Samstag, 20 Uhr. Wenn am Ende des Seerheins über der Höri die Sonne untergeht, wird es regelmäßig höllisch ungemütlich im Konstanzer Paradies. Wenn die Handballer der HSG in der 2. Bundesliga antreten, dann wird die Schänzlehalle zur Schänzlehölle.

„Die Atmosphäre bei unseren Heimspielen ist schon was Besonderes“, sagt Trainer Daniel Eblen, für dessen Team regelmäßig mehr als 1000 Fans brennen.
 

 

Damit das Feuer auf die große Masse überspringt, braucht es einen kleinen Funken. Für die tolle Stimmung sorgt zunächst der harte Kern der beiden Fanclubs Baden Trollz und Null Problemos – und der Mann mit den zündenden Ideen heißt Christian Riether.

Der Mitbegründer der Trollz ist der Einheizer in Block A – und seinen Spitznamen Crisu hat er während seiner Ausbildung mit dem Schweißgerät bekommen. Das ist lange her, aber freilich passt das Bild vom kleinen Drachen „Grisu“ immer noch – nun sorgt er eben bei den Heimspielen der HSG Konstanz in der Schänzlehölle fürs nötige Feuer.

Im Derby gegen Balingen-Weilstetten heizt "Crisu" den Support an

„Mein Papa hat mich schon vor mehr als 20 Jahren in die Rheinguthalle geschleppt“, sagt der heute 38-Jährige, „und in der ersten Zweitligazeit der HSG haben wir uns 2001 dazu entschlossen, den Fanclub zu gründen.“ Von den ursprünglich vier Fan-Pionieren der Trollz ist nur noch er in der aktiven Szene übrig – und natürlich heizt der Handwerksmeister auch im Derby gegen HBW Balingen-Weilstetten unter den 1700 Zuschauern den Support an. 
 

 

Zum ersten Mal kribbelt es beim Einlauf der Mannschaft. Wenn die Fans die Namen rufen, die neun Trommler sich einstimmen, die roten Gashupen dafür sorgen, dass etliche Zuschauer in der Peripherie der Handball-Ultras Stöpsel in den Ohren haben – und einige etwas eigenwillige Fahnen geschwenkt werden. „Wir müssen immer auf das Budget achten und oft improvisieren“, sagt Riether und zeigt grinsend auf die ukrainischen Flaggen im Fanblock.

Die sind zwar nicht ganz im HSG-Blau gehalten, waren aber günstig zu kriegen. „Wir finanzieren uns nur durch den Verkauf der Schals bei den Heimspielen“, erklärt Riether, der über Ostern mit sieben Mitstreitern die Mannschaft in Wilhelmshaven unterstützte, wo sie für 20 Euro in der Jugendherberge übernachteten. „Wenn man sieht, was unsere Fans auf sich nehmen, dann ist das eine Art von Wertschätzung, die wir zu schätzen wissen und die uns stolz macht“, sagt HSG-Trainer Eblen, „das zeigt, dass wir eine Familie sind.“ 

611 Tore hat Mathias Riedel bis jetzt für die HSG Konstanz erzielt. Künftig spielt er neben seiner Ausbildung beim Zoll für die HSG Freiburg. <em>Archivbild: Peter Pisa</em>
611 Tore hat Mathias Riedel bis jetzt für die HSG Konstanz erzielt. Künftig spielt er neben seiner Ausbildung beim Zoll für die HSG Freiburg. Archivbild: Peter Pisa | Bild: Peter Pisa

So sehen sich die aktiven Unterstützter selbst auch. Peter, Karl-Heinz, Stefan, Daniel, Jessica, Michael und Bernd, der am Morgen noch beruflich in Essen war, aber alles getan hat, um pünktlich zum Anpfiff in der Halle zu sein, und wie sie alle heißen. „Ich habe privat andere Freunde, aber beim Handball sind wir eine Familie und alle fühlen sich wohl untereinander“, schwärmt Christian Riether vom großen Zusammengehörigkeitsgefühl im Block.

Natürlich schimpfen sie auch in den emotionalen Phasen einer Partie, schließlich ist die HSG Konstanz ihre große Leidenschaft. Sie ärgern sich über Fehlpässe der Spieler und Fehlentscheidungen der Schiedsrichter. „Hebet’se, packet’se“, schreien sie, wenn die HSG in der Defensive ist, vorne feiern sie jede gelungene Aktion. Und wenn es mal ganz kurz ruhig wird in der Halle, dann feuert Crisu die Seinen an: „Auf geht’s, weiter! Auf geht’s!“ Dann klatscht und singt zuerst der Fanblock, und dann die Mehrzahl der anderen Zuschauer auch.
 

 

„Es ist schon was Besonderes, wenn die ganze Halle tobt oder und uns bei knappen Spielen in den Gegenstößen unterstützt. Das gibt Sicherheit“, sagt Trainer Daniel Eblen. Beispielhaft dafür ist die heiße Phase kurz vor der Pause, als die Emotionen hochkochen – auf dem Feld und unter den Fans auch.

In den Anfangsjahren hatten sie noch Zettel ausgehängt, um über ihre Aktivitäten zu informieren. „Heute stelle ich meine Handynummer ins Internet“, sagt Riether, „und dann ruft mich eine Argentinierin auf Englisch an, die unbedingt einen Fanschal kaufen will. Weil es dringend war, haben wir uns am nächsten Tag, wenige Stunden vor ihrem Heimflug, zur Übergabe getroffen.“

"Ich kann auch mit Niederlagen umgehen"

Das Derby zwischen der HSG und dem Erstligaabsteiger aus Balingen-Weilstetten bleibt lange spannend. Unten kämpfen die sechs Spieler um jeden Meter, von den Rängen treibt sie der siebte Mann an. Die Fans wollen das Team mal wieder zu einer Überraschung gegen einen Favoriten tragen – auch wenn ihr Taktgeber bei allem Herzblut die Sache realistisch betrachtet. „Ich freue mich über jeden Sieg, weiß aber auch, dass das bei unserem Etat nicht selbstverständlich ist. Egal, wie sehr mein Herz an dem Verein hängt, ich kann auch mit Niederlagen umgehen. Wenn ich die Halle verlasse, ist alles vergessen“, sagt Riether.

Bis das Spiel abgepfiffen ist, gibt er jedoch immer alles. Die Gruppe in Blau und Gelb feuert ihre Mannschaft auch dann noch an, als die Partie längst verloren ist. „In anderen Hallen wird das Publikum oft schnell unruhig“, sagt Daniel Eblen. Nicht so am Schänzle, wo sie ihre HSG bedingungslos unterstützen und selbst in Niederlagen das Positive erkennen.

„Heute war die Stimmung überragend. Und das Schöne ist: Die anderen haben auch verloren“, krächzt Fananführer Riether, dessen Kollegen sich schon lange nicht mehr wundern, warum er montags bei der Arbeit immer heiser ist. Crisu ist eben Feuer und Flamme für sein Team, auch wenn der kleine Drache, dem er seinen Namen zu verdanken hat, ja eigentlich Feuerwehrmann werden wollte.