Leichtathletik: Hoch konzentriert, in sich ruhend nimmt die große junge Frau beim Meeting auf dem Biberacher Marktplatz die letzten Stufen hinauf zum Ring. Die rotblonde 20-Jährige, mit Ausnahme der hellblauen Schuhe ganz in Schwarz gekleidet, feuchtet die Finger der rechten Hand an. Wischt sie an der Hose trocken. Nimmt die Kugel – und stößt. Das ist die Routine von Deutschlands großer Nachwuchshoffnung im Kugelstoßen, der U-20-Weltmeisterin Alina Kenzel.

Kenzel? Richtig. Die älteren unter den Handballfans am Bodensee erinnern sich gut an diesen Namen. Mitte der Neunziger Jahre spielt Adolf Kenzel für die HSG Konstanz und seine Frau Daniela für die Mannschaft des SV Allensbach. Für die früheren rumänischen Nationalspieler ist Süddeutschland der erste Stopp auf dem Weg in ein neues Leben. Im August 1997 kommt Tochter Alina zur Welt. Früh ist klar, dass auch sie dank der Kenzel-Gene eine erfolgreiche Handballerin werden soll.

Statt in einer stickigen Halle klatscht sie jedoch im Sommer 2018 in Biberach unter freiem Himmel den etwa 2000 Zuschauern auf den Stahlrohr-Tribünen zu. Alina Kenzel beherrscht das Spiel mit dem Publikum recht gut. Mit ihrer Leistung ist sie dennoch nicht vollends zufrieden. Zwar belegt sie hinter der deutschen Nummer eins Christina Schwanitz und der Chinesin Gao Yang den dritten Platz, doch die 17,90 Meter sind ein gutes Stück von ihrer Bestleistung von 18,21 Metern entfernt.

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Ein Jahr nach Alinas Geburt zieht Familie Kenzel nach Waiblingen. „Ich selbst habe nicht mehr viel Bezug zu Konstanz“, sagt die 20-Jährige, „ich war aber ab und zu mit Papa dort, und er hat dann immer erzählt, wie gerne er da gespielt hat.“ Der Papa ist natürlich auch der Erste, der sie mit zum Handball nimmt. Das Mädchen ist groß, hat Power und Talent. Sie probiert aber wie alle Kinder auch anderes aus. Bei der Leichtathletik bleibt Alina Kenzel schließlich hängen. Genauer, wen wundert’s, bei den Wurfdisziplinen. Zuerst wirft sie den Speer weiter als alle anderen, dann nimmt sie die Kugel in die Hand – und gibt sie nicht wieder her.

Längst ist sie in ihrer Disziplin ein alter Hase. Zwischen den Versuchen ist sie im Tunnel. Klatscht in die Hände. Wippt auf und ab. Vor dem inneren Auge läuft immer wieder der nächste, der perfekte Versuch ab. Sie reibt mit der linken Hand das rote Band am rechten Handgelenk. Greift nach der Kugel, und geht wieder in den Ring.

Mit 13 Jahren trifft Alina Kenzel Peter Salzer, den baden-württembergischen Landestrainer, der sie bis heute unter seinen Fittichen hat. Schnell stellen sich erste Erfolge ein. Die Athletin des VfL Waiblingen wird Deutsche Meisterin in ihrer Altersklasse, startet bei der Hallen-EM der Aktiven in Belgrad – und setzt sich mit der Goldmedaille bei der U-20-WM in Polen die Krone auf. Fünf- bis sechsmal trainiert die Sportsoldatin inzwischen – ab und an auch gemeinsam mit den früheren Weggefährtinnen vom Handball.

Ihre Eltern bleiben diesem Sport lange treu, auch als sie sich trennen. Papa Adolf spielt noch ein paar Saisons in Waiblingen und Bietigheim, ehe er einige Jahre als Trainer aktiv ist. Die Mama heißt inzwischen Daniela Filip und ist nach ihrer Zeit als Zweitligaspielerin als Frauencoach erfolgreich. Vor zwei Jahren war sie mit dem Oberligateam des HSV Marienberg zu Gast beim Skoda-Cup des SV Allensbach, seit dem vergangenen Sommer sitzt sie beim Drittligisten Frankfurter HC auf der Bank. Und Tochter Alina feiert in den Stadien der Leichtathletikwelt große Erfolge. „Natürlich sind meine Eltern stolz auf das, was ich erreicht habe, aber insgeheim ärgert es beide, glaube ich, schon ein bisschen, dass ich nicht beim Handball geblieben bin“, sagt die Kugelstoßerin, die sich selbst als „ehrgeizig und zielstrebig“ bezeichnet: „Den Perfektionismus habe ich von meinem Papa.“

Alina Kenzel genießt die besondere Stimmung beim Meeting in Biberach, wo es familiär zugeht. Ebenso groß ist aber die Freude auf die Europameisterschaft, bei der sie Anfang August im Berliner Olympiastadion erstmals die ganz große Bühne betreten wird. „Da würde ich supergerne meine persönliche Bestleistung verbessern“, sagt die 1,81-Meter-Athletin bescheiden. Über den Arm, mit dem sie die Kugel so weit stößt wie kaum eine andere, schlängelt sich ein Tattoo mit englischen Worten. Erlebnisse und Emotionen, die ihr Leben geprägt haben. Stolz steht da. Familie, Glück, Liebe und Kampf. Und vielleicht irgendwann auch mal – Gold.