Eigentlich ist in der Bundesliga alles wie immer – und irgendwie auch nicht. Zwar wurde wieder der FC Bayern München Deutscher Meister und konnte erneut von Borussia Dortmund nicht gestoppt werden – wie auch die vergangenen sieben Jahre zuvor –, doch war die Spielzeit wegen der Coronavirus-Pandemie alles andere als normal. Das Virus hat – und da ist die Bundesliga kein Einzelfall – gezeigt, wie fragil und wie aufgebläht das System Profifußball wirklich ist.

Schmerzen in der Fußball-Romantiker-Seele

Fairerweise mag man zugeben, dass das keine neue Erkenntnis ist. Großinvestoren, die ganze Clubs einkaufen – wie zum Beispiel in der englischen Premier League – , sowie Summen jenseits von Gut und Böse auf dem Transfermarkt haben schon lange dem geneigten Fan in der Fußball-Romantiker-Seele wehgetan. Doch wie nie zuvor zeigte die Corona-Krise diese Missstände auf.

Unverfrorene Aktion auf Schalke

Die so liquide wirkenden Vereine drohten auf einmal, mit leeren Taschen dazustehen, und mussten wie Bittsteller gegenüber den das Geld gebenden Medienpartnern und sogar den Fans auftreten. Anhänger von Schalke 04 bekamen dies schonungslos zu spüren. Der Verein wollte sich um die Rückerstattung von bereits gekauften, angesichts der Geisterspiele aber wertlosen Tickets drücken. Die Fans sollten tatsächlich ihre Bedürftigkeit nachweisen – ein Akt unglaublicher Unverfrorenheit.

Keine Rücklagen für Krisenzeiten

So stellt sich die nackte Angst ums Überleben dar, weil die mit Millionen an Euros jonglierenden Vereine schlicht keine Rücklagen für Krisenzeiten haben. Vielerorts hatte man sogar die noch nicht ausgezahlten TV-Gelder im Voraus verplant. Kein Wunder, dass die Verantwortlichen das kalte Grauen packte, als dieser Geldfluss zu platzen drohte. Das 750-Millionen-Euro-Loch, das hätte entstehen können, hätte viele Vereine in die Knie gezwungen.

Abflauendes Interesse

Grund genug also, mit einem strengen Hygiene-Konzept die Saison unter allen Umständen zu Ende zu bringen, damit die Gelder doch noch fließen. Das ist zwar nach Ende dieses Wochenendes gelungen, doch die Restspielzeit mit leeren Stadien verzeichnete nach anfänglichen Rekordquoten eher ein abflauendes Interesse. Verständlich, war die Fortsetzung der Saison doch hauptsächlich dazu da, ein kurz vor dem Kollaps stehendes System am Leben zu erhalten, denn aus sportlicher Sicht einen Meister zu finden.

Fehlende Fans machen den Fußball unattraktiver

Die Lust am Fußball ist bei den Geisterspielen auf der Strecke geblieben, auch die Fairness im Wettbewerb darf nachträglich kritisch gesehen werden. Heimsiege etwa waren ohne Zuschauer deutlich geringer, statt 43,3 Prozent gab es nach dem Re-Start nur noch 23,7 Prozent davon. Die Erkenntnis: Fehlende Fans machen den Fußball unattraktiver. Die bestehende Kluft zwischen Fußballfreunden und der Bundesliga wurde durch leere Stadien fast gar symbolisch zur Schau gestellt.

Wie geht es weiter?

Das Schreckgespenst einer Geistersaison hofft die Deutsche Fußball-Liga in der neuen Saison zwar mit etwas Glück schon wieder vertreiben zu können, wenn tatsächlich wieder Zuschauer nach und nach in die Stadien dürfen. Doch wie geht es dann weiter? Ob Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge oder BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: Sie alle forderten zu Beginn der Corona-Krise ein Umdenken, mehr Besinnung bei Transfers, mehr nachhaltiges Wirtschaften. Es waren die Worte von Verantwortlichen, die in Zeiten größter Not um Verständnis gebeten und dafür Besserung gelobt haben.

Eine neue Demut?

Inwieweit wirklich Demut in der Saison 2020/2021 ankommen wird, bleibt äußerst fraglich. Es wird sich spätestens dann zeigen, wenn der Transfermarkt wieder ins Rollen kommt. Statt in die alte Normalität zurückzukehren, über die sich die Fans schon vor der Coronavirus-Pandemie beklagten und das jetzt gerade ein weiteres Mal vehement getan haben, sollte man die Geisterzeit als Chance sehen, um wirklich etwas zu verändern. Auch für den Fall, dass wieder eine Krise vor der Türe steht. Frei nach Herbert Grönemeyers WM-Song von 2006: Es wird Zeit, dass sich was dreht.