fünf Wochen in der Hand der linksterroristischen Rote Armee Fraktion (RAF). Fieberhaft sucht die Polizei nach seinem Versteck. Ohne Erfolg. Am 13. Oktober um 20 Uhr eröffnet „Tagesschau“-Sprecher Jo Brauner mit folgender Meldung die Sendung: „Eine Linienmaschine der deutschen Lufthansa ist seit dem Nachmittag in der Gewalt von Entführern.“ Die Republik ist geschockt. Jetzt geht es nicht mehr um Schleyer als einziges Entführungsopfer. Jetzt sind 91 Geiseln betroffen. Die Forderung des vierköpfigen palästinensischen Terrorkommandos in der Lufthansa-Boeing „Landshut“: Elf RAF-Verbrecher sollen aus der Haft freikommen. Das wollen auch die Schleyer-Entführer.

Kaltblütig hatten sie zugeschlagen. Bei der Entführung in Köln am 5. September hatte es vier Tote gegeben: der Fahrer Heinz Marcisz (41), die Personenschützer Roland Pieler (20), Helmut Unger (24) und Reinhold Brändle (41) wurden von den Terroristen erschossen. Für die Deutschen – obwohl seit Jahren vom linksextremen Terror immer wieder aufgeschreckt – stand eine radikale Machtprobe bevor.

 

Das Jahr 1977 und seine Gesichter

  • Siegfried Buback, 57
    Der damalige Generalbundesanwalt Siegfried Buback, aufgenommen im September 1976 in Bonn.
    Der damalige Generalbundesanwalt Siegfried Buback, aufgenommen im September 1976 in Bonn. | Bild: dpa
    Die Ermordung des Generalbundesanwalts am 7. April 1977 gilt als Auftakt des Terrorjahrs 1977. Als Täter verurteilt wurden Knut Folkerts, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Wer die Todesschüsse abgab, blieb aber unklar. Wegen Beihilfe zum Mord wurde 2012 Verena Becker verurteilt. Alle Ex-RAF-Mitglieder haben ihre Strafe inzwischen verbüßt.
  • Jürgen Ponto, 53
    Das Archivbild vom Dezember 1974 zeigt den Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, auf einer Pressekonferenz.
    Das Archivbild vom Dezember 1974 zeigt den Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, auf einer Pressekonferenz. | Bild: dpa
    Der Vorstandssprecher der Dresdner Bank wurde beim Versuch, ihn zu entführen, erschossen. Zugang zu Ponto hatte die RAF durch Susanne Albrecht, deren Familie mit den Pontos befreundet war. Die Schüsse auf den Bankier gaben Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt ab.
  • Jürgen Schumann, 37
    Der Kapitän der Lufthansa-Boeing "Landshut", Jürgen Schumann (undatiertes Archivfoto), war während der Entführung der Maschine bei einem Zwischenstopp in Aden erschossen worden.
    Der Kapitän der Lufthansa-Boeing "Landshut", Jürgen Schumann (undatiertes Archivfoto), war während der Entführung der Maschine bei einem Zwischenstopp in Aden erschossen worden. | Bild: dpa
    Der Lufthansa-Pilot war Kapitän auf der „Landshut“, als sie am 13. Oktober 1977 von palästinensischen Terroristen entführt wurde. Nach der Landung in Aden (neben der Landebahn) durfte er kurz das Flugzeug zu einem Check verlassen. Er sprach aber auch mit der Flughafenbehörde. Deswegen wurde er nach der Rückkehr von Zohair Youssif Akache („Captain Mahmud“) erschossen.
  • Andreas Baader, 34
    Das undatierte Archivbild zeigt Andreas Baader.
    Das undatierte Archivbild zeigt Andreas Baader. | Bild: dpa
    Wegen der Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftungen kam er in Haft und wurde 1970 unter anderem von Ulrike Meinhof befreit. Dies gilt als Geburtsstunde der RAF. 1977 verbüßte er in Stuttgart-Stammheim eine lebenslange Haftstrafe wegen der Teilnahme an Bombenanschlägen, bei denen es Tote gab. Nach der Erstürmung der „Landshut“ erschoss sich Baader mit einer eingeschmuggelten Pistole.
  • Gudrun Ensslin, 37
    Ein Fahndungsfoto der Polizei von 1972 zeigt Gudrun Ensslin während des Kaufhaus-Brandstifter-Prozesses 1968 vor dem Frankfurter Landgericht.
    Ein Fahndungsfoto der Polizei von 1972 zeigt Gudrun Ensslin während des Kaufhaus-Brandstifter-Prozesses 1968 vor dem Frankfurter Landgericht. | Bild: dpa
    Die führende RAF-Terroristin und Geliebte Andreas Baaders war als Tochter eines Pastors in Tuttlingen aufgewachsen. Wegen Beteiligung an Banküberfällen und Bombenanschlägen saß sie 1977 in Stammheim. Sie erhängte sich am 18. Oktober mit einem Lautsprecherkabel in ihrer Zelle.
  • Jan-Carl Raspe, 33
    Das Fahndungsfoto der Polizei von 1972 zeigt Jan Carl Raspe während des Kaufhaus-Brandstifter-Prozesses 1968 vor dem Frankfurter Landgericht.
    Das Fahndungsfoto der Polizei von 1972 zeigt Jan Carl Raspe während des Kaufhaus-Brandstifter-Prozesses 1968 vor dem Frankfurter Landgericht. | Bild: dpa
    Zusammen mit Andreas Baader war der führende RAF-Terrorist der ersten Generation 1972 in Frankfurt/Main festgenommen und 1975 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Am 18. Oktober 1977 wurde er nach einem Kopfschuss schwer verletzt in der Stammheimer Zelle gefunden und erlag später seiner Verletzung.
(mic)

Angesichts der Ausmaße des islamistischen Terrors auch in Deutschland erscheint die Zahl der Opfer heute als gering. Doch die politische Wirkung der Anschläge damals war ungleich drastischer: Ein Staat, sein Rechtssystem, seine Regierung standen vor einer Kraftprobe. Der RAF gelang es – anders als der Terror heute – den Bonner Krisenstab unter Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) in eine Zwickmühle zu treiben.

Je länger die Entführung Schleyers anhält und je länger die Ermittler bei der Suche nach seinem Versteck im Dunkeln tappen, desto lauter stellt sich die Frage: Soll die Regierung auf die Forderung der Entführer eingehen? Soll sie das Leben eines Einzelnen retten, dabei aber die Autorität des Staates aufs Spiel setzen? Unter den RAF-Mitgliedern, die freigepresst werden sollten, sind die Leitfiguren der Terrorgruppe. Sie sitzen im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim: Andreas Baader (34), Gudrun Ensslin (37), Jan-Carl Raspe (33) und Irmgard Möller (30). Alle gehören zur Gründergeneration der RAF.

Schleyers Entführer täuschen sich indes. Die „Big Raushole“ – als die die Aktion im RAF-Jargon kursierte – droht an der Hartnäckigkeit des Staates zu scheitern, der jetzt Stärke zeigen will. Warum jetzt? Zwei Jahre zuvor, im Februar 1975, hatten Linksterroristen der „Bewegung 2. Juni“ den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz entführt. Er kam frei, weil sechs Gesinnungsgenossen nach Aden im damaligen Südjemen ausgeflogen wurden.

Im Februar 1975 entführt: Der Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz als Geisel.
Im Februar 1975 entführt: Der Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz als Geisel. | Bild: dpa

Lorenz war für die RAF ein „Vertreter der Reaktionäre und der Bonzen, verantwortlich für Akkordhetze und Bespitzelung am Arbeitsplatz“. Der Satz trägt heute fast satirische Züge. Damals war es der ernstgemeinte Polit-Sprech eines fanatischen kryptomarxistischen Zirkels. Er maßte sich an, seinen Kampf für die „Interessen des Proletariats“ zu führen. Dass es dieses Proletariat in seiner marxistischen Variante in der Bundesrepublik nicht mehr gab, wollte in der RAF keiner sehen. Sich mit ihrem Namen an die Rote Armee der Sowjet-union anlehnend, eröffneten die Terroristen stattdessen einen Krieg der „Stadtguerilla“. Sie behaupteten, ihr legitimer Kampf gelte dem „Bullenstaat“ und einem „Schweinesystem“. Der politische Dialog war hier keine Option.

Deshalb gab es nach der Lorenz-Entführung keinen Waffenstillstand. Die Gewalt ging weiter. Generalbundesanwalt Siegfried Buback wurde im April 1977 in Karlsruhe erschossen – mit ihm sein Fahrer Wolfgang Göbel (30) und Georg Wurster (43), Leiter der Fahrbereitschaft, der im Krankenhaus starb. Ende Juli wurde der Dresdner-Bank-Manager Jürgen Ponto bei dem Versuch niedergeschossen, ihn daheim in Oberursel zu entführen. Er starb in einer Klinik.

Mit Arbeitgeberpräsident Schleyer trifft es wenige Wochen später einen weiteren Repräsentanten, der mit den Spitzen der Politik verkehrt. Die RAF glaubt, einen Trumpf in der Hand zu haben. Helmut Schmidt wird sein Leben retten, so das Kalkül. Aber der Kanzler, die Staatsräson im Blick, bleibt eisern.


Schon gewusst?

Der Begriff "Deutscher Herbst" als Synonym für die politische Situation der Bundesrepublik im September und Oktober 1977 hat seine Wurzel in einem Filmprojekt: Es hieß "Deutschland im Herbst" und war eine Collage aus dokumentarischen Episoden rund um die Terror-Ereignisse und nachgedrehten Spielszenen. Beteiligt waren elf Regisseure, darunter Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Volker Schlöndorff und Edgar Reitz. Erstmals gezeigt wurde der Film 1978. (mic)


Schmidt hat aus dem Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm im April 1975 eine Lehre gezogen. Bei der Aktion waren zwei Geiseln ermordet worden. Kurz nachdem die Lorenz-Entführung von der RAF als Erfolg verbucht worden war, sollten jetzt 26 Häftlinge freigepresst werden. Eine wohl unfreiwillig ausgelöste Sprengstoffexplosion der Terroristen setzte der Geiselnahme ein Ende. Während der Botschaftsbesetzung verfolgte der Bonner Krisenstab – genannt „Kleine Lage“ – eine andere Strategie als im Fall Lorenz: Helmut Schmidt erklärte, „sein ganzer Instinkt“ sage ihm, „dass wir hier nicht nachgeben dürfen. Würde der Forderung nachgegeben, zerbröckelt jede Autorität des Rechtsstaats“. So schildert es Hans-Jochen Vogel, heute 91, damals Justizminister im Kabinett.

Während der Schleyer-Entführung behält der SPD-Kanzler diesen Kurs bei. Leicht macht es sich der Krisenstab nicht. Die Videos, die die Terroristen vom sichtlich mitgenommenen Schleyer verschicken, nagen am Gewissen. „Entscheidet euch doch endlich!“ so Schleyers Appell an die Verantwortlichen. „Wenn die Entführer mich umbringen, na gut, aber lasst mich doch nicht länger in dieser Ungewissheit.“

Mit der Entführung der „Landshut“ am 13. Oktober greift der Terror auf Menschen wie du und ich über. 91 Geiseln sind jetzt in der Hand von vier palästinensischen Terroristen. Sie sind den deutschen Genossen an Kaltblütigkeit ebenbürtig und verleihen der Forderung nach Freilassung der vier Terroristen in Stammheim Nachdruck.

Auch jetzt setzt der Krisenstab seine Hinhaltetaktik fort. „Die Entscheidung, bei unserer Linie zu bleiben, wurde schnell getroffen“, erzählt Hans-Jochen Vogel. „Leicht fiel das keinem.“ Es geht um das Leben eines Menschen. Aber man fürchtet eine neue Schlagkraft der RAF durch die direkte Schützenhilfe ihrer nahöstlichen Verbündeten.


Buchtipp: Anne Ameri-Siemens: Ein Tag im Herbst. Die RAF, der Staat und der Fall Schleyer, Rowohlt-Verlag, Berlin 2017, 318 Seiten, 19,95 Euro.


Der Krisenstab kann einen Vorteil nutzen: Während die Suche nach Schleyer erfolglos ist, kann die „Landshut“ nicht entkommen. Die Spezialeinheit GSG-9 fliegt der Maschine quasi hinterher. Es gilt nur, die Chance auf einen Zugriff zu wahren. Die kommt in Somalias Hauptstadt Mogadischu, wo sich der Machthaber Siad Barre kooperativ zeigt. In der Nacht des 18. Oktober glückt die Erstürmung der „Landshut“. Drei der vier Terroristen sterben.

In Stammheim sehen die vier Gefangenen alle Hoffnungen zerstört. Über Radio von der Befreiung unterrichtet, nehmen sich Baader, Ensslin und Raspe das Leben. Irmgard Möller überlebt schwer verletzt. Das bedeutet das Todesurteil für Hanns-Martin Schleyer. Er wird noch am 18. Oktober erschossen. Die Polizei findet ihn bei Mühlhausen im Elsass. Seine Leiche ist im Kofferraum eines Wagens abgelegt.

Die Geiseln der „Landshut“ kommen nach Hause. Das Flugzeug wird instandgesetzt und fliegt bald wieder. Heute steht es zerlegt in einer Halle des Friedrichshafener Flughafens. Es soll zu einem Erinnerungsort an den Deutschen Herbst werden. Geplante Einweihung: Oktober 2019.


Videos der ARD-„Tagesschau“ vom 13., 18. und 19. Oktober 1977 zur „Landshut“-Entführung und dem Tod Hanns-Martin Schleyers


Tagesschau vom 13. Oktober 1977 - Entführung der "Landshut":


Tagesschau vom 18. Oktober 1977 - Entührung der "Landshut":


Tagesschau vom 19. Oktober 1977 - Ermordung Hanns-Martin Schleyers: