Über das Konklave und seine eigentümlichen Regeln wird gerne gespottet. Da werden doch tatsächlich die Wähler eingesperrt. Sie leben und nähren sich unter primitiven Bedingungen, verfügen über keinen privaten Raum. So hart das für die Kardinäle auch sein mag: Es funktioniert – ob in Konstanz im Jahre 1417 oder in Rom 2013, als Jorge Bergoglio als bisher jüngster Papst gewählt wurde. Mithilfe des spartanischen Konklave gelingt es, in kurzer Zeit ein neues Oberhaupt zu präsentieren. Das Konzil von Konstanz brauchte dreieinhalb Tage. Am 11. 11. 1417 war der Fall klar: Der römische Adlige Oddo von Colonna war von den 53 Konklave-Teilnehmern für das höchste Amt der Christenheit verpflichtet worden. Heute vor 600 Jahren.

 

Was ist ein Konklave?

Das Wort kommt vom lateinischen („cum clave“: mit dem Schlüssel). Die versammelten Kardinäle werden in einen verschlossenen Raum gebracht. Das erzeugt sanften Druck – und eine zügige Wahl, bei der keiner verzögern kann. Bereits 1274 wurde erstmals nach einer offiziellen Konklaveordnung gewählt. (sk)

 

Unzählige Singvögel hatten sich auf dem Gebäude niedergelassen, das bis heute den Namen Konzil trägt (deshalb auch: Konzilfasnacht). Das berichtet Ulrich Richental, Chronist der wichtigen Versammlung am Bodensee. Für Richental war das der geflügelte Beweis dafür, dass der Heilige Geist seine Hand im Spiel hatte. Die Wahl hatte ihre Richtigkeit, und die Erleichterung war weithin spürbar. Mit der Entscheidung wurde das Schisma beendet und damit das Chaos einer dreigeteilten Kirche mit drei Päpsten, die ihre jeweilige Anhängerschaft pflegten. Die Krönung Martins beseitigte diesen Missstand. Die Wahl von Konstanz gab den Christen in Europa (also allen) den äußeren und inneren Frieden zurück. Eine welthistorische Stunde.

Die Regeln für das Wahlverfahren waren schon damals streng. Sie ähneln den modernen Bestimmungen, nach denen bis heute der neue Pontifex bestimmt wird. Das Gebäude am heutigen Gundelehafen war abgeschlossen und Stillschweigen vereinbart. Dennoch ist die Nachwelt „trotz aller Geheimhaltung bestens informiert,“ berichtet der Konstanzer Historiker Henry Gerlach schmunzelnd. Einer schreibt immer mit. Nach schleppendem Beginn ging ein Ruck durch die Versammlung. Oddo von Colonna erhielt Zuspruch aus allen fünf Sprachnationen, wie man heute aus privaten Notizen weiß. Zur elften Stunde stand seine Wahl fest. Da Martin der Namenspatron für den 11. November im Kalender steht, nannte er sich Martin V.

Europa – aus damaliger Sicht war das die ganze Welt – schaute in diesen längst verflossenen Tagen nach Konstanz. Die Fürsten und Bischöfe rauften sich zusammen und überboten sich in Einmütigkeit. Ein Kirche, ein Glaube, eine höchste Instanz – dieser Dreiklang wurde während des vier Jahre dauernden Konzils frisch justiert. Der Akkord steht für das vielzitierte Abendland. In Konstanz wurde er nochmals Ton für Ton aufgeschichtet. 100 Jahre später zerbrach diese gefühlte Harmonie als Langzeitfolge der Reformation. Die sensible Einheit in Europa war über die Kirchenspaltung verloren gegangen.

53 Männer hatten an diesem Novembertag ihre Stimme abgegeben. Nur eine Minderheit von ihnen (nämlich 23) waren Kardinäle. Die anderen verbliebenden 30 waren von Universitäten oder Abteien entsandt worden. Auch weltliche Juristen ohne kirchlichen Rang waren zum Konklave zugelassen wie der Advokat Konrad von Soest. Damit hatte sich das Konklave auf revolutionäres Gebiet begeben: Nicht nur die von drei Päpsten ernannten Kardinäle mischten mit, sondern Vertreter europäischer Bistümer, die frei von kurialen Strategien ihre Stimme abgaben. Niemals war ein Konzil mächtiger und freier als in Konstanz. Es hatte sich folgerichtig über die römische und andere Zentralen gestellt. „Das Konzil ist eine Korrekturinstanz“, schreibt der Historiker Volker Reinhardt.

 

Mystische Frauen,mächtige Männer:Sechs Köpfe der Konzilszeit

  • Die Mystikerin
    Wenn häufig behauptet wird, dass Frauen im Mittelalter nichts zu sagen hatten, dann ist ihnen Katharina von Siena (1347-1380) entgangen. Die italienische Ordensfrau zählt zu den einflussreichsten Persönlichkeiten ihrer Zeit. Sie stand in Kontakt mit wichtigen Politikern und Kirchenleuten. Katharina redete so lange auf die Päpste im fernen Avignon ein, bis diese beschlossen, wieder nach Rom zu ziehen. Das war eine wichtige Voraussetzung für das Konzil. Die Nonne lebte im 14. Jahrzehnt vor dem Konzil, doch legte sie mit mystischen Schriften die Grundlagen für die Erneuerung der Kirche.
  • Der Herrscher
    König Sigismund ist die treibende Kraft des Konzils. Der Mann aus dem Geschlecht der Luxemburger drängt auf dessen Einberufung, die nur ein Papst vornehmen kann. Sein Motiv: Der König (Kaiser ab 1433) nimmt die Aufgabe als Schutzvogt der Kirche ernst. Wenn die Kirche es selbst nicht aus der Krise schafft, muss das weltliche Oberhaupt die Kirche an die Hand nehmen. Genau dies tut Sigismund während des Konzils: Mit List, Gewalt und Geld peitscht er die Versammlung durch. Jan Hus opfert er um des großen Ziels willen: die Einheit der Kirche. Mit der Wahl Martins V. erreicht er sein Ziel.
  • Die Marktfrau
    6000 Einwohner hatte die damalige Bischofsstadt Konstanz. Mit Beginn des Konzils verdreifachte sich die Bevölkerung. Die Adligen mit ihrem Gefolge sowie die hohen Geistlichen wollten verköstigt, bekocht, bedient werden. Das Konzil war deshalb auch eine logistische Meisterleistung. Ohne die namenlos gebliebenen Bauern und Marktfrauen hätte die Langzeit-Veranstaltung kaum funktioniert. In den Urkunden ist vom Volk kaum die Rede. Dafür in Bildern, in den farbigen Zeichnungen aus der Richenthal-Chronik. Dort wird das Geschehen auf den Plätzen und Straßen von Konstanz breit ausgemalt.
  • Der Unbeugsame
    „Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte“ – Friedrich Schillers geflügeltes Wort trifft auch auf den Prager Theologen Jan Hus zu. Seine Zeit verurteilte ihn einmütig zum Tod auf dem Scheiterhaufen, weil seine Lehren für damalige Begriffe ketzerisch waren, also Irrlehren über Glauben und Kirche verbreiteten. Darin war sich eine Mehrheit auf dem Konzil einig. Im Juli 1415 wurde er verbrannt. 600 Jahre später gilt Jan Hus als unbeugsamer Mahner und als Prophet der geistigen Freiheit. Für die Tschechen ist er ein nationaler Held bis heute.
  • Der Aufsteiger
    Die Herren von Zollern stammen von der Schwäbischen Alb. Sie amtierten dort als Grafen, später verbesserten sie sich und rückten als Burggrafen von Nürnberg voran. Den Sprung in die aristokratische Oberliga schaffte diese Dynastie auf dem Konzil von Konstanz. König Sigismund erhob Friedrich VI. von Zollern zum Markgrafen von Brandenburg und Kurfürsten (1415). Damit war der enge Vertraute des Königs zur kleinen Gruppe der Königswähler aufgestiegen. Er legt damit die Grundlage für den Aufstieg Brandenburgs zum Königreich Preußen, was auf dem Konzil freilich niemand ahnen konnte.
  • Der Genussmensch
    Der Ritter Oswald von Wolkenstein gehört zu den schillerndsten Gestalten seiner Zeit. Der Südtiroler Adlige war Grundherr, fahrender Sänger und Europa-Reisender, ehe er sich dem Gefolge des wichtigsten Herrschers seiner Zeit anschloss, dem König Sigismund. So ritt der 38-Jährige nach Konstanz und nahm am Konzil teil. Von Oswald sind einige plastische Schilderungen überliefert, in denen er die vielsprachige Versammlung schildert. Oswalds Dichtungen sind bis heute überliefert, werden heute aber nur noch von Germanisten gelesen. Es sind Liebeslieder und Naturschilderungen. (uli)

Es ist faszinierend zu sehen, wie der neu gewählte Papst und seine Nachfolger später damit umgehen. Zäh arbeitet sich Martin V. nach oben, geschickt verbreitert er die anfangs noch schmale Machtbasis. Am 11. November 1417 war er noch Kirchenfürst von Gnaden des Konzils. Nun galt es, die Mitra mit neuem Glanz zu schmücken und das beschädigte Amt zu füllen. „Es war viel Arbeit für einen einzigen Papst,“ bemerkt Reinhardt über die schier endlose Agenda.

Colonna stammt aus einer römischen Adelsfamilie – einem der mächtigen Clans, die umso mehr Macht gewannen, desto länger die Päpste in Avignon residierten. Deshalb war er wohl gewählt worden. Nur ein Römer würde sich in Rom durchsetzen und den Päpsten zu ihren alten Rechten verhelfen können, so lautet eine Theorie, die seine Wahl erklärt. Der Theologe Jürgen Hoeren, der die erste deutschsprachige Biografie über Martin schrieb, warnt deshalb: Martin V. sollte nicht unterschätzt werden. Nur ein Römer konnte die widerspenstigen Römer politisch einfangen.

Freilich musste er erst einmal an den Tiber gelangen. Es sollte geschlagene 22 Monate dauern, bis der prächtige Tross die Alpen überquert und Rom erreicht hatte. Das Problem war nicht der Weg, sondern die politischen Wegelagerer. Italienische Fürsten bedrängten ihn, kecke Milizenführer (Condottieri) verlegten ihm den Weg. Die Städte wünschten neue Privilegien, Florenz wollte einen eigenen Bischof. Die Rückkehr der Bischöfe von Rom hätte ein Triumphzug werden sollen. Tatsächlich war es ein demütiger Kriechgang.

Im 30. September 1419 erst erreichte er das Gebilde, das von der Ewigen Stadt übriggeblieben war. Gerade noch 20 000 Menschen wohnten in Rom, das in der Antike eine Millionenstadt war. Die Humanisten als die PR-Experten des 15. Jahrhunderts beschreiben Rom als trostlosen Ort, dem nur ein großer Papst wieder auf die Füße würde helfen können: Auf dem Forum Romanum graste das Vieh. Viele Kirchen waren baufälllig. Der Lateranpalast sowie der damals viel kleinere Vatikan waren unbewohnbar geworden. Martin V. hielt Einzug. Von den Römern wird er ehrlich als Retter bejubelt. Er tut, was von ihm erwartet wird und was dieses Amt die kommenden 250 Jahre auszeichnen wird: Bauen, restaurieren, jublieren.

Papst Martin hat neben der Agenda Bau/Steine/Erden auch ein unsichtbares Programm aus Konstanz mitgebracht: Er soll die Kurienreform voranbringen. Das erscheint deutlich schwieriger, da es die päpstliche Macht nur beschneidet. Daran hat der Colonna-Mann kein wirkliches Interesse. Er lädt zwar für 1423 nach Pavia zu einem Nachfolge-Konzil ein, um den Konstanzer Auflagen zu genügen: Konzilien als Gegengewicht zur päpstlichen Macht, als Parlamente mit einem Kontrollauftrag. Doch sind diese Versammlungen in Pavia, später Siena und Basel schwach besucht. So verläuft sich der Konzilsgedanke wie von selbst.

Auch deshalb steht der Herbst 1417 als einsamer Gipfel katholischer Mitbestimmung da. Später erstarkt das Papsttum und verbannt den konziliaren Gedanken für die nächsten 150 Jahre.