Tennis: – Ignaci Villacampa-Rosés gehörte einst mit Rafael Nadal zu den Tennishoffnungen Spaniens. 15 Jahre später schlägt der Weltstar aus Mallorca in Wimbledon auf, der promovierte Nuklearwissenschaftler Villacampa in Grenzach, Überlingen und Oberweier. Seit diesem Jahr spielt der Wahlschweizer für Oberligist TC RW Tiengen.

Vom Verschwinden kann Villacampa-Rosés ein Lied singen. Tennistechnisch war er quasi eine Handvoll Mal weg vom Fenster. Wiederholt hat das ewige Talent aus Katalonien Racket und Schuhe an den Nagel gehängt – wobei es in die Ecke gepfeffert wohl eher trifft. Spanische Tennis-Experten wunderten sich in regelmäßigen Abständen über das Verschwinden des früheren Jugend-Nationalspielers. Vom Erdboden verschluckt. "And then I just disappeared. Dann bin ich einfach verschwunden."

Der multilinguale Lieblingssatz des 32-Jährigen ist die zugespitzte halbe Geschichte seiner Karriere. Nach einem vollgepackten Trainingstag fällt er immer wieder. Aber zurück auf Start. "Ich war unter den Top-Fünf Spaniens", erinnert sich die polyglotte Frohnatur mit dem butterweichen rechten Topspin. Mit 14 Jahren zählte Villacampa zu den größten Talenten. Der gleichaltrige Nadal und er (Jahrgang 1986) sollten im spanischen Tennis eine Hauptrolle einnehmen.

Der katalanische Verband drängte die Familie, den Sohn nach Barcelona auf die Tennisakademie zu schicken. Nur der Schlaks aus dem sonnenverwöhnten Girona und Marcel Granollers – heute mit 9,6 Millionen Euro Preisgeld die Nummer 134 der Welt – sollten fünf Jahre lang die komplette sportliche und schulische Ausbildung vergütet bekommen. Ein Jungspund auf dem Sprung zum Profitum. Mit 15 holte er mit Nadal und der spanischen Nationalmannschaft die Bronze-Medaille bei der prestigeträchtigen Copa del Sol, mit 18 gewann er den nationalen Meistertitel in seiner Klasse, mit 19 rutschte er in die Top-700 der Welt.

Mit einer Schulterfraktur zerbrachen aber nicht nur Knochen, sondern auch Träume. Das alte Niveau zu erreichen, fiel dem Sandplatzspezialisten schwer. Villacampa schlitterte in die Sinnkrise. "Ich habe Turniere gewonnen und 2000 Euro Preisgeld kassiert, Nadal zwei Millionen", murmelt der aktuelle Oberliga-Spieler und warf hin.

Erst während seines Bachelor-Studiums in Barcelona fand er wieder Gefallen am Sport. Doch unter anderen Vorzeichen. "Auf einmal musste ich mich um alles kümmern. Einen Club finden, Schläger kaufen, neu beziehen." Eigentlich normal, für den ehemaligen Hoffnungsträger aber ein Kulturschock. Beim französischen TC Cavaillon an der Cote D’Azur fand er die Liebe zum Tennis wieder. "Sie sind heute so etwas wie meine Familie für mich", gesteht Villacampa, der jedes Jahr im Mai zu den Spieltagen der Franzosen einfliegt.

Der französische Club war die tennistechnische Konstante des Spaniers. Immer wieder verschwand er von der Tennis-Oberfläche. Vor neun Jahren sogar für geschlagene fünf Jahre. Erst ein Motivations-Tritt der Freundin brachte ihn im schweizerischen Brugg wieder ans Netz. "Irgendwas kam immer dazwischen." Irgendwas ist gut. Nach dem Bachelor wechselte der starke Aufschlag-Spieler für den Master an die Universität Grenoble, machte später seinen Doktor. Momentan ist er auf Jobsuche und trainiert daher so viel wie seit Jahren nicht. Diesen Sommer greift er gleich in vier Ländern in den Ligabetrieb ein: in Spanien, Frankreich, Schweiz und Deutschland. "Ich halte mich fit", sagt Villacampa schmunzelnd. 125 Kilometer Joggen, 20 km Schwimmen, drei bis vier Trainingseinheiten auf dem Platz.

Das freut die Tiengener. Denn Villacampas Schweizer Trainingspartner Oliver Mrose hat es geschafft, den Spanier über den Rhein zu locken. Den Tiengener Trainer Christoph Back freut’s: "Er ist ein solider Spieler, der von der Grundlinie fast keine Fehler macht."

Zwei Spiele hat Villacampa bislang für den TC RW Tiengen absolviert und beide gewonnen. Den Grenzacher Spitzenspieler Dimitar Grabul bezwang er im Match-Tiebreak, den Mengener Bastian Bross schickte er in zwei Sätzen vom Platz. In den restlichen beiden Saisonspielen wird er laut Trainer Christoph Back nicht mehr zum Einsatz kommen. Dennoch sagt Villacampa auch: „Ich würde gern länger hier bleiben." Der Spanier mit dem großen Tennis-Talent wird dem TC RW Tiengen, der auch in einem Jahr in der Oberliga spielen wird, sicher verbunden bleiben.