Die Nockenschuhe Copa Mundial schnürt Jürgen Klinsmann auch 30 Jahre danach noch, wenn er mit seinen Mitstreitern von einst ab und an zu einem Senioren-Match aufläuft. Sein Trikot, das der Stürmer am 8. Juli 1990 beim deutschen 1:0-Endspiel-Triumph in Rom getragen hatte, ist verschollen. Aber die Erinnerung lebt natürlich.

Andreas Brehme (von links), Pierre Littbarski, Jürgen Klinsmann, Bodo Illgner und Jürgen Kohler (beide im Hintergrund), Rudi Völler, Thomas Häßler, Guido Buchwald und Thomas Berthold jubelnd im Olympiastadion von Rom.
Andreas Brehme (von links), Pierre Littbarski, Jürgen Klinsmann, Bodo Illgner und Jürgen Kohler (beide im Hintergrund), Rudi Völler, Thomas Häßler, Guido Buchwald und Thomas Berthold jubelnd im Olympiastadion von Rom. | Bild: dpa

„Wir hatten einen extremen Hunger auf Erfolg, fast schon über der Grenze des Vorstellbaren“, sagte Klinsmann im Interview zur Goldenen Fußballer-Generation mit Sturmpartner Rudi Völler, dem Finaltorschützen Andreas Brehme, Antreiber Lothar Matthäus, den Dribblern Thomas „Icke“ Häßler und Pierre Littbarski, den knallharten Verteidigern Guido Buchwald und Jürgen Kohler. „Unser Fokus lag voll und ganz auf Gewinnen, egal wie!“

Andreas Brehme wie im Rausch: Gerade hat er das 1:0 per Elfmeter erzielt.
Andreas Brehme wie im Rausch: Gerade hat er das 1:0 per Elfmeter erzielt. | Bild: dpa

Mit dieser Einstellung bezwang Deutschland gleich zum Auftakt Jugoslawien 4:1, rang im Achtelfinale nach der Spuckattacke von Frank Rijkaard und Rot auch für den getroffenen Völler die Niederlande 2:1 nieder, bezwang die Engländer im Halbfinale vom Elfmeterpunkt. Und ließ dann Argentinien mit dem großen Diego Maradona keine Chance. „Vor dem Endspiel habe ich einfach in der Kabine auf Franz Beckenbauer gestarrt und mir gesagt, ‚der Franz hat das alles schon erlebt und ist so souverän. Alles wird gut und wir gewinnen das Ding‘. Seine Gelassenheit und Ausstrahlung hat uns unendlich viel Selbstvertrauen gegeben“, berichtete Klinsmann über den „Kaiser“, den damaligen Teamchef, als einen der Schlüssel zum Erfolg.

Teamchef Franz Beckenbauer (links) freut sich mit Spieler Jürgen Kohler über den Titel.
Teamchef Franz Beckenbauer (links) freut sich mit Spieler Jürgen Kohler über den Titel. | Bild: Witters

„Alle Deutschen stammen aus derselben Fabrik, vermutlich einem Stahlwerk“, sagte der einstige argentinische Weltmeister-Trainer Cesar Luis Menotti (1978) zum DFB-Team, dem die Revanche für die WM-Finalniederlage 1986 gegen seine Landsleute gelang. Andreas Brehme schilderte die wichtigste Szene seiner Karriere so: „Rudi Völler ist noch zu mir gekommen und hat gesagt: ‚So, den machst du jetzt rein, dann sind wir Weltmeister.‘ ‚Na, schönen Dank‘, antwortete ich.“ Brehme behielt tatsächlich die Ruhe und traf kurz vor Spielende per Elfmeter zum 1:0.

Jürgen Klinsmann sieht den Knackpunkt des 1990er-Turniers schon in „Matthäus‘ Super-Tor“ im ersten Spiel. Auch weil sich die beiden exzentrischen Profis, die sicher keine Freunde waren, in Italien zusammenrauften, gelang der ganz große Wurf. Für viele Experten und Ex-Kollegen hat Klinsmann gegen die Oranjes das Spiel seines Lebens gemacht. „Es war mit Sicherheit sein bestes Länderspiel“, bemerkte der eisenharte Verteidiger Kohler und wundert sich noch immer über die Rote Karte für Völler im emotionalen Achtelfinale: „Was der Rudi verbrochen haben soll, habe ich bis heute nicht entdeckt.“

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1990 wurde für Schwarz-Rot-Gold zu einem wie in der WM-Hymne von Edoardo Bennato und Gianna Nannini besungenen wundervollen italienischen Sommer („Un‘estate italiana“). Auch weil ein halbes Jahr zuvor der Eiserne Vorhang aufgegangen war. „Wir fühlten uns schon ein Stück weit verantwortlich für Gesamt-Deutschland“, berichtete Klinsmann drei Jahrzehnte danach. Tausende Fans aus der damals noch existierenden DDR strömten über den Brenner. „Genau zum Zeitpunkt als die Mauer fiel, hatten wir ja das entscheidende Qualifikationsspiel gegen Wales in Köln, wo uns ‚Icke‘ Häßler mit seinem Treffer zum 2:1 erlöst hat. Von dem Tag an war es die Gesamt-Deutsche-WM für alle!“, sagte der heutige Wahl-Amerikaner Klinsmann: „Ein tolles Gefühl und wir hatten ja dann zudem lauter Heimspiele im San-Siro-Stadion in Mailand.“

Argentiniens Kapitän und Starspieler Diego Maradona weint Tränen der Enttäuschung.
Argentiniens Kapitän und Starspieler Diego Maradona weint Tränen der Enttäuschung. | Bild: Witters

Den riesigen Erfolgshunger nach dem Titelgewinn beizubehalten, „war leider nicht mehr möglich“, so Klinsmann. Auch wenn Beckenbauer nach dem Finale verkündet hatte: „Wir sind jetzt schon die Nummer eins der Welt. Wir werden über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein. Das tut mir leid für den Rest der Welt.“ Erst nach den Enttäuschungen bei der EM 1992 und der WM 1994 gab es für Klinsmann und Co. mit dem EM-Titel 1996 unter Trainer Berti Vogts den nächsten großen Triumph.

Hoch damit: Lothar Matthäus streckt den WM-Pokal in den Nachthimmel von Rom.
Hoch damit: Lothar Matthäus streckt den WM-Pokal in den Nachthimmel von Rom. | Bild: dpa