2. Handball-Bundesliga: Wie immer griff Otto Eblen, Präsident der HSG Konstanz, nach dem letzten Saisonspiel zum Mikrofon. „Es ist uns nicht gelungen, in den wichtigen Spielen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Mit Willen allein war der Klassenerhalt nicht möglich“, sagte er und entschuldigte sich: „Wir haben die Chance leider nicht genutzt, das tut uns leid.“ Dann blickte der HSG-Chef in die Zukunft und gab als Ziel in der kommenden Saison die direkte Rückkehr in die 2. Bundesliga an. „Wir starten mit einer neuen Mannschaft durch“, sagte er. „Auch wenn das jetzt ein Tiefpunkt ist, es wird auch wieder Höhepunkte geben.“ Wir blicken zurück auf das Sportjahr 2017/18 mit seinen Höhen und Tiefen.

Die Fans verabschieden die Mannschaft in der Schänzlehölle

Top: Die Fans

1118 Zuschauer kamen im Schnitt zu den Spielen in die Schänzlehalle. Nicht schlecht für einen Absteiger. Zwar belegt die HSG Konstanz in der Fantabelle auch nur den 18. Rang, doch während andernorts das Publikum eher stiller Genießer ist, peitschen die HSG-Fans ihre Mannschaft unermüdlich nach vorne – auch in schier ausweglosen Situationen. Die Stimmung ist immer top. Das gab den einen oder anderen unerwarteten Punkt und stets großes Lob von allen Seiten. Zu Recht.

Flop: Die Auswärtsspiele

Obwohl auch in fremden Hallen oft viele Konstanzer Fans mit dabei waren, tat sich die HSG in dieser Saison schwer, die langen Fahrten zu verkraften. Nur fünf Punkte aus 19 Auswärtsspielen sind eine magere Bilanz und viel zu wenig. Lediglich das Schlusslicht aus Saarlouis ist in dieser Bilanz mnoch schwächer als das Team vom Bodensee.

Top: Die Offensive

1027 Tore haben die Konstanzer erzielt. Im Vorjahr waren es nur 986 Treffer. Die Durchschlagskraft im Angriff war also nicht der ausschlaggebende Punkt im letztlich verlorenen Kampf gegen den Abstieg.

Flop: Die Defensive

Ganz anders sieht es in der Abwehr aus. Die HSG Konstanz hat die mit Abstand schwächste Defensive der 2. Bundesliga. Auch die Torhüter – im vergangenen Jahr noch ein sicherer Rückhalt auf dem Weg zum Klassenerhalt – haben viel von ihrer guten Form eingebüßt. Der bereits nach Ludwigshafen in die 1. Bundesliga gewechselte Stefan Hanemann half dem Team weit weniger als in der Vorsaison, was auch für Konstantin Poltrum gilt, der den Verein in Richtung Coburg ebenfalls verlassen wird. Eine Ausnahme ist der aus der zweiten Mannschaft aufgerückte Maximilian Wolf. Die einstige Nummer drei zwischen den Pfosten hat mit 30,07 Prozent parierter Würfe die beste Bilanz der Konstanzer Keeper.

Top: Die Neuzugänge

Die Rückraumspieler Tom Wolf und Maximilian Schwarz – Letzerer nach schwerem Start mit Verletzungen und krankheitsbedingten Ausfällen – können nächste Saison absolute Leistungsträger bei der HSG Konstanz werden. Das haben sie jetzt schon bei ihren Einsätzen in der 2. Bundesliga angedeutet.

Flop: Die Neuzugänge

Die Konstanzer konnten die Abgänge von wichtigen Stammspielern und Führungsfiguren wie Matthias Stocker, Simon Flockerzie oder Gregor Thomann nicht kompensieren. So erfüllten etwa die hochgehandelten Zugänge Felix Klingler und Julius Heil zu keiner Zeit die in sie gesetzten Erwartungen. Heil hat den Verein bereits während der Saison nach Hildesheim verlassen, Klingler – dem sogar Thomann bescheinigt hatte, besser zu sein als er selbst – wechselt im Sommer nach Essen.

Top: Der Konstanzer Weg

Die HSG Konstanz macht keine Schulden und baut auf ein solides finanzielles Fundament. Am Konzept, junge Spieler aus niedrigen Ligen zu holen und zu entwickeln, halten sie konsequent fest. Die Verantwortlichen um Präsident Otto Eblen und den Sportlichen Leiter Andre Melchert bewahren die Ruhe, auch wenn mal ein Abstieg den sportlichen Höhenflug bremsen sollte. Und Trainer Daniel Eblen gibt auch in schwierigen Situationen seinen jungen Talenten eine Chance, wie Samuel und Jonas Löffler oder Patrick Volz, Joschua Braun und Samuel Wendel. Nicht nur die Gegenwart vor Augen zu haben, kann sehr wichtig sein für die Zukunft.

Flop: Zu viel Harmonie

Die HSG Konstanz ist, war und wird auch im kommenden Jahr eine sympathische Truppe sein. Die sportliche Führung schaut glücklicherweise bei Neuverpflichtungen immer auch genau darauf, dass die Spieler charakterlich zum Verein und dem Kader passen. Das führt zu sehr viel Spaß im Training und bei der täglichen Arbeit. Es kann aber auch sein, dass mit zu viel Harmonie manchmal ein wenig von der Reibung fehlt, die nötig ist im Kampf um die letzten Prozente auf dem Feld. Zuletzt wurde im Abstiegskampf auch intern Kritik an der richtigen Einstellung laut.

Sieben Abschiede mit einem Lächeln im Gesicht

Der Abstieg aus der 2. Bundesliga ist zwar ärgerlich für die Handballer der HSG Konstanz, er hindert sie aber schon gar nicht an einem zünftigen Fest zum Abschluss der Saison. Während die Gäste aus Dessau-Rosslau mit ihren Fans den 31:26-Sieg am Schänzle feiern und sich anschließend zu einem kühlen Bad im nahen Seerhein verabschieden, werden in der heißen Halle die sieben Spieler gewürdigt, die die HSG Konstanz nach dieser Abstiegssaison verlassen.

  • Sebastian Bösing (23, Kreis, Ziel unbekannt): Vor zwei Jahren kam der Kreisläufer von der TSG Haßloch nach Konstanz, wo er sich für die HSG auf dem Handballfeld „in Schlachten stürzte“, wie Präsident Otto Eblen sagte. Zudem engagierte sich der gebürtige Wormser in der Jugendarbeit. Als aktiver Spieler hatte Bösing sehr viel Pech. Seit September konnte der 23-Jährige wegen Schulterproblemen nicht mehr spielen.
  • Konstantin Poltrum (24, Tor, HSC Coburg): Vor drei Jahren gelang den verantwortlichen der HSG Konstanz mit der Verpflichtung des damaligen Junioren-Nationaltorwarts ein echter Coup. „Konsti“, wie Poltrum genannt wird, war in Konstanz einer der großen Leistungsträger beim Aufstieg in die 2. Bundesliga, wie Otto Eblen erinnerte. Zudem hat sich das große Vorbild um die Nachwuchskeeper im Verein gekümmert, sodass der Präsident hofft, „dass wir in zwei, drei Jahren die Früchte seiner Arbeit in der ersten Mannschaft ernten können“. Wenn Poltrum jetzt dem Ruf seines früheren Trainers Jan Gorr zum Zweitligisten HSC Coburg folgt, wird er nicht nur zwischen den Pfosten fehlen, sondern auch als Trikotverantwortlicher in der Mannschaft. „Wir waren glücklich, dass du hier warst und sind traurig, dass du gehst“, gab Otto Eblen ihm mit auf den Weg, „ein Teil deiner Familie bleibt aber in Konstanz, und man weiß ja nie, was die Zukunft bringt.“
  • Michael Oehler (24, Abwehr, SG BBM Bietigheim): Er kam im Sommer 2014 als „guter Landesligaspieler“, so Otto Eblen, vom HC Hedos Elgersweier zur HSG Konstanz, und nun zieht es ihn vier Jahre später nach ganz oben, zum Bundesliga-Aufsteiger SG BBM Bietigheim. Bei Michael Oehler gebe es nur die beiden Extreme: verletzt, wie in der Hinrunde, als der Defensivspezialist im Innenblock der HSG schmerzlich vermisst wurde, oder Vollgas, „dann hat’s gekracht“, so der Präsident. „Er war der beste Abwehrspieler, den wir hatten“, lobte Otto Eblen, und das sei eben auch anderen aufgefallen, sodass er „dem Trainingsweltmeister und großen Vorbild der Jugend“ für die Zeit in der selbsternannten besten Liga der Welt „gute Gesundheit und eine starke Schulter“ wünschte.
  • Felix Klingler (24, Rechtsaußen, TuSEM Essen): Nur ein Jahr spielte Felix Klingler für die HSG Konstanz. Als Ersatz für Gregor Thomann war der frühere Erstligaspieler mit großen Vorschusslorbeeren gekommen. Die hohen Erwartungen konnte der frühere Neuhausener jedoch selten erfüllen. „Das lag nicht an seiner Person, Charakter oder Spielweise“, sagte Otto Eblen. Vielmehr lebe ein Außenspieler von einer guten Abwehr, „und die konnten wir in diesem Jahr nicht bieten.“ So bleibt der 24-Jährige im Gegensatz zur HSG Konstanz weiter in der 2. Bundesliga. Klingler wechselt zum Traditionsverein TuSEM Essen. „Wir hoffen, dass es dir nächstes Jahr etwas besser geht als hier“, gab Eblen ihm mit auf den Weg, „du hast dich tadellos verhalten, und es stehen dir hier alle Türen offen“.
  • Mathias Riedel (30, linker Rückraum, HSG Freiburg): „Der Mann aus dem Schwarzwald“, so Otto Eblen, bekam bei seiner Verabschiedung den lautesten Applaus von allen und hatte wie immer auch das breiteste Grinsen im Gesicht. Mathias Riedel ist auch mit 30 Jahren noch der Lausbub, der er vor fünf Jahren war, als er vom TV Willstätt aus der Südbadenliga kam und, so der HSG-Präsident schmunzelnd, „keinen Sprungwurf konnte“. Den hat der große Fan des SC Freiburg und HSG-Publikumsliebling inzwischen ebenso fest in seinem Repertoire wie alles andere, was ein gestandener Zweitligaspieler so braucht. Der Torjäger und Rückraumkanonier hat in den vergangenen Jahren mit mehr als 600 Treffern auf sich aufmerksam gemacht und lehnte sogar Angebote aus der 1. und 2. Bundesliga ab, nur um wieder in seine Heimat zu gehen und dort voll auf die Karte Beruf zu setzen. Dort freuen sie sich beim Südbadenliga-Aufsteiger HSG Freiburg nun über einen Führungsspieler besonderer Güte. „Du warst in der Mannschaft immer beliebt“, so Eblen über „Helle“, wie Riedel nur genannt wird, „und jeder weiß es: Wir verlieren dich ganz ungern.“
  • Felix Gäßler (24, linker Rückraum, SG Nußloch) und Chris Berchtenbreiter (24, Kreis, TuS Ottenheim): Gäßler und Berchtenbreiter wurden gemeinsam verabschiedet, „da die beiden nur im Doppel zu haben sind“, wie Otto Eblen erklärte. Vor zwei Jahren kamen sie von der SG Köndringen-Teningen nach Konstanz, wo sie zusammen Handball spielten und auch wohnten. „Ihr Haushaltsplan war exzellent ausgearbeitet. Die beiden waren wie ein altes Ehepaar“, plauderte der Präsident aus dem Nähkästchen. Während sich Gäßler etwas schwerer tat bei der HSG Konstanz, entwickelte sich Berchtenbreiter am Bodensee zu einem der besten Kreisläufer der 2. Bundesliga. Nun wechselt er auf dem Höhepunkt seines sportlichen Schaffens aus privaten Gründen zurück in die Heimat. Beim Landesligisten TuS Ottenheim, der eine stattliche Delegation zum letzten Heimspiel der HSG schickte, freuen sie sich jetzt über einen ganz besonders sympathischen Heimkehrer. „Mit Chris konnten wir auch auf zehnstündigen Heimfahrten unsere Niederlagen besser verdauen“, sagte Eblen, „er hat als Pausenclown den ganzen Bus unterhalten.“ Der Verlust von Berchtenbreiter schmerzt die Konstanzer besonders, doch da er gerade einmal 24 Jahre jung ist, hielt sich der Präsident ein Hintertürchen offen. „Es fällt uns schwer zu glauben, dass das das Ende deiner Karriere war. Das kann’s noch nicht gewesen sein.“

Dann nahm sich Mannschaftskapitän Fabian Schlaich noch das Mikrofon und verneigte sich verbal vor seinen Ex-Kollegen. „Das sind alles Riesentypen, nicht nur sportlich“, sagte der verletzte Linksaußen, „es war mir eine Riesenehre, mit euch gespielt zu haben.“ Doch bevor sich die Wege endgültig trennen, steht noch ein wichtiger Termin an für die Konstanzer Handballer: die Saisonabschlussfahrt nach Mallorca.