So lautlos das Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt seit Jahrzehnten Strom produziert, so scheinbar klag- und lautlos nehmen die Menschen auf der anderen Seite des Hochrheins mögliche Gefahren hin. Ebenso die fast schon regelmäßig auftretenden Pannen werden scheinbar klaglos zur Kenntnis genommen. Das Augenmerk der Atomkraftgegner im Landkreis Waldshut richtet sich seit vielen Jahren vielmehr gegen das geplante Schweizer Endlager für mittel- und hoch radioaktiven Atommüll, das einmal in direkter Grenznähe entstehen könnte.

Doch die jüngste Panne in Leibstadt hat die Atomkraftgegner wieder mobilisiert. Um die Ursache korrodierter Brennstäbe herauszufinden, musste die Anlage für mehrere Monate vom Netz genommen werden. Bei einer vor wenigen Wochen organisierten Unterschriftenaktion der Bürgerinitiative ZoA (Zukunft ohne Atom) in der Waldshuter Innenstadt – Luftlinie gerade einmal rund zwei Kilometer von Leibstadt entfernt – kamen binnen kürzester Zeit rund 1000 Unterschriften gegen eine Wiederinbetriebnahme des Atommeilers zusammen. Die Bürgerinitiative ZoA wurde während einer Busfahrt ins Leben gerufen. Und zwar im März 2011, am Samstag nach der Atomkatastrophe von Fukushima (Japan). Die Gruppe um die Waldshuterin Monika Herrmann-Schiel war seinerzeit auf dem Weg in Richtung Stuttgart, um an einer Menschenkette gegen das Atomkraftwerk Neckarwestheim teilzunehmen. „Auf der Fahrt“, so erinnert sich Monika Herrmann-Schiel, „habe ich die Nachricht bekommen, dass Fukushima durchgegangen ist“. Schnell waren sich viele Teilnehmer der Busfahrt einig, aktiv zu werden.

Ein Blick ins Innere des Reaktorgebäudes: Ein Mitarbeiter überprüft eine Reparaturstelle am Sicherheitsbehälter. <em>Bild: Iseli</em>
Ein Blick ins Innere des Reaktorgebäudes: Ein Mitarbeiter überprüft eine Reparaturstelle am Sicherheitsbehälter. Bild: Iseli | Bild: Chris Iseli

Im Februar 2017 sickerte durch, dass eine mögliche Wiederinbetriebnahme von Leibstadt unmittelbar bevorstehe, ohne dass die Ursache der Brennstabschäden geklärt sei. Das war der Moment für Monika Herrmann-Schiel und ihre Mitstreiter von ZoA gemeinsam mit SPD, Grünen, BUND, Nabu und weiteren Umweltverbänden eine Unterschriftenaktion zu organisieren. Die Unterschriften wurden, letztlich erfolglos, an das Ensi, die Schweizer Atomaufsichtsbehörde, und die Schweizer Bundespräsidentin Doris Leuthard übergeben.

Doch entmutigen lassen wollen sich die Atomkraftgegner aus Waldshut-Tiengen nicht. Laut Monika Herrmann-Schiel sei eine weitere Aktion in Planung. Was genau, möchte sie noch nicht verraten. Nur so viel, dass es sich bei der Aktion nicht um ein klassisches Mittel einer Bürgerinitiative handeln soll. Vielmehr handele es sich um „ein ambitioniertes Projekt“.

Willkommene Schweizer Franken

Von den deutschen Orten, die dem Atomkraftwerk Leibstadt gegenüberliegen, ist Dogern am nächsten. Die Distanz zwischen Rathaus und Reaktor beträgt weniger als zwei Kilometer. Insbesondere die 2300 Einwohner Dogerns müssen seit Inbetriebnahme des Reaktors im Jahr 1984 mit der oftmals weithin sichtbaren Dampfwolke leben. Der 144 Meter hohe Kühlturm arbeitet quasi als gigantische Wolkenmaschine. Laut eines Gutachtens muss Dogern wegen der Dampfwolke jährlich auf 100 Sonnenstunden verzichten. Insbesondere im Frühjahr und im Herbst, wenn die Sonne tiefer steht und Ostwind die Dampffahne quer über das Firmament drückt, macht sich das Lichtdefizit bemerkbar. Bevor die Wolkenmaschine in den 80er-Jahren zum Gerichtsfall wurde, öffneten die Kraftwerksbetreiber freiwillig ihre Kasse. Sogenanntes Schattengeld, so der Volksmund, fließt seither auch an deutsche Gemeinden.

Erstmals 1985 wurden Spenden ausgezahlt und seit 1991 gibt es den sogenannten Nachbarschaftsfonds. Jede begünstigte Gemeinde auf deutscher Seite – Albbruck, Dogern und Waldshut-Tiengen – kann gegenwärtig pro Jahr 18 000 Franken für soziale, kulturelle und sportliche Aktivitäten abrufen.

Das Schweizer Kernkraftwerk Beznau liegt ebenfalls an der deutschen Grenze am Hochrhein. Das AKW ist derzeit vom Netz.
Das Schweizer Kernkraftwerk Beznau liegt ebenfalls an der deutschen Grenze am Hochrhein. Das AKW ist derzeit vom Netz. | Bild: KKW Beznau/Axpo