Handball, 3. Liga: HSG Konstanz – VfL Pfullingen (Samstag, 20 Uhr, Schänzle-Sporthalle). – Zwar mag es verfrüht sein, schon von einem Topspiel zu sprechen, wenn der Tabellensechste den Vierten empfängt, dass die HSG Konstanz am Samstag mit dem Ex-Erstligisten VfL Pfullingen jedoch ein Spitzenteam in der Schänzle-Sporthalle erwartet, darüber sind sich eigentlich alle Experten einig. Besonders groß ist die Vorfreude auf das badisch-schwäbische Kräftemessen bei Simon Tölke, der 20 Jahre beim VfL spielte. Auch Tim Keupp streifte früher das Pfullinger Trikot über, sein gerade verletzter Bruder steht dort noch immer unter Vertrag.

Dass sich sein Heimatverein in den letzten Monaten prächtig entwickelt hat, betont Torwart-Neuzugang Simon Tölke immer wieder. Unter dem neuen Trainer Frederick Griesbach entwickelte sich das Team von Woche zu Woche weiter. Nach dem 32:26-Erfolg der Konstanzer in einem Testspiel in Pfullingen ließen die Schwaben wenig später aufhorchen. In der ersten Runde des DHB-Pokals gelang mit einem 29:28-Sieg gegen Erstligist Ludwigshafen die Überraschung, danach folgten zwei deutliche Siege und die Tabellenführung in der 3. Liga, ehe Pforzheim den Pfullinger Lauf am vergangenen Wochenende unterbrechen konnte.

Nach den großen Zeiten von 2002 bis 2006, als das kleine 18000-Einwohner-Städtchen zur ersten Bundesliga gehörte folgten die Insolvenz und Jahre der Konsolidierung mit guter Jugendarbeit und Etablierung in der 3. Liga. Nun werden die Ansprüche an der Echaz wieder größer, und es wird der Sprung in die Spitzengruppe anvisiert. Zu Recht, wie HSG-Cheftrainer Daniel Eblen findet: „Pfullingen hat eine richtig gute Mannschaft, mit sehr erfahrenen Spielern, aber auch einigen jungen, hochtalentierten. Das ist eine gute Mischung.“ Auch er erwartet Pfullingen in der oberen Tabellenregion. Grundstein dafür ist eine unorthodoxe, teilweise extrem offensive und aggressive Abwehr, die auf Ballgewinne, schnelle Gegenstöße und viele Spielunterbrechungen im Aufbau des Gegners ausgelegt ist.

Eblen: „Pfullingen ist sehr ausgeglichen und stabil“. In Sachen Stabilität ist der HSG Konstanz zuletzt ebenfalls ein deutlicher Schritt nach vorne gelungen, als es in Baden-Baden Mitte der zweiten Halbzeit noch einmal brenzlig zu werden drohte. Ruhig und abgeklärt hatte die HSG hier schnell wieder für Ruhe gesorgt. 23 Gegentore sprechen zudem für einen Schritt nach vorne in der Deckungsarbeit, auch wenn Simon Tölke mit einer starken Leistung seinen Anteil daran hatte. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Eblen, „aber wir können noch aktiver und stabiler spielen. Simon war ein guter Rückhalt, doch den brauchen wir auch.“ Ein Schritt nach dem anderen, lautet die Losung des A-Lizenzinhabers. „Wir wissen, dass es dabei nicht immer nur Schritte nach vorne geben wird.“ Doch die bisherige Entwicklung gibt Anlass zur Hoffnung, dass seine Mannschaft langsam an Stabilität gewinnt und die Rädchen immer besser ineinander greifen.

Ungelegen kommen eine Erkältung von Paul Kaletsch und muskuläre Probleme bei Tom Wolf, die einen Einsatz am Samstag gefährden. Neben dem Tempospiel und der Einstellung auf das ungewohnte Abwehrsystem des Gegners stand zuletzt die Abstimmung in der Kleingruppe im Fokus des 43-Jährigen. „Aber das benötigt Zeit“, erklärt Eblen. Joschua Braun muss in die erst kurz vor Saisonstart nötig gewordene neue Rolle im rechten Rückraum hineinwachsen, dazu kommen viele junge Spieler – und zwei neue Kreisläufer. Dies müsse sich alles erst finden, meint Eblen, sagt aber zugleich: „Die Neuen haben uns gut getan, die Jungs ziehen hervorragend mit.“

"Emotional wird es auf jeden Fall"

Simon Tölke tritt am Samstag mit der HSG Konstanz in der Schänzlehalle gegen seinen Ex-Club VfL Pfullingen an. Ein Gespräch mit dem Torhüter

Herr Tölke, wie fühlt es sich an vor dem Spiel gegen den Ex-Klub, für den Sie 20 Jahre gespielt haben? Kann man dies völlig ausblenden?

Ich kenne es aus dem letzten Jahr, als ich von Pfullingen nach Neuhausen gewechselt bin und dort dann das Nachbarschaftsduell gegen den VfL gespielt habe. Es gibt daher sicher weniger Druck als vergangenes Jahr, emotional wird es gegen viele alte Freunde aber auf jeden Fall. Meine Eltern wohnen beispielweise immer noch in Pfullingen. Während des Spiels ist das tatsächlich völlig ausgeblendet.

Was erwarten Sie vom VfL Pfullingen?

Seit meinem Wechsel hat der VfL große Schritte vorwärts gemacht, mit neuem Trainer und sehr unbequemem Abwehrsystem, das auf Ballgewinne ausgelegt ist. Es ist eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen, talentierten Spielern vorhanden. Der gute Saisonstart ist daher nicht verwunderlich.

Was wird vor allem nötig sein?

Wir müssen im Angriff einen schnellen Ball spielen, Zweikämpfe gewinnen. Die offensive Abwehr verfolgt den Zweck vieler Fouls und Unterbrechungen. Wenn wir unsere Qualität im Angriff einsetzen, sehe ich gute Mittel, dem das passende entgegen zu setzen.

Die HSG Konstanz hatte zuletzt immer wieder Schwächephasen zu überstehen. Woran liegt das?

Uns fehlt die Konstanz über 60 Minuten, unser Spiel durchzudrücken. Das ist nach drei Spieltagen auch wenig verwunderlich. Für die 100-prozentige Abstimmung benötigen wir noch einige Partien. Wir besitzen jedoch individuelle Qualität und eine super Stimmung im Team, um dies auszugleichen, wenn auch noch nicht alles perfekt läuft. Wir sind aber auf einem guten Weg.

Fragen: Andreas Joas