Die Reifen des Karts vor mir quietschen in der Haarnadelkurve. Der Motor tuckert mühsam vor sich hin und den Flitzer trägt es weit von der Ideallinie weg. Ganz klar, meine Chance. Zwar habe ich die Spitzkehre auch alles andere als optimal gefahren, aber doch immer so gut, dass es für mein erstes Überholmanöver reicht. Mit Hängen und Würgen. Nach rund einer halben Stunde Fahrzeit und nachdem ich auf der Steißlinger Strecke zuvor selbst rund 30 bis 40 mal selbst überrundet wurde. Aber egal. Erster – und bis zum Rennende auch letzter – Erfolg eines Journalisten beim Ausflug auf die Kartbahn. So einfach wie Autofahren ist das alles dann halt leider doch nicht.

Doch eher schwer, mitzuhalten

60 Minuten lang beschleunige, bremse, lenke ich für mein Team beim 6-Stunden-Rennen des Kartvereins Alemannenring Racing auf den Bahnen in Singen und Steißlingen. Der Verein feiert mit der Veranstaltung „15 Jahre im Zeichen des Alemannenrings“. Dafür reisen Kartteams aus Hessen, Nordrhein-Westfalen und der weiteren Region an – und ein „VIP Team“ darf auch mitfahren. Das besteht aus den zwei Vereinschefs Roland Schartner und Mike Wilhelmi, dem Gründer der „Kart Bundesliga“ Stephan Opitz, mir und – Gottseidank – zwei anderen Wildcard-Teilnehmer, die nicht ständig auf Kartbahnen rumhängen. Dann bin ich immerhin nicht absolut der größte Bremsklotz auf der Strecke. Denke ich zumindest. Allerdings stellt sich heraus, dass auch Emanuel Sailer und Kevin Müller fast jede Woche ihre Runden auf der Singener Indoor-Bahn drehen. Es wird also wohl doch eher schwer, hier irgendwie mitzuhalten.

Mike Wilhelmi (links) zählt für Dominik Dose die letzten Sekunden vor dem Start herunter.
Mike Wilhelmi (links) zählt für Dominik Dose die letzten Sekunden vor dem Start herunter. | Bild: Peter Pisa

Mit schöner Regelmäßigkeit sehe ich die blaue Flagge

Die Kurven auf der Indoor-Kartbahn im Singener Gewerbegebiet sind eng, die Geraden kurz, man sieht da als Anfänger wenig Land gegen ambitionierte Hobbyfahrer. Die scheinen irgendwie einen Weg zu finden, Kurven zu fahren, ohne Geschwindigkeit zu verlieren. Nicht zu schnell rein in die Kurve, lieber schnell raus, sagt man mir. Ich stimme da völlig zu und kann es null umsetzen. Mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit sehe ich die blaue Flagge, die anzeigt, dass ich Fahrer hinter mir überrunden lassen soll.

Kart-Europameister Thomas Schaller erklärt, wie man die perfekte Kurve fährt

Video: Dominik Dose

Ist Kartfahren ein Sport? Oh ja!

Egal ob Indoor in Singen oder Outdoor in Steißlingen, heiß ist es an diesem Tag und anstrengend. Und das beantwortet dann auch schon eine Frage, die mancher bei Motorsport immer stellt. Ist’s wirklich ein Sport, wenn da viele Männer und ein paar Frauen in diesen kleinen Karren im Kreis fahren? Oh ja. Das merkt man gleich am Schwitzen und am Tag danach am leichten Muskelkater im Oberkörper. Und, das mag aber dem doch eher unrunden Fahrstil und einigen Bandenkontakten geschuldet sein, an den handtellergroßen blauen Flecken an den Rippen. „Als Kartfahrer muss man auch ein bisschen Masochist sein“, sagt Mike Wilhelmi. Und das mit den Rippen ist ohnehin so eine Sache: „Da gibt’s nur zwei Varianten“, sagt er, „entweder man hat den Rippenbruch schon hinter sich oder noch vor sich." Denn unsanfte Kontakte mit Streckenbegrenzungen habe eigentlich jeder mal, und in den harten Rennsitzen müssen die Rippen dann halt als erstes dran glauben.

Runde um Runde fahren die Karts in Singen

Video: Dominik Dose

Eine faire Gemeinschaft

Sie schinden sich offensichtlich schon gerne, die Kartfahrer. Eines der teilnehmenden Teams absolviert das Sechs-Stunden-Rennen zu zweit, was also drei Stunden Fahrzeit für jeden macht. Dabei wird es selbst nach knapp einer Stunde für mich schon schwer, bei der Anstrengung noch vor jeder Kurve die nötige Konzentration aufzubringen, um Bremszeitpunkt, Bremsstärke und Fahrlinie bestmöglich zu wählen. Bemerkenswert ist dagegen die Fairness, mit der es zur Sache geht. Das Rennen ist zwar auch eher eine Spaßveranstaltung, ehrgeizig sind die Teilnehmer dennoch. Trotzdem gibt es keine allzu gewagten Überholmanöver, und nach jeder einfach ermöglichten Überrundung bedankt sich der Vorbeifahrende höflich per Handzeichen – ich kann das ja beurteilen. Mehr noch: Als dem Zwei-Teilnehmer-Team am Ende die Kräfte schwinden, springt ein Fahrer aus einer anderen Mannschaft ein, damit es das Rennen beenden kann.

Zwei Fahrer ziehen an Dominik Dose (links) vorbei.
Zwei Fahrer ziehen an Dominik Dose (links) vorbei. | Bild: Peter Pisa

Als Kind angefangen und nie loslassen können

Natürlich verfalle auch ich ein bisschen dem Rausch der Geschwindigkeit, als ich mit bis zu 80 Sachen über den Steißlinger Kurs peitsche. Auch als völlig unterlegener Pilot merkt man den Reiz, den Max Martin so beschreibt: „Es ist ein toller Sport, die Herausforderung, das Beste aus dem Kart rauszuholen und auch die richtige Taktik zu finden.“ Der 16-Jährige wurde von seinem Vater schon als Kind immer mit auf die Kartbahn genommen, saß mit fünf, sechs Jahren zum ersten Mal im Kinder-Kart und fährt regelmäßig Rennen. So wie ihm geht es einigen auf dem Kurs, viele haben schon als Kinder oder Jugendliche die ersten Kart-Erfahrungen gemacht und haben danach nie mehr so richtig loslassen können.

Großer Spaß, das Gaspedal durchzudrücken

Ich kann das verstehen, trotz mittelprächtiger Leistung. Oder vielleicht gerade deswegen. Es gibt kaum Ausreden beim Kartfahren, es gibt die Strecke, das Kart, die eigene Leistung. Und dann muss man das Optimale daraus machen. Gas und Bremse ideal dosieren, mit jeder Runde besser. Und ganz ehrlich: So richtig Vollgas geben, das darf man ja nicht mal mehr auf der A81. Da macht es halt auch einfach mal großen Spaß, ohne schlechtes Gewissen das Pedal durchdrücken zu dürfen.

Kartfahren als Freizeit-Spaß und Sport

  • Kartbahnen in der Region: Gleich zwei Kartbahnen gibt es im Landkreis Konstanz, beide trennen sogar nur rund fünf Kilometer Luftlinie. Die Bahn in Singen befindet sich in einer Halle im Gewerbegebiet. Eine Runde hat 230 Meter, hat viele Kurven, ist technisch eher anspruchsvoll und die fahrbare Spitzengeschwindigkeit beträgt etwa 50 Stundenkilometer. Die recht neue Steißlinger Freiluft-Strecke beim Verkehrsübungs-Platz ist 750 Meter lang, ist breiter, hat weitere Kurven und Steigungen und Gefälle. Hier sind Geschwindigkeiten über 70 Stundenkilometer möglich.
  • Karts: Damit in der Singener Halle keine allzu dicke Luft herrscht, fahren die Karts mit einem Gas-Antrieb. Als normale Leihkarts stehen Boliden mit 6,5 PS und 200 Kubikzentimeter Hubraum zur Vefügung, als Rennkarts welche mit 9 PS und 270 Kubikzentimeter. Kinder können auf Fahrzeuge mit 5,5 PS zurückgreifen. Für sie steht in Steißlingen ein ähnliches Gefährt zur Verfügung. Die großen Karts leisten hier bei 270 Kubikzentimetern benzinbetrieben 13 PS. Alle Karts haben einen automatischen Antrieb, es muss also nur Gas gegeben und gebremst werden.
  • Kosten und Altersbegrenzung: Auf beiden Bahnen kann man verschiedene Pakete buchen. Freies Fahren, kürzere oder längere Rennen, oder Pakete für Veranstaltungen und Geburtstage sind buchbar. Ein Rennen über 20 Minuten samt acht Minuten Qualifying kostet in Singen für sechs Personen 192 Euro, in Steißlingen kosten 30 Minuten freies Fahren für sieben Personen 279 Euro. Kinder bis 13 Jahre (Singen) beziehungsweise bis 14 Jahren (Steißlingen) fahren in Kinder-Karts, in Singen brauchen sie dafür zudem einen Kart-Führerschein. Über diesem Alter gibt es keine Beschränkungen mehr.
  • Kartfahren im Verein: Über 40 aktive Mitglieder hat der Kartverein Alemannenring Racing laut Vorstand Mike Wilhelmi, alle fahren regelmäßig Kart. "Aber wir wollen gezielt auch für Anfänger offen sein", sagt er. So gibt es jeden Donnerstag ab 19 Uhr einen offenen Stammtisch in Singen, zu dem jedermann kommen kann, der sich für das Kartfahren interessiert. Auch finden eigene Wettbewerbe für unerfahrenere Piloten statt, damit diese nicht nur hinterherfahren. Bis man auf solides Rennniveau kommt, veranschlagt Wilhelmi im Schnitt rund ein Jahr regelmäßiges Training.
  • Die Hegau-Bodensee-Kartmeisterschaft und die Kart-Bundesliga: Seit 2017 werden in der Hegau-Bodensee-Kartmeisterschaft Leihkart-Rennen ausgetragen, die sich an Amateure und Profis richten. Neben den Strecken in Singen und Steißlingen wird auch in Waldshut und Sulz am Neckar gefahren, es gibt zehn Saisonläufe. Die Meisterschaft ist auch Teil der Kart-Bundesliga. Sie wurde von Stephan Opitz etabliert und soll Läufe und Leistungen in ganz Deutschland vergleichbar machen. Die Einstiegshürde ist niedrig: Jeder, der einmal ein Rennen absolviert hat, wird gelistet.