500 Jahre trennen uns von der Zeit Martin Luthers. Wie die Menschen zu dieser Zeit lebten und arbeiteten, kann man sich in Büchern anlesen oder von alten Gemälden erfahren. Mit der direkten Anschauung ist es weit schwieriger. Metallisches Werkzeug der Handwerker, tönernes Geschirr oder kupferne Kessel aus der Küche finden sich zwar in den Vitrinen von Museen. Aber dort ist alles säuberlich getrennt und geordnet. Hölzernes Mobiliar aus jener Epoche hat die Zeit nur überstanden, wenn es aus reichen Patrizierhäusern stammte. Tische, Bänke und Strohsack-Betten der kleinen Leute sind längst vermodert und verbrannt.

Zum Beispiel im Jahr 1492. In Spanien wurde mit dem Fall von Granada die Rückeroberung des Landes von den muslimischen Mauren besiegelt – und in Waldshut sank die halbe Stadt in Asche. „Fast 200 Häuser fielen damals den Flammen zum Opfer“, sagt Willi Riegger, dessen Kenntnissen sich jeder blind anvertrauen kann, der in die Historie Waldshuts eintauchen will. Und diese Katastrophe – eine zweite folgte 1726 – veränderte das Gesicht der Stadt.

Kostbar vertäfelt ist das Erkerzimmer im Ravensburger Humpis-Quartier.
Kostbar vertäfelt ist das Erkerzimmer im Ravensburger Humpis-Quartier. | Bild: Haus der Stadtgeschichte

Vom mittelalterlichen Fachwerk, das den Aufbau eines Hauses gut sichtbar nach außen trägt, blieb nichts übrig. Holz verschwand hinter Verputz oder wurde durch Stein ersetzt. „Allerdings haben sich Kellergewölbe aus dem Mittelalter erhalten“, bemerkt Riegger. „Teilweise liegen bis zu drei Gewölbe übereinander.“ Wo schmale Parzellen, kaum fünf Meter breit, in den fest ummauerten Städten der Ausdehnung enge Grenzen setzen, wühlte man sich in die Tiefe und hortete dort etwa seinen Wein in Fässern. Wein in Waldshut? „Die Stadt war damals die größte Weinbaugemeinde am Hochrhein“, weiß Riegger. 200 Hektar Rebfläche wurden gezählt. In die Schweiz und an den Oberrhein gingen die hölzernen Fässer.

 

Beispiele alter Wohnkultur zum Anfassen

  • Rosgartenmuseum Konstanz
    Das Museum in der gleichnamigen Altstadtgasse hat einen beeindruckenden historischen Zunftsaal zu bieten. Er stammt von 1454 und diente der Metzgerzunft und ihren Gästen als Versammlungsraum und Trinkstube. Erklärt wird auch, wie in Konstanz die Reformation Fuß fasste und warum der Bischof nach Meersburg ausweichen musste. www.rosgartenmuseum.de
  • Archäologisches Landesmuseum Konstanz (ALM)
    Wie unterschieden sich die Lebensbedingungen in den Städten und in den Dörfern des Mittelalter? Diese Frage wird im ALM beantwortet. Hier wird das Komfort-Gefälle klar: Mehrgeschossige, den engen Platzverhältnissen angepasste Häuser mit Bohlenwänden, verglasten Fenstern und Kachelofen in der Stadt – zugige Bauernhäuser ohne Komfort auf dem Land. In Raum 305 wird erklärt, wie damals Müll und Fäkalien in der Stadt in tiefen Latrinegruben entsorgt wurden. Weggeworfene Gegenstände aus der vier Meter breiten Latrine hinter dem Konstanzer Haus zur Katz erzählen vom alltäglichen Leben im Mittelalter und geben Einblick in den recht eintönigen Speisezettel der Menschen: Brei stand ganz oben, man kochte Mus und aß gerne Fleisch. www.konstanz.alm-bw.de
  • Humpis-Quartier in Ravensburg
    In der Altstadt lässt sich eine Entdeckungsreise ins Mittelalter machen. Zu dem Gebäude-Ensemble gehört im „Haus Nummer 1“ die Hinterlassenschaft eines Lederhandwerkers, der hier um 1050 seine Werkstatt hatte. Es sind am Fundort Lederstücke zu sehen, die in den Lehmboden eingetreten waren. Um 1478 gab die Patrizierfamilie Humpis dem Quartier ein neues Gesicht. Zu sehen ist das kostbar dekorierte Erkerzimmer von Hans Humpis, Handelsherr und Bürgermeister, der hier speiste und Gäste empfing. www.museum-humpis-quartier.de

Giacomo Mezzero betreibt eine Gastwirtschaft in der Wallstraße. Auch sein Altstadthaus besitzt einen tiefen Keller, doch lagert Mezzero seinen Wein in modernen Regalen. Schwer legt sich die Balkendecke über seinen Gastraum, die ausgestreckte Hand klopft an das raue Holz. Es ruht auf zwei eckigen Säulen, die so dick sind, dass man die Eiche erahnt, aus der sie einmal gehobelt wurden. „Sie sind sicher um die 500 Jahre alt“, sagt Willi Riegger. Könnte dieses Holz sprechen, würde es vielleicht vom ehernen moralischen Regiment der Wiedertäufer in der Stadt erzählen, das von 1523 bis 1525 unter dem eifernden Reformator Balthasar Hubmaier existierte. Nur in zwei weiteren Häusern Waldshuts haben sich die schweigenden Zeitzeugen aus Eiche erhalten.

Das zweite Haus liegt in der Rheinstraße und beherbergt heute ein Sanitärgeschäft. Die Säulenkolosse im Lagerraum sind von alten Maschinen und Regalen mit Kisten und farbigen Schraubenkästchen eingerahmt. Lager war dieser Raum schon vor 500 Jahren. „Damals gaben die Leute hier ihren Zehnten ab – von der Getreide- oder Obsternte etwa“, erklärt Stadtführer Riegger. Die Erdgeschosse der alten Häuser dienten der Ökonomie. Handwerker hatten hier ihre Werkstatt, so Bäcker ihre Backstuben – wie es in der nahen zentralen Kaiserstraße heute noch der Fall ist. „Die kleinen Wohnungen der Leute lagen im ersten Stock“, sagt Riegger. „Darüber gab es die Stuben für die Gesellen oder das Gesinde.“ Leben und Arbeiten unter einem Dach übereinandergeschachtelt. Was heute zu den Ausnahmen zählt, war bis weit ins 19. Jahrhundert Alltag in den Städten.

Was sich um 1500 in Waldshut auf einer Länge von kaum 400 Metern Mauer an Mauer drängte, bewohnt von knapp 1000 Menschen, nennen die Historiker heute häusliche Produktionsgemeinschaft. Bei den Bauern draußen in den Dörfern war es so, und in den Städten galten die gleichen strengen Regeln: Jeder, der zur Familie gehörte, im Haus wohnte, wirkte an der Versorgung aller mit. Es war auch eine Solidargemeinschaft, die ein Haus ausmachte – als Einheit von Leben, Wohnen und Arbeiten. Freizeit gab es nicht und Privatsphäre, wie sie der moderne Mensch heute einfordert, auch nicht. Die Kindheit währte kurz. Der Nachwuchs wurde früh im väterlichen Betrieb in die Pflicht genommen oder in einen anderen Haushalt zur Ausbildung und Arbeit gegeben.

 

Die Ehe unter sozialer Kontrolle


Im 16. Jahrhundert kam es im Alltag der Menschen oft zu Grobheiten. Raufen und Händel waren üblich, und in der Ehe hatte der Mann das letzte Wort. Dennoch gab es Regeln, bei deren Nichtbeachtung Sanktionen drohten:
  • Konnte der Mann tun und lassen, was er wollte?
    Nein. Schlug etwa ein Mann seine Frau über Gebühr (es gab ein Züchtigungsrecht) – oder umgekehrt die Frau den Mann (was durchaus vorkam) –, war es nicht ungewöhnlich, dass Nachbarn dies dem städtischen Ehegericht meldeten. Das griff ein und konnte Strafen verhängen. Streit in der Ehe blieb nicht privat. Meist ging es um den Vorwurf, Vermögen und Geld zu verschwenden, was sowohl von Männern als auch von Frauen zu hören war. Die Tugend der Sparsamkeit war im Spätmittelalter weitgehend unbekannt. Man gab gerne aus und verschuldete sich etwa für Hochzeiten. Oft führten Frauen auch Klage wegen Trunksucht ihres Mannes.
  • Wurde Ehebruch gleich geahndet?
    Nein, es wurde mit unterschiedlicher Elle gemessen. Ging ein Mann fremd, war ihm oft Nachsicht gewiss (aber nicht, wenn die Frau verheiratet war). Ging die Frau fremd, fiel das auf ihren Mann zurück, dem schwache Hausherrschaft vorgeworfen wurde. Ehebruch war im 16. Jahrhundert weit verbreitet. Die Gründe: Man hatte nicht aus Liebe und Zuneigung geheiratet; der Umgang zwischen Männern und Frauen war locker (etwa in den Badestuben). Erst die Kirchen sorgten dafür, dass Ehebruch zu einem moralischen Unglück wurde.
  • Konnte man sich scheiden lassen?
    Das war nicht ausgeschlossen, aber nur schwer durchzusetzen. Die Reformation änderte dies, gerade weil sie den moralischen Wert der Ehe betonte. So gab es Gründe, eine Ehe zu scheiden und die Wiederheirat zu erlauben. Dazu gehörten das böswillige Verlassen (langjährige Abwesenheit), unheilbare Krankheit, Impotenz und der Ehebruch. Dessen Hintergründe wurden dann langwierig untersucht. Oft erging die Mahnung, sich künftig zu vertragen. So blieb die Scheidung eine seltene Sache.
  • Wie ging man mit Sexualität um?
    Sie war im 16. Jahrhundert noch kein Tabuthema. Männer und Frauen gingen offen damit um. Es wurde öffentlich und nackt gebadet, die Sprache kannte viele derb-erotische Anspielungen. Bei den Bauern gab es Sex vor der Ehe – aber mit der Erwartung einer Heirat. In den Städten regelte der Rat den Betrieb von Bordellen und kontrollierte sie. Die Prostituierten standen noch nicht – wie später – am Rand der Gesellschaft. Die Zahl der unehelich geborenen Kinder war gering. (mic)
 

Die häusliche Ordnung des späten Mittelalters war auf vier Dinge gerichtet: Versorgung mit auskömmlicher Nahrung, Schutz durch die Hausgemeinschaft, Erziehung der Kinder und unbeflecktes Ansehen nach außen. Das alles machte die Ehre eines Hauses aus. Als Garant dieser Ehre stand der Hausherr in seiner Rolle als Hausvater ein.

Doch wie stand es um die Hausfrau? In Geschäften traten Frauen nach außen nicht in Erscheinung. Das konnte beim Tod des Mannes oder bei langer Abwesenheit durch Reisen anders sein. Doch generell beschränkte sich der Horizont der Frau auf das Haus, die Kinder, das Gesinde. Martin Luther – obwohl selbst mit einer sehr (geschäfts-)tüchtigen Gattin gesegnet, sprach über Frauen aus, was Konsens war: „Wenn sie aber außer der Haushaltung reden, so taugen sie nichts.“ Denn es mangele ihnen „an Sachen, die sie nicht verstehen, drum reden sie auch davon läppisch“.

In dieser Haltung spiegelt sich der Patriarchalismus der Zeit. Doch hat diese Arbeitsteilung auch einen biologischen Hintergrund. Denn entgegen landläufiger Meinung heiratete die Generation 1500 nicht früh, sondern mit Mitte 20 relativ spät. Denn eine Vermählung setzte voraus, dass die Mittel für den Ehestand gegeben waren, etwa wenn ein Geselle Meister geworden war. „Dann musste auch seine Zunft ihren Segen zur Hochzeit geben“, sagt Willi Riegger. In den folgenden entscheidenden Lebensjahren waren die Frauen fast immer schwanger, hatten Säuglinge und Kleinkinder zu versorgen. Auf die Hilfe von Groß- oder Schwiegereltern – die heute gerne genutzt wird – konnten die Mütter nicht bauen. Denn die Generation der Eltern lag meist schon im Grab.

Holzhammer und Meißel: Bildhauer benutzen dieses Werkzeug noch heute. Steinmetze sind auf elektrische Bohrhämmer umgestiegen.
Holzhammer und Meißel: Bildhauer benutzen dieses Werkzeug noch heute. Steinmetze sind auf elektrische Bohrhämmer umgestiegen. | Bild: Zerbor – stock.adobe.com

Die Großfamilie des Mittelalters ist ein Mythos. Es gab sie nicht. Die Kernfamilie aus Blutsverwandten, die in einem Haus gemeinsam wohnten, bestand im Schnitt aus fünf Personen. Die Hälfte der Kinder starb vor Erreichen des zehnten Lebensjahrs. Luther und seine Frau Käthe verloren von sechs Kindern zwei. Unter „Familie“ verstanden die Menschen damals etwas ganz anders als wir heute. Sie umfasste alle, die in einem Haus lebten: Hausvater und -mutter, leibliche Kinder, Stiefkinder, auch uneheliche Kinder, Verwandte, Gesinde wie Knechte, Mägde, Lehrlinge und Gesellen und weitere „Inleute“ wie jene auf dem Altenteil, die nichts mehr zur Versorgung und Produktion beitragen konnten.

 

Handwerk und die Macht der Zünfte

  • Das Haus
    Altstadthäuser kommen dem Betrachter heute behaglich vor. Die Bewohner im Mittelalter hatten es viel weniger gemütlich. Im Winter war es kalt, da nicht alle Räume beheizt werden konnten. Wärme spendete nur das Herdfeuer, das in der Küche brannte, die meist auch als Wohnstube diente. Der Rauch verbreitete sich im Haus, da Rauchabzug und Kamin fehlten. Die setzten sich erst im Lauf des 15. Jahrhunderts durch, zur Zeit Luthers waren die Bedingungen zumindest in den Städten also besser. Die Fenster der Häuser waren jedoch klein und Butzenscheiben aus Glas teuer. So war es dunkel in den Räumen, denn auch Kerzen waren teuer. Die Leute brannten Kienspäne ab oder hatten Tranfunzeln. Das Wasser musste aus dem Brunnen geholt werden, der weit entfernt sein konnte.
  • Offen zur Straße
    Dem Mittelalter war der Rückzug hinter verschlossene Türen fremd. Man öffnete sich zur Straße hin und zu den Nachbarn. Grund war die fehlende Trennung von Haus und Betrieb. Oft gab es noch Viehställe oder Lagerräume für landwirtschaftliche oder Gartenbauprodukte. Daher war auch die soziale Kontrolle durch die Nachbarn groß.
  • Zünfte
    Diesen schlossen sich die einzelnen Gewerke der Handwerker zusammen. Zünfte waren nicht nur eine Interessenvertretung gegenüber der Stadtregierung, sondern sie regelten auch den Zugang zum Beruf und das soziale Leben der Mitglieder. Zunftordnungen legten fest, wie die Ausbildung, die Fertigung und die Waren auszusehen hatten. Erst die Industrialisierung im 19. Jahrhundert führte zum Niedergang der Zünfte. (mic)

Wenn aber die Familie ökonomischer Rationalität unterworfen war, wie stand es dann um die Liebe in einer Ehe? Romantik war den Menschen vor 500 Jahren fremd. Es wurde nicht aus Liebe geheiratet, sondern weil die Ehe passend, zweckmäßig oder von den Vätern eingefädelt war. Den kirchlichen Segen brauchte es dafür nicht. Die Ehe galt als rein weltliche Angelegenheit und wurde von einem Geistlichen höchstens symbolisch eingesegnet. Erst die Konfessionalisierung im Zuge der Reformation änderte das. Jetzt wurde die Ehe zum Versprechen vor Gott, jetzt wetterte Luther gegen die bis dahin geduldeten Bordelle und fidelen Badehäuser, die geschlossen wurden. Ehebruch mit jemandem, der verheiratet war, konnte jetzt den Pranger oder sogar noch den Tod bedeuten.

Der Wohlstand indes, wie er im Waldshut des Spätmittelalters trotz Feuer und der zweitweisen Belagerung durch Schweizer Truppen wuchs und gedieh, wäre ohne die partnerschaftliche Leistung von Eheleuten nicht möglich gewesen. Vielleicht äußerte Luther, was viele dachten, als er schrieb: „Denn es ist ein groß Ding um das Bündnis und die Gemeinschaft zwischen Mann und Weib.“