Vielleicht wäre Christian Seifert dieser Tage einfach froh, wenn er auch nur einer dieser Pappkameraden wäre, die bereits als Kulisse im Borussia-Park stehen. Der Geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Fußball-Liga (DFL) hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass in seinen Jugendzeiten die Vorliebe eben jener Borussia aus Mönchengladbach galt, deren Fanprojekt die findige Idee hatte, Pappfiguren anzufertigen, die für die vielleicht schon bald beginnenden Geisterspielen eine Art virtuelle Rückendeckung geben. Seifert wäre dann einfach nur ein Fan von vielen, der mit seinem Doppelgänger in der Nordkurve darauf wartet, dass es vielleicht schon am 9. Mai wieder losgeht.

Christian Seifert
Christian Seifert | Bild: dpa

Aber so einfach ist es im echten Leben des DFL-Chefs ja nicht: Der 50-Jährige zermartert sich seit einem Monat den Kopf darüber, wie seine Institution die dringend nötige Akzeptanz herstellt, dass der Ball rollen darf. Nicht nur bei seinem Lieblingsverein am Niederrhein. Entscheidende Weichen werden bei der heutigen Mitgliederversammlung gestellt. Seifert scheint diesmal innerhalb der 36 Lizenzvereine vermutlich weit weniger Überzeugungsarbeit leisten zu müssen als auf politischer Ebene, wo der gerne vorpreschende bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gesagt hat, er könne sich vorstellen, „dass wir uns von Spieltag zu Spieltag entwickeln“.

Das wichtige TV-Geld

Aber hangelt sich ein Profibetrieb, der ohne die Corona-Krise in dieser Saison die Fünf-Milliarden-Schallmauer beim Umsatz gebrochen hätte, nicht ohnehin immer nur über kurze Perioden? Nachhaltig ist das Geschäft nicht angelegt, sonst wäre der wirtschaftliche Druck nicht so immens.

Es geht um die Existenz

An vielen Standorten wird händeringend die letzte Rate der Medienerlöse erwartet, ohne die die ersten Insolvenzen folgen würden – drei davon bis Juni im Oberhaus. Das DFL-Präsidium hat daher festgehalten: „Spieler ohne Zuschauer möchte niemand. Sie sind derzeit für einige Klubs die einzige Möglichkeit, die wirtschaftliche Existenz auch als Arbeitgeber zu sichern.“ Ergo geht es darum, Geisterspiele auszutragen, um Geld einzuspielen. Immerhin hat die Liga jetzt in ihrer Stellungnahme festgehalten, „dass „künftig Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit zu den entscheidenden Werten gehören müssen“.

Task Force stellt Konzept auf

Zuerst soll im ersten Schritt ein Mannschaftstraining starten, dem im zweiten die Saisonfortsetzung folgt. Ob das wirklich am 9. Mai passiert, ist längst noch nicht abgesegnet. Gegenwind kommt aus vielen gesellschaftlichen Ecken, aber auch von denjenigen, für die Fußball ein Stück Lebenswirklichkeit bildet: von diversen Fanorganisationen, die teils sehr dezidierte Kritik am Gesamtkonstrukt angebracht haben.

Angesprochen sind damit vor allem die Vereine, für die die DFL als Dachorganisation jetzt das Beste versucht: Das von der „Task Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb“ unter Leitung von Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer erarbeitete Papier stellt das Herzstück dar, damit die Mitte März unterbrochene Saison unter neuen Rahmenbedingungen zu Ende gespielt wird.

Vorschläge bereits öffentlich

Mittlerweile ist das gesamte Konzept, datiert auf den 15. April, öffentlich geworden. Allein die Wiederaufnahme des Mannschaftstrainings umfasst 31 Punkte. Im 41-seitigen Maßnahmenkatalog enthalten sind Selbstverständlichkeiten wie Händedesinfektion, aber auch die Empfehlung, dass es für die Spieler sinnvoll ist, sich zuhause zu duschen. Auch die Wäsche und Schuhe sollen selber gereinigt werden, um den Zeugwart zu schützen. Das vierköpfige Fachgremium hielt außerdem fest, Ziel könne nicht sein, „hundertprozentige Sicherheit für alle Beteiligten zu garantieren.“

Denn die gibt es auch in einer Art virenfreien Sonderzone nicht, wenn immer noch weit mehr als 200 Personen an einem Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit beteiligt sind, auch wenn diese auf drei Zonen verteilt werden. Übergeordnete Vorgabe ist, dass so wenige Personen wie möglich an die Spielstätten kommen. Beispielsweise stehen am Spielfeldrand nur vier statt sonst zwölf Balljungen.

Hygiene-Vorgaben und Tests

Von „strengen Hygiene-Vorgaben, erforderlichen Testungen und permanentem Monitoring“ spricht die DFL. Angeblich gehe es an den Fakten vorbei, „wenn unterstellt wird, dass eine mögliche engmaschige Testung eine Unterversorgung der Bevölkerung verursache“. Die „Akkreditierten Labore in der Medizin“ (ALM) hätten mittlerweile 640 000 Tests pro Woche zur Verfügung. 20 000 Tests benötigt bis zum Saisonende der Profifußball.

Infizierte nicht automatisch an die Presse melden

Heikel erscheint der Punkt, wie bei einer positiv getesteten Person vorgegangen werden soll. In diesem Fall soll es um „die Beruhigung und Aufklärung über den Sachverhalt (keine Panik, strategische Ausrichtung des Teams, Kontrolle der Hygienemaßnahmen etc.)“ gehen. Die Vereine sollen positive Fälle nicht automatisch der Presse melden. In Punkt 26 heißt es: „Anonyme Meldungen der Infizierten ausschließlich an DFL/Prof. Meyer.

Das mag zum Schutz der Privatsphäre verständlich sein, klingt aber trotzdem nach einem fragwürdigen Versteckspiel, denn den Klubs wird zugleich empfohlen, „frühzeitig für einen ausreichend großen Kader im Saisonfinale zu sorgen“. Offenbar sollen auch mehrere Corona-Fälle nicht den Spielbetrieb lahmlegen. DFL-Boss Seifert weiß, dass ihn einige unangenehme Fragen erwarten.