Vor ein paar Tagen hatte der Wahl-Dortmunder Kristof Wilke einen wichtigen Termin in seiner Heimat Radolfzell. Der ehemalige Schlagmann im Deutschland-Achter heiratete am 11. August am Bodensee, mit dabei einstige sportliche Weggefährten, die ihn auf die Bedeutung dieses Datums hinwiesen: Am 11. August 2008, genau zehn Jahre zuvor, war der deutsche Ruder-Achter im Hoffnungslauf bei den Olympischen Spielen in Peking gescheitert.

Ein Tiefpunkt für den Deutschen Ruderverband, denn der Achter war bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften stets Medaillen- und oft Titelanwärter. Mit dabei damals neben Kristof Wilke Schlagmann Andreas Penkner, beide vom RC Undine Radolfzell. „Eine Pleite, die hohe Wellen schlägt“ titelte der SÜDKURIER über das Aus des deutschen Flaggschiffes, andere Zeitungen waren in ihrer Wortwahl härter, von Desaster und Schiffbruch war die Rede. Noch in der Saison zuvor schien das Boot auf Kurs. Bei der WM in München reichte es zur Vizemeisterschaft. 2008 blieben die Erfolge aus, die Besetzung wurde radikal geändert. „Deren Tage waren eben gezählt!“, bewertet Wilke den Umbruch heute, räumt aber ein, dass vom Verband nicht alles optimal gelöst wurde.

Dem damaligen Bundestrainer Christian Viedt blieben nur etwa zwei Monate, um die Crew konkurrenzfähig zu machen. Penkner und Wilke, kurz zuvor noch im Vierer ohne Steuermann erfolgreich, rückten in den Achter auf. Trotz allem unterstreicht Wilke: „Wir waren eine tolle Truppe in Peking und hatten viel Spaß. Außer dem sportlichen Abschneiden war das das Tollste, was ich sportlich bis dahin erlebte.“

Aber das sportliche Abschneiden prägte die Schlagzeilen. Den Vorlauf beendete der Deutschland-Achter als Vierter – von vier Booten. Für Schlagmann Penkner kein Beinbruch: „Der Vorlauf interessiert am Ende niemand mehr“, sagte er danach. Es gab ja noch den Hoffnungslauf, und die guten Trainingsleistungen sorgten für Zuversicht. Dann kam der 11. August: Der Deutschland-Achter hatte eine schlechte Bahn, ging das Rennen aber offensiv an, am Ende gingen die Kräfte aus. Letzter im Hoffnungslauf! Das Aus! Nach der verpassten Olympia-Qualifikation 2000 das tiefste Tief.

Aus der Heimat wurde verbal scharf geschossen, die vor Peking ausgebooteten Ruderer kritisierten heftig. Schon einen Tag später äußerte sich Schlagmann Penkner: „Die Alten wären auf keinen Fall besser gewesen. Die Sache ist doch so: Die haben es im Endeffekt verbockt und dafür gesorgt, dass die Entscheidung so lange hinausgezögert wurde. Dadurch wurde uns die Zeit geklaut.“ Für den Radolfzeller, schon vier Jahre zuvor in Athen mit dabei, war früh klar, dass er nach Peking andere Prioritäten setzen wollte: ein Maschinenbaustudium in Aachen.

Anders bei Kristof Wilke: „Mir war schnell klar, dass es das nicht gewesen sein konnte, dass ich mehr kann.“ Auch beim Verband reagierte man, holte Erfolgscoach Ralf Holtmeyer zurück, auch wenn dessen Methoden nicht unumstritten waren. Setzte der gescheiterte Viedt auf Wir-Gefühl, war Holtmeyer fast schon der Gegenentwurf. „Harmonie und Erfolg vertragen sich nicht!“ Und Wilke stellte sich der neuen Herausforderung – mit Erfolg.

„Seine große Schraube war das Leistungsprinzip, das hat uns nach vorne gepeitscht. Nach jeder WM wurden die Uhren auf Null gestellt!“, sagt Wilke und bestätigt den Ansatz von Holtmeyer: „Das Leistungsprinzip sollte absolute Priorität haben!“ Wilke zog vom Bodensee nach Dortmund, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden und ideale Trainingsbedingungen zu haben. „Das Training dort war nahezu täglich Wettkampf – das habe ich genossen!“, so der Radolfzeller, der nach und nach die Rolle als Schlagmann von Penkner übernahm.

Mit neuem Trainer, neuem Steuermann, aber auch einer erneut umgekrempelten Crew ging es 2009 weiter – Weltmeister in Polen, auch bei der EM 2010 und der WM 2010 und 2011 ging der Titel an Deutschland. Stets hatte Wilke seinen Platz im Boot.

Dann Olympia 2012 in London. Der Deutschland-Achter hatte seit Peking alle 36 Rennen gewonnen, führte im Finallauf. Nach 1500 von 2000 Metern sah es so aus, als ließe die Kraft nach, als könne Großbritannien vorbeiziehen. „Auf den letzten 500 Metern haben wir uns heißgemacht und alles rausgehauen!“, so Wilke – mit Erfolg: Gold! „Es waren vier Jahre, in denen wir alles für den Sport getan haben“, fasst er zusammen.

Verletzungsbedingt beendete Penkner 2015 seine Karriere. Heute ist er Sport- und Biologielehrer in Dortmund. Abergläubisch ist er übrigens nicht. Der 11. August, sein Hochzeitstag, ist für ihn kein schlechtes Omen. Und rückblickend sieht er im Scheitern 2008 auch einen Wegbereiter für den späteren Erfolg: „Das in Peking Erlebte hat uns zusammengeschweißt!“