Ringen: Eine kahle, triste Steinwand. Das Licht ist schummrig, in der Luft liegt der Geruch von Schweiß. Aus den Boxen an der Ecke wummert aggressiver Sprechgesang. Überall liegen Eisenstangen und Gewichte. An den Wänden hängen Fotos von Bodybuildern, in der Ecke ein Kalender mit offenherzigen Frauen. Nein, der „Bärenkeller“ in Triberg ist wahrlich kein romantischer Ort. Und doch verbringen zwei Verlobte hier einen Großteil ihrer Freizeit.

Aline Focken und Jan Rotter sind kein gewöhnliches Paar. Beide sind Spitzenringer und trainieren mehrmals die Woche gemeinsam im hauseigenen Kraftraum, den Jans Vater Gunnar vor vielen Jahren eingerichtet hat. Jan ist in der Umgebung bekannt. Der deutsche Vizemeister 2017 und EM-Teilnehmer 2016 hat sich nicht nur durch seine Kämpfe bei seinem Ausbildungsverein, dem SV Triberg, einen Namen gemacht. Aline kennen im Schwarzwald-Baar-Kreis vermutlich nur Experten der Sportart – und das, obwohl sie zur Creme-de-la-Creme des Landes gehört. Die Olympia-Teilnehmerin und Weltmeisterin wohnt seit einigen Monaten bei ihrem Freund in der Wasserfallstadt, tritt aber weiterhin für ihren Heimatverein in Krefeld an.

Kennengelernt haben sich die beiden 26-Jährigen, wie sollte es auch anders sein, durch das Ringen. Bei der Kadetten-Europameistermeisterschaft 2006 in Istanbul sind sie sich das erste Mal begegnet. „Von da an trafen wir uns jedes Jahr bei der EM, später auch bei anderen Turnieren“, erzählt Focken. Aus der flüchtigen Bekanntschaft wurde mittlerweile eine Verlobung. Jan und Aline wollen im Mai standesamtlich in Triberg und Anfang Juni kirchlich in Krefeld heiraten.

500 Kilometer trennen Krefeld und Triberg – eine Strecke, die Aline Focken dennoch mehrmals im Monat zurücklegt. „Am Anfang bin ich noch öfters nach Hause gefahren. Zum einen, weil ich dort noch gearbeitet habe, zum anderen, weil ich meine Familie vermisst habe“, sagt die achtfache deutsche Meisterin. Die Liebe zum Ringen liegt in ihren Genen: „Mein Opa hat quasi eine ganze Ära gegründet. Bei uns hat jedes Familienmitglied etwas mit dieser Sportart zu tun“, so die Krefelderin. Ihr Vater Georg ist noch immer ihr Trainer. „Auch wenn ich ihn nicht mehr täglich sehe, begleitet er mich nach wie vor zu den Turnieren und gibt mir Tipps.“

Neben dem KSV Germania Krefeld hat Focken noch einen weiteren Verein: Mit „AZ Supra Brokers Wroclaw“ (Breslau) stand die amtierende Vizeweltmeisterin am Wochenende im Halbfinale der ersten polnischen Ringer-Liga. In Polen gibt es einige gemischtes Team, bei deren Aufeinandertreffen Frauen gegen Frauen und Männer gegen Männer antreten. Für die Zukunft wünsche sie sich eine Frauen-Bundesliga, „auch wenn ich das in meiner aktiven Karriere vermutlich nicht mehr erleben werde“, so die 26-Jährige. Frauen-Ringen erhalte in ihren Augen generell noch nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdiene: „Wir trainieren nicht weniger hart als die Männer – vielleicht sogar noch ein bisschen härter, da wir viel aufzuholen haben.“

Während es für Aline sportlich kaum besser laufen könnte, kämpft sich Jan Rotter gerade von einer Verletzung zurück. Kurz vor Weihnachten wurde er nach einer hartnäckigen Bizepssehnenentzündung an der rechten Schulter operiert und befindet sich aktuell im Aufbautraining. „Ich gehe jeden Tag zur Physiotherapie und arbeite im Kraftraum daran, die verlorene Muskulatur wieder aufzubauen“, sagt Rotter. Bald kann er wieder mit Technik-Übungen auf der Matte beginnen. „Für mein erstes Mattentraining werde ich zu unserem Weltmeister Frank Stäbler nach Musberg reisen. Nach meiner Verletzung brauche ich Trainingspartner mit viel Gefühl“, erklärt der Triberger.

Ab der neuen Saison wird der studierte Wirtschafts-Ingenieur zudem für einen neuen Verein antreten. Jan Rotter wechselt zum Bundesligisten ASV Urloffen. Nachdem klar war, dass der SV Triberg (trainiert von Jans Bruder Kai) in der kommenden Runde einen Neustart in der Verbandsliga anstrebt, um die eigenen Nachwuchsringer besser fördern zu können, meldeten sich mehrere Vereine beim amtierenden Vizemeister. Rotter: „Ich brauche Kämpfe auf höchstem Niveau. Ich habe mich für den ASV Urloffen entschieden, da dies ein sympathischer, südbadischer Verein ist.“

Das erfolgreiche Paar teilt mittlerweile nicht nur die Sportart und eine Wohnung im Haus von Jans Eltern, sondern seit Januar auch den Arbeitgeber. Beim Schonacher Unternehmen „SBS-Feintechnik“ ist Jan als Junior-Produktmanager und Aline als betriebliche Gesundheitsmanagerin angestellt. Beide arbeiten in Teilzeit. Rotter: „Für uns ist es super, dass unser Geschäftsführer Thomas Burger so sportbegeistert ist und uns immer wieder die Freiheiten gibt, die wir für unser Training brauchen.“

Aline Focken und Jan Rotter sind kein gewöhnliches Pärchen. In ihrer Küche gibt es zwar ein Schrankfach mit Süßigkeiten, dieses werde jedoch nur ganz selten geöffnet, wie Jan versichert. Öfters greifen sie hingegen in das Fach daneben. Darin befinden sich Berge von Nahrungsergänzungsmitteln. „Ernährung ist das A und O in unserem Sport“, meint Aline.

Auf die Frage, ob sie deshalb öfters gemeinsam kochen, müssen die Sportler lachen. „Wir hatten uns das eigentlich fest vorgenommen, standesgemäß kocht jedoch Jans Mutter“, so die Krefelderin. Andere Paare in diesem Alter denken möglicherweise schon über Kinder nach. Für das etwas andere Pärchen Focken/Rotter gibt es zunächst vor allem ein Ziel: Gemeinsam für Deutschland bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio auf die Matte zu gehen.

Zur Person

Aline Focken: Geboren am 10. Mai 1991 in Krefeld, Stilart Freistil, Verein KSV Germania Krefeld, Größte Erfolge: Weltmeisterin 2014, Vizeweltmeisterin 2017, Junioren-Europameisterin 2010, Achtfache Deutsche Meisterin und Olympia-Teilnehmerin 2016 in Rio de Janeiro (9. Platz)

Jan Rotter: Geboren am 30. März 1991, Stilart Griechisch-Römisch. In der vergangenen Saison noch beim SV Triberg aktiv, ringt er nun für den ASV Urloffen. Größte Erfolge: Deutscher Vizemeister 2017, EM-Teilnehmer 2016 (13. Platz), zweiter Platz bei den internationalen Thor-Masters 2017 in Dänemark, Deutscher Meister 2017 mit dem SV Weingarten. Bilder: Iris Bauer und Christof Kaltenbach.