Fußball: Interessante Einblicke in die Welt der oft kritisierten Regelhüter im Profifußball gab der frühere DFB-Spitzenschiedsrichter Herbert Fandel im voll besetzten Vortragssaal der Überlinger Klinik Buchinger Wilhelmi.

Natürlich ist der heiß diskutierte Video-Beweis – hinter dem Fandel eindeutig steht – ein Thema an diesem Abend, ebenso die Problematik mit dem fehlenden Schiedsrichternachwuchs. Doch richtig spannend wird es, als Fandel darauf eingeht, wie man als Unparteiischer mit Fehlern sowie mit dem Druck vor wichtigen Spielen umgeht.

„Ich hatte das Gefühl, völlig versagt zu haben“

Unumwunden gibt er zu, dass der Druck vor wichtigen Spielen, wie etwa dem Champions League-Finale, das er 2007 geleitet hat, immens sei. So etwa nach dem Bundesliga-Gastspiel des SSV Ulm in Rostock, wo er den Ulmern vier Rote Karten zeigte. „Für mich war das kein schöner Abend, aber ich hielt es damals für notwendig, so hart durchzugreifen“, erinnert sich Fandel. „Ich hatte das Gefühl, völlig versagt zu haben und saß heulend in der Kabine. Ich dachte: So einen wie Dich, den kann man doch in der Bundesliga nicht brauchen. Ich bin wie ein geprügelter Hund nach Hause gefahren.“

Immerhin wurden die Entscheidungen, über die breit berichtet wurde, als korrekt eingestuft, auch wenn er heute einräumt: „Danach hatte ich gelernt: Du musst als Dirigent das ganze Orchester mitnehmen und so ist das auch für Schiedsrichter. Hätte ich dieses Spiel zwei bis drei Jahre später bekommen, wäre ich ohne Rote Karte durchgekommen.“

Auch noch gut in Erinnerung ist Fandel das EM-Qualifikationsspiel zwischen Dänemark und Schweden im Jahr 2007. Beim Stand von 0:0 gab er in der Schlussminute einen Strafstoß für Schweden, wurde daraufhin von einem dänischen Fan attackiert und brach das Spiel ab.

„Mit dem Dänemarkspiel konnte ich nur gut umgehen, weil die Entscheidung damals richtig war. Wäre sie falsch gewesen, dann wäre das wohl nicht nur mein letztes Spiel gewesen, sondern ich hätte ein Leben lang mit dieser Schmach leben müssen. Das ist nicht so einfach, wenn sie ihr Leben nach etwas ausrichten, aber auf Grund einer einzigen Situation alles wegwerfen müssen“, so Fandel, der dann aber auch berichtet, wie sich der dänische Trainer Morten Olson – „eine anständige Persönlichkeit!“ – bei ihm für das Fanverhalten entschuldigte.

Rot für Hasan Salihamidzic

Nächster Fall: Rot für Hasan Salihamidzic im Münchner Derby, nachdem dessen Gegenspieler Görlitz zu Boden gegangen war. Aus Fandels Sicht eine klare Sache. Nach dem Abpfiff kam ZDF-Reporter Rolf Töpperwien mit einem Monitor in die Schiedsricher-Kabine, und es war klar zu sehen, dass der Bayern-Spieler mindestens drei Meter Abstand zu seinem Gegner hatte, diesen keineswegs hatte berühren können. „Die Rote Karte war blanker Unsinn. Und dann musste ich vor die Kameras. Ich sagte nur: Ich habe mich vertan.“ Bei den Spielern führte dieses Eingeständnis zu einer verbesserten Akzeptanz, aber auch für seine eigene Entwicklung stuft er dieses Spiel positiv ein: „Top-Niveau kann man nur erreichen, wenn man seine Fehler einsieht.“ Und bei 250 bis 300 Entscheidungen, die im Laufe eines Spieles getroffen werden müssen, seien Fehler durchaus normal und menschlich.

Auch zur Gewinnung von Nachwuchs macht sich Fandel, der vor knapp zehn Jahren seine aktive Laufbahn beendete und heute Bundesliga-Schiedsrichter coacht, seine Gedanken: „Es muss ein Umdenken stattfinden, dass der Schiedsrichter genauso wie die Trainer oder Spieler zu einem Verein dazugehören. Und das ist eben nicht der Trottel, der den Ball keine drei Meter geradeaus spielen kann. Davon spielen schon genug auf dem Feld.“

Das Publikum hatte nach dem 90-minütigen Gespräch, das der Hausherr der Heilfasten-Klinik, Raimund Wilhelmi, gemeinsam mit seinem Sohn Leonard führte, einen besseren Einblick in das Handwerk der Unparteiischen gewonnen. Und den anwesenden Schiedsrichtern hatte Fandel, der am Freitag zudem seinen 54. Geburtstag feierte, sowieso aus der Seele gesprochen.

Die Attacke eines dänischen Fans auf Herbert Fandel im Video:

 

 

Zur Person

Herbert Fandel (54) wurde in Utscheid-Rußdorf geboren. Hauptberuflich ist Fandel Pianist und begann 1979 seine Schiedsrichterkarriere in der Eifel. Bis 2009 leitete er 247 Bundesligaspiele und war auch bei internationalen Spielen im Einsatz. 2009 beendete er seine Schiedsrichterlaufbahn und ist nun Vorsitzender der DFB-Schiedsrichter-Kommission, seit 2011 Mitglied der Schiedsrichterkommission der UEFA.