Lieber Herr Löw, diese Zeilen zu schreiben, ist wirklich nicht einfach. Erinnert mich an die Zeit meiner frühen Teenager-Jahre, als ich merkte, dass Stefanie und ich doch nicht zusammenpassten. Stefanie hieß natürlich anders, aber ihren echten Namen möchte ich an dieser Stelle für mich behalten. Wir hatten eine tolle Zeit. Gut, tatsächlich waren es nur zwei Wochen, dann ließ die gegenseitige Zuneigung nach. Damals wie heute schrieb ich einen Brief, dessen Wortlaut irgendwie ähnlich klingt: Du bist toll, Mensch was haben wir zusammen erlebt, war echt super, aber ich brauche etwas mehr Zeit für mich, nein, ich habe niemand anderen, es liegt nicht an Dir, nur ich bin schuld. Ja, Sie merken es, zu Beginn war ich ehrlich, danach wusste ich mir nur noch mit Lügen zu helfen.

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Werden wir also persönlich, werden wir ehrlich. Der Jogi bekommt, was der Stefanie verwehrt blieb.

Es ist aus. Und die ganze Plüsch-Einleitung spare ich mir jetzt. Sie wissen selbst, dass Sie uns allen wahnsinnige Momente beschert haben. Aber ich glaube nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft, in der wir alle glücklich sein können. Und nein, die Schuld daran trage doch nicht ich, wobei ich an dieser Stelle ja sowieso nur stellvertretend für 80 Millionen Hobby-Bundestrainer stehe. Und dass es so weit kommen musste, das laste ich Ihnen an. Warum sind Sie nicht nach dem WM-Titel in Brasilien zurückgetreten? So macht man das doch! Sie standen auf der Heldenstufe ganz oben, mein Teenager-Ich hätte sie noch vor Ich-mache-aus-einem-Taschenrechner-eine-Bombe-MacGyver und der äußerst adretten Erika Eleniak aus der Baywatch-Serie eingeordnet. Ab in den Ruhestand, bei jeder Niederlage hätte es geheißen: Mit dem Jogi wäre das nicht passiert. Aber Sie mussten ja weitermachen.

Ich weiß, dass Ihr Job schwer ist. Zumal in diesen besonderen Zeiten. Scheiß Corona! Fußball ohne Fans und zu viele Menschen, deren Testergebnis positiver als ihre Einstellung ist.

Das tat richtig weh

Reden wir über das Hier und Jetzt. 0:6 gegen Spanien, das tat richtig weh. Ich konnte kaum zuschauen. Kann mich auch nicht erinnern, jemals eine so harmlos agierende Nationalelf gesehen zu haben. War ja noch schlimmer als bei der WM in Russland.

Ich an ihrer Stelle wäre mächtig sauer auf die Jungs

Die haben sie hängen lassen. Und ich würde mich fragen, ob ich mir das wirklich weiter antun möchte. Was, wenn die beim nächsten Mal wieder keine Lust haben zum Laufen, Kämpfen, gegenseitigen Anfeuern? Ich habe den Eindruck, dass da einiges nicht mehr passt im Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer. Und überhaupt: Glauben Sie so eigentlich selbst noch an eine Chance auf den EM-Titel? Den müssten Sie schon gewinnen, um im Amt zu bleiben. Ansonsten ist im Sommer Schluss, denn Sie werden gemessen an alten Erfolgen, wenngleich diese Mannschaft nicht die Qualität derer aus vergangenen Jahren hat. Eine schnelle Trennung wäre meiner Meinung nach daher die beste Lösung. Auch wenn es unglaublich schwer fallen mag.

So oder so, ich wünsche Ihnen einen Abschied in Würde, ohne Pfiffe, ohne Gehässigkeiten. Den haben sie sich verdient. Beste Grüße, ihr

Dirk Salzmann
Sport-Redaktion

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