Ein Kardiologe hätte Jörg in den vergangenen zwei Wochen doppelt abrechnen können. Ein Heidenheimer, der aus Hamburg stammt – da schlugen zwei Herzen in einer Brust, die beide eigentlich ärztlichen Beistand verdient gehabt hätten. Jörg ist mein Schwager, ein Pfundskerl, Parkettlegermeister, 62 Jahre alt, und wenn seine Frau Claudia ihn ließe, würde wahrscheinlich eine Raute die Bettwäsche zieren, denn seine ersten zehn Lebensjahre verbrachte er in Hamburg. Wie alle Kinder wollte er natürlich „Uns Uwe“ sein, wenn er auf der Straße mit den Nachbarjungen Fußball spielte, in jenen Tagen als HSV-Idol Seeler der Stadt im Norden ihre fußballerisch beste Zeit bescherte.

HSV-Legende Uwe Seeler
HSV-Legende Uwe Seeler | Bild: Axel Heimken/dpa

Lange ist das her, Jörg zog mit seiner Familie bald darauf um nach Wutöschingen am Hochrhein. Dass der HSV einst ein Meisterkandidat in der Bundesliga war, das liest sich heute ähnlich wie Schalker Titelträume. Witze fangen so an. Oder eben eine Geschichtsstunde.

Elbe gegen Brenz eingetauscht

Sonntagabend, Anruf in Gerstetten, einer kleinen Gemeinde unweit von Heidenheim. „Jörg, wie geht es Dir?“ Ein kurzes Zögern, so als ob er die Frage nicht verstehe. „Gut“. Mehr nicht. Kein Wort zum HSV, der vergangene Woche bereits in Heidenheim verloren hatte, am Sonntag dann durch ein 1:5 gegen Sandhausen endgültig die Chance auf eine Rückkehr in die Bundesliga verspielte. Norddeutsch kurz angebunden? Ach was, wer seit 1977 der Liebe seines Lebens wegen die Elbe gegen die Brenz eingetauscht hat, Altona gegen die Alb, der hat längst die schwäbischen Gebräuche und Verhaltensmuster angenommen. Und dass sein 1. FC Heidenheim nun da steht, wo er seine Hamburger wähnte, ist zumindest etwas Trost, wenngleich der am letzten Spieltag ebenso eine Niederlage einstecken musste. Außerdem ist Jörg ein Sportsmann, ein Gentleman. Einer, der ins Stadion geht, um Fußball zu schauen, der gegnerischen Fans gratuliert, wenn ihr Team besser gespielt und obendrein gewonnen hat.

Enttäuschung pur: Nach der abermals verpassten Rückkehr in die Fußball-Bundesliga ist der Hamburger SV – hier der Spieler David Kinsombi – am Boden zerstört.
Enttäuschung pur: Nach der abermals verpassten Rückkehr in die Fußball-Bundesliga ist der Hamburger SV – hier der Spieler David Kinsombi – am Boden zerstört. | Bild: Christian Charisius/dpa

Es geht daher in den kommenden Minuten weniger um den HSV, als um Heidenheim, das in den kommenden Tagen vor den Relegationsspielen gegen Werder Bremen bundesweit in den Fokus rücken wird, das aber für die meisten Fußballfans noch immer eine „Terra incognita“, ein weißer Flecken auf der Landkarte ist.

HDH: Hinter den Hügeln?

Man muss Heidenheim nicht kennen – auch wenn meine Frau anderer Meinung ist. Das Autokennzeichen „HDH“ wird spöttisch als Abkürzung für „Hinter den Hügeln“ bezeichnet. Allenfalls traurige Berühmtheit erlangte die Stadt wegen Verbrechen der „Black Jackets“, einer Gang aus der Rocker-Subkultur, die hier 1985 gegründet wurde. Oder durch den bis heute ungelösten Mordfall an Maria Bögerl im Mai 2010. Touristisches Highlight ist Schloss Hellenstein, gegenüber steht ein Kongresszentrum, in dem heute meist die Gegner des 1. FC Heidenheim gastieren.

Hat gut lachen: Heidenheims Trainer Frank Schmidt freut sich auf die Relegation und die Chance auf den Bundesliga-Aufstieg.
Hat gut lachen: Heidenheims Trainer Frank Schmidt freut sich auf die Relegation und die Chance auf den Bundesliga-Aufstieg. | Bild: Tom Weller/dpa

„So richtig kann man das hier noch gar nicht begreifen, was gerade passiert“, weiß Jörg zu berichten. „Bundesliga? Das war nie ein Ziel, davon haben die Fans noch nicht einmal geträumt.“ Der Klassenerhalt in der 2. Liga war in den vergangenen Jahren zwar nie in Gefahr, aber für einen Spitzenplatz reichte es halt auch nie ganz.

2007 machten sich die Fußballer, die zuvor zum Heidenheimer SB gehörten, erst selbstständig. In der Oberliga spielte der Club damals, sechs Jahre später, als Jörg sich erstmals eine Dauerkarte kaufte, war der Club bereits in die 3. Liga aufgestiegen.

Als Heidenheim noch gegen Konstanz kickte

Ein Fußballmärchen. Zum Vergleich: Konstanz hat beinahe doppelt so viele Einwohner wie Heidenheim mit seinen 50.000 Seelen, die beste Mannschaft aus der Stadt am Bodensee, die Spielgemeinschaft aus den Vororten Dettingen und Dingelsdorf, spielt aber in der Landesliga, ist somit nicht erst- oder zweit-, sondern lediglich siebtklassig. Und alt genuge Fußball-Nostalgiker am Bodensee werden erzählen, dass damals, in der ersten Saison überhaupt der Oberliga Baden-Württemberg, die DJK Konstanz 6:1 gegen den Heidenheimer SB gewann. Es war einmal, heute kicken die DJKler in der Kreisliga B.

Die Gründe für den fußballerischen Aufschwung auf der Ostalb, wo wegen der kalten Winter in den meisten Garagen noch Schneefräsen stehen, sind vielfältig. Der Club hat es verstanden, die beiden großen Unternehmen vor Ort für sich zu gewinnen. Schließlich hat so gut wie jede Familie hier ein Mitglied, das bei Maschinenbauer Voith oder Pharmakonzern Hartmann arbeitet. Die eine Firma hält entsprechend die Namensrechte am Stadion, mit dem Schriftzug der anderen werden Heidenheimer Trikots beflockt.

Marc Schnatterer: der Mann im Fokus und die Identifikationsfigur schlechthin

Sportlich geprägt wird die Erfolgsstory vor allem von zwei Namen: Starspieler Marc Schnatterer, inzwischen mit 34 Jahren über den Zenit seiner Karriere hinaus, hat für den Club 363 Spiele bestritten und dabei 107 Tore erzielt. Trainer Frank Schmidt war als Spieler dabei, als die Heidenheimer noch zum Amateursport gerechnet wurden, und ist seit 2007 der Trainer der heutigen Relegations-Außenseiter. „Schmidt wurde übrigens 200 Meter vom Stadion entfernt im Heidenheimer Krankenhaus geboren“, weiß Jörg. Mehr Identifikationsfigur geht nicht. Mehr Außenseiter in der Relegation aber auch nicht.

Letzter Zweitliga-Spieltag, Auswärtspartie beim Ersten aus Bielefeld: Heidenheims Marc Schnatterer am Ball.
Letzter Zweitliga-Spieltag, Auswärtspartie beim Ersten aus Bielefeld: Heidenheims Marc Schnatterer am Ball. | Bild: Friso Gentsch/dpa

Was aber, wenn die Erfolgsstory weitergehen sollte? Was, wenn im Hinspiel am Donnerstag in Bremen ein gutes Resultat gelingen würde? Und wenn dann im Rückspiel, am Montag darauf, tatsächlich das Undenkbare, der Bundesliga-Aufstieg gelingen würde? „Puhh“! Stille in der Leitung. War das gerade eine Träne, die auf eine Dauerkarte tropfte? Auf das Ticket mit der Aufschrift Block D, Platz 33? „Ich könnte ja noch nicht einmal dabei sein“, sagt Jörg. Scheiß Corona, das kann man nicht anders sagen!

Das tut weh. Fast so weh, wie der aktuelle Zustand des HSV. Aber zumindest sind für einen Exil-Hamburger in Heidenheim die Prioritäten klar, wenn der Club aus seiner Wahlheimat in der Relegation gegen Bremen spielt. Das Ende des Telefonats naht. „Mach es gut, Jörg.“ Er antwortet: „Du auch.“ Und setzt noch kurz hinterher: „Im DFB-Pokal hat Heidenheim übrigens schon mal Werder geschlagen.“ Vielleicht gelingt das ja wieder.

Auf mehr Trost kann eine gemarterte HSV-Liebe auf der Schwäbischen Alb derzeit nicht hoffen.

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