Ringen: „So und jetzt geht ihr in den Kopfstand und bewegt die Beine nach links und rechts, lasst sie über den Kopf wandern und dann wieder zurück.“ Für Frank Stäbler gehen die breakdance-artigen Bewegungen so leicht von der Hand, dass er nicht bemerkt, wie die Triberger Ringer um ihn herum mit der Übung zu kämpfen haben und immer wieder das Gleichgewicht verlieren. Der zweifache Weltmeister Stäbler leitet gerade das Aufwärmprogramm des Verbandsligisten SV Triberg. Steht die Wasserfallstadt etwa vor der spektakulären Verpflichtung eines neuen Athleten für die kommende Saison? Oder löst Stäbler gar Kai Rotter als Trainer des SVT ab?

Eins vorweg: Der gebürtige Böblinger Frank Stäbler wird in den nächsten Monaten weder für die Triberger auf die Matte gehen, noch das Training übernehmen. „Mein guter Freund Jan Rotter feiert heute Abend in seinen Geburtstag hinein und deshalb wollte ich ihn überraschen“, erklärte der 28-Jährige. „Die Idee, beim Training mitzumachen, kam erst kurzfristig.“ Jan Rotter, der in der vergangenen Saison für Triberg kämpfte und nun zum Bundesligisten ASV Urloffen wechselt, wurde am gestrigen Freitag 27 Jahre alt. Vor der Feier am Donnerstagabend wurde zunächst noch ordentlich in der Sporthalle des Schwarzwald-Gymnasiums trainiert.

Bei der Trainingseinheit stand neben der körperlichen Ertüchtigung auch im Vordergrund, den Jugendlichen des Vereins eine Freude zu machen. Deshalb nahm sich Stäbler, der sowohl 2015, als auch 2017 Weltmeister im griechisch-römischen Stil wurde, vor dem Training eine halbe Stunde Zeit, um Autogramme zu geben und Fotos zu machen. „Für mich ist es immer das Größte, wenn die Kinder mit leuchtenden Augen vor mir stehen und ich ihnen eine Freude machen kann“, sagte der Ringer des Bundesligisten Red Devils Heilbronn. Die Autogrammstunden sind jedoch auch noch auf eine andere Art nützlich für ihn: „Ich frage immer, wie die Kinder heißen und überlege mir, ob ich mein eigenes Kind so nennen könnte“, verriet Stäbler, der im Mai zum ersten Mal Vater wird.

Die Triberger Nachwuchsringer waren begeistert vom Auftreten des Siebtplatzierten bei den Olympischen Spielen 2016: „Es ist cool, wie locker er sich uns gegenüber verhält“, sagte der 14-jährige Aaron Pfaff. „Er ist ein absolutes Vorbild“, meinte auch der 12-jährige Matthias Weiss. Ihr Trainer Kai Rotter freute sich ebenfalls über den Besuch: „Ich kenne ihn schon lange, weil er immer in den gleichen Altersklassen wie mein Bruder Jan war. Für die Kids gibt es natürlich keine größere Motivation, als mit ihm gemeinsam auf der Matte zu stehen.“ Für den Triberger Übungsleiter ist vor allem beeindruckend, „wie klar Frank seinen Weg gegangen ist. Er hat sich nie beirren lassen, auch wenn Trainer und sogar Bundestrainer zu ihm gesagt haben, dass er nicht gut genug ist.“

Fast wäre Frank Stäbler tatsächlich als Ringer in Triberg gelandet. „Letztes Jahr gab es Gespräche“, bestätigte Rotter. Stattdessen entschied sich Stäbler, der im vergangenen Jahr seine langjährige Freundin Sandra Musch heiratete, für die Red Devils Heilbronn. „Ich fühle mich dort nach wie vor sehr wohl und werde auch in der kommenden Saison für Heilbronn ringen. Nachdem wir in diesem Jahr gegen den späteren Meister Burghausen im Viertelfinale ausgeschieden sind, ist mein Ziel, mit Heilbronn Deutscher Meister zu werden“, sagte der 28-Jährige, der sich kürzlich als Sportsoldat bei der Bundeswehr verpflichtet hat.

2016 sorgte Frank Stäbler bundesweit für Aufsehen, als er bei der Fernsehshow „Promi Big Brother“ teilnahm. „Ich bereue diese Aktion nicht und würde es auch im Nachhinein wieder so machen. Meine Teilnahme war ein strategisches Projekt, um für mich und die Sportart Werbung zu machen“, erklärte Stäbler, der mit seiner Frau im schwäbischen Musberg wohnt. „Ich hatte auch Anfragen vom Dschungelcamp und Let's Dance. Ende April wird ein TV-Projekt erscheinen, an dem ich teilgenommen habe. Mehr kann ich jedoch nicht verraten“, sagte Stäbler.

Der griechisch-römisch-Ringer hat sich jedoch nicht nur durch seine Präsenz in Funk und Fernsehen einen Namen gemacht, er gilt vor allem auch als Ausnahmeathlet in seiner Sportart. Neben seinen beiden Weltmeistertiteln stehen auch ein erster Platz bei der Europameisterschaft 2012, sechs Deutsche Meistertitel und die viermalige Ernennung zum „Ringer des Jahres“ in seiner Vita. In den kommenden Wochen und Monaten bereitet sich Stäbler, parallel zur anstehenden Geburt seines Kindes, auf die Weltmeisterschaft im Oktober in Budapest vor. „Die Vaterschaft wird sicherlich eine zusätzliche Herausforderung, aber auch eine Motivation für mich sein. Die Europameisterschaft fällt genau in den Zeitraum der Geburt, deshalb habe ich diese frühzeitig abgesagt. Im Oktober strebe ich dann jedoch meinen Titel-Hattrick an.“

Während des Trainings übte Stäbler vor allem mit seinem langjährigen Freund Jan Rotter, mit dem er 2017 gemeinsam Deutscher Meister mit dem SV Weingarten wurde und dem er eine Teilnahme an den nächsten Olympischen Spielen durchaus zutraut: „Er hat das perfekte Umfeld dafür“, meint Stäbler. Die Wertschätzung zwischen den beiden Sportlern ist, unabhängig von der Freundschaft, groß. Rotter sagt über Stäbler: „Was ihn so gut macht, ist seine unglaubliche mentale Stärke.“ Nach seiner Operation an der Schulter war Stäbler auch der erste Trainingspartner, mit dem Jan Rotter das Mattentraining vergangenen Monat wieder aufnahm.

Das Training ist beendet. Kai Rotter ist sehr zufrieden mit der Einheit und bemerkt: „Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Weltmeister mit uns trainiert.“ Damit liegt der Trainer des SV Triberg jedoch nicht ganz richtig. Aline Focken, Freistil-Weltmeisterin 2014 und Verlobte von Jan Rotter, trainiert seit ihrem Umzug nach Triberg im vergangenen Jahr regelmäßig mit den Ringern des SVT. Die Wasserfallstadt scheint ein beliebter Ort für Weltmeister zu sein.

Frank Stäbler

Geboren am 27. Juni 1989 in Böblingen, größte Erfolge: 1. Platz Weltmeisterschaft 2017, 7. Platz Olympische Spiele 2016, 1. Platz Weltmeisterschaft 2015, 3. Platz European Games 2015, 3. Platz Weltmeisterschaft 2013, 1. Platz Europameisterschaft 2012, sechs mal Deutscher Meister, Ringer des Jahres 2012, 2013, 2015, 2017.