Es ist der 1. Mai 1972. Der Hamburger SV kickt im Volksparkstadion gegen eine Weltauswahl und der Anlass ist dem angemessen. Uwe Seeler beendet seine Karriere mit einer 3:7-Niederlage gegen Stars wie Franz Beckenbauer, Eusebio, George Best, Bobby Charlton und viele mehr, selbstverständlich hat er zwei Tore erzielt für den HSV. Es ist ein rauschendes Fest und das Kicker-Sportmagazin ehrt Seeler ganz besonders. Alle Redakteure und Mitarbeiter unterschreiben einen sehr persönlichen Artikel und bedanken sich mit fühlbarem Wehmut „für all die schönen Stunden, die Du uns bereitet hast“. Und die Kicker-Leute halten ultimativ fest: „Kein Name ist in den letzten Jahren so häufig gedruckt oder geschrieben worden, kein Bild erschien so in den Gazetten wie Deines.“ Jetzt im Juli 2022 ist das wieder so, aber es ist ein letztes Mal: Uwe Seeler hat am 21. Juli seine Augen für immer zugemacht.

Uwe Seeler mit seiner Frau Ilka bei einem Interview in der Paul-Hauenschild- Sportanlage des HSV in Norderstedt.
Uwe Seeler mit seiner Frau Ilka bei einem Interview in der Paul-Hauenschild- Sportanlage des HSV in Norderstedt. | Bild: Christian Charisius

Es ist eine Nachricht wie ein Hammerschlag. 85 Jahre alt war der Mann, den sie „Uns Uwe“ nannten. Weil ihm die Menschen auf eine besondere Weise verbunden waren. Eine Weise, die es heute so nicht mehr gibt. Zu viele Reize, zu viele Stars und Möchtegernstars, zu viel Öffentlichkeit und viel zu wenig Respekt. Uwe Seeler, 72 Länderspiele mit 43 Toren, war nicht nur in seiner aktiven Fußballerzeit ein ganz Großer, ein echter Star, er war es auch über die Zeit hinaus. Vielleicht nicht für die jüngeren Fußballfans, aber woher sollten sie tiefergehende Informationen haben, woher das Verständnis nehmen, den Star Uwe Seeler im Kontext der Zeiten einzuordnen. Aber alle, die Seeler noch hatten spielen sehen oder die wenigstens so alt genug sind, dass sie in Büchern oder im Fernsehen mit seinen sportlichen Heldentaten unweigerlich konfrontiert wurden, die konnten und können nun nicht anders, als sich ein letztes Mal zu verneigen.

Uwe Seeler als Junioren-Nationalspieler 1953.
Uwe Seeler als Junioren-Nationalspieler 1953. | Bild: Witters

„Uns Uwe“, den seine Mitspieler auch den „Dicken“ nannten, weil sich auf seinen nur 169 Zentimetern Länge enorme Muskelkraft verteilte, verkörperte alles, was einen Fußballer und einen Menschen gut macht. Der Kicker Seeler war ein begnadeter Mittelstürmer mit zwei Spezialitäten, die ein Franz Beckenbauer mal so umschrieb: „Er springt, er fliegt, er köpft hoch in der Luft und dicht an der Grasnarbe. Und er beherrscht den Fallrückzieher und den auch den Seitfall- oder sonstwaszieher.“ Der Platz hier würde nicht reichen, wenn man besondere Seeler-Tore noch einmal würdigen wollte. Aber zwei Tore müssen sein: Am 26. September 1965 benötigt die deutsche Nationalmannschaft im Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft in England einen Sieg in Schweden. Es gibt ein 2:1 und das entscheidende Tor schießt Seeler. Herausragend, weil es sein erstes Länderspiel ist nach einem Achillessehnenabriss im Februar des Jahres, nach dem es hieß, das sei wohl Uwes Karriereende. Ich war im September 1965 neun Jahre alt und hörte vor dem Spiel meinen Vater sagen, „der Uwe macht‘s“. Wie sollte man das je vergessen...

Das legendäre Tor zum 2:2 durch Uwe Seeler im WM-Viertelfinale 1970 in Mexiko gegen England.
Das legendäre Tor zum 2:2 durch Uwe Seeler im WM-Viertelfinale 1970 in Mexiko gegen England. | Bild: HansDietrichKaiser

Und dann das zweite. 14. Juni 1970 in Leon, Mexiko. England führt kurz vor Schluss im WM-Viertelfinale mit 2:1, als Karl-Heinz Schnellinger aus dem Mittelfeld heraus einen sehr hohen Ball in den Strafraum schlägt. Uwe Seeler läuft seitlich, guckt und guckt und köpft dann rückwärts den Ball im Bogen über den englischen Keeper Bonetti zum 2:2 ins Tor. In der Verlängerung macht Gerd Müller den deutschen Sieg perfekt und Bobby Charlton hadert mit Seeler und seinem Kopfball: „Das gibt‘s es nicht. Er schaut nach da und köpft nach dort.“

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Vor allem aber der Mensch Uwe Seeler. „Ich bin stinknormal und will es immer bleiben“, beschreibt er früh sein Lebensmotto. Er hält sich dran, und das will etwas heißen, wenn man ein Star ist. Uwe Seeler lehnt ein Millionenangebot von Inter Mailand ab, bleibt beim HSV. Die Italiener zogen mit dem Koffer voller Bargeld kopfschüttelnd ab. Stattdessen nimmt der Hamburger Jung den angebotenen Vertreterjob bei Adidas an und tingelt durchs norddeutsche Land. Unterwegs auf seinen Touren hielt er sich beim abendlichen Training in Amateurvereinen fit, die mächtig stolz waren auf den Gast. All das hat mit Haltung zu tun, zu wissen, wer man ist, wer man sein möchte. Im WM-Endspiel 1966 gegen England sorgen der aserbaidschanische Linienrichter Tofik Bachramow und der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst für das sogenannte Wembleytor, das zur deutschen Niederlage führt. Die deutschen Fußballer sind empört, wütend, einige wollen protestieren. Doch Seeler ist es, der sie bremst. „Wir haben später zwar geflachst, ob der Dienst was mit der Queen hatte“, erzählt Uwe Jahre später, „aber, klar, es war nie ein Tor und total ungerecht. Doch wir mussten uns als faire Sportler präsentieren.“ Dieses Verhalten sorgte dafür, dass es im Land des Kriegsgegners ein erstes Mal Respekt und Beifall für Deutsche gab!

Uwe Seeler, der Stinknormale. Am 18. Februar 1959 heiratet er seine Ilka, am 18. Februar 2019 feiern sie die diamantene Hochzeit. „Den Diamanten will ich noch“, sagte er bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag anno 2016. „Der Diamant“ ist Uwe wichtig, „weil die Familie für mich alles ist“.

So viel mehr könnte geschrieben werden. Stattdessen schaue ich jetzt den herrlichen Werbespot an, wie der pfeifende Uwe sich das Rasierwasser Hattrick auf die Wangen tätschelt. Und ich wünsche mir, dass es einen Fußballhimmel gibt. Da kann er dann noch mal Charlton den Rückwärtskopfball zeigen. Adieu, Uns Uwe!